Biohacking Kompakt

Bioregulator

Cortagen

Tetrapeptid, Neuro-Bioregulator (aus Cortexin abgeleitet) · AEDP · Ala-Glu-Asp-Pro

Cortagen ist ein Tetrapeptid aus der St. Petersburger Khavinson-Schule, gebaut nach dem Vorbild des Hirnrinden-Extrakts Cortexin. Der eindrucksvollste Befund stammt aus Ratten: Nach einer Nervendurchtrennung wuchsen die Fasern unter Cortagen schneller nach und leiteten schneller. Studien am Menschen sind nicht veröffentlicht.

Kurz gesagt

Cortagen besteht aus 4 Aminosäuren, Alanin, Glutaminsäure, Asparaginsäure und Prolin, kurz AEDP. Entwickelt wurde es am Institut von Wladimir Khavinson, abgeleitet aus der Aminosäureanalyse des Hirnrinden-Präparats Cortexin. In Ratten beschleunigte es die Regeneration eines durchtrennten Ischiasnervs: Wachstum der Fasern plus 27 Prozent, Leitgeschwindigkeit plus 40 Prozent. Weitere Arbeiten zeigen Einflüsse auf Genaktivität im Mausherz, auf Oxidationsmarker im Rattenhirn und auf das Chromatin von Blutzellen hochbetagter Spender in der Kulturschale. Eine kontrollierte Studie am Menschen ist nicht veröffentlicht, fast alle Daten stammen aus einer einzigen Forschungslinie, und zugelassen ist Cortagen in Deutschland nicht.

Was es ist

Cortagen gehört zu den sogenannten Bioregulatoren oder Cytogenen, sehr kurzen synthetischen Peptiden, die der russische Gerontologe Wladimir Khavinson und seine Kollegen seit Jahrzehnten entwickeln. Die Idee: Aus einem Organextrakt wird die Aminosäurezusammensetzung bestimmt und daraus ein kurzes Peptid gebaut, das die Wirkung des Extrakts gezielt tragen soll.

Bei Cortagen war das Vorbild Cortexin, ein Peptidkomplex aus der Hirnrinde von Tieren, den russische Pharmakologen als Arzneimittel einsetzen. So beschreibt es eine Arbeit aus dem Jahr 2004, an der Khavinson selbst mitgeschrieben hat. Die Sequenz lautet Ala-Glu-Asp-Pro.

Abgrenzung zu Cortexin, Pinealon und Epitalon

Die Namen liegen nah beieinander, die Stoffe nicht. Cortexin ist kein einzelnes Peptid, sondern ein Gemisch aus Hirnrinden-Peptiden, das gespritzt wird und in Russland zugelassen ist. Cortagen ist ein einzelnes, chemisch definiertes Tetrapeptid, das aus diesem Gemisch abgeleitet wurde.

Pinealon wird ebenfalls dem Gehirn zugeordnet, ist aber ein anderes Molekül: ein Tripeptid mit der Folge Glu-Asp-Arg, kurz EDR. Cortagen und Pinealon teilen also weder Länge noch Sequenz, auch wenn beide unter Neuro-Bioregulatoren laufen.

Am nächsten verwandt ist Cortagen chemisch mit Epitalon. Epitalon lautet Ala-Glu-Asp-Gly, Cortagen Ala-Glu-Asp-Pro; sie unterscheiden sich nur in der letzten Aminosäure. Dass dieser kleine Unterschied zählt, zeigt ein Hühnerversuch von 2008: Epitalon glich dort Veränderungen bei Blut, Immunsystem und Gerinnung aus, Cortagen nicht.

Wie es wirken soll

Die Khavinson-Schule geht davon aus, dass sehr kurze Peptide in Zellkern gelangen, dort an DNA und Histone binden und so die Ablesung bestimmter Gene verändern. Jedes Peptid soll dabei bevorzugt in dem Gewebe wirken, aus dessen Extrakt es abgeleitet wurde. Für Cortagen wäre das die Hirnrinde und, weiter gefasst, das Nervengewebe.

