Biohacking Kompakt

Supplement

Ergothionein

Antioxidant · L-Ergothionein, EGT, „Longevity-Vitamin"

Ergothionein ist eine schwefelhaltige Aminosäure aus Pilzen, für die der menschliche Körper ein eigenes Transportprotein bereithält — obwohl er sie nicht selbst herstellen kann. Ein berühmter Biochemiker hat sie deshalb Longevity-Vitamin genannt. Die Beobachtungsdaten sind ungewöhnlich konsistent, die Interventionsdaten dünn.

Kurz gesagt

Ergothionein ist ein Stoff aus Pilzen, den der Körper über einen eigenen Transporter aufnimmt und lange festhält. Wer viel davon im Blut hat, erkrankt und stirbt in großen Kohortenstudien seltener — in Schweden, Singapur und Japan übereinstimmend. Das ist eine Beobachtung, keine Kausalität: Die Autoren selbst nennen den Stoff einen Biomarker für gesunde Ernährung. Keine Studie hat bisher gezeigt, dass zusätzliches Ergothionein irgendetwas davon verhindert; die bisher größte Interventionsstudie mit 147 Teilnehmern verfehlte ihren primären Endpunkt. Die Sicherheit ist dagegen vergleichsweise gut untersucht, und über Pilze bekommt man den Stoff ohne Kapsel.

Was Ergothionein ist

Ergothionein ist ein Abkömmling der Aminosäure Histidin, entdeckt 1909 im Mutterkornpilz — daher der Name. Hergestellt wird es nur von Pilzen und einigen Bakterien. Pflanzen können es nicht, Tiere nicht, der Mensch nicht. Trotzdem findet es sich in praktisch jedem menschlichen Gewebe.

Der Körper nimmt es also vollständig aus der Nahrung auf, vor allem aus Pilzen. Die Gehalte schwanken stark: Steinpilze kommen auf über 7 Milligramm pro Gramm Trockenmasse, Austernpilze auf bis zu 4, Shiitake auf etwa 1 und Champignons auf rund 0,4. 100 Gramm frische Champignons liefern damit etwa 3 Milligramm, Austern- und Steinpilze ein Vielfaches davon.

Der eigene Transporter

2005 untersuchte eine Kölner Gruppe ein längst bekanntes Transportprotein namens OCTN1, von dem man annahm, es schleuse allerlei organische Kationen durch Zellmembranen. Als die Forscher systematisch suchten, was es am liebsten transportiert, war die Antwort eindeutig: Ergothionein, mehr als 100-mal effizienter als die Stoffe, für die man den Transporter gehalten hatte.

Zellen mit diesem Transporter saugen Ergothionein auf und behalten es, Zellen ohne ihn lassen es praktisch nicht hinein. Ein Transportsystem, das für einen einzigen Stoff gebaut ist, den der Körper nicht selbst herstellen kann, ist ein starkes Argument dafür, dass dieser Stoff wichtig ist. Es ist noch kein Argument dafür, dass mehr davon besser wäre.

Das Etikett Longevity-Vitamin

2018 griff der Biochemiker Bruce Ames dieses Argument auf. Seine These: Bei knapper Versorgung bedient der Körper zuerst die Proteine, die das sofortige Überleben sichern, und vernachlässigt jene, die vor Langzeitschäden schützen. Die Nährstoffe für diese zweite Gruppe nennt er Langlebigkeitsvitamine. Er listet 10 Kandidaten auf, Ergothionein steht ganz vorn.

Ames schreibt selbst, es handle sich um mutmaßliche Vitamine. Er hat argumentiert, nicht gemessen. Ein Vitamin ist streng genommen erst dann eines, wenn sein Fehlen eine definierte Krankheit auslöst — einen Ergothionein-Mangel als Krankheitsbild kennt bis heute niemand.

Was gut belegt ist

Zwei Dinge sind solide. Erstens die Aufnahme: Als 45 Freiwillige reines Ergothionein bekamen, fanden sich weniger als 4 Prozent davon im Urin wieder, der Körper hält den Stoff über Wochen bis Monate fest. Das war eine Aufnahmestudie, keine Wirkungsstudie. Zweitens die Beobachtungsdaten: In Schweden, Singapur und Japan gehen niedrige Ergothionein-Spiegel unabhängig voneinander mit mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitivem Abbau und höherer Sterblichkeit einher.

