Peptid & Experimentelles
Sermorelin
GHRH-Analogon (Wachstumshormon-Releasing-Hormon-Fragment) · GRF 1-29, GHRH(1-29)
Sermorelin ist das vordere Stück eines körpereigenen Hormons: die ersten 29 Aminosäuren des GHRH, also des Befehls, den der Hypothalamus an die Hirnanhangsdrüse schickt. Der Mechanismus ist der vernünftigste in dieser ganzen Substanzklasse. Die Zulassung, mit der geworben wird, galt Kindern mit Wachstumshormonmangel.
Kurz gesagt
Sermorelin spricht die Hirnanhangsdrüse an, statt Wachstumshormon von außen zuzuführen. Die Drüse schüttet dann in ihrem eigenen Rhythmus aus, in Stößen und vor allem nachts, und sie gibt nur her, was sie hat. Das Präparat Geref war tatsächlich zugelassen, 1990 als Diagnostikum und 1997 zur Behandlung von Kindern mit Wachstumsstörung durch Wachstumshormonmangel; 2009 wurde es vom Markt genommen, und die Behörde stellte später ausdrücklich fest, dass dies nicht aus Gründen der Sicherheit oder Wirksamkeit geschah. Für gesunde Erwachsene war Sermorelin nie zugelassen und nie belastbar geprüft. Und selbst wenn der Wachstumshormonspiegel steigt, ist offen, ob daraus ein Nutzen wird: Bei einer verwandten Substanz stieg die fettfreie Masse, ohne dass Kraft und Funktion folgten.
Was Sermorelin ist
Sermorelin besteht aus den ersten 29 Aminosäuren des Wachstumshormon-freisetzenden Hormons GHRH. Das ist das Signal, mit dem der Hypothalamus der Hirnanhangsdrüse sagt, sie solle Wachstumshormon ausschütten. Sermorelin gibt denselben Befehl.
Der Unterschied zur direkten Gabe von Wachstumshormon ist der Kern der Sache. Wer Wachstumshormon spritzt, überschreibt das körpereigene System: Der Spiegel steigt und bleibt oben, während die eigene Produktion abschaltet. Sermorelin redet mit der Drüse, und die schüttet in ihrem eigenen Rhythmus aus, in Stößen, vor allem nachts. Dazu kommt eine natürliche Bremse: Die Drüse gibt nur her, was sie hat.
Ein zugelassenes Medikament, das keines mehr ist
Das Präparat hieß Geref und kam von der Firma EMD Serono. Es gab zwei Zulassungen: 1990 als Diagnostikum, mit dem sich prüfen ließ, ob die Hirnanhangsdrüse überhaupt Wachstumshormon ausschütten kann, und 1997 als Behandlung für Kinder mit Wachstumsstörung durch Wachstumshormonmangel. 2009 wurde es vom Markt genommen.
Vier Jahre nach der Marktrücknahme veröffentlichte die Behörde eine förmliche Feststellung: Geref sei nicht aus Gründen der Sicherheit oder der Wirksamkeit zurückgezogen worden. Solche Feststellungen haben einen praktischen Grund. Nur wenn ein Mittel nicht wegen Sicherheit oder Wirksamkeit verschwunden ist, dürfen Nachahmerpräparate zugelassen werden. Verschwunden ist Geref, weil sich der Verkauf nicht mehr lohnte.
Warum der Werbesatz stimmt und trotzdem in die Irre führt
Auf Verkaufsseiten steht, Sermorelin sei einmal von der amerikanischen Arzneimittelbehörde zugelassen gewesen. Dieser Satz ist richtig, und er wird korrekt zitiert. Hier wird nicht gelogen. Es wird nur eine Aussage über Kinder mit Hormonmangel benutzt, um etwas über gesunde Vierzigjährige zu behaupten.
Die ehrliche Fassung würde ungefähr so lauten: Sermorelin war zugelassen, um bei Kindern mit nachgewiesenem Wachstumshormonmangel das Wachstum zu verbessern und um bei Verdachtsfällen die Drüsenfunktion zu testen. Für gesunde Erwachsene, die sich jünger fühlen wollen, war es nie zugelassen und nie geprüft. Wenn jemand mit einer Zulassung wirbt, ist die nächste Frage deshalb immer: zugelassen wofür, und für wen?
Was folgt, wenn der Spiegel steigt
Nehmen wir an, Sermorelin funktioniert genau wie beschrieben: Der Wachstumshormonspiegel steigt, schön pulsatil, ganz natürlich. Was folgt daraus? Eine Antwort dazu stammt von einer verwandten Substanz, MK-677, die den Wachstumshormon- und den IGF-1-Spiegel ebenfalls anhebt und in einer zweijährigen Studie an 65 älteren Erwachsenen geprüft wurde.