Dazu passen einige Laborbefunde. In Organkulturen von Rattengewebe regte Cortagen das Wachstum von Hirnrinden-Explantaten an, laut einer Arbeit von 2001 gewebespezifisch. Eine Übersicht von 2020 berichtet, dass AEDP die Differenzierung von Vorläuferzellen unter anderem zu Nervengewebe anstoßen kann. Das ist eine in sich schlüssige Hypothese mit Zell- und Tierbefunden. Am Menschen ist diese Wirkkette nicht gemessen.

Auch Signalwege des Immunsystems wurden geprüft. In Ratten veränderten Vilon, Epitalon und Cortagen je nach Zeitpunkt und Art der Gabe die Ablesung des Interleukin-2-Gens in Zellen des Hypothalamus (2005). An Fresszellen junger und alter Mäuse beeinflussten dieselben drei Peptide die Bildung von Botenstoffen, die Lymphozyten aktivieren, mit teils gegensätzlichen Effekten bei jungen und alten Tieren (2006). Solche Befunde zeigen, dass die Peptide biologisch nicht stumm sind; was daraus für den ganzen Organismus folgt, bleibt offen.

Was gut belegt ist

Am solidesten ist der Nervenbefund. Ratten, deren Ischiasnerv durchtrennt und wieder vernäht worden war, bekamen 10 Tage lang Cortagen in den Muskel gespritzt. Die nachwachsenden Nervenfasern wuchsen um 27 Prozent schneller und leiteten Signale um 40 Prozent schneller. Eine Folgearbeit von 2002 beschreibt schon im Titel eine verzögerte Wirkung auf die Wiederherstellung der Nervenfunktion; eine Zusammenfassung mit Zahlen liegt dazu nicht vor.

Dazu kommen Befunde zu Schutzwirkungen im Gehirn. In Ratten mit chronischem Sauerstoffmangel im Gehirn beschleunigten Cortexin und Cortagen die Erholung des Verhaltens und bremsten die Fettoxidation im Hirngewebe. Eine weitere Rattenarbeit von 2007 fand weniger Produkte der Fettoxidation und weniger oxidativ veränderte Eiweiße. Und an Blutzellen von Menschen zwischen 75 und 88 Jahren lockerte Cortagen in der Kulturschale verdichtetes Chromatin auf, ein Befund, den die Gruppe als Reaktivierung altersbedingt stillgelegter Gene deutet.

Was die Studien zeigen

Nervenregeneration bei Ratten, 2000

Turchaninova und Kollegen, darunter Khavinson, durchtrennten bei Ratten den Ischiasnerv und nähten ihn wieder. Unter Cortagen über 10 Tage stiegen Wachstumsrate und Leitgeschwindigkeit der nachwachsenden Fasern um 27 beziehungsweise 40 Prozent. Die Veröffentlichung ist sehr knapp; Gruppengrößen und Kontrollbedingungen gehen aus der Zusammenfassung nicht hervor.

Genaktivität im Mausherz, 2004

Weibliche Mäuse im Alter von 6 Monaten bekamen 5 Tage lang Cortagen, anschließend wurde die Aktivität von 15.247 Genabschnitten im Herzen gemessen. 234 Klone, das sind 1,53 Prozent, änderten sich signifikant, zugeordnet zu 110 bekannten Genen; der stärkste Anstieg wird mit plus 5,42 angegeben. Die Arbeit zeigt, dass Cortagen Genaktivität verschiebt, sagt aber nichts darüber, ob das dem Tier nützt.

