Supplement
Colostrum (bovin)
Protein · Erstmilch, Bovines Kolostrum
Kolostrum ist die erste Milch nach der Geburt, und das bovine Kolostrum der Kuh gehört zu den interessanteren Supplements für Menschen, die viel trainieren. Am stärksten sind die Daten zu Atemwegsinfekten und zur Darmbarriere unter Belastung. Warum es wirkt, ist allerdings noch offen.
Kurz gesagt
Bovines Kolostrum ist die gefriergetrocknete Erstmilch von Kühen, reich an Immunglobulinen, Laktoferrin und Wachstumsfaktoren. Eine Meta-Analyse über 5 randomisierte Studien mit 152 Trainierenden fand über 8 bis 12 Wochen deutlich weniger Tage mit Atemwegssymptomen (Rate Ratio 0,56). Dazu dämpft Kolostrum in mehreren Studien den belastungsbedingten Anstieg der Darmdurchlässigkeit. Der Haken: Die Studien sind klein, die meisten mit Verzerrungsrisiko, und die gemessenen Immunmarker erklären den Effekt nicht. Für Leistung und Muskelaufbau gibt es kaum belastbare Hinweise.
Was Kolostrum ist
Kolostrum bildet die Milchdrüse in den ersten Tagen nach der Geburt. Es ist dichter als reife Milch und liefert dem Neugeborenen Antikörper, Laktoferrin, antimikrobielle Peptide und Wachstumsfaktoren wie IGF-1. Beim Kalb ist das überlebenswichtig, weil es ohne eigene Abwehr zur Welt kommt.
Als Supplement wird das Kolostrum von Milchkühen entfettet und schonend getrocknet. Die meisten Humanstudien haben 10 bis 20 g Pulver pro Tag verwendet. Das ist eine Menge, die eher an ein Proteinpulver erinnert als an eine Kapsel.
Wie es wirken soll
Die gängige Erklärung lautet: Die Immunglobuline wirken lokal im Mund, Rachen und Darm, binden Keime und stärken die Schleimhaut. Wachstumsfaktoren sollen die Zellen der Darmwand schützen. In Zellkultur dämpfte Kolostrum den hitzebedingten Zelltod von Darmzellen und stabilisierte den elektrischen Widerstand der Zellschicht.
Am Menschen ist das Bild spannender als die Lehrbuchgeschichte. In einer Studie mit 53 aktiven Männern sanken die Infekttage, aber weder das Speichel-IgA noch die Neutrophilenfunktion veränderten sich. Stattdessen stieg die Bakterienlast im Speichel unter Placebo stärker an als unter Kolostrum. Eine neue Crossover-Studie mit 16 Männern sah nach einer einmaligen Einnahme vor langem Radfahren einen um rund 15 % stärkeren oxidativen Burst der Neutrophilen. Kolostrum verändert also messbar etwas an der angeborenen Abwehr. Welcher Teil davon die weniger häufigen Infekte erklärt, weiß noch niemand.
Darmbarriere unter Belastung
Harte Ausdauerbelastung, besonders in der Hitze, macht die Darmwand vorübergehend durchlässiger. Hier liefert Kolostrum einen der saubersten Einzelbefunde: In einem doppelblinden Crossover mit 12 Freiwilligen stieg die Durchlässigkeit nach Belastung unter Placebo auf das 2,5-Fache, nach 14 Tagen Kolostrum wurde dieser Anstieg um 80 % gedämpft.
Eine Meta-Analyse über 10 Arbeiten bestätigt die Richtung beim Lactulose-Rhamnose-Test. Das ist ein etablierter Marker für die Durchlässigkeit, aber eben ein Marker. Ob daraus weniger Magen-Darm-Beschwerden im Wettkampf folgen, ist nicht untersucht. Wer den Begriff Leaky Gut als Diagnose versteht, sollte wissen, dass sich die Studien auf akuten Belastungsstress beziehen und nicht auf ein Krankheitsbild.
Erfahrungsberichte
Neben den Studien gibt es einen publizierten Fallbericht aus Jordanien: Bei einem Erwachsenen mit wiederkehrenden Atemwegsinfekten blieben diese unter Kolostrum aus, und das Mikrobiom im Nasenabstrich veränderte sich. Das ist ein Bericht über einen einzelnen Menschen, kein Wirkungsbeleg. Er passt aber zu der Beobachtung aus den kontrollierten Studien, dass Kolostrum eher an den Schleimhäuten ansetzt als an den klassischen Blutwerten.
