Supplement
TUDCA
Longevity · Tauroursodeoxycholsäure, Tauroursodesoxycholsäure, Taurursodiol, Ursodoxicoltaurin
TUDCA ist eine Gallensäure, die auch in der Leber gebildet wird und die in Italien als Arzneimittel für die Galle verschrieben wird. In der Biohacking-Szene gilt sie als Leberschutz, als Helfer für die Insulinwirkung und als Hoffnungsträger für die Nerven. Für Leber und Galle gibt es solide Studien, bei der Insulinwirkung einen interessanten Anfang, bei ALS eine ernüchternde große Studie.
Kurz gesagt
TUDCA, ausgeschrieben Tauroursodeoxycholsäure, ist die mit Taurin verbundene Form der Ursodeoxycholsäure, eines bekannten Gallenmedikaments. Bei der primär biliären Cholangitis wirkte sie in einer Studie mit 199 Patienten so gut wie das Standardmittel und verursachte weniger Juckreiz. Bei Adipösen stieg die Insulinwirkung in Leber und Muskel nach 4 Wochen um etwa 30 Prozent, gemessen allerdings nur an 20 Personen. Bei ALS zeigte eine kleine Studie einen deutlichen Effekt, die große europäische Phase-III-Studie mit 336 Teilnehmenden hat ihn 2024 nicht bestätigt. TUDCA ist über Monate gut verträglich, zum Leberschutz bei Gesunden gibt es aber keine kontrollierten Daten.
Was es ist
Gallensäuren helfen im Darm, Fette zu verdauen, und kreisen zwischen Leber und Darm. Die Ursodeoxycholsäure, kurz UDCA, ist eine besonders wasserlösliche und damit schonende Gallensäure. Hängt der Körper Taurin an sie an, entsteht TUDCA. Im Kreislauf zwischen Leber und Darm wird ein Teil davon wieder in UDCA zurückverwandelt und neu verbunden.
In Italien ist TUDCA als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen, zum Beispiel als Tauro mit 250 mg pro Kapsel. Es wird dort eingesetzt, um Cholesteringallensteine aufzulösen und eine gestörte Gallenbildung zu verbessern. Die Packungsbeilage nennt 5 bis 10 mg pro Kilogramm Körpergewicht, also 250 bis 750 mg täglich. In Deutschland ist TUDCA als Nahrungsergänzungsmittel im Handel.
Wie es wirken soll
Der erste Weg läuft über die Galle. Wer TUDCA einnimmt, verschiebt den Gallensäurepool hin zu den hydrophilen, weniger aggressiven Gallensäuren. Das ist beim Menschen gemessen: Bei Patienten mit primär biliärer Cholangitis stieg der Anteil der Ursodeoxycholsäure in der Galle unter 500, 1000 und 1500 mg pro Tag über 6 Monate auf 34,4, 32,8 und 41,6 Prozent. Gleichzeitig sanken die körpereigenen, aggressiveren Gallensäuren.
Der zweite Weg ist spannender und für Biohacker der eigentliche Grund. TUDCA wirkt in Zellen als sogenanntes chemisches Chaperon, als Faltungshelfer für Proteine. Es entlastet das endoplasmatische Retikulum, die Proteinfabrik der Zelle, wenn dort zu viele Proteine falsch gefaltet werden. Dieser ER-Stress gilt als Bindeglied zwischen Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes. In einer viel zitierten Arbeit in Science von 2006 normalisierten TUDCA und 4-Phenylbuttersäure bei adipösen, diabetischen Mäusen den Blutzucker, stellten die Insulinwirkung wieder her und lösten die Fettleber auf.
Aus demselben Grund wird TUDCA bei Nervenerkrankungen untersucht: Absterbende Nervenzellen bei ALS zeigen ebenfalls Zeichen von ER-Stress und fehlgefalteten Proteinen. Im Labor schützt TUDCA Zellen vor dem programmierten Zelltod.
