Biohacking Kompakt

Supplement

Dihydromyricetin (DHM)

Antioxidant · DHM, Ampelopsin, Hovenia dulcis, Japanischer Rosinenbaum, Ampelopsis grossedentata

Dihydromyricetin, kurz DHM, ist der Wirkstoff hinter vielen Anti-Kater-Produkten. Die Idee stammt aus einer Rattenstudie, in der DHM Alkoholwirkungen am GABA-A-Rezeptor aufhob, und am Menschen gibt es zwei kleine randomisierte Studien bei Fettleber mit sinkenden Leberwerten. Gegen den Kater wurden bisher nur Extrakte des Japanischen Rosinenbaums geprüft, nicht DHM allein.

Was Dihydromyricetin ist

DHM, auch Ampelopsin genannt, ist ein Flavonoid. Es ist der Hauptwirkstoff von Ampelopsis grossedentata, einer Pflanze, die in China seit Jahrhunderten als Nahrungs- und Heilpflanze verwendet wird (Chen 2015). Auch die Früchte des Japanischen Rosinenbaums (Hovenia dulcis) enthalten DHM, dort neben Myricetin und Quercetin in kleinen Mengen (EFSA 2020). In der ostasiatischen Medizin gilt Hovenia traditionell als Mittel gegen Alkoholrausch (Paik 2024).

Im BK-Score stehen 3 von 10 Punkten bei der Human-Evidenz. Diese Achse bewertet den Wissensstand, nicht die Substanz. Gegen den Kater, wofür DHM vor allem verkauft wird, gibt es keine Humanstudie mit dem Einzelstoff.

Wie es wirkt

Shen 2012 gaben Ratten DHM als Injektion in die Bauchhöhle. Es hob akute Alkoholwirkungen auf, milderte Entzugszeichen wie Toleranz, Angst und Krampfneigung und senkte den freiwilligen Alkoholkonsum. An Nervenzellen blockierte DHM die durch Alkohol verstärkte Aktivität von GABA-A-Rezeptoren und deren Umbau nach Alkohol; der Benzodiazepin-Gegenspieler Flumazenil hob die Effekte auf. DHM setzt demnach an der Benzodiazepin-Bindungsstelle des Rezeptors an.

Eine systematische Übersicht von 2026 beschreibt in Zell- und Tierversuchen zudem weniger oxidativen Stress, weniger Entzündung und weniger Leberverfettung durch Alkohol, über Signalwege wie Nrf2 und AMPK. Die Befunde zum Alkoholabbau und zum Verhalten waren dagegen uneinheitlich (Skinner 2026). Ob DHM in üblichen Mengen beim Menschen dieselben Wege erreicht, ist nicht untersucht.

Was gut belegt ist

  • Sinkende Leberwerte bei Fettleber. Bei 60 Erwachsenen mit nichtalkoholischer Fettleber sanken unter DHM über 3 Monate ALT, AST, GGT, Blutzucker, LDL-Cholesterin und Insulinresistenz stärker als unter Placebo (Chen 2015).
  • Bestätigung in einer zweiten Studie. Mit einem DHM-haltigen Kombinationspräparat normalisierten sich ALT und GGT nach 12 Monaten bei 35 Prozent gegenüber 5 Prozent unter Placebo (Michailidou 2026).
  • Ein klarer Mechanismus im Tier. Die Wirkung am GABA-A-Rezeptor ist in Rattenversuchen und an Nervenzellen gezeigt und lässt sich durch Flumazenil aufheben (Shen 2012).

Was die Studien zeigen

Fettleber: Chen 2015

60 Erwachsene mit nichtalkoholischer Fettleber erhielten doppelblind 3 Monate lang zweimal täglich zwei Kapseln mit je 150 mg DHM oder Placebo. Gegenüber Placebo sanken ALT, AST und GGT, Nüchternblutzucker, LDL-Cholesterin, Apolipoprotein B und der HOMA-Index für Insulinresistenz. In der DHM-Gruppe gingen zudem TNF-alpha, Zytokeratin-18-Fragmente und FGF21 zurück, Adiponektin stieg.