Was gut belegt ist
Am besten belegt ist der Schutz vor Atemwegsinfekten bei Menschen, die regelmäßig trainieren. Die Meta-Analyse von Jones und Kollegen fasst 5 randomisierte Studien mit 152 Teilnehmern zusammen: Die Rate der Tage mit Symptomen lag unter Kolostrum bei 0,56 der Placebo-Rate (95-%-Konfidenzintervall 0,43 bis 0,72), die Rate der Episoden bei 0,62 (0,40 bis 0,99). Das entspricht 44 % weniger Symptomtagen und 38 % weniger Episoden, ein Effekt, den die Autoren als klinisch relevant einstufen.
Zweitens die Darmbarriere unter Belastung, mit einer Meta-Analyse und mehreren kleinen Studien in dieselbe Richtung. Drittens ein Sicherheitsbefund, der Sportler interessiert: In randomisierten Studien mit 20 g täglich über 4 und über 12 Wochen stieg das IGF-1 im Blut nicht an, ebenso wenig mit 60 g täglich über 4 Wochen. Bei Magen-Darm-Erkrankungen sank die Durchfallhäufigkeit in 15 von 20 Studienarmen, die Dauer der Beschwerden meist nicht.
Was die Studien zeigen
Meta-Analyse zu Atemwegssymptomen
Jones und Kollegen werteten 2016 5 randomisierte, placebokontrollierte Studien mit 152 trainierenden Erwachsenen aus, Laufzeit 8 bis 12 Wochen. Symptomtage: Rate Ratio 0,56, Episoden: 0,62, beide signifikant. Die Dauer der Episoden ließ sich nicht sinnvoll zusammenfassen, und 4 der 5 Studien hatten ein moderates oder hohes Verzerrungsrisiko. Die Autoren halten das Ergebnis für vielversprechend und fordern eine große Bestätigungsstudie.
Winterstudie mit 53 Männern
Doppelblind, 20 g Kolostrum oder ein energiegleiches Placebo über 12 Wochen im Winter. Der Anteil der Infekttage und die Zahl der Episoden waren unter Kolostrum signifikant geringer. Speichel-IgA, antimikrobielle Peptide und die Neutrophilenfunktion blieben unverändert, was gegen die bis dahin vermuteten Mechanismen spricht.
Darmdurchlässigkeit nach Belastung
Im Crossover mit 12 Freiwilligen nahmen alle je 14 Tage Kolostrum und Placebo und absolvierten danach eine standardisierte Belastung. Unter Placebo stieg der Lactulose-Rhamnose-Quotient auf das 2,5-Fache, unter Kolostrum wurde der Anstieg um 80 % gedämpft. Eine spätere Meta-Analyse über 10 Arbeiten fand ebenfalls einen signifikant niedrigeren Quotienten, beim Darmschadensmarker I-FABP aber keinen Unterschied.
IGF-1 im Blut
Davison und Kollegen prüften drei Szenarien: 40 g einmalig, 20 g täglich über 4 Wochen und 20 g täglich über 12 Wochen mit 25 Personen unter Kolostrum und 29 unter Placebo. In keinem Protokoll stieg das Plasma-IGF-1. Eine ältere Studie mit 60 g täglich über 4 Wochen fand ebenfalls keine Änderung, und die Dopingtests blieben negativ.
Wo die Daten aufhören
Die Infektdaten sind positiv, aber schmal: 152 Teilnehmer in der Meta-Analyse, überwiegend mit Verzerrungsrisiko, und eine große, ausreichend gepowerte Studie steht aus. Eine zweite Meta-Analyse über 10 Studien mit 239 Teilnehmern fand keinen oder nur einen geringen Effekt auf Immunglobuline, Lymphozyten und Speichel-IgA. Der klinische Befund ist also da, der erklärende Mechanismus fehlt.
Bei der Leistung ist die Lage dünn. Über 24 Wochen verbesserte Kolostrum bei 28 Fußballern die Leistung nicht, auch wenn IgG stieg und Entzündungsmarker sanken. In einer Rugbystudie mit 29 Spielern stieg nur die Sprunghöhe um 1,0 cm, Kraft, Ausdauer und Körperzusammensetzung blieben gleich, und die Erkrankungshäufigkeit änderte sich nicht. Eine Hitzestudie mit 7 trainierten und 8 untrainierten Männern sah keinen Nutzen. Für den Einsatz bei Frühgeborenen raten die Autoren einer Meta-Analyse ab, weil der beobachtete Vorteil vermutlich auf fehlende Verblindung zurückgeht.
Status, Zulassung und Recht
Kolostrum ist in Deutschland ein Lebensmittel und wird als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Die EFSA hat 2011 gesundheitsbezogene Angaben zu Immunsystem, Muskelaufbau, Leistung und Regeneration geprüft; die EU hat keine davon zugelassen, unter anderem weil das Produkt für eine Bewertung nicht ausreichend charakterisiert war. Eine Höchstmenge gibt es nicht. Verboten ist Kolostrum im Sport nicht. Die WADA rät Athleten seit 2013 wegen des IGF-1-Gehalts trotzdem vom Konsum ab, obwohl mehrere Studien keinen Anstieg im Blut gefunden haben.
