Peptid & Experimentelles
Anastrozol
Aromatasehemmer (nicht-steroidal), verschreibungspflichtig · Arimidex, Anastrozole
Anastrozol ist ein zugelassenes Brustkrebs-Arzneimittel und dort sehr gut belegt: In einer Studie mit 9.366 Frauen nach den Wechseljahren schnitt es besser ab als Tamoxifen. Außerhalb der Zulassung nutzen Männer es, um Östradiol zu senken oder Testosteron anzuheben. Das gelingt im Labor, brachte in einer einjährigen Studie aber weder Muskelmasse noch Kraft; die Knochendichte sank.
Was Anastrozol ist
Anastrozol ist ein nicht-steroidaler Aromatasehemmer und verschreibungspflichtig. Zugelassen ist es für Frauen nach den Wechseljahren mit hormonrezeptor-positivem Brustkrebs, im fortgeschrittenen Stadium und als unterstützende Behandlung nach der Operation. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat Anwendungsgebiete und Dosis 2011 EU-weit vereinheitlicht.
Bewertet wird der Wissensstand. Für die zugelassene Anwendung ist er sehr gut. Für die Anwendung bei Männern – bei niedrigem Testosteron, zur „Östrogenkontrolle“ neben Anabolika oder gegen eine Brustdrüsenvergrößerung – gibt es wenige Studien, und sie zeigen vor allem veränderte Laborwerte.
Wie es wirkt
Das Enzym Aromatase wandelt Androgene wie Testosteron und Androstendion in Östrogene um. Anastrozol hemmt es selektiv. In der zugelassenen Dosis sinkt Östradiol bei Frauen nach den Wechseljahren laut US-Fachinformation innerhalb von 24 Stunden um etwa 70 Prozent, nach 14 Tagen um etwa 80 Prozent. Die Bildung von Nebennierenhormonen wie Cortisol und Aldosteron bleibt unberührt.
Beim Mann lockert weniger Östradiol die Bremse auf die Hypophyse: Sie schüttet mehr LH aus, die Hoden bilden mehr Testosteron. Östradiol ist beim Mann aber kein Abfallprodukt. In einer Studie mit gezielter Hormonsteuerung an 400 gesunden Männern ging die Zunahme an Körperfett vor allem auf Östrogenmangel zurück, der Rückgang der Sexualfunktion auf Testosteron- und Östrogenmangel zusammen.
Was gut belegt ist
- Rückfallschutz bei Brustkrebs. In ATAC erhielten 9.366 Frauen nach den Wechseljahren fünf Jahre Anastrozol oder Tamoxifen. Nach im Mittel 68 Monaten war das krankheitsfreie Überleben unter Anastrozol länger: 575 gegenüber 651 Ereignissen, Hazard Ratio 0,87 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,78 bis 0,97). Brustkrebs der Gegenseite trat bei 35 gegenüber 59 Frauen auf.
- Der Laboreffekt beim Mann. Bei 88 älteren Männern mit niedrigem Testosteron stieg der Spiegel unter Anastrozol binnen 3 Monaten von 11,2 auf 18,2 nmol/l und blieb über ein Jahr über dem der Placebogruppe. Östradiol sank von 55,8 auf 42,2 pmol/l.
- Das Knochenrisiko ist gemessen, nicht vermutet. Bei Frauen in der Knochen-Teilstudie von ATAC und bei Männern in einer einjährigen randomisierten Studie sank die Knochendichte unter Anastrozol.
- Behördlich geprüft. Anwendungsgebiete, Dosis und Gegenanzeigen sind in der EU seit der Entscheidung der Europäischen Kommission vom 19.05.2011 einheitlich geregelt.
Was die Studien zeigen
ATAC: Anastrozol gegen Tamoxifen
Howell 2005 (Lancet) verglich bei 9.366 Frauen nach den Wechseljahren mit lokal begrenztem Brustkrebs fünf Jahre Anastrozol mit fünf Jahren Tamoxifen. Nach im Mittel 68 Monaten verlängerte Anastrozol das krankheitsfreie Überleben (Hazard Ratio 0,87; 0,78 bis 0,97; p = 0,01) und die Zeit bis zum Rückfall (0,79; 0,70 bis 0,90; p = 0,0005), senkte Fernmetastasen (0,86; 0,74 bis 0,99) und Brustkrebs der Gegenseite (35 gegenüber 59 Fälle). Weniger Frauen brachen ab als unter Tamoxifen. Gynäkologische Beschwerden und Gefäßereignisse waren seltener, Gelenkschmerzen und Knochenbrüche häufiger.