Was Anwender suchen
In der Kraftsportszene wird TUDCA als Leberschutz bei oralen Anabolika genutzt, in der Longevity-Szene als allgemeiner Leber- und Zellschutz. Das sind Anwenderberichte, die man ernst nehmen kann, weil TUDCA bei Gallenstau tatsächlich wirkt. Kontrollierte Studien genau zu diesen Einsatzzwecken gibt es aber nicht.
Was gut belegt ist
Am besten belegt ist TUDCA dort, wo es herkommt: bei Erkrankungen von Leber und Gallenwegen. In einer multizentrischen, doppelblinden Studie aus China erhielten 199 Patienten mit primär biliärer Cholangitis 24 Wochen lang dreimal täglich 250 mg TUDCA oder 250 mg UDCA. Die alkalische Phosphatase, der wichtigste Laborwert dieser Erkrankung, sank bei 75,97 Prozent unter TUDCA und bei 80,88 Prozent unter UDCA um mehr als 25 Prozent. Der Unterschied war nicht signifikant. Unter UDCA stieg der Anteil der Patienten mit Juckreiz von 1,43 auf 10,00 Prozent, unter TUDCA blieb er unverändert. Eine kleine Studie bei Leberzirrhose mit 750 mg pro Tag über 6 Monate fand sinkende Leberwerte, aber keine Veränderung der Fibrosemarker. Dazu kommt ein echter Befund zur Insulinwirkung beim Menschen. In einer randomisierten Studie nahmen 20 adipöse Erwachsene 4 Wochen lang 1.750 mg TUDCA pro Tag oder Placebo. Mit der aufwendigen Clamp-Methode gemessen, stieg die Insulinsensitivität in Leber und Muskel um etwa 30 Prozent, im Fettgewebe nicht. Im Muskel war auch das Insulinsignal selbst stärker. Über alle Studien hinweg war TUDCA gut verträglich, auch über 18 Monate.
Was die Studien zeigen
Die ALS-Pilotstudie
34 ALS-Patienten unter dem Standardmittel Riluzol wurden nach 3 Monaten Beobachtung auf 1 g TUDCA zweimal täglich oder Placebo randomisiert und 54 Wochen behandelt. Als Responder galt, wessen Krankheitsverlauf sich auf der ALSFRS-R-Skala um mindestens 15 Prozent verlangsamte. Das waren 87 Prozent unter TUDCA und 43 Prozent unter Placebo. Die Nebenwirkungen unterschieden sich nicht. Die Autoren sprachen vorsichtig von vorläufigen Daten.
TUDCA-ALS, die Phase-III-Studie
Das europäische Konsortium prüfte das Ergebnis mit 336 Teilnehmenden in 25 Zentren in 7 Ländern. Sie erhielten 18 Monate lang zusätzlich zu Riluzol 1 g TUDCA zweimal täglich oder Placebo. Im März 2024 meldete das Konsortium, dass der primäre Endpunkt verfehlt wurde. Auch beim Überleben und beim Nervenschadensmarker Neurofilament gab es keinen Unterschied. TUDCA war gut verträglich, mit überwiegend leichten Magen-Darm-Beschwerden in beiden Gruppen. Eine Vollpublikation mit allen Zahlen stand bei Redaktionsschluss noch aus.
Die Clamp-Studie zur Insulinwirkung
20 adipöse Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren und einem BMI um 37 erhielten 4 Wochen lang 1.750 mg TUDCA pro Tag oder Placebo. Leber und Muskel reagierten danach um etwa 30 Prozent besser auf Insulin. Überraschend änderten sich die Marker für ER-Stress in Muskel und Fettgewebe nicht, obwohl gerade das der vermutete Wirkweg ist.
