Peptid & Experimentelles
Oral-Turinabol (Dehydrochlormethyltestosteron)
Orales anabol-androgenes Steroid mit 17α-Methyl-Struktur, früheres DDR-Arzneimittel von Jenapharm, heute ohne Zulassung · Turinabol, Turi, OT, DHCMT, Dehydrochlormethyltestosteron, 4-Chlordehydromethyltestosteron, Chlordehydromethyltestosteron
Oral-Turinabol ist ein anabol-androgenes Steroid in Tablettenform, entwickelt vom DDR-Pharmabetrieb Jenapharm und 1965 für die Klinik eingeführt. Bekannt geworden ist es nicht als Arzneimittel, sondern als das am häufigsten eingesetzte Mittel des staatlichen Dopingprogramms der DDR. Zur Wirkung gibt es Geheimakten statt Studien – zu den Folgen gibt es Untersuchungen an Menschen, die es oft als Jugendliche und ohne ihr Wissen bekamen.
Kurz gesagt
Dass Oral-Turinabol Kraft und Leistung steigert, ist in internen DDR-Berichten dokumentiert, etwa an 40 Weltklasse-Werfern; besonders stark fiel die Wirkung bei Frauen aus. Kontrollierte Studien dazu gibt es nicht, am Menschen kontrolliert untersucht ist nur, wie der Körper den Stoff abbaut. Gut dokumentiert ist dagegen, woran ehemalige DDR-Athletinnen und -Athleten heute leiden: Verschleiß des Bewegungsapparats, psychische Erkrankungen, Hormonstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tumoren. Diese Daten können die Substanz nicht sauber vom Druck des Systems und von den übrigen Mitteln trennen. Rechtlich ist die Lage eindeutig: In Deutschland steht der Wirkstoff in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes, im Sport ist er jederzeit verboten.
Was es ist und wie es wirkt
Oral-Turinabol enthält Dehydrochlormethyltestosteron, eine chlorierte Abwandlung des Metandienons. Hergestellt wurde es vom volkseigenen Betrieb Jenapharm in Jena, 1965 kam es in der DDR für die Klinik auf den Markt. Wie viele Tabletten-Steroide trägt es eine 17α-Methyl-Gruppe. In Deutschland ist heute kein Arzneimittel mit diesem Wirkstoff gelistet.
Wie alle anabol-androgenen Steroide bindet es am Androgenrezeptor: Es steigert den Eiweißaufbau, wirkt vermännlichend und drosselt über die Rückkopplung die eigene Hormonproduktion. Einen Überblick über die ganze Stoffgruppe, ihre Wirkung und die großen Kohortenstudien findest du unter Anabole Steroide (Anabolika, AAS).
Am Menschen genau vermessen ist vor allem der Abbau. In einer kontrollierten Studie mit 5 gesunden Männern waren Stoffwechselprodukte nach einer einzigen Einnahme je nach Person zwischen 9,9 und 44,9 Tagen im Urin nachweisbar (Loke 2021).
Das Programm der DDR
Nach Akten, die nach 1990 gesichert wurden, betrieben ab 1966 Hunderte Ärzte und Wissenschaftler in der DDR Dopingforschung; jedes Jahr erhielten mehrere tausend Sportler Androgene, darunter Minderjährige beider Geschlechter. Ab 1968 gab man die Mittel gezielt auch Frauen und Mädchen, weil sie dort am stärksten wirkten. Oral-Turinabol war dabei der am häufigsten eingesetzte Stoff (Franke & Berendonk 1997).
Eine aktuelle Übersicht schätzt, dass ab den 1970er Jahren rund 15.000 minderjährige Athletinnen und Athleten betroffen waren. Die Mittel wurden verdeckt gegeben, ohne Wissen, Aufklärung oder Einwilligung, oft vor der Pubertät und trotz bekannter Gesundheitsrisiken (Spitzer & Bley 2026). Den Jugendlichen wurden die Tabletten als „Vitamine“ ausgegeben, sie mussten sie vor den Trainern schlucken (Franke & Berendonk 1997).