Burnett-Bowie 2009: ein Jahr bei älteren Männern
Burnett-Bowie 2009 (Clin Endocrinol) behandelte 88 Männer ab 60 Jahren mit niedrigem oder grenzwertigem Testosteron und Beschwerden ein Jahr lang doppelblind mit Anastrozol oder Placebo. Testosteron stieg von 11,2 auf 18,2 nmol/l nach 3 Monaten (p<0,0001), das bioverfügbare Testosteron von 2,7 auf 5,4 nmol/l; danach gingen die Werte etwas zurück, blieben aber über Placebo. Östradiol sank von 55,8 auf 42,2 pmol/l. Körperzusammensetzung, gemessen mit CT und DXA, und Kraft änderten sich nicht, ebenso wenig PSA, Prostatabeschwerden, Hämatokrit und Blutfette.
Die Knochen der Männer
Eine Auswertung derselben Arbeitsgruppe mit 69 Männern ab 60 Jahren (J Clin Endocrinol Metab 2009) maß die Knochendichte. Testosteron stieg von 319 auf 524 ng/dl, Östradiol sank von 15 auf 12 pg/ml. Die Knochendichte der Lendenwirbelsäule sank unter Anastrozol von 1,121 auf 1,102 g/cm², unter Placebo stieg sie von 1,180 auf 1,189 g/cm²; der Unterschied war signifikant (p = 0,0014). An anderen Messorten zeigte sich dieselbe Richtung, aber nicht signifikant. Die Autoren schließen, dass Aromatasehemmung die Knochengesundheit älterer Männer nicht verbessert.
Finkelstein 2013: was Östradiol beim Mann leistet
Finkelstein 2013 (NEJM) unterdrückte bei 400 gesunden Männern zwischen 20 und 50 Jahren die eigene Hormonbildung mit Goserelin und gab dann Placebo oder Testosteron-Gel in vier Dosen über 16 Wochen; die Hälfte bekam zusätzlich Anastrozol. Androgenmangel erklärte den Verlust an Magermasse, Muskelgröße und Kraft. Östrogenmangel erklärte vor allem die Zunahme an Körperfett. Zum Rückgang der Sexualfunktion trugen beide bei.
Plourde 2004: Brustdrüsenvergrößerung in der Pubertät
Plourde 2004 (J Clin Endocrinol Metab) behandelte 80 Jungen zwischen 11 und 18 Jahren mit pubertärer Gynäkomastie sechs Monate doppelblind mit Anastrozol oder Placebo. Eine Abnahme des Brustvolumens um mindestens die Hälfte erreichten 38,5 gegenüber 31,4 Prozent (Odds Ratio 1,51; 0,50 bis 4,84; p = 0,47). Das Verhältnis von Testosteron zu Östradiol stieg im Median um 166 gegenüber 39 Prozent. Das Hormonbild verschob sich, das Brustvolumen nicht anders als unter Placebo.
Wo die Daten aufhören
- Neben Anabolika. Zur Senkung von Östradiol bei Anabolika-Gebrauch wurden bei der Recherche keine kontrollierten Studien gefunden. Ob Anastrozol dort Nebenwirkungen verhindert und welche Schäden es zusätzlich verursacht, ist nicht untersucht.
- Brustdrüsenvergrößerung bei Erwachsenen. Die einzige randomisierte Studie lief an Jungen in der Pubertät und fand keinen Unterschied zu Placebo. Für Männer mit Brustdrüsenvergrößerung durch zugeführte Hormone wurde keine vergleichbare Studie gefunden.
- Nutzen bei niedrigem Testosteron. Ein höherer Testosteronwert ist ein Surrogatmarker. Muskelmasse, Kraft und Körperzusammensetzung änderten sich über ein Jahr nicht.
- Langzeitfolgen beim Mann. Die längste Studie an Männern dauerte ein Jahr. Ob die gemessene Abnahme der Knochendichte über Jahre zu Knochenbrüchen führt, ist bei Männern nicht untersucht.
