Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

MK-677 (Ibutamoren)

Oraler Ghrelin-Rezeptor-Agonist (GH-Secretagogue) · Ibutamoren, Nutrobal, MK-0677

MK-677 ist ein oral verfügbarer Ghrelin-Rezeptor-Agonist, der Wachstumshormon und IGF-1 anhebt. In der längsten Studie nahm die fettfreie Masse zu, Kraft und Funktion nicht. Eine zweite Studie wurde wegen eines Herzinsuffizienz-Signals vorzeitig beendet.

Was MK-677 ist

MK-677, auch Ibutamoren genannt, aktiviert den Ghrelin- beziehungsweise Growth-Hormone-Secretagogue-Rezeptor in der Hirnanhangsdrüse und löst dadurch Ausschüttungen von Wachstumshormon und in der Folge von IGF-1 aus. Anders als die Peptide der Klasse wirkt die Substanz oral.

Dass dieser Mechanismus beim Menschen funktioniert, ist unstrittig und in mehreren randomisierten Studien bestätigt. Die eigentliche Frage lautet, ob aus dem Hormonanstieg ein Nutzen folgt, den man merkt: mehr Kraft, bessere Funktion, weniger Fett. Genau an dieser Stelle brechen die Daten ab.

Masse ist nicht Funktion

IGF-1 und die fettfreie Masse sind Surrogatmarker, also Messgrößen, die stellvertretend für einen erhofften Nutzen stehen. Ob sich daraus tatsächlich Kraft oder Alltagsfunktion ergibt, muss gesondert geprüft werden, und es ist geprüft worden.

Eine Übersicht zu Sarkopenie-Medikamenten fasst den Stand für die gesamte Substanzklasse zusammen: Mehrere Kandidaten steigern die Muskelmasse, nur wenige verbessern konsistent Muskelkraft oder körperliche Funktion. Die Autoren sprechen ausdrücklich von einer Diskrepanz zwischen Surrogatendpunkten und klinisch bedeutsamen Ergebnissen. Zugelassen ist kein Wirkstoff dieser Klasse.

Was gut belegt ist

  • Der Effekt auf die fettfreie Masse war ein erreichter primärer Endpunkt. In der doppelblinden, placebokontrollierten Studie an 65 gesunden Erwachsenen von 60 bis 81 Jahren nahm die fettfreie Masse nach einem Jahr unter 25 mg täglich um 1,1 kg zu (95 % KI 0,7 bis 1,5), unter Placebo um 0,5 kg ab (−1,1 bis 0,2), p<0,001. Das Körpergewicht stieg um 2,7 kg (2,0 bis 3,5) gegenüber 0,8 kg (−0,3 bis 1,8), p=0,003.
  • Der Anstieg von IGF-1 ist mehrfach als primärer Endpunkt erreicht worden. Bei 123 älteren Hüftfrakturpatienten über 24 Wochen plus 51,4 ng/ml (95 % KI 34,42 bis 68,44), p<0,001. Bei Hämodialysepatienten im randomisierten Crossover ein um 65 % stärkerer Anstieg als unter Placebo (Verhältnis der geometrischen Mittel 1,65, 95 % KI 1,33 bis 2,04), p<0,001. In der Zweijahresstudie stiegen Wachstumshormon und IGF-1 ebenfalls an. Die Wirkung auf die Hormonachse ist damit unstrittig.
  • Die Hauptstudie ist für diese Substanzklasse ungewöhnlich lang und sauber angelegt. Zwei Jahre, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, modifiziertes Crossover, mit zwei vorab festgelegten primären Endpunkten nach einem Jahr. Einer davon wurde erreicht, der andere — das abdominale viszerale Fett — verfehlt und als verfehlt berichtet. Ein solcher Aufbau ist bei nicht zugelassenen Substanzen die Ausnahme.
  • Die Substanz ist über ungewöhnlich lange Zeiträume auf Nebenwirkungen untersucht. 65 Teilnehmende über zwei Jahre, 123 Patienten über 24 Wochen, 22 über drei Monate, dazu dokumentierte Fallberichte. Für eine Substanz ohne Zulassung ist das ein breites Sicherheitsbild — es fällt allerdings nicht günstig aus, wie der Abschnitt zur Sicherheit zeigt.

Was die Studien zeigen

Zwei Jahre, 65 Ältere: Masse ja, Funktion nein

Die größte und längste Studie war doppelblind, randomisiert und placebokontrolliert im modifizierten Crossover-Design: 65 gesunde Erwachsene zwischen 60 und 81 Jahren erhielten zwei Jahre lang 25 mg MK-677 täglich oral. Primäre Endpunkte nach einem Jahr waren fettfreie Masse und abdominales viszerales Fett. Die fettfreie Masse wurde erreicht: minus 0,5 kg (95 % KI -1,1 bis 0,2) unter Placebo gegenüber plus 1,1 kg (0,7 bis 1,5) unter MK-677, p<0,001. Das viszerale Fett wurde verfehlt, ebenso die Gesamtfettmasse. Das Körpergewicht stieg um 0,8 kg (-0,3 bis 1,8) gegenüber 2,7 kg (2,0 bis 3,5), p=0,003, wobei der Zuwachs an Gliedmaßenfett unter MK-677 größer ausfiel (1,1 kg gegenüber 0,24 kg, p=0,001).