Wo die Daten aufhören
Bei ALS ist die Geschichte ein Lehrstück. Nach der kleinen Pilotstudie mit 34 Patienten kam die große Studie mit 336 Teilnehmenden nicht zum gleichen Ergebnis. Eine italienische Registerauswertung fand bei 86 behandelten Patienten ein medianes Überleben von 49,6 statt 36,2 Monaten, war aber rückblickend und nicht randomisiert. Auch die Kombination mit Natriumphenylbutyrat verlief ähnlich: In der Phase-2-Studie CENTAUR mit 137 Teilnehmenden verlangsamte sie den Funktionsverlust um 0,42 Punkte pro Monat, in der Phase-3-Studie PHOENIX änderte sich nach 48 Wochen nichts, und das 2022 in den USA zugelassene Mittel wurde 2024 zurückgezogen. Eine Meta-Analyse von 2026 bewertet die Evidenz als sehr unsicher. Bei der Insulinwirkung beruht alles auf einer Studie mit 20 Personen über 4 Wochen. Ob TUDCA den Langzeitzucker senkt, Diabetes verhindert oder beim Abnehmen hilft, ist nicht untersucht. Beim Leberschutz stammen alle Humandaten aus Gallenstau-Erkrankungen. Ob TUDCA gesunde Lebern vor Alkohol, Medikamenten oder oralen Anabolika schützt, hat niemand kontrolliert geprüft. Bei Neugeborenen unter künstlicher Ernährung verhinderte es die Gallenstauung nicht.
Status, Zulassung und Recht
In Italien ist TUDCA ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel gegen Cholesteringallensteine, mit 250 bis 750 mg täglich laut Packungsbeilage. In Deutschland ist kein TUDCA-Arzneimittel zugelassen, verkauft wird es als Nahrungsergänzungsmittel. Eine behördliche Einstufung, etwa als neuartiges Lebensmittel, war für diese Seite nicht verlässlich zu klären. Referenzwerte oder Höchstmengen von EFSA oder BfR gibt es nicht, weil TUDCA kein Nährstoff ist. Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur für 2026 steht TUDCA nicht. Die Studien verwendeten bei Gallenerkrankungen 750 mg pro Tag, bei der Insulinstudie 1.750 mg pro Tag über 4 Wochen und bei ALS 1 g zweimal täglich über bis zu 18 Monate.
Sicherheit
In den kontrollierten Studien war TUDCA gut verträglich. Am häufigsten sind leichte Magen-Darm-Beschwerden, in der italienischen Registerstudie brachen 8,1 Prozent deswegen ab. Die italienische Packungsbeilage nennt als Gegenanzeigen Schwangerschaft, ein aktives Magengeschwür, röntgendichte Gallensteine, entzündete Gallenblase oder Gallenwege, einen Gallengangsverschluss und eine durch Steine ausgelöste Bauchspeicheldrüsenentzündung. Colestyramin hemmt die Aufnahme, Östrogene, hormonelle Verhütungsmittel und manche Lipidsenker können die Wirkung auf die Galle abschwächen. Mehr ist nicht automatisch besser: Bei der primär sklerosierenden Cholangitis verschlechterte hochdosierte UDCA mit 28 bis 30 mg pro Kilogramm den Verlauf, schwere Nebenwirkungen traten bei 63 statt 37 Prozent auf. Das betrifft UDCA und diese Erkrankung, mahnt aber zur Vorsicht bei hohen Dosen. Wer eine Leber- oder Gallenerkrankung hat, klärt die Einnahme ärztlich ab.