Status, Zulassung und Recht
Anastrozol ist als Arimidex in allen EU-Staaten zugelassen, über gegenseitige Anerkennung und nationale Verfahren. Nach einem Harmonisierungsverfahren der Europäischen Arzneimittel-Agentur gelten seit der Entscheidung der Europäischen Kommission vom 19.05.2011 einheitliche Anwendungsgebiete: hormonrezeptor-positiver fortgeschrittener Brustkrebs bei Frauen nach den Wechseljahren und unterstützende Behandlung des frühen Brustkrebses, auch nach zwei bis drei Jahren Tamoxifen. Die zugelassene Dosis beträgt 1 mg einmal täglich, die unterstützende Behandlung dauert fünf Jahre. Gegenanzeigen sind Schwangerschaft und Stillzeit; Tamoxifen und östrogenhaltige Therapien sollen nicht zusammen mit Anastrozol gegeben werden.
In Deutschland ist Anastrozol verschreibungspflichtig (Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung). Die Anwendung bei Männern ist nicht zugelassen.
Im Sport steht Anastrozol auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur 2026 unter S4.1 Aromatasehemmer und ist zu allen Zeiten verboten, innerhalb und außerhalb des Wettkampfs. In Deutschland ist es in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes unter den Hormon- und Stoffwechsel-Modulatoren aufgeführt; damit sind auch Erwerb und Besitz in nicht geringer Menge zum Zwecke des Dopings im Sport verboten.
Sicherheit
Das am besten untersuchte Risiko betrifft die Knochen. In der Knochen-Teilstudie von ATAC sank die Knochendichte an Lendenwirbelsäule und Hüfte unter Anastrozol, unter Tamoxifen stieg sie; Knochenbrüche waren häufiger. Bei älteren Männern sank die Knochendichte der Lendenwirbelsäule innerhalb eines Jahres. Die US-Fachinformation empfiehlt, eine Messung der Knochendichte zu erwägen. Wenn dir Anastrozol verordnet wird, gehört diese Frage ins Gespräch.
Bei Frauen in ATAC war das Cholesterin häufiger erhöht als unter Tamoxifen, 9 gegenüber 3,5 Prozent. Frauen mit vorbestehender koronarer Herzkrankheit hatten mehr ischämische Herz-Kreislauf-Ereignisse, 17 gegenüber 10 Prozent. In der einjährigen Studie an Männern blieben die Blutfette unverändert. Gelenkschmerzen waren in ATAC häufiger als unter Tamoxifen.
Ein Risiko, das gezielt bei Männern untersucht wurde, ist ein zu niedriges Östradiol. Bei 400 gesunden Männern ging die Zunahme an Körperfett vor allem auf Östrogenmangel zurück, und er trug zum Rückgang der Sexualfunktion bei. Ein möglichst niedriger Östradiolwert ist beim Mann also kein sinnvolles Ziel.
BK-Score Belegt, mit Einschränkungen
| Human-Evidenz | 7 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 9 | |
| Sicherheits-Datenlage | 8 | |
| Hype-Abstand | 4 | |
| Anwendungserfahrung | 9 |
Evidenz 7, weil die zugelassene Anwendung in sehr großen randomisierten Studien belegt ist – in ATAC mit 9.366 Frauen verlängerte Anastrozol gegenüber Tamoxifen das krankheitsfreie Überleben (HR 0,87) –, die randomisierten Studien bei Männern aber nur höhere Testosteronwerte zeigen, keinen Gewinn an Muskelmasse oder Kraft und keinen Vorteil gegenüber Placebo bei Brustdrüsenvergrößerung in der Pubertät. Mechanismus 9, weil die Aromatasehemmung gut beschrieben ist und eine Studie mit gezielter Hormonsteuerung an 400 Männern aufgeschlüsselt hat, welche Wirkungen beim Mann auf Östradiol zurückgehen. Sicherheit 8, weil Knochen-, Blutfett- und Herzdaten bei Frauen aus großen Studien und bei Männern Knochendichte-Daten aus einer einjährigen randomisierten Studie vorliegen; das heißt gut untersucht, nicht harmlos. Hype 4, weil die Szene „Östrogenkontrolle“ und einen Testosteron-Schub verspricht, der in Studien ein Laborwert ohne messbaren Nutzen blieb. Anwendung 9, weil Anastrozol breit in der Brustkrebstherapie eingesetzt wird und allein in ATAC fünf Jahre an Tausenden Frauen lief. Richtung gemischt: belegter Nutzen in der Zulassung, kein belegter Nutzen bei Männern, dazu ein Knochenrisiko, wenn Östradiol sinkt.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Anastrozol
Hebt Anastrozol bei Männern das Testosteron?