Sicherheit
In den Studien über 12 und 24 Wochen fielen keine Sicherheitsprobleme auf. Kolostrum ist Milch: Bei einer Milcheiweißallergie ist es ungeeignet, und es enthält Milchzucker, was bei Laktoseintoleranz und hohen Mengen zu Beschwerden führen kann. Das IGF-1 aus dem Pulver ließ den Blutspiegel in den Studien nicht steigen. Wer wegen einer hormonabhängigen Erkrankung behandelt wird, bespricht die Einnahme trotzdem vorher ärztlich. Eine offizielle Obergrenze von EFSA, BfR oder NIH existiert nicht.
BK-Score Dünne Humanevidenz
| Human-Evidenz | 5 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 4 | |
| Sicherheits-Datenlage | 6 | |
| Hype-Abstand | 3 | |
| Anwendungserfahrung | 6 |
Eine Meta-Analyse über 5 RCTs mit 152 Trainierenden (BMC Sports Sci Med Rehabil 2016) fand über 8 bis 12 Wochen weniger Tage mit Atemwegssymptomen (Rate Ratio 0,56) und weniger Episoden (0,62), bei überwiegend moderatem bis hohem Verzerrungsrisiko. Eine Meta-Analyse über 10 Arbeiten (Dig Dis Sci 2024) zeigt einen gedämpften Anstieg der Darmdurchlässigkeit unter Belastung, gemessen mit Surrogatmarkern. Die klassischen Immunmarker ändern sich kaum (Nutrients 2020, 10 RCTs, 239 Teilnehmer); am Menschen verändert sich aber die Neutrophilenfunktion. Leistung verbesserte sich über 24 Wochen bei 28 Fußballern nicht, und IGF-1 im Blut stieg in RCTs über 12 Wochen nicht.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Colostrum (bovin)
Hilft Colostrum gegen Erkältungen?
Bei Menschen, die regelmäßig trainieren, fand eine Meta-Analyse über 5 Studien deutlich weniger Tage mit Atemwegssymptomen. Die Studien sind klein und haben ein Verzerrungsrisiko. Für Menschen ohne Training ist die Datenlage dünner.
Wie viel Colostrum wurde in den Studien verwendet?
Die meisten Humanstudien haben 10 bis 20 g Pulver pro Tag gegeben, meist über 8 bis 12 Wochen. Einzelne Studien lagen deutlich darüber. Einen Dosisvergleich mit klinischem Endpunkt gibt es nicht.
Hilft Colostrum bei Leaky Gut?
Belegt ist, dass Kolostrum den Anstieg der Darmdurchlässigkeit nach harter Belastung dämpft, gemessen mit einem Zuckertest im Urin. Ob das bei chronischen Beschwerden hilft, die unter dem Begriff Leaky Gut laufen, ist nicht untersucht.
Ist Colostrum Doping?
Nein, Kolostrum steht nicht auf der Verbotsliste. Die WADA rät Athleten wegen des IGF-1-Gehalts dennoch davon ab. Studien mit 20 bis 60 g täglich fanden keinen Anstieg des IGF-1 im Blut und negative Dopingtests.
Baut Colostrum Muskeln auf?
Dafür gibt es keine belastbaren Daten. In einer Rugbystudie verbesserte sich nur die Sprunghöhe, nicht Kraft oder Körperzusammensetzung. Die EU hat eine entsprechende Werbeaussage nicht zugelassen.
Kann ich Colostrum bei Laktoseintoleranz nehmen?
Kolostrum enthält Milchzucker, bei höheren Mengen kann das Beschwerden auslösen. Bei einer Milcheiweißallergie ist es ungeeignet. Im Zweifel mit einer kleinen Menge beginnen oder ärztlich abklären.
Passt dazu
- Wirkt zusammen mitProbiotika
- Wirkt zusammen mitZink
- Gleiche KategorieWhey Protein
- Gleiche KategorieKollagen-Peptide
- Auch bei immun und sportCordyceps
- Auch bei darm und immunChaga (Schiefer Schillerporling)
Quellen
- Jones et al., BMC Sports Sci Med Rehabil 2016
- Jones et al., Brain Behav Immun 2014
- Główka et al., Nutrients 2020
- Hajihashemi et al., Dig Dis Sci 2024
- Marchbank et al., Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol 2011
- Davison et al., Eur J Nutr 2020
- Davison, Nutrients 2021
- Mizelman et al., Eur J Appl Physiol 2026
- Jones, Thatcher, Davison, Eur J Nutr 2026
- EFSA NDA Panel, EFSA Journal 2011
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-26.