Für die Opfer gab es zwei Hilfegesetze. Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2.062 Anträge gestellt und 1.643 bewilligt (Bundestag 2023).
Was gut belegt ist
Belegt ist zweierlei, beides nicht aus klinischen Studien. Erstens die Leistungswirkung: Die DDR hat sie selbst über Jahre ausgewertet, mit Messreihen an Spitzensportlern und einem deutlichen Effekt bei Frauen. Zweitens die Folgen: Menschen, die im DDR-System gedopt wurden, sind Jahrzehnte später häufiger körperlich und psychisch krank als nicht gedopte Sportler und Nichtsportler. Gut vermessen ist außerdem, wie lange der Stoff im Urin nachweisbar bleibt – die Grundlage dafür, dass Proben der Olympischen Spiele 2008 und 2012 nachträglich positiv getestet wurden (Loke 2021).
Was die Studien zeigen
Geheimbericht von 1973: Leistung unter dem Mittel
Ein geheimer Bericht von Ärzten und Trainern wertete die Wirkung bei 40 Weltklasse-Athleten der Wurf- und Stoßdisziplinen aus, jeweils mit und ohne Mittel. Bei einer Kugelstoßerin stieg die Leistung in 11 Wochen um rund 2 m; ohne das Mittel erreichte sie die Bestmarken nicht. Ähnlich deutliche Effekte wurden vor allem bei Frauen berichtet (Franke & Berendonk 1997). Das ist eine Dokumentation, keine Studie: Es gab weder Zufallszuteilung noch Kontrollgruppe.
Kontrollierte Gabe an 5 Männer
Die einzige kontrollierte Studie am Menschen untersuchte den Nachweis, nicht die Wirkung. Nach einer einmaligen Einnahme wurde der Urin 60 Tage lang gesammelt; das letzte eindeutig positive Ergebnis lag je nach Person zwischen Tag 9,9 und 44,9 (Loke 2021).
Gedopte und nicht gedopte Sportler im Vergleich
Eine Studie verglich drei Gruppen: im Jugendalter gedopte Leistungssportler, nicht gedopte Leistungssportler und Menschen ohne Leistungssport. Die gedopte Gruppe hatte mehr körperliche und psychische Erkrankungen und mehr Schwierigkeiten im Beruf; Männer hatten häufiger eine gestörte Leberfunktion, Depressionen und Tumoren. Die Autoren betonen, dass auch der Druck des Systems in einer verletzlichen Lebensphase zu den Folgen beitragen kann (Berger 2024).
107 anerkannte Dopingopfer
Die Auswertung der ärztlichen Unterlagen von 56 Frauen und 51 Männern zeigte vor allem Verschleißerkrankungen des Bewegungsapparats mit chronischen Schmerzen, an zweiter Stelle psychische Erkrankungen, dazu Knochenbrüche und Folgen an den männlichen Geschlechtsorganen. Das Bild deckte sich mit früheren Fragebogen-Erhebungen. Die Autoren schätzen, dass bis zu 12.000 Menschen an den Folgen leiden (Raschka & Koch 2024).
Psychische Folgen
In einer Fall-Kontroll-Studie mit Fragebögen zeigte der größte Teil der früheren DDR-Leistungssportler eine klinisch relevante psychische Belastung, 65,19 % eine ausgeprägte depressive Symptomatik (Buhrmann 2023). Eine Übersicht nennt eine Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen von bis zu 98 %, vor allem Depressionen, Angststörungen und körperlich empfundene Schmerzstörungen (Spitzer & Bley 2026).
Wo die Daten aufhören
Es gibt keine kontrollierte Studie, die Oral-Turinabol mit Placebo oder einem anderen Steroid vergleicht – weder zur Wirkung noch zur Sicherheit. Die Leistungsdaten stammen aus Akten eines Systems, das Ergebnisse wollte, nicht Erkenntnis.