Chromatin in Blutzellen Hochbetagter, 2004 und 2023

Eine georgisch-russische Gruppe um Lezhava und Khavinson behandelte Lymphozyten von Spendern zwischen 75 und 88 Jahren in der Zellkultur mit mehreren kurzen Peptiden. Alle lockerten verdichtetes Chromatin auf und aktivierten ribosomale Gene; die Arbeit von 2023 sieht für jedes Peptid ein eigenes Muster an den Chromosomen. Das sind menschliche Zellen, aber kein Versuch am Menschen.

Chronische Hirnischämie bei Ratten, 2011

Zarubina und Shabanov verglichen Cortexin und Cortagen bei Ratten mit chronischer Minderdurchblutung des Gehirns. Beide beschleunigten die Erholung des Verhaltens und verhinderten eine übermäßige Fettoxidation im Hirngewebe. Die Arbeit ist auf Russisch erschienen, nur die Zusammenfassung liegt auf Englisch vor.

Wo die Daten aufhören

Eine veröffentlichte, kontrollierte Studie am Menschen gibt es nicht. Die Arbeit von 2004 schreibt zwar, Cortagen habe beim Menschen die Erholung verletzter peripherer Nerven deutlich gefördert, nennt dazu aber keine Studie mit Zahlen. In PubMed finden sich 15 Einträge zu Cortagen, fast alle aus russischen Laboren, die meisten mit Beteiligung Khavinsons, dazu eine georgische Kooperation; die Suche in ClinicalTrials.gov ergibt keine Studie zu Cortagen. Viele Originalarbeiten sind nur auf Russisch erschienen und in der Zusammenfassung sehr knapp. Das ist kein Mangel an Arbeit, sondern ein Mangel an Zugänglichkeit und unabhängiger Wiederholung.

Nicht alle Befunde zeigen in dieselbe Richtung. Bei der Aktivierung von Thymuszellen blieb Cortagen ohne Effekt, bei der Anregung von Interleukin-2 in Milzzellen war es schwächer als Vilon und Epitalon, und im Hühnerversuch änderte es anders als Epitalon nichts. Für die Anwendungen, mit denen es verkauft wird, also Konzentration, Gedächtnis oder Schutz vor Hirnalterung, gibt es keine Humandaten. Auch zur Frage, ob Cortagen nach dem Spritzen oder Schlucken überhaupt im Gehirn ankommt, liegen keine veröffentlichten Messungen vor.

Status, Zulassung und Recht

In Deutschland und der EU ist Cortagen weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen; eine Arzneimittelzulassung in den USA habe ich ebenfalls nicht gefunden. Anders als das Mutterpräparat Cortexin habe ich für Cortagen keinen Nachweis einer Arzneimittelzulassung in Russland gefunden. Im Westen wird es als Forschungspeptid gehandelt, ohne geprüfte Reinheit und ohne Bestimmung für den Menschen. Im Sport fällt ein nicht zugelassener Wirkstoff unter die Gruppe S0 der WADA-Verbotsliste und ist jederzeit verboten.

Sicherheit

Systematische Sicherheitsdaten am Menschen gibt es nicht: keine veröffentlichte Toxikologie nach westlichem Standard, keine Pharmakokinetik, keine Studie mit Nebenwirkungserfassung. Die Tierarbeiten berichten keine Schäden, sie waren aber nicht darauf ausgelegt, welche zu finden. Da Cortagen die Genaktivität verändert, ist die Frage nach Langzeitfolgen berechtigt und offen. Hinzu kommen die üblichen Risiken von Graumarkt-Peptiden, also unklare Reinheit, abweichender Gehalt und Verunreinigungen, bei gespritzter Ware auch Infektionen. Für Schwangere, Stillende, Kinder und Menschen mit Krebserkrankungen gibt es keinerlei Daten.

