Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Trazodon

Antidepressivum mit sedierender Komponente; gegen Depression zugelassen, als Schlafmittel off-label · Trittico, Desyrel

Trazodon ist eigentlich ein Antidepressivum, wird in niedriger Dosis aber häufig als Schlafmittel verordnet, obwohl es dafür nirgends zugelassen ist. Der Grund liegt in seinem Profil: In kleinen Dosen wirkt es vor allem dämpfend, ohne zu den Benzodiazepinen oder Z-Substanzen zu gehören. Die Studien zeigen einen kleinen Effekt: Menschen mit Insomnie empfinden ihren Schlaf als besser und wachen seltener auf. Im Schlaflabor unterscheidet sich der Schlaf aber kaum von Placebo, und die US-Schlafmedizin rät deshalb ab.

Was Trazodon ist

Trazodon ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der Triazolopyridine. In den USA ist es seit 1981 zugelassen, in Deutschland ist es verschreibungspflichtig für depressive Erkrankungen im Handel. Gegen Schlafstörungen hat es weder hier noch in den USA eine Zulassung; der Einsatz als Schlafmittel ist Off-Label-Gebrauch in ärztlicher Verantwortung.

Bewertet wird der Wissensstand für den Schlaf. Als Antidepressivum ist Trazodon seit Jahrzehnten beschrieben. Zur Insomnie gibt es dagegen nur wenige, meist kleine und kurze Studien. Wer Alternativen vergleichen will: Die zugelassenen Schlafmittel Zopiclon und Orexin-Rezeptor-Antagonisten haben eigene Seiten, ebenso Melatonin und Schlaf & Schlafhygiene.

Wie es wirkt

Laut deutscher Fachinformation ist Trazodon ein nichttrizyklisches Antidepressivum mit sedierender Wirkungskomponente. Die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmt es nur schwach, ausgeprägt ist dagegen die Affinität zu Alpha-1-Adrenorezeptoren. Die US-Fachinformation beschreibt zusätzlich eine Blockade von 5-HT2-Rezeptoren.

Eine pharmakokinetische Simulation der Rezeptorbelegung im Gehirn kam 2018 zu dem Ergebnis, dass niedrige Dosen, typischerweise 50 mg, ausreichen, um die für die schlaffördernde Wirkung verantwortlichen Rezeptoren zu blockieren, während die antidepressive Wirkung höhere Dosen braucht. Dieselbe Rezeptorbelegung erklärt typische Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Blutdruckabfall und Priapismus. Am Menschen direkt gemessen ist das nicht.

Was gut belegt ist

  • Subjektiv besserer Schlaf. Eine Meta-Analyse aus sieben placebokontrollierten Studien mit 429 Patienten fand eine besser empfundene Schlafqualität (SMD minus 0,41) und weniger nächtliches Erwachen (SMD minus 0,51). Abbrüche wegen Nebenwirkungen waren nicht häufiger als unter Placebo.
  • Cochrane bestätigt einen kleinen Effekt. Im Cochrane-Review zu Antidepressiva bei Insomnie zeigten drei gepoolte Trazodon-Studien mit 370 Teilnehmern eine moderate Verbesserung der subjektiven Schlafqualität (SMD minus 0,34), bei niedriger Qualität der Evidenz.
  • Bei Demenz mehr Schlaf. Bei 30 Patienten mit Alzheimer-Demenz verlängerten 50 mg am Abend über zwei Wochen den Nachtschlaf um 42,5 Minuten gegenüber Placebo, gemessen mit Bewegungssensoren, ohne Einfluss auf Gedächtnis oder Tagesschläfrigkeit.
  • Von der europäischen Leitlinie zugelassen. Die Europäische Insomnie-Leitlinie 2023 lässt niedrig dosierte sedierende Antidepressiva für die Kurzzeitbehandlung bis vier Wochen zu, mit Empfehlungsgrad B.

Was die Studien zeigen

Yi 2018: Meta-Analyse aus sieben Studien

Die Auswertung schloss nur randomisierte, placebokontrollierte Studien ein, zusammen 429 Patienten. Die Schlafeffizienz unterschied sich nicht (SMD 0,09), die empfundene Schlafqualität war unter Trazodon besser (SMD minus 0,41, p = 0,05), die Zahl der nächtlichen Aufwachphasen geringer (SMD minus 0,51). Einschlafzeit, Gesamtschlafzeit und Wachzeit nach dem Einschlafen unterschieden sich nicht von Placebo. Die Autoren sehen Trazodon damit vor allem beim Durchschlafen und bei der empfundenen Qualität im Vorteil.

