Biohacking Kompakt

Bioregulator

Crystagen

Tripeptid, Immun-Bioregulator (Bestandteil von Thymalin) · EDP · Glu-Asp-Pro · T-36 · Kristagen

Crystagen ist ein Tripeptid aus der St. Petersburger Khavinson-Schule, das als Bioregulator für das Immunsystem gilt. Es soll einer der Wirkbausteine des Thymus-Präparats Thymalin sein. Die Laborbefunde zu Thymus und Milz alter Tiere sind interessant, am Menschen gibt es bisher nur eine offene Studie aus einer Patentschrift.

Kurz gesagt

Crystagen besteht aus 3 Aminosäuren, Glutaminsäure, Asparaginsäure und Prolin, kurz EDP. Die Khavinson-Gruppe hat es als Peptid mit schützender Wirkung auf das alternde Immunsystem patentiert und beschreibt es als Bestandteil von Thymalin. In Kulturen aus Thymus und Milz alter Ratten wuchs das Gewebe unter Crystagen stärker, und in einer Patentstudie mit älteren Menschen normalisierten sich die Immunwerte bei 82 Prozent gegenüber 56 Prozent unter Standardbehandlung allein. Diese Studie war aber offen, nicht randomisiert und ist nie in einer Fachzeitschrift erschienen. Zugelassen ist Crystagen in Deutschland nicht, in Russland wird es laut Hersteller als Nahrungsergänzung verkauft.

Was es ist

Crystagen gehört zu den Cytogenen, sehr kurzen synthetischen Peptiden, die der Gerontologe Wladimir Khavinson und sein Institut seit Jahrzehnten entwickeln. Die Sequenz lautet Glu-Asp-Pro. In Laborarbeiten der Gruppe taucht es auch unter dem Code T-36 auf, in Übersichten schlicht als EDP.

Zugeordnet wird Crystagen dem Immunsystem. Eine Übersicht der Gruppe von 2021 beschreibt, dass EDP zusammen mit den Dipeptiden Vilon und Thymogen im Thymus-Extrakt Thymalin gefunden wurde. Die Idee dahinter: Das Kurzpeptid soll einen Teil der Wirkung des Extrakts tragen, aber chemisch sauber definiert sein.

Im Handel ist Crystagen vor allem als Kapsel aus Russland, wo der Hersteller es als Nahrungsergänzung und ausdrücklich nicht als Arzneimittel führt. Die Zusammensetzung gibt der Hersteller als Peptidkomplex aus Prolin, Glutaminsäure und Asparaginsäure an.

Abgrenzung zu Thymalin, Vilon und Cortagen

Thymalin ist ein Gemisch vieler Peptide aus Kälberthymus, das gespritzt wird. Crystagen ist dagegen ein einzelnes kleines Molekül. In Milzkulturen wirkte Thymalin laut der Übersicht von 2021 stärker als die Einzelpeptide; die Autoren erklären das damit, dass der Extrakt alle drei Kurzpeptide und viele weitere enthält.

Vilon (Lys-Glu) und Thymogen (Glu-Trp) sind die Geschwister aus derselben Familie. In einer Arbeit an alternden Lymphozytenkulturen bremsten beide den Zelltod deutlicher als EDP. Cortagen wiederum endet ebenfalls auf Glu-Asp-Pro, hat vorn aber ein Alanin mehr und wird dem Gehirn zugeordnet, nicht dem Immunsystem.

Wie es wirken soll

Die Khavinson-Schule geht davon aus, dass sehr kurze Peptide in den Zellkern gelangen, sich an DNA und Histone lagern und so die Ablesung bestimmter Gene verändern. Für EDP hat die Gruppe 2016 per Computermodell berechnet, an welche DNA-Abschnitte es binden könnte; es teilte sich die Bindungsstelle mit Vilon. Zwei Modellrechnungen von 2022 und 2023 legen nahe, dass Transporter wie PEPT1 oder LAT1 solche Kurzpeptide in Zellen schleusen könnten.

Im Immunsystem soll Crystagen vor allem die Reifung und Teilung von Lymphozyten unterstützen, die im Alter nachlässt. Dazu passen Zellbefunde: EDP steigerte die spontane Teilung normaler menschlicher Lymphozyten und die Teilung menschlicher Thymus-Epithelzellen. Das ist eine in sich stimmige Hypothese mit Zell- und Tierbefunden. Gemessen am Menschen ist davon nur die Veränderung von Blutwerten in einer einzigen Studie.

Ganz auf das Immunsystem beschränkt ist die Wirkung im Labor nicht. In einer Arbeit von 2012 regte T-36 auch die Zellteilung in Hautkulturen junger Ratten an; in Hautkulturen alter Tiere wirkte dort deutlich nur ein anderes Tripeptid. Das zeigt zweierlei: Das Peptid ist biologisch aktiv, und die Wirkung hängt stark vom Gewebe und vom Alter ab.