BK-Score Nicht am Menschen untersucht

Human-Evidenz1
Mechanismus3
Sicherheits-Datenlage1
Hype-Abstand4
Anwendungserfahrung2

Evidenz 1, weil keine kontrollierte Humanstudie veröffentlicht ist und ClinicalTrials.gov keine Studie zu Cortagen führt; die einzigen Daten mit menschlichem Material sind Lymphozyten 75- bis 88-jähriger Spender in der Zellkultur (Khavinson et al. 2004, Lezhava et al. 2023), und die Angabe von 2004, Cortagen habe beim Menschen die Nervenerholung gefördert, ist nicht mit einer Studie belegt. Tragender Befund ist der Rattenversuch zur Nervenregeneration mit 27 Prozent schnellerem Faserwachstum und 40 Prozent höherer Leitgeschwindigkeit über 10 Tage (Turchaninova et al. 2000), ergänzt durch Hirnischämie- und Oxidationsdaten an Ratten (2007, 2011). Mechanismus 3, weil die epigenetische Hypothese der Khavinson-Schule mit Zell- und Tierbefunden plausibel gemacht ist (Genaktivität im Mausherz, 234 von 15.247 Genabschnitten verändert; Chromatin-Auflockerung), eine konkrete Zielstruktur aber nicht identifiziert und nichts davon am Menschen bestätigt ist. Sicherheit 1, weil weder Toxikologie noch Pharmakokinetik am Menschen veröffentlicht sind. Hype 4, weil der Verkauf als Hirn- und Konzentrations-Bioregulator auf einem Nervenregenerations-Befund bei Ratten und Laborbefunden aufbaut; negative Einzelbefunde (Thymuszellen 2002, Hühnerversuch 2008) tauchen dort nicht auf. Anwendung 2, weil Cortagen außerhalb von Studien nur als Forschungspeptid im Graumarkt vorkommt. Die Datenlage ist fast ausschließlich russische Literatur aus einer Forschungslinie; das spricht nicht gegen die Befunde, macht aber eine unabhängige Wiederholung zur offenen Aufgabe.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Cortagen

Was ist Cortagen?

Cortagen ist ein synthetisches Tetrapeptid mit der Sequenz Ala-Glu-Asp-Pro aus der Khavinson-Schule in St. Petersburg. Es wurde aus der Zusammensetzung des Hirnrinden-Extrakts Cortexin abgeleitet und wird als Bioregulator für das Nervengewebe beschrieben.

Was ist der Unterschied zwischen Cortagen und Cortexin?

Cortexin ist ein Gemisch vieler Peptide aus tierischer Hirnrinde und in Russland als Medikament im Einsatz. Cortagen ist ein einzelnes, im Labor hergestelltes Peptid aus 4 Aminosäuren, das aus diesem Gemisch abgeleitet wurde. Beide Namen stehen also für verschiedene Stoffe.

Ist Cortagen dasselbe wie Pinealon?

Nein. Pinealon ist ein Tripeptid mit der Folge Glu-Asp-Arg, Cortagen ein Tetrapeptid mit der Folge Ala-Glu-Asp-Pro. Beide werden dem Gehirn zugeordnet, haben aber unterschiedliche Strukturen und eine eigene, jeweils schmale Studienlage.

Wirkt Cortagen beim Menschen?

Das ist nicht untersucht. Veröffentlicht sind Versuche an Ratten, Mäusen, Hühnern und Zellkulturen, darunter Blutzellen hochbetagter Menschen in der Kulturschale. Eine kontrollierte Studie am Menschen gibt es nicht.

Was zeigen die Tierversuche mit Cortagen?

Am deutlichsten ist ein Rattenversuch zur Nervenregeneration: Nach Durchtrennung des Ischiasnervs wuchsen die Fasern unter Cortagen um 27 Prozent schneller und leiteten um 40 Prozent schneller. Andere Arbeiten zeigen weniger Oxidationsprodukte im Gehirn und veränderte Genaktivität im Herzen.

Ist Cortagen in Deutschland legal?

Cortagen ist in Deutschland weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen und wird nur als Forschungspeptid gehandelt. Im Sport gilt es als nicht zugelassene Substanz und ist nach der WADA-Liste jederzeit verboten.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.