Das Ergebnis war zweigeteilt. Die fettfreie Masse stieg um 1,1 Kilogramm, gegenüber einem halben Kilogramm Verlust unter Placebo. Kraft und Funktion verbesserten sich nicht. Dafür stieg der Nüchternblutzucker, und die Insulinempfindlichkeit sank. Das ist kein Zufall dieser einen Studie, sondern das wiederkehrende Ergebnis der Wachstumshormon-Forschung bei Gesunden: Die Körperzusammensetzung verschiebt sich messbar, die Leistungsfähigkeit folgt nicht.
Was gut belegt ist
Belegt ist der Mechanismus. Sermorelin ist ein echtes GHRH-Fragment und spricht dieselbe Stelle an wie das körpereigene Hormon, mit dem Vorteil, dass die eigene Regelung erhalten bleibt und die Ausschüttung pulsatil erfolgt. Belegt ist außerdem die Zulassungsgeschichte: zwei Indikationen, 1990 und 1997, und die ausdrückliche behördliche Feststellung, dass die Marktrücknahme von 2009 nicht mit Sicherheit oder Wirksamkeit zu tun hatte. Für die zugelassene Anwendung bei Kindern gab es damit ein dokumentiertes Sicherheitsprofil, und das ist mehr, als sich über die meisten Peptide sagen lässt.
Was die Studien zeigen
Zulassungsdaten zu Geref, 1990 und 1997
Die Datengrundlage betrifft Kinder mit nachgewiesenem Wachstumshormonmangel und die Prüfung der Drüsenfunktion bei Verdachtsfällen. Das ist eine sehr klare, sehr enge Indikation. Studien zu Sermorelin bei gesunden Erwachsenen, die man als belastbar bezeichnen könnte, gibt es nicht: Die Substanz ist alt, nach den Zulassungsstudien hat niemand mehr investiert, und genau deshalb ist sie vom Markt verschwunden.
Zweijahresstudie zu MK-677 an 65 älteren Erwachsenen
MK-677 ist eine verwandte Substanz, die den Wachstumshormon- und IGF-1-Spiegel anhebt. Über 2 Jahre stieg die fettfreie Masse um 1,1 Kilogramm gegenüber einem halben Kilogramm Verlust unter Placebo. Kraft und Funktion verbesserten sich nicht, der Nüchternblutzucker stieg, die Insulinempfindlichkeit sank. Die Studie sagt nichts direkt über Sermorelin, aber sehr viel über die Frage, was ein angehobener Spiegel wert ist.
Was am erwachsenen Menschen fehlt
Für gesunde Erwachsene gibt es zu Sermorelin nichts Belastbares. Keine Studie zu Körperzusammensetzung, Schlaf, Regeneration oder Leistungsfähigkeit, die diesen Namen verdient, und erst recht keine über längere Zeiträume. Die alten Daten betreffen Kinder mit Hormonmangel, in einer bestimmten Dosis, in einer bestimmten Gruppe, unter ärztlicher Aufsicht. Sie auf einen Erwachsenen zu übertragen, der sich über Monate selbst spritzt, ist eine Übertragung und keine Aussage.
Status, Zulassung und Recht
Das ursprünglich zugelassene Präparat Geref ist seit 2009 nicht mehr auf dem Markt. Die behördliche Feststellung vier Jahre später hielt fest, dass die Rücknahme nicht aus Sicherheits- oder Wirksamkeitsgründen erfolgte. Was heute unter dem Namen Sermorelin verkauft wird, läuft über Apotheken, die es individuell anmischen, und über den Graumarkt. Für die heute beworbene Anwendung bei gesunden Erwachsenen existiert keine Zulassung.
Sicherheit
Für die zugelassene Anwendung bei Kindern gab es ein Sicherheitsprofil, und die Behörde hat ausdrücklich festgestellt, dass Sicherheit nicht der Grund für das Verschwinden war. Das gilt aber für eine bestimmte Dosis, in einer bestimmten Gruppe, unter ärztlicher Aufsicht. Dazu kommt der Einwand, der bei allem gilt, was Wachstum anregt: Wachstumshormon und IGF-1 fördern Zellwachstum, und das ist bei bestehenden Tumoren keine gute Eigenschaft. Für Sermorelin bei Gesunden gibt es dazu keine Langzeitdaten, weder beruhigende noch beunruhigende. Es gibt schlicht nichts. Wer ein Graumarktprodukt oder eine individuelle Anmischung verwendet, hat zusätzlich die Frage nach Identität und Reinheit der Charge.