Der Satz, auf den es ankommt

Isokinetische Kraft, körperliche Funktion und Lebensqualität wurden in derselben Studie erhoben. Keine dieser Größen verbesserte sich. Die Autoren halten wörtlich fest, dass die gesteigerte fettfreie Masse zu keinen Veränderungen bei Kraft oder Funktion führte. Als Einschränkung nennen sie selbst eine unzureichende statistische Power für die funktionellen Endpunkte. Belegt ist damit eine Veränderung der Körperzusammensetzung, nicht ein spürbarer Nutzen.

Hüftfrakturpatienten: vorzeitig abgebrochen

Eine randomisierte, doppelblinde, multizentrische Phase-IIb-Studie gab 123 älteren Hüftfrakturpatienten (62 gegen 61) über 24 Wochen 25 mg täglich. Der IGF-1-Endpunkt wurde erreicht, plus 51,4 ng/ml (95 % KI 34,42 bis 68,44), p<0,001. Die Funktion wurde verfehlt: Die Treppensteig-Leistung lag bei plus 12,5 Watt (95 % KI -10,95 bis 35,88, p=0,292), das Konfidenzintervall schließt die Null ein. Einziges positives Maß war die Ganggeschwindigkeit mit einer Score-Differenz von 0,7 (0,17 bis 1,28, p=0,011). Die Studie wurde wegen eines Sicherheitssignals für Herzinsuffizienz vorzeitig beendet. Das Autorenfazit lautet, MK-677 habe in dieser Patientengruppe ein ungünstiges Sicherheitsprofil.

Dialysepatienten: reiner Laborwert-Endpunkt

Eine randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie über drei Monate an Hämodialysepatienten schloss 26 Personen ein, 22 beendeten sie. Der primäre Endpunkt IGF-1 wurde erreicht, mit einem um 65 % stärkeren Anstieg gegenüber Placebo (95 % KI 33 bis 104 %; Verhältnis der geometrischen Mittel 1,65, 1,33 bis 2,04, p<0,001). Die Autoren schließen mit der Feststellung, es seien Studien nötig, um zu prüfen, ob MK-677 Kraft, Lebensqualität und Überleben verbessere. Ein klinischer oder funktioneller Nutzen wurde nicht gezeigt.

Was die Studien nicht zeigen

  • Mehr Kraft. Die Zweijahresstudie hielt ausdrücklich fest, dass die gesteigerte fettfreie Masse zu keiner Veränderung von Kraft oder Funktion führte.
  • Bessere körperliche Funktion. In keiner der ausgewerteten randomisierten Studien wurde eine funktionelle Verbesserung als erreichter primärer Endpunkt gezeigt.
  • Fettabbau. Das viszerale Fett war ein primärer Endpunkt und wurde verfehlt; auch die Gesamtfettmasse veränderte sich nicht. Der Zuwachs an Gliedmaßenfett war unter MK-677 sogar größer.
  • Ein Anti-Aging-Nutzen. Belegt sind Körperzusammensetzung und Laborwerte. Diese Laborwerte gehen mit steigender Nüchternglukose, sinkender Insulinsensitivität und steigendem Cortisol einher.

Status, Zulassung und Recht

MK-677 ist kein zugelassenes Arzneimittel, sondern eine Forschungssubstanz. Auch in der Indikation Sarkopenie ist kein Wirkstoff dieser Klasse zugelassen. Im Wettkampfsport ist die Substanz verboten.

Gehandelt wird sie als Research-Ware, also ohne pharmazeutische Qualitätskontrolle. Ein dokumentierter Fallbericht betraf Präparate, die neben MK-677 weitere Wirkstoffe sowie nicht deklariertes Testosteron, Estradiol und Wachstumshormon enthielten.

Sicherheit

In der Zweijahresstudie stieg die Nüchternglukose um 0,3 mmol/l, also 5 mg/dl (p=0,015), die Insulinsensitivität sank, und das Cortisol stieg um 47 nmol/l (28 bis 71, p=0,020). Das sind keine Randbefunde, sondern die Gegenseite des Hormoneffekts: Der Stoffwechsel verschlechtert sich messbar, während die Magermasse zunimmt.

Die Phase-IIb-Studie an Hüftfrakturpatienten wurde wegen eines Sicherheitssignals für Herzinsuffizienz vorzeitig beendet; die Autoren attestierten ein ungünstiges Sicherheitsprofil in dieser Gruppe. Hinzu kommen Fallberichte: eine Leberschädigung nach zwei Monaten MK-677, deren Transaminasen sich nach dem Absetzen normalisierten, sowie Gynäkomastie und hypogonadotroper Hypogonadismus unter Mischpräparaten.