Fettleber: Michailidou 2026

55 Patienten mit stoffwechselbedingter Fettleber (MASLD) erhielten 12 Monate ein Präparat mit 300 mg DHM täglich, Vitamin C und E und Cholin, oder Placebo. 9 Patienten schieden vorzeitig aus, 7 davon aus der Placebogruppe. Nach 12 Monaten hatten sich ALT und GGT bei 35 gegenüber 5 Prozent normalisiert, die Lebersteifigkeit lag nur in der Behandlungsgruppe unter dem Ausgangswert. Welcher Bestandteil wirkte, lässt sich nicht trennen.

Kater: Studien mit Hovenia-Extrakt

Paik 2024 gaben 30 Teilnehmenden in einer doppelblinden Crossover-Studie zum Alkohol Getränke mit Hovenia-Fruchtextrakt, teils kombiniert mit Kudzu- oder Glutathion-Hefeextrakt, oder Placebo. Nach 0,5 und 6 Stunden lag der Blutalkohol in zwei Hovenia-Gruppen niedriger als unter Placebo, das Acetaldehyd nur in der Kombination mit Kudzu nach 6 Stunden. Die Übersicht von Skinner 2026 fand insgesamt zwei klinische Studien zu Alkohol, beide mit Hovenia-Extrakten; sie zeigten weniger Katersymptome und Entzündungsmarker, prüften aber nicht isoliertes DHM.

Was Anwender berichten

Song 2026 werteten in einer dezentralen Beobachtungsstudie 2.958 Morgenbefragungen von 90 Erwachsenen aus. Nach Alkoholabenden mit einem Kombinationsprodukt aus DHM und L-Cystein bewerteten sie geistige Klarheit, körperliches Wohlbefinden, Energie und Schlafqualität etwas besser als nach Alkohol allein; die Effekte waren klein (Cohen-d 0,20 bis 0,32). Die Teilnehmenden entschieden selbst, wann sie das Produkt nahmen, eine Placebogruppe gab es nicht. Die Autoren halten deshalb eine randomisierte Studie für nötig.

Wo die Daten aufhören

  • DHM gegen den Kater. Eine kontrollierte Kater-Studie mit isoliertem DHM gibt es nicht. Die positiven Daten stammen aus Hovenia-Extrakten und einer Beobachtungsstudie ohne Placebo.
  • Schutz vor Alkoholschäden. Die Effekte auf alkoholbedingte Leberschäden sind in Zell- und Tierversuchen gezeigt. Die Studien am Menschen betrafen Fettleber ohne Alkoholbezug. Belegt gegen Alkoholschäden ist weniger Alkohol, mehr dazu unter Alkohol reduzieren.
  • Wirkung im menschlichen Gehirn. Die Rattenstudie nutzte Injektionen in die Bauchhöhle. Ob DHM nach dem Schlucken beim Menschen den GABA-A-Rezeptor in wirksamer Menge erreicht, ist offen.
  • Langzeitsicherheit. Die längste Studie dauerte 12 Monate mit 55 Patienten und prüfte ein Kombinationspräparat.

Status, Zulassung und Recht

Weder DHM noch ein Hovenia-Extrakt steht in der Unionsliste der zugelassenen neuartigen Lebensmittel der EU (konsolidierte Fassung vom 10. August 2026). Die EFSA bewertete 2020 einen Heißwasserextrakt aus Früchten und Fruchtstielen von Hovenia dulcis für Nahrungsergänzungsmittel und kam zu dem Schluss, dass seine Sicherheit nicht nachgewiesen ist; unter anderem ließ sich nicht prüfen, ob die vorgelegten Studien mit dem beantragten Erzeugnis gemacht wurden. Dieser Extrakt ist damit in der EU nicht als neuartiges Lebensmittel zugelassen.

Für isoliertes DHM haben wir weder eine Zulassung als neuartiges Lebensmittel noch einen Eintrag im Novel-Food-Katalog gefunden; ob ein Produkt verkehrsfähig ist, ist im Einzelfall zu prüfen. Zugelassene gesundheitsbezogene Angaben gibt es nicht.

Sicherheit

Die Abstracts der beiden Fettleber-Studien über 3 und 12 Monate berichten keine Nebenwirkungen. Die EFSA konnte die Sicherheit des Hovenia-Extrakts nicht feststellen; als Zielgruppe hatte der Antragsteller Erwachsene ohne Schwangere, Stillende und Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Leberfunktionsstörungen genannt. In Laborversuchen hemmten DHM und sein Sulfat-Abbauprodukt die Enzyme CYP2C9, CYP2C19 und CYP3A4 nicht oder nur wenig (Dombi 2024); am Menschen sind Wechselwirkungen nicht untersucht. Einen Schutz vor den Folgen von Alkohol belegt keine Humanstudie. Im BK-Score steht die Sicherheit bei 2 von 10 Punkten; diese Achse misst, wie gut die Sicherheit untersucht ist, nicht wie sicher die Substanz ist. Dieser Text ist Information und ersetzt keine medizinische Beratung.