Everitt 2018: Cochrane-Review

Der Review fand 23 Studien zu Antidepressiva bei Insomnie, sieben davon zu Trazodon gegen Placebo. Drei ließen sich poolen und zeigten eine moderate Verbesserung der subjektiven Schlafqualität. Zwei Studien mit Polysomnografie und 169 Teilnehmern fanden bei der Schlafeffizienz wenig bis keinen Unterschied (1,38 Prozentpunkte). Zwei Studien berichteten mehr Benommenheit am Morgen, Mundtrockenheit und Durst als unter Placebo. Fazit der Autoren: wenige, meist kleine und kurze Studien; zur Langzeitanwendung gibt es keine Daten.

Camargos 2014: Alzheimer-Demenz

In dieser doppelblinden Studie erhielten 30 Patienten mit Alzheimer-Demenz und Schlafstörungen zwei Wochen lang 50 mg Trazodon um 22 Uhr oder Placebo. Laut Aktigrafie schliefen sie unter Trazodon 42,5 Minuten länger pro Nacht, der Anteil der Nacht im Schlaf stieg um 8,5 Prozentpunkte. Tagesschläfrigkeit, Kognition und Alltagsfähigkeit veränderten sich nicht, Nebenwirkungen waren nicht häufiger als unter Placebo. Die Studie ist klein und kurz.

De Crescenzo 2022: im großen Vergleich

Die Netzwerk-Meta-Analyse im Lancet über 154 doppelblinde Studien zählt Trazodon zu den Mitteln, die in der Akutbehandlung der Insomnie wirksam sein können, die aber mit eingeschränkter Verträglichkeit einhergehen oder für die Langzeitdaten fehlen.

Wo die Daten aufhören

  • Objektiv gemessener Schlaf. Im Schlaflabor unterschieden sich Schlafeffizienz, Einschlafzeit und Gesamtschlafzeit nicht von Placebo. Der Nutzen zeigt sich vor allem im eigenen Empfinden und bei der Zahl der Aufwachphasen.
  • Langzeitanwendung. Viele nehmen Trazodon über Monate oder Jahre zum Schlafen. Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit dieser Daueranwendung gibt es laut Cochrane nicht.
  • Die Empfehlung der Fachgesellschaften. Die Amerikanische Akademie für Schlafmedizin rät mit schwacher Empfehlung davon ab, Trazodon gegen Ein- oder Durchschlafstörungen einzusetzen. Die europäische Leitlinie lässt es nur kurzfristig zu.
  • Ältere Menschen. In einer kanadischen Beobachtungsstudie an 3.002 Pflegeheimbewohnern ging eine neue Trazodon-Verordnung mit ähnlich vielen verletzungsbedingten Stürzen, Knochenbrüchen und Todesfällen einher wie Zopiclon. Die Autoren folgern, dass keines der beiden Mittel als sicherere Alternative zum anderen gelten sollte.

Status, Zulassung und Recht

In Deutschland ist Trazodon für depressive Erkrankungen zugelassen und verschreibungspflichtig; im Betäubungsmittelgesetz steht es nicht. Die zugelassene Dosierung in der ambulanten Depressionsbehandlung beträgt laut Fachinformation 100 mg in der ersten Woche, danach 200 bis 400 mg täglich, unter stationären Bedingungen bis 600 mg. Für Schlafstörungen gibt es keine Zulassung und damit auch keine zugelassene Dosis; der Einsatz als Schlafmittel liegt in ärztlicher Verantwortung.

In den USA ist Trazodon seit 24.12.1981 zugelassen (Desyrel), ebenfalls nur gegen Depression. Die US-Fachinformation trägt wie alle Antidepressiva eine Boxed Warning zu Suizidgedanken bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Sicherheit

Die US-Fachinformation nennt als wichtige Risiken orthostatischen Blutdruckabfall bis zur Ohnmacht, eine Verlängerung des QT-Intervalls im EKG, das Serotonin-Syndrom zusammen mit anderen serotonergen Mitteln und eine erhöhte Blutungsneigung zusammen mit Gerinnungshemmern oder Schmerzmitteln wie ASS. Auch die deutsche Fachinformation warnt vor QT-Verlängerung und vor dem seltenen Priapismus, einer schmerzhaften Dauererektion, die sofort ärztlich behandelt werden muss.