Was die Studien zeigen

Malmö 2020 — 3.236 Menschen, 21 Jahre

In der schwedischen Malmö-Kohorte wurden bei 3.236 Teilnehmern ohne Herzkrankheit und Diabetes 112 Stoffwechselprodukte im Blut gemessen und die Gruppe gut 21 Jahre verfolgt. Von allen 112 hing Ergothionein am engsten mit gesunder Ernährung und am deutlichsten mit weniger Erkrankung und Tod zusammen. Pro Standardabweichung mehr im Blut lag die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit 21 Prozent und die Gesamtsterblichkeit 14 Prozent niedriger. Die Autoren selbst bezeichnen den Stoff als Biomarker für eine gesunde Ernährung.

Singapur 2021 — 496 Personen, Gehirn

Eine Querschnittsuntersuchung an 496 Personen fand: Je niedriger der Ergothionein-Spiegel, desto weiter fortgeschritten die kognitive Beeinträchtigung, dazu mehr Schäden in der weißen Substanz. Frühere Arbeiten derselben Gruppe zeigten, dass die Spiegel jenseits von 60 Jahren abfallen.

Hisayama 2025 — 1.344 Japaner, 11 Jahre

In der japanischen Hisayama-Kohorte wurden 1.344 Menschen über 65 Jahre im Median 11 Jahre verfolgt; 273 entwickelten eine Demenz. Das Viertel mit den höchsten Ergothionein-Spiegeln hatte ein um 44 Prozent geringeres Demenzrisiko als das Viertel mit den niedrigsten. Mitfinanziert wurde sie vom Konzern Suntory, dessen Angestellte die Blutwerte gemessen haben.

Pilotstudie 2024 — 19 Teilnehmer, ein Jahr

Die bisher längste Interventionsstudie: 19 Menschen über 60 mit leichter kognitiver Störung, doppelblind gegen Placebo, ein Jahr lang. Die Ergothionein-Gruppe schnitt in einem Lerntest besser ab, und ein Blutmarker für Nervenschäden blieb stabil, während er unter Placebo anstieg. Eine Pilotstudie mit 19 Personen ist ein Hinweis, kein Beleg.

Australien 2025 — 147 Teilnehmer, primärer Endpunkt verfehlt

Die bisher größte Interventionsstudie: 147 Menschen zwischen 55 und 79 Jahren mit subjektiven Gedächtnisbeschwerden, 16 Wochen, gegen Placebo. Der primäre Endpunkt, ein Gedächtnis-Gesamtwert, wurde nicht signifikant. Einige sekundäre Maße wie Reaktionszeit und Einschlafen schon. Finanziert wurde die Studie vom Hersteller.

Japan 2022 — 92 Erwachsene, Schlaf

In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie über 4 Wochen an 92 Erwachsenen mit leichten Schlafbeschwerden traten weniger nächtliche Wachphasen auf, Schlafdauer und Schlafeffizienz blieben unverändert. Das Team arbeitet beim Konzern Suntory.

Wo die Daten aufhören

Keine einzige randomisierte Studie zeigt, dass zusätzliches Ergothionein die Lebenszeit verlängert oder eine Demenz verhindert. Es gibt Mausdaten — 2024 lebten männliche Mäuse unter Ergothionein länger —, aber am Menschen existiert bislang keine Studie mit hartem Endpunkt. Eine läuft derzeit in Singapur mit rund 600 Teilnehmern über 2 Jahre. Die Beobachtungsdaten können den Nachweis nicht ersetzen: Wer viel Gemüse und Pilze isst, macht in aller Regel noch zwanzig andere Dinge anders.

Auch der Mechanismus ist offener, als die Werbung nahelegt. Im Reagenzglas ist Ergothionein ein sehr gutes Antioxidans. Barry Halliwell, der dieses Forschungsfeld aufgebaut hat, schreibt in seiner Übersicht von 2023 jedoch, die Belege dafür, dass die antioxidative Wirkung auch im Körper die Hauptfunktion sei, seien schwach. Was Ergothionein im Körper tatsächlich tut, ist damit unklar — und Longevity-Vitamin bleibt eine Hypothese, kein Befund.

Status, Zulassung und Recht

Synthetisches L-Ergothionein ist in der EU seit 2017 als neuartiges Lebensmittel zugelassen, für Nahrungsergänzungsmittel mit bis zu 30 Milligramm pro Tag für Erwachsene und 20 Milligramm für Kinder ab 3 Jahren. Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere und Stillende sind von der Zulassung ausgenommen — nicht, weil bei ihnen ein Risiko gefunden worden wäre, sondern weil der Antragsteller diese Gruppen von vornherein ausgeklammert hatte. 2018 wurde die Zulassung auf weitere Lebensmittelkategorien erweitert. Ein Arzneimittel ist Ergothionein nicht, und eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe gibt es nicht.