Was gut belegt ist

Am greifbarsten sind die Befunde an altem Immungewebe. In der Patentschrift wuchs die Fläche von Thymus-Explantaten aus 24 Monate alten Ratten unter EDP um 24 Prozent, die von Milz-Explantaten um 28 Prozent. In einem Bestrahlungsmodell, das die Alterung des Thymus beschleunigt, blieb bei behandelten Ratten die typische Gliederung des Thymus in Rinde und Mark erhalten, und die Thymuszellen teilten sich mehr. Eine russische Arbeit von 2014 fand in der alternden Milz eine Aktivierung von B-Zellen.

Dazu kommt die einzige Anwendung am Menschen: 38 ältere Patienten mit gestörtem Immunstatus bekamen zusätzlich zur Standardbehandlung 10 Tage Crystagen, 32 Patienten nur die Standardbehandlung. Die Immunwerte normalisierten sich bei 82 gegenüber 56 Prozent. Laut Übersicht stiegen vor allem die T-Zell-Marker CD3 und CD4, und die Erschöpfung, die solche Immunstörungen oft begleitet, ging zurück.

Was die Studien zeigen

Patentstudie an älteren Patienten, 2006

In der Patentschrift von Khavinson und Kollegen erhielten 38 Patienten zwischen 62 und 83 Jahren mit gestörten Immunwerten 10 Tage lang zusätzlich zur üblichen Behandlung Crystagen gespritzt, 32 Patienten dienten als Kontrolle. Normalisierte Immunwerte fanden sich bei 82 Prozent gegenüber 56 Prozent. Eine Randomisierung oder Verblindung ist nicht beschrieben, und die Studie ist nur in der Patentschrift dokumentiert.

Thymus und Milz alter Ratten

Gewebestücke aus Thymus und Milz 24 Monate alter Ratten wurden in Kultur mit EDP behandelt. Die Wachstumsfläche nahm um 24 beziehungsweise 28 Prozent zu. Im Bestrahlungsversuch an jungen Ratten blieb die Thymusstruktur besser erhalten. Beide Versuche stammen aus der Patentschrift.

Alternde Milz im Vergleich, 2014

Chervyakova und Kollegen verglichen Vilon, Thymogen, Crystagen und ein weiteres Peptid an alterndem Milzgewebe. Crystagen aktivierte B-Zellen, bewirkte aber keine Erneuerung der Zellen in der alternden Milz. Vilon und Thymogen schnitten in diesem Punkt besser ab.

Immun- und Tumorzellen, 2011

Khavinson und Kollegen testeten EDP unter dem Code T-36 an menschlichen Lymphozyten, Granulozyten und Zelllinien. T-36 steigerte die spontane Teilung normaler Lymphozyten, ließ andere Funktionen der Immunzellen aber unverändert. Zur Leukämie-Zelllinie K-562 widerspricht sich die Zusammenfassung selbst.

Wo die Daten aufhören

Die Datenbasis ist schmal. Unter dem Namen Crystagen findet PubMed genau 1 Arbeit, Europe PMC 3, alle aus dem Umfeld des St. Petersburger Instituts. Eine unabhängige Wiederholung gibt es nicht, und im Studienregister ClinicalTrials.gov ist keine Studie eingetragen. Die einzige Humanstudie war offen und nicht randomisiert, und der Endpunkt, normalisierte Immunwerte, ist ein Laborbefund, kein Schutz vor Infekten.

Dazu kommen Unstimmigkeiten. Die Übersicht von 2021 beschreibt die Humanstudie als Einnahme über den Mund, die zitierte Patentschrift als Spritze in den Muskel. Genau diese Frage ist wichtig, weil die Handelsware Kapseln sind und niemand am Menschen gemessen hat, ob das Tripeptid nach dem Schlucken intakt im Immunsystem ankommt. Die Transportarbeiten sind Computermodelle. Eine Anwendung bei Sportlern, kombiniert mit anderen Peptiden, stammt aus einer methodischen Empfehlung ohne veröffentlichte Teilnehmerzahlen.

Status, Zulassung und Recht

Crystagen ist in Deutschland und der EU weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, und auch in den USA gibt es keine Zulassung. In Russland führt der Hersteller es nach eigener Angabe als Nahrungsergänzung, nicht als Arzneimittel. Patentiert ist das Peptid als Mittel gegen altersbedingte Störungen der Immunabwehr (RU 2301074, WO2007139435). Im Sport fällt Crystagen als nicht zugelassene Substanz unter die Gruppe S0 der WADA-Verbotsliste 2026 und ist damit jederzeit verboten.