In den Insomnie-Studien traten häufiger Benommenheit am Morgen, Mundtrockenheit und Durst auf. Laut Fachinformation hat Trazodon einen geringen bis mäßigen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit; wer es nimmt, sollte erst fahren, wenn klar ist, dass Schläfrigkeit oder Schwindel ausbleiben. Alkohol und andere Psychopharmaka verstärken die Wirkung.

Die Beobachtungsdaten aus Pflegeheimen zeigen, dass Stürze und Knochenbrüche unter Trazodon ähnlich häufig sind wie unter Zopiclon. Für die niedrig dosierte Daueranwendung gegen Schlafstörungen fehlen eigene Sicherheitsstudien.

BK-Score Dünne Humanevidenz

Human-Evidenz5
Mechanismus6
Sicherheits-Datenlage6
Hype-Abstand4
Anwendungserfahrung9

Evidenz 5, weil es zur Insomnie nur wenige, meist kleine und kurze Studien gibt: Die Meta-Analyse aus 7 Studien mit 429 Patienten fand bessere empfundene Schlafqualität und weniger Aufwachen, aber keinen Unterschied bei Schlafeffizienz, Einschlafzeit und Gesamtschlafzeit (Yi 2018), Cochrane bewertet die Evidenz als niedrig (Everitt 2018). Mechanismus 6, weil das Rezeptorprofil bekannt ist und eine Simulation erklärt, warum niedrige Dosen schlaffördernd, aber nicht antidepressiv wirken (Settimo 2018), am Menschen aber nicht direkt gemessen. Sicherheit 6, weil das Risikoprofil als Antidepressivum über Jahrzehnte beschrieben ist – Blutdruckabfall, QT-Verlängerung, Priapismus –, für die niedrig dosierte Daueranwendung gegen Schlafstörungen aber kaum eigene Daten vorliegen. Hype 4, weil Trazodon sehr verbreitet als Schlafmittel eingesetzt wird, während die US-Schlafmedizin davon abrät (Sateia 2017). Anwendung 9, weil es seit 1981 in den USA zugelassen und weltweit lange im Einsatz ist. Richtung gemischt: subjektiv kleiner Nutzen, objektiv im Schlaflabor kaum Effekt.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Trazodon

Hilft Trazodon beim Schlafen?

Ein wenig. In einer Meta-Analyse aus sieben Studien mit 429 Patienten empfanden Behandelte ihren Schlaf als besser und wachten seltener auf. Im Schlaflabor unterschieden sich Schlafeffizienz, Einschlafzeit und Gesamtschlafzeit aber nicht von Placebo.

Ist Trazodon als Schlafmittel zugelassen?

Nein. In Deutschland ist Trazodon nur gegen depressive Erkrankungen zugelassen und verschreibungspflichtig. Der Einsatz gegen Schlafstörungen ist Off-Label-Gebrauch in ärztlicher Verantwortung.

Warum wird Trazodon niedrig dosiert zum Schlafen verordnet?

Eine Simulation der Rezeptorbelegung zeigt, dass niedrige Dosen von typischerweise 50 mg für die schlaffördernden Rezeptoren ausreichen, während die antidepressive Wirkung höhere Dosen braucht. Die zugelassene Depressionsdosis liegt bei 200 bis 400 mg täglich.

Macht Trazodon abhängig?

Trazodon ist kein Betäubungsmittel und gehört nicht zu den Benzodiazepinen oder Z-Substanzen. Zur Daueranwendung gegen Schlafstörungen fehlen aber Studien. Laut Fachinformation soll eine Behandlung durch langsame Verringerung der Dosis beendet werden.

Welche Nebenwirkungen hat Trazodon?

Häufig sind Benommenheit am Morgen, Mundtrockenheit und Müdigkeit. Wichtige Risiken sind Blutdruckabfall bis zur Ohnmacht, QT-Verlängerung im EKG, Serotonin-Syndrom und selten Priapismus, eine Dauererektion, die ein Notfall ist.

Ist Trazodon für ältere Menschen sicherer als Schlaftabletten?

Das zeigen die Daten nicht. In einer Beobachtungsstudie an 3.002 Pflegeheimbewohnern traten nach einer neuen Verordnung von Trazodon ähnlich viele Stürze mit Verletzung, Knochenbrüche und Todesfälle auf wie nach Zopiclon.

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Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-07.