BK-Score Hype weit vor Evidenz
| Human-Evidenz | 3 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 7 | |
| Sicherheits-Datenlage | 4 | |
| Hype-Abstand | 2 | |
| Anwendungserfahrung | 4 |
Das ursprünglich zugelassene Präparat wurde vom Markt genommen; die US-Behörde stellte 2013 ausdrücklich fest, dass dies nicht aus Sicherheits- oder Wirksamkeitsgründen geschah. Die alten Zulassungsdaten betreffen die pädiatrische Diagnostik, nicht die heute beworbene Anti-Aging-Anwendung bei Erwachsenen – dafür wurde keine belastbare aktuelle Humanevidenz gefunden. Die physiologische, pulsatile Stimulation ist am Menschen bestätigt. Seit dem Marktrückzug gibt es keine laufende Pharmakovigilanz.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Sermorelin
War Sermorelin wirklich einmal zugelassen?
Ja. Das Präparat Geref war 1990 als Diagnostikum zugelassen und 1997 zur Behandlung von Kindern mit Wachstumsstörung durch Wachstumshormonmangel. 2009 wurde es vom Markt genommen, nach behördlicher Feststellung nicht aus Gründen der Sicherheit oder Wirksamkeit.
Gilt diese Zulassung auch für gesunde Erwachsene?
Nein. Die Zulassung betraf Kinder mit nachgewiesenem Hormonmangel und die Prüfung der Drüsenfunktion. Für gesunde Erwachsene war Sermorelin nie zugelassen und nie geprüft. Der Werbesatz ist korrekt zitiert und sagt trotzdem nichts über den Zweck, für den heute verkauft wird.
Ist Sermorelin besser als Wachstumshormon selbst?
Der Mechanismus ist der elegantere. Wachstumshormon von außen überschreibt das eigene System und schaltet die eigene Produktion ab, Sermorelin spricht die Drüse an, die in ihrem eigenen Rhythmus ausschüttet und nur hergibt, was sie hat. Ob daraus ein Nutzen wird, ist damit aber nicht beantwortet.
Was bringt ein höherer Wachstumshormonspiegel?
Weniger, als die Werbung nahelegt. Bei der verwandten Substanz MK-677 stieg über 2 Jahre die fettfreie Masse um 1,1 Kilogramm, während Kraft und Funktion sich nicht verbesserten und der Nüchternblutzucker stieg. Der Marker bewegt sich, die Funktion nicht.
Ist Sermorelin sicher?
Für Kinder in der zugelassenen Anwendung gab es ein Sicherheitsprofil, und die Behörde hat bestätigt, dass Sicherheit nicht der Rücknahmegrund war. Für gesunde Erwachsene über Monate gibt es keine Langzeitdaten. Der allgemeine Einwand bleibt, dass Wachstumshormon und IGF-1 Zellwachstum fördern.
Woher kommt Sermorelin heute?
Aus Apotheken, die es individuell anmischen, und aus dem Graumarkt. Ein zugelassenes Fertigarzneimittel gibt es nicht mehr, weil sich der Verkauf nicht mehr lohnte und danach niemand mehr investiert hat.
Die Podcast-Folge dazu
Folge 49
Sermorelin & Tesamorelin: Die GHRH-Klassiker im Faktencheck
Der Podcast von Paul Höser (Folge 49) · mit Paul & Paula. Doppelfolge und Finale der Wachstumshormon-Serie: Sermorelin als bezahlbarer, physiologischer Klassiker der US-Anti-Aging-Kliniken – und Tesamorelin (Egrifta) mit den stärksten Daten der Klasse: −15 % viszerales Fett (Falutz, NEJM 2007) und über ein Drittel weniger Leberfett (Stanley, Lancet HIV 2019). Reine Information, keine Dosier- oder Anwendungsempfehlung.
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Quellen
- Geref (Sermorelin), Zulassung als Diagnostikum 1990 und zur Behandlung bei Kindern 1997, EMD Serono
- Behördliche Feststellung zur Marktrücknahme: nicht aus Gründen der Sicherheit oder Wirksamkeit
- Prakash und Goa, BioDrugs 1999 (Sermorelin als GHRH-Fragment der ersten 29 Aminosäuren)
- Nass et al., Ann Intern Med 2008 (Zweijahresstudie zu MK-677 an 65 älteren Erwachsenen, fettfreie Masse und Insulinempfindlichkeit)
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.