Die Langzeitdaten sind wertvoll, haben aber Grenzen. Die Betroffenen erhielten meist mehrere Mittel, darunter Testosteron-Spritzen und Mestanolon (Franke & Berendonk 1997), die Mengen sind im Einzelfall oft nicht bekannt, und viele Untersuchungen stützen sich auf Fragebögen oder auf anerkannte Opfer, also eine ausgewählte Gruppe. Dazu kam der Druck des Systems, den die Studien selbst als mögliche Ursache nennen. Wie sich der Stoff heute im Freizeitsport auswirkt, ist nicht eigens untersucht.
Status, Zulassung und Recht
In Deutschland ist kein Arzneimittel mit Dehydrochlormethyltestosteron gelistet (Gelbe Liste, Stand 10/2026). Ein nicht zugelassenes Fertigarzneimittel darf nicht in Verkehr gebracht werden (§ 21 Arzneimittelgesetz). Der Wirkstoff steht namentlich in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes: Herstellung, Handel, Abgabe und Verschreibung zu Dopingzwecken sind verboten (§ 2 Abs. 1), ebenso Erwerb, Besitz und Verbringen in nicht geringer Menge zum Doping im Sport (§ 2 Abs. 3). Auf der WADA-Verbotsliste 2026 steht er unter S1.1 und ist jederzeit verboten.
Sicherheit
Die Langzeitstudien an früheren DDR-Athleten beschreiben Störungen der Hormonregulation, Wachstums- und Organschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumoren und Verschleißerkrankungen des Bewegungsapparats; bei Männern fiel häufiger eine gestörte Leberfunktion auf (Berger 2024, Spitzer & Bley 2026). Psychisch stehen Depressionen, Angst- und Schmerzstörungen im Vordergrund. Bei Frauen kommt die Vermännlichung hinzu, die bleiben kann; schon 1976 fielen die tiefen Stimmen der DDR-Schwimmerinnen öffentlich auf (Franke & Berendonk 1997). Für die Stoffgruppe insgesamt sind Herzschäden, die Abschaltung der eigenen Hormonproduktion und ein erhöhtes Sterberisiko in großen Kohorten belegt, siehe Anabole Steroide (Anabolika, AAS). Vor jedem Schritt gehört hier ein ärztliches Gespräch – nicht der Formalität wegen, sondern wegen Folgen, die bleiben können.
BK-Score Lange angewendet, kaum untersucht
| Human-Evidenz | 3 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 4 | |
| Hype-Abstand | 3 | |
| Anwendungserfahrung | 6 |
Evidenz 3, weil die Leistungswirkung nur aus internen DDR-Akten ohne Kontrollgruppe belegt ist – ein Geheimbericht von 1973 wertete 40 Weltklasse-Werfer aus (Franke & Berendonk 1997) –, es aber keine einzige randomisierte Studie zu Muskelaufbau, Kraft oder Leistung gibt; kontrolliert am Menschen untersucht ist nur der Abbau, an 5 Männern (Loke 2021). Mechanismus 6, weil Androgenrezeptor und Drosselung der Hormonachse für die Stoffklasse bekannt und der Stoffwechsel am Menschen detailliert vermessen sind, die Wirkung dieses einzelnen Stoffs auf Muskel, Herz und Leber aber nicht quantifiziert ist. Sicherheit 4, weil es Langzeitdaten zu Hunderten ehemaliger DDR-Athleten gibt – Vergleichsstudien mit nicht gedopten Sportlern, die Auswertung von 107 anerkannten Dopingopfern und psychische Befunde wie 65,19 % mit ausgeprägter Depressivität –, die Betroffenen aber meist mehrere Mittel unter massivem Druck erhielten und sich die Schäden nicht der Substanz allein zuordnen lassen; eine niedrige Zahl heißt hier wenig sauber untersucht, nicht harmlos. Hype 3, weil das Mittel als mildes, sauberes Tabletten-Steroid gehandelt wird, während die einzige große Datenquelle zu Menschen die Folgeschäden des DDR-Programms beschreibt. Anwendung 6, weil es ab 1965 in der DDR als Arzneimittel eingesetzt und ab 1966 an tausende Sportler jährlich gegeben wurde, heute aber nirgends ärztlich reguliert verwendet wird. Richtung offen: Die Leistungssteigerung ist dokumentiert, aber nie kontrolliert geprüft.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Oral-Turinabol
Was war Oral-Turinabol?