Sicherheit

Belastbare Sicherheitsdaten am Menschen gibt es nicht. Die Patentschrift berichtet Toxizitätsprüfungen an Mäusen, an Ratten über 90 Tage und an Meerschweinchen über 6 Monate ohne toxische Befunde, und für die 10-tägige Patientenstudie sind keine Nebenwirkungen beschrieben. Das ist ermutigend, ersetzt aber keine systematische Erfassung. Pharmakokinetik und Wechselwirkungen sind am Menschen nicht untersucht, Obergrenzen von Behörden gibt es nicht. Weil Crystagen die Teilung von Immunzellen anregen soll, gehört die Frage bei Autoimmunerkrankungen, nach Transplantationen, bei Blutkrebs, in Schwangerschaft und Stillzeit in ärztliche Hände. Graumarkt-Ware ist auf Reinheit und Gehalt nicht geprüft.

BK-Score Hype weit vor Evidenz

Human-Evidenz2
Mechanismus3
Sicherheits-Datenlage2
Hype-Abstand3
Anwendungserfahrung3

Evidenz 2, weil die einzige Humanstudie eine offene, nicht randomisierte Patientenstudie aus der Patentschrift ist (38 ältere Patienten gegen 32 Kontrollen, 10 Tage, normalisierte Immunwerte bei 82 gegenüber 56 Prozent) und nie in einer Fachzeitschrift erschien; ClinicalTrials.gov führt keine Studie, PubMed unter dem Namen nur 1 Arbeit. Tragend sind daneben Organkulturen aus Thymus und Milz 24 Monate alter Ratten (Wachstumsfläche plus 24 bzw. 28 Prozent) und ein Bestrahlungsmodell der Thymusalterung, beide aus derselben Patentschrift. Mechanismus 3, weil die epigenetische Hypothese der Khavinson-Schule mit Zellbefunden (mehr Lymphozytenteilung, Khavinson et al. 2011) und Computermodellen (DNA-Bindung 2016, Transporter 2022/2023) plausibel gemacht, aber keine Zielstruktur am Menschen bestätigt ist. Sicherheit 2, weil nur Tiertoxikologie aus der Patentschrift (Ratten 90 Tage, Meerschweinchen 6 Monate) und eine 10-tägige Patientenanwendung vorliegen, ohne Pharmakokinetik am Menschen. Hype 3, weil der Verkauf als Immun-Bioregulator auf einer unveröffentlichten Offenstudie ruht und Negativbefunde (keine Zellerneuerung in der alternden Milz 2014, schwächer als Vilon und Thymogen 2019) nicht auftauchen. Anwendung 3, weil Crystagen in Russland als Nahrungsergänzung verkauft wird, im Westen aber nur über den Graumarkt. Die Datenlage stammt aus einer einzigen Forschungslinie; das spricht nicht gegen die Befunde, macht aber eine unabhängige, verblindete Studie zur offenen Aufgabe.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Crystagen

Was ist Crystagen?

Crystagen ist ein synthetisches Tripeptid aus Glutaminsäure, Asparaginsäure und Prolin, entwickelt am Institut von Wladimir Khavinson. Es wird dem Immunsystem zugeordnet und soll einer der Wirkbausteine des Thymus-Präparats Thymalin sein.

Wofür wird Crystagen genommen?

Beworben wird es zur Unterstützung des alternden Immunsystems. Grundlage sind Zell- und Tierversuche an Thymus und Milz sowie eine offene Studie an älteren Patienten, in der sich Immunwerte häufiger normalisierten als unter Standardbehandlung allein.

Gibt es Studien am Menschen zu Crystagen?

Es gibt eine einzige, beschrieben in einer Patentschrift: 38 ältere Patienten mit Crystagen gegen 32 Kontrollen über 10 Tage. Sie war weder randomisiert noch verblindet und ist nicht in einer Fachzeitschrift erschienen.

Was ist der Unterschied zwischen Crystagen und Thymalin?

Thymalin ist ein Peptidgemisch aus Kälberthymus, das gespritzt wird. Crystagen ist ein einzelnes Tripeptid, das laut der Khavinson-Gruppe in diesem Gemisch enthalten ist. In Laborvergleichen wirkte Thymalin stärker als die Einzelpeptide.

Wirkt Crystagen als Kapsel?

Das ist offen. Die einzige Humanstudie nutzte laut Patentschrift Spritzen in den Muskel, im Handel sind aber Kapseln. Ob das Tripeptid nach dem Schlucken intakt die Immunorgane erreicht, wurde am Menschen nicht gemessen.

Ist Crystagen in Deutschland legal und im Sport erlaubt?

Crystagen ist in Deutschland weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzung zugelassen. Im Sport gilt es als nicht zugelassene Substanz der Gruppe S0 und ist nach der WADA-Liste jederzeit verboten.

Quellen

In der Datenbank öffnen – mit Suche, Filtern und Vergleich

Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.