BK-Score Belegt, mit Einschränkungen
| Human-Evidenz | 6 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 7 | |
| Hype-Abstand | 4 | |
| Anwendungserfahrung | 6 |
Evidenz 6, weil es mehrere randomisierte Studien gibt, diese aber klein oder auf Surrogatmarker beschränkt sind und sich bei ALS widersprechen: Gleichwertigkeit zu UDCA bei primär biliärer Cholangitis (Ma et al., Medicine 2016, n = 199, 24 Wochen), etwa 30 % bessere Insulinsensitivität in Leber und Muskel (Kars et al., Diabetes 2010, n = 20, 4 Wochen), 87 % vs. 43 % Responder in der ALS-Pilotstudie (Elia et al., Eur J Neurol 2016, n = 34) – aber ein verfehlter primärer Endpunkt in der Phase III TUDCA-ALS mit 336 Teilnehmenden über 18 Monate (Topline 2024). Mechanismus 6, weil die Verschiebung des Gallensäurepools beim Menschen gemessen ist (Setchell et al., Gut 1996) und das Insulinsignal im menschlichen Muskel anstieg, die ER-Stress-Marker sich beim Menschen aber nicht änderten; der Chaperon-Mechanismus ist vor allem aus Mäusen belegt (Özcan et al., Science 2006). Sicherheit 7, weil kontrollierte Daten über 54 Wochen und 18 Monate vorliegen und TUDCA in Italien als Arzneimittel zugelassen ist, Langzeit-Pharmakovigilanz aber nicht öffentlich greifbar ist. Hype 4, weil Leberschutz bei Anabolika, Entgiftung und Neuroprotektion über die Daten hinausgehen. Anwendung 6, weil es in Italien als verschreibungspflichtiges Arzneimittel reguliert eingesetzt und anderswo breit als Nahrungsergänzung verkauft wird. Richtung gemischt: positiv bei Galle und Insulinwirkung, negativ in der großen ALS-Studie.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu TUDCA
Was ist der Unterschied zwischen TUDCA und UDCA?
TUDCA ist UDCA mit angehängtem Taurin. Im Darm wird ein Teil davon wieder zu UDCA umgebaut. Bei primär biliärer Cholangitis wirkten beide in einer Studie mit 199 Patienten gleich gut, unter TUDCA gab es weniger Juckreiz.
Schützt TUDCA die Leber?
Bei Gallenstau-Erkrankungen wie der primär biliären Cholangitis senkt es die Leberwerte ähnlich wie das Standardmittel UDCA. Ob es gesunde Lebern vor Alkohol, Medikamenten oder Anabolika schützt, ist nicht in kontrollierten Studien untersucht.
Hilft TUDCA bei ALS?
Eine kleine Studie mit 34 Patienten war vielversprechend. Die große europäische Studie mit 336 Teilnehmenden über 18 Monate hat den Nutzen 2024 nicht bestätigt. Nach heutigem Stand ist TUDCA keine wirksame ALS-Behandlung.
Verbessert TUDCA die Insulinsensitivität?
In einer Studie mit 20 adipösen Erwachsenen stieg die Insulinwirkung in Leber und Muskel nach 4 Wochen um etwa 30 Prozent. Das ist ein interessanter, aber kleiner und kurzer Befund. Daten zu Langzeitzucker oder Gewicht fehlen.
Welche Mengen wurden in Studien verwendet?
Bei Gallenerkrankungen 750 mg pro Tag, bei der Insulinstudie 1.750 mg pro Tag und bei ALS 1 g zweimal täglich. Das italienische Arzneimittel nennt 250 bis 750 mg täglich. Das sind Studien- und Zulassungsangaben, keine Empfehlung.
Welche Nebenwirkungen hat TUDCA?
Meist leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder weicher Stuhl. In der Schwangerschaft, bei Gallengangsverschluss oder entzündeten Gallenwegen soll es laut italienischer Packungsbeilage nicht eingenommen werden. Colestyramin und hormonelle Verhütungsmittel können mit ihm wechselwirken.
Quellen
- Elia et al., Eur J Neurol 2016 – TUDCA bei ALS, Pilot-RCT
- Albanese et al., Front Neurol 2022 – Protokoll der TUDCA-ALS-Studie
- TUDCA-ALS-Konsortium 2024 – Topline-Ergebnisse (MND Association)
- Kars et al., Diabetes 2010 – Insulinsensitivität bei Adipösen
- Ma et al., Medicine 2016 – TUDCA vs. UDCA bei primär biliärer Cholangitis
- Setchell et al., Gut 1996 – Stoffwechsel von oralem TUDCA
- Özcan et al., Science 2006 – chemische Chaperone und ER-Stress bei Mäusen
- Zucchi et al., EClinicalMedicine 2023 – Registerkohorte ALS
- Jomaa et al., Ann Indian Acad Neurol 2026 – Meta-Analyse Phenylbutyrat-Taurursodiol
- Lindor et al., Hepatology 2009 – Hochdosis-UDCA bei PSC
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.