BK-Score Hype weit vor Evidenz

Human-Evidenz3
Mechanismus4
Sicherheits-Datenlage2
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung4

Evidenz 3, weil es am Menschen zwei kleine randomisierte Studien bei Fettleber mit günstigen Leberwerten gibt (Chen 2015 mit 60 Teilnehmenden, Michailidou 2026 mit 55 Patienten und einem Kombinationspräparat), der beworbene Nutzen gegen den Kater aber nur mit Hovenia-Extrakten und nicht mit isoliertem DHM geprüft ist (Skinner 2026, Paik 2024). Mechanismus 4, weil die Wirkung an der Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors aus Ratten- und Zellversuchen stammt (Shen 2012) und Befunde zum Alkoholabbau schon im Tier uneinheitlich sind. Sicherheit 2, weil Humandaten nur aus zwei Studien über 3 und 12 Monate vorliegen und die EFSA 2020 die Sicherheit eines Hovenia-Extrakts als neuartiges Lebensmittel nicht feststellen konnte. Hype 2, weil DHM als Anti-Kater-Mittel vermarktet wird, ohne dass eine kontrollierte Kater-Studie mit dem Einzelstoff vorliegt; die einzige Anwenderauswertung ist eine Beobachtungsstudie ohne Placebo mit kleinen Effekten (Song 2026). Anwendung 4, weil Ampelopsis grossedentata in China seit langem als Nahrungs- und Heilpflanze dient, isoliertes DHM aber erst kurz als Supplement verbreitet ist. Richtung offen: ermutigende Fettleber-Daten, zum Hauptversprechen keine Humanstudie mit DHM.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Dihydromyricetin (DHM)

Was ist Dihydromyricetin (DHM)?

Ein Flavonoid, auch Ampelopsin genannt, vor allem aus der Pflanze Ampelopsis grossedentata und aus den Früchten des Japanischen Rosinenbaums (Hovenia dulcis). Es wird als Mittel gegen den Kater und für die Leber verkauft. In der ostasiatischen Medizin gilt Hovenia traditionell als Mittel gegen Alkoholrausch.

Hilft DHM gegen den Kater?

Das ist am Menschen nicht geprüft. Die bekannte Rattenstudie zeigte, dass DHM Alkoholwirkungen am GABA-A-Rezeptor aufhebt. Klinische Studien gibt es nur mit Hovenia-Extrakten, und eine Anwenderstudie ohne Placebo fand kleine Verbesserungen des Befindens.

Wie wirkt DHM?

In Rattenversuchen und an Nervenzellen setzt DHM an der Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors an und blockiert dort die Wirkung von Alkohol. In Zell- und Tierversuchen dämpft es zudem oxidativen Stress und Entzündung in der Leber. Ob das beim Menschen in üblichen Mengen geschieht, ist offen.

Hilft DHM bei Fettleber?

Zwei randomisierte Studien deuten darauf hin. Bei 60 Erwachsenen sanken unter DHM über drei Monate Leberwerte, Blutzucker und LDL-Cholesterin stärker als unter Placebo, bei 55 Patienten normalisierten sich mit einem Kombinationspräparat die Leberwerte häufiger. Beide Studien sind klein.

Ist DHM in Deutschland erlaubt?

Weder DHM noch ein Hovenia-Extrakt steht in der EU-Liste der zugelassenen neuartigen Lebensmittel. Die EFSA konnte 2020 die Sicherheit eines Hovenia-Extrakts für Nahrungsergänzungsmittel nicht feststellen. Zugelassene Gesundheitsangaben gibt es nicht.

Schützt DHM vor Alkoholschäden?

Dafür gibt es am Menschen keinen Beleg. Die Leberschutz-Effekte stammen aus Zell- und Tierversuchen, die Studien am Menschen betrafen Fettleber ohne Alkoholbezug. Isoliertes DHM wurde in keiner klinischen Studie zu Alkohol geprüft.

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-07.