Ja, im Labor. Bei 88 älteren Männern mit niedrigem Testosteron stieg der Spiegel binnen 3 Monaten von 11,2 auf 18,2 nmol/l. Körperzusammensetzung und Kraft änderten sich über ein Jahr aber nicht, und in einer Auswertung mit 69 Männern sank die Knochendichte der Lendenwirbelsäule.
Hilft Anastrozol gegen eine Brustdrüsenvergrößerung?
In der einzigen randomisierten Studie nicht. Bei 80 Jungen mit Brustdrüsenvergrößerung in der Pubertät nahm das Brustvolumen bei 38,5 Prozent unter Anastrozol und 31,4 Prozent unter Placebo um mindestens die Hälfte ab, ein Unterschied ohne Signifikanz. Zur Brustdrüsenvergrößerung durch Anabolika wurden keine kontrollierten Studien gefunden.
Was passiert, wenn Östradiol beim Mann zu niedrig ist?
In einer Studie mit 400 gesunden Männern ging die Zunahme an Körperfett vor allem auf Östrogenmangel zurück, und er trug zum Rückgang der Sexualfunktion bei. Bei älteren Männern sank unter Anastrozol die Knochendichte der Lendenwirbelsäule, während sie unter Placebo leicht stieg.
Ist Anastrozol in Deutschland zugelassen?
Ja, als Arzneimittel gegen hormonrezeptor-positiven Brustkrebs bei Frauen nach den Wechseljahren, in einer Dosis von 1 mg einmal täglich. Es ist verschreibungspflichtig. Die Anwendung bei Männern ist nicht zugelassen.
Ist Anastrozol im Sport verboten?
Ja. Die Welt-Anti-Doping-Agentur führt Aromatasehemmer unter S4.1, zu allen Zeiten verboten. In Deutschland steht Anastrozol in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes; damit sind auch Erwerb und Besitz in nicht geringer Menge zum Zwecke des Dopings im Sport verboten.
Ähnliche Themen
Quellen
- Howell A et al., Lancet 2005 – ATAC, Anastrozol gegen Tamoxifen nach Brustkrebs, 9.366 Frauen, 5 Jahre
- Burnett-Bowie SA et al., Clin Endocrinol 2009 – Anastrozol bei älteren Männern mit niedrigem Testosteron, RCT mit 88 Männern, 1 Jahr
- Burnett-Bowie SA et al., J Clin Endocrinol Metab 2009 – Knochendichte unter Anastrozol bei älteren Männern, RCT mit 69 Männern, 1 Jahr
- Finkelstein JS et al., N Engl J Med 2013 – Testosteron, Östradiol, Körperzusammensetzung, Kraft und Sexualfunktion bei 400 gesunden Männern
- Plourde PV et al., J Clin Endocrinol Metab 2004 – Anastrozol bei Brustdrüsenvergrößerung in der Pubertät, RCT mit 80 Jungen
- EMA, Arimidex – Harmonisierungsverfahren, Entscheidung 19.05.2011: Anwendungsgebiete, Dosis, Gegenanzeigen
- US-Fachinformation Arimidex (DailyMed) – Wirkung auf Östradiol, Warnhinweise zu Knochendichte, Cholesterin und ischämischen Ereignissen
- Arzneimittelverschreibungsverordnung, Anlage 1 – Verschreibungspflicht
- WADA-Verbotsliste 2026, informatorische Übersetzung der NADA – S4.1 Aromatasehemmer, zu allen Zeiten verboten
- Anti-Doping-Gesetz, Anlage – III. Hormon- und Stoffwechsel-Modulatoren, 1. Aromatasehemmer
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-05.