BK-Score Belegt, mit Einschränkungen

Human-Evidenz6
Mechanismus8
Sicherheits-Datenlage5
Hype-Abstand3
Anwendungserfahrung4

Hier gibt es echte Humanstudien, auch über Monate, und sie zeigen mehr als nur den Mechanismus: Wachstumshormon und IGF-1 steigen, und die fettfreie Masse nimmt messbar zu – bei 65 gesunden Älteren über ein Jahr um 1,1 kg gegenüber −0,5 kg unter Placebo (Nass et al., Ann Intern Med 2008), bei 24 adipösen Männern schon nach acht Wochen (Svensson et al., JCEM 1998). Was in beiden Studien ausblieb: mehr Kraft, bessere Funktion, weniger Fett. Was dazukam: eine Verschlechterung der Glukosetoleranz, Wassereinlagerung, Hunger. Belegt ist die Wirkung auf die Hormonachse und die Magermasse; nicht belegt ist der Nutzen, mit dem geworben wird.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu MK-677 (Ibutamoren)

Bringt MK-677 wirklich mehr Muskeln?

Mehr Masse ja, mehr Kraft nein. In der zweijährigen placebokontrollierten Studie an fünfundsechzig gesunden Älteren stieg die fettfreie Masse um 1,1 Kilogramm gegenüber minus 0,5 Kilogramm unter Placebo. Isokinetische Kraft, körperliche Funktion und Lebensqualität wurden erhoben und verbesserten sich nicht. Die Autoren halten das ausdrücklich fest.

Verbrennt MK-677 Bauchfett?

Nein. Das abdominale viszerale Fett war in der Zweijahresstudie ein primärer Endpunkt und wurde verfehlt, ebenso die Gesamtfettmasse. Das Körpergewicht stieg unter MK-677 um 2,7 Kilogramm gegenüber 0,8 Kilogramm unter Placebo, und der Zuwachs an Gliedmaßenfett fiel unter der Substanz größer aus als unter Placebo.

Welche Nebenwirkungen hat MK-677?

Dokumentiert sind eine um 5 Milligramm pro Deziliter steigende Nüchternglukose, eine sinkende Insulinsensitivität und ein Cortisolanstieg. Eine Phase-IIb-Studie an hundertdreiundzwanzig Hüftfrakturpatienten wurde wegen eines Sicherheitssignals für Herzinsuffizienz vorzeitig abgebrochen; die Autoren bescheinigten der Substanz in dieser Gruppe ein ungünstiges Sicherheitsprofil. Fallberichte beschreiben zudem eine Leberschädigung.

Warum wurde eine MK-677-Studie abgebrochen?

Wegen eines Sicherheitssignals für Herzinsuffizienz. Die randomisierte, doppelblinde Phase-IIb-Studie gab hundertdreiundzwanzig älteren Hüftfrakturpatienten vierundzwanzig Wochen lang fünfundzwanzig Milligramm täglich. Der IGF-1-Anstieg gelang, die funktionellen Messungen überwiegend nicht: Die Treppensteig-Leistung verfehlte die Signifikanz deutlich, das Konfidenzintervall schloss die Null ein. Die Studie endete vorzeitig, und die Autoren bescheinigten der Substanz in dieser Gruppe ein ungünstiges Sicherheitsprofil.

Ist MK-677 in Deutschland zugelassen?

Nein. MK-677 ist kein zugelassenes Arzneimittel, sondern eine Forschungssubstanz, und im Wettkampfsport ist die Anwendung verboten. Auch für die Indikation Sarkopenie ist kein Wirkstoff dieser Klasse zugelassen. Gehandelt wird die Substanz als Research-Ware ohne pharmazeutische Qualitätskontrolle, was Reinheit und Gehalt unüberprüfbar macht.

Steigt der IGF-1-Wert unter MK-677 messbar?

Ja, und das ist der am besten belegte Effekt. Bei Hüftfrakturpatienten stieg IGF-1 um 51,4 Nanogramm pro Milliliter, bei Hämodialysepatienten um fünfundsechzig Prozent stärker als unter Placebo. Beides sind Laborwerte. Ob daraus Kraft, Lebensqualität oder Überleben folgen, ist in keiner der Studien gezeigt worden.

Die Podcast-Folge dazu

Folge 16

MK-677 (Ibutamoren): Wachstumshormon aus der Tablette im Faktencheck

Der Podcast von Paul Höser (Folge 16) · mit Paul & Paula. Frische, positive KI-Dialogfolge über MK-677 (Ibutamoren) – den oralen Wachstumshormon-Anreger: eine Tablette, die über den Ghrelin-Rezeptor die eigene GH- und IGF-1-Ausschüttung ankurbelt. Beliebt für Tiefschlaf, Regeneration, Haut und Magermasse ganz ohne Spritze (Nass et al., Ann Intern Med 2008: jugendliche GH-/IGF-1-Werte bei Älteren). Ehrlich eingeordnet: Appetit, Wassereinlagerung, höherer Blutzucker und ein Herzschwäche-Signal – plus die Longevity-Nuance, dass sehr hohes IGF-1 nicht automatisch lebensverlängernd ist. Reine Information, keine Dosier- oder Anwendungsempfehlung.

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Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.