Ein Steroid in Tablettenform aus dem DDR-Betrieb Jenapharm, 1965 für die Klinik eingeführt. Ab 1966 wurde es im staatlichen Dopingprogramm der DDR eingesetzt und war dort das am häufigsten verwendete Mittel.
Ist die Leistungswirkung belegt?
Sie ist dokumentiert, aber nicht in Studien geprüft. Interne DDR-Berichte zeigen deutliche Leistungssprünge, vor allem bei Frauen. Eine Kontrollgruppe oder eine Zufallszuteilung gab es nicht, und eine randomisierte Studie zu Muskelaufbau oder Kraft existiert bis heute nicht.
Welche Langzeitfolgen haben ehemalige DDR-Athleten?
Am häufigsten Verschleißerkrankungen des Bewegungsapparats mit chronischen Schmerzen und psychische Erkrankungen, vor allem Depressionen. Dazu kommen Hormonstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumoren und bei Frauen eine Vermännlichung, die bleiben kann.
Lassen sich diese Folgen eindeutig dem Mittel zuschreiben?
Nicht vollständig. Die Betroffenen erhielten meist mehrere Mittel und standen unter großem Druck, oft schon als Kinder. Die Studien zeigen, dass gedopte Sportler häufiger krank sind als nicht gedopte, können aber den Anteil der einzelnen Substanz nicht herausrechnen.
Ist Oral-Turinabol in Deutschland erlaubt?
Nein. Es gibt kein zugelassenes Arzneimittel mit diesem Wirkstoff, er steht namentlich in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes, und im Sport ist er jederzeit verboten.
Warum taucht es bis heute in Dopingkontrollen auf?
Weil Abbauprodukte lange im Urin nachweisbar bleiben, in einer Studie bis zu 44,9 Tage nach einer einzigen Einnahme. Mit diesen Nachweisen wurden Proben der Olympischen Spiele 2008 und 2012 nachträglich positiv getestet.
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Quellen
- Franke WW, Berendonk B, Clin Chem 1997 – Hormondoping und Androgenisierung von Athleten: das geheime Programm der DDR-Regierung
- Spitzer C, Bley B, Bundesgesundheitsblatt 2026 – Staatsdoping im DDR-Leistungssport: gesundheitliche Folgen, Aufarbeitung, rechtlicher Ausgleich
- Berger K et al., Orthopädie 2024 – Langzeitfolgen von Steroiddoping im Jugendalter, Vergleich mit nicht gedopten Sportlern und Nichtsportlern
- Raschka C, Koch HJ, MMW Fortschr Med 2024 – Schäden bei 107 anerkannten DDR-Dopingopfern
- Buhrmann SF et al., Psychiatr Prax 2023 – Psychopathologie ehemaliger DDR-Leistungssportler im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
- Loke S et al., J Steroid Biochem Mol Biol 2021 – kontrollierte Gabe an 5 Männer: Ausscheidung und Langzeit-Nachweis
- Deutscher Bundestag, hib 128/2023 – Dopingopferhilfe: 1.643 von 2.062 Anträgen bewilligt
- Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG), § 2 und Anlage
- Arzneimittelgesetz (AMG), § 21 Zulassungspflicht
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-05.