Sicherheit

Für einen Stoff dieser Kategorie ist die Sicherheitslage ungewöhnlich gut. In den vorliegenden Humanstudien traten keine Nebenwirkungen über das Placebo-Niveau hinaus auf. Zwei ehrliche Unbekannte bleiben. Erstens fehlen Langzeitdaten für hohe Dosen: Die längste Humanstudie lief ein Jahr. Zweitens sind Varianten des Transportergens mit Morbus Crohn und rheumatoider Arthritis assoziiert — was das für eine dauerhafte Zufuhr bedeutet, weiß niemand. Schwangere und Stillende sind von der Zulassung ausgenommen. Das hier ist kein medizinischer Rat.

BK-Score Dünne Humanevidenz

Human-Evidenz5
Mechanismus4
Sicherheits-Datenlage7
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung3

Ein seltener Fall, in dem die Sicherheit deutlich besser untersucht ist als die Wirkung: Die EFSA hat synthetisches L-Ergothionein 2016 bewertet, die EU es 2017 als neuartiges Lebensmittel zugelassen und 2018 auf weitere Lebensmittelkategorien ausgeweitet. Die Interventionsstudien bleiben dagegen klein und kurz: eine Pilot-RCT mit 19 Personen über ein Jahr (J Alzheimers Dis 2024) – bessere Lernleistung im RAVLT und stabile Neurofilament-Leichtketten als Surrogatmarker –, dazu Arbeiten mit 45 und 92 Teilnehmern; die bisher größte mit 147 Teilnehmern verfehlte ihren primären Endpunkt. Der Rest sind Beobachtungsdaten: niedrige Plasmaspiegel gehen mit kognitivem Abbau einher, was keine Kausalität zeigt.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Ergothionein

Ist Ergothionein wirklich ein Vitamin?

Nicht im strengen Sinn. Ein Vitamin ist ein Stoff, dessen Fehlen eine definierte Mangelkrankheit auslöst. Einen Ergothionein-Mangel als Krankheitsbild kennt bisher niemand. Der Begriff Longevity-Vitamin ist ein Vorschlag von Bruce Ames aus dem Jahr 2018, den er selbst als mutmaßlich bezeichnet.

Verlängert Ergothionein das Leben?

Beim Menschen ist das nicht gezeigt. Bei männlichen Mäusen verlängerte es 2024 die Lebensspanne. Am Menschen gibt es bisher nur Beobachtungsdaten: Wer höhere Spiegel im Blut hat, stirbt in den Kohorten seltener, was aber auch an der Ernährung insgesamt liegen kann.

Reichen Pilze aus, oder braucht es Kapseln?

Pilze sind die einzige nennenswerte Nahrungsquelle, und die Gehalte sind beachtlich: Steinpilze über 7 Milligramm pro Gramm Trockenmasse, Austernpilze bis 4, Champignons rund 0,4. 100 Gramm frische Champignons liefern etwa 3 Milligramm. In den Humanstudien wurden Mengen in dieser Größenordnung eingesetzt.

Warum gibt es keine große Langzeitstudie?

Es läuft eine: in Singapur, mit rund 600 Teilnehmern über 2 Jahre. Bislang fehlt jede randomisierte Studie mit einem harten Endpunkt wie Demenz oder Sterblichkeit. Ein Naturstoff lässt sich schwer patentieren, was solche Studien unattraktiv macht, aber das ist eine Vermutung, keine belegte Erklärung.

Ist Ergothionein ein starkes Antioxidans?

Im Reagenzglas ja. Ob das auch im Körper seine Hauptfunktion ist, gilt als unklar. Barry Halliwell, der dieses Feld aufgebaut hat, nennt die Belege dafür in seiner Übersicht von 2023 ausdrücklich schwach.

Ist die Einnahme sicher?

Nach allem, was bekannt ist, gibt es wenige Risiken. Die EU hat synthetisches L-Ergothionein 2017 als neuartiges Lebensmittel zugelassen, in Humanstudien traten keine Nebenwirkungen über Placebo auf. Langzeitdaten für hohe Dosen fehlen, und Schwangere sowie Stillende sind von der Zulassung ausgenommen.

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Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.