Supplement
Niacin (Vitamin B3)
Vitamin · Vitamin B3, Nicotinsäure, Nicotinamid, Nicotinsäureamid, Niacinamid, Inosithexanicotinat
Niacin ist Vitamin B3, und unter dem Namen stecken zwei sehr verschiedene Stoffe. Nicotinsäure war jahrzehntelang ein Blutfettmedikament mit echten Erfolgen vor der Statin-Zeit; zusätzlich zu Statinen schützte sie in zwei großen Studien nicht mehr vor Herzereignissen. Nicotinamid senkte in einer Phase-3-Studie neue helle Hautkrebse.
Was Niacin ist
Niacin ist der Sammelbegriff für Nicotinsäure und Nicotinamid. Beide sind Vorstufen von NAD+, dem Coenzym, das in jeder Zelle an Energiegewinnung und Reparatur beteiligt ist; verwandte NAD-Vorstufen sind Nicotinamid-Ribosid und NMN. Dein Körper bildet Niacin außerdem aus der Aminosäure Tryptophan, 60 mg Tryptophan ergeben 1 mg Niacin-Äquivalent.
Empfohlen sind für Erwachsene 11 bis 16 mg Niacin-Äquivalente pro Tag. Erwachsene in Deutschland nehmen laut Nationaler Verzehrsstudie II im Median 24,7 bis 39,9 mg auf. Im BK-Score stehen 8 von 10 Punkten bei der Human-Evidenz. Gut untersucht heißt hier vor allem: Für die Herzfrage gibt es eine klare Antwort aus großen Studien.
Wie es wirkt
In arzneilichen Mengen verändert Nicotinsäure die Blutfette: In AIM-HIGH stieg HDL nach 2 Jahren von 35 auf 42 mg/dl, Triglyzeride fielen von 164 auf 122 mg/dl, LDL von 74 auf 62 mg/dl. Auch Lipoprotein(a) sinkt. Typisch ist der Flush, ein Hitzegefühl mit Hautrötung, auf dem die EU-Obergrenze von 10 mg Nicotinsäure pro Tag beruht.
Nicotinamid hat ein anderes Profil: Seine Obergrenze liegt bei 900 mg pro Tag. Untersucht wurde es vor allem als NAD-Vorstufe und zum Schutz UV-geschädigter Haut. Bessere Blutfettwerte sind ein Surrogatmarker; ob daraus weniger Herzinfarkte folgen, mussten die Endpunktstudien klären.
Was gut belegt ist
- Blutfette bewegen sich deutlich. HDL steigt, Triglyzeride und LDL sinken, Lipoprotein(a) fiel über 14 placebokontrollierte Studien mit 9.013 Teilnehmern im Mittel um 22,9 Prozent.
- Ein früher Erfolg beim Herzen. Im Coronary Drug Project mit 8.341 Männern nach Herzinfarkt senkte Nicotinsäure erneute nicht tödliche Infarkte; 15 Jahre nach Beginn lag die Sterblichkeit 11 Prozent niedriger als unter Placebo.
- Weniger heller Hautkrebs mit Nicotinamid. In einer Phase-3-Studie mit 386 Hochrisikopatienten traten über 12 Monate 23 Prozent weniger neue Basalzell- und Plattenepithelkarzinome auf.
- Zugelassene Vitaminangaben. Für Niacin hat die EU Angaben zu Energiestoffwechsel, Nervensystem, psychischer Funktion, Haut, Schleimhäuten und zur Verringerung von Müdigkeit zugelassen.
Was die Studien zeigen
Coronary Drug Project: Canner 1986
Die Studie lief von 1966 bis 1975 mit 8.341 Männern zwischen 30 und 64 Jahren nach Herzinfarkt und verglich fünf Blutfettmittel mit Placebo. Nicotinsäure senkte die nicht tödlichen Reinfarkte, während der Studie aber nicht die Gesamtsterblichkeit. In der Nachbeobachtung nach im Mittel 15 Jahren, fast 9 Jahre nach Studienende, lag die Sterblichkeit unter Nicotinsäure bei 52,0 Prozent gegenüber 58,2 Prozent unter Placebo, 11 Prozent niedriger.
AIM-HIGH 2011: zusätzlich zu Statinen
Die Studie randomisierte 3.414 Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankung und niedrigem LDL auf retardierte Nicotinsäure, 1.500 bis 2.000 mg täglich, oder Placebo, alle zusätzlich mit Simvastatin. HDL und Triglyzeride verbesserten sich deutlich. Der primäre Endpunkt trat bei 16,4 gegenüber 16,2 Prozent auf (Hazard Ratio 1,02), die Studie wurde nach im Mittel 3 Jahren wegen fehlender Wirksamkeit beendet.
HPS2-THRIVE 2014: 25.673 Patienten
Retardierte Nicotinsäure mit Laropiprant zusätzlich zu einer Statintherapie senkte LDL um 10 mg/dl und hob HDL um 6 mg/dl. Schwere Gefäßereignisse traten nach im Median 3,9 Jahren bei 13,2 gegenüber 13,7 Prozent auf (Rate Ratio 0,96; 0,90 bis 1,03). Dafür kamen mehr schwere Diabetes-Entgleisungen (+3,7 Prozentpunkte), neue Diabetesdiagnosen (+1,3), schwere Infektionen (+1,4) und Blutungen (+0,7) vor.
Lipoprotein(a): Sahebkar 2016
Über 14 placebokontrollierte Studien mit 9.013 Teilnehmern senkte retardierte Nicotinsäure Lipoprotein(a) im Mittel um 22,9 Prozent, ähnlich bei weniger und bei mehr als 2.000 mg täglich. Ob diese Senkung Herzereignisse verhindert, war nicht Gegenstand der Auswertung.
Nicotinamid und Hautkrebs: ONTRAC 2015
In der doppelblinden Phase-3-Studie nahmen 386 Menschen mit mindestens zwei hellen Hautkrebsen in den vorangegangenen 5 Jahren 12 Monate lang 500 mg Nicotinamid zweimal täglich oder Placebo. Neue helle Hautkrebse traten 23 Prozent seltener auf (95-%-Intervall 4 bis 38), aktinische Keratosen 11 bis 20 Prozent seltener. Bei den Nebenwirkungen gab es keine nennenswerten Unterschiede. Nach dem Absetzen verschwand der Vorteil.
Abbauprodukte 2PY und 4PY: Ferrell 2024
In Patientengruppen aus den USA und Europa gingen hohe Blutspiegel der Niacin-Abbauprodukte 2PY und 4PY mit einem höheren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse in 3 Jahren einher (Hazard Ratios 1,64 bis 2,02). Eine Genvariante, die beide Spiegel erhöht, hing mit dem Entzündungsmarker sVCAM-1 zusammen. In Mäusen löste 4PY, nicht aber 2PY, Gefäßentzündung aus. Das sind Beobachtungs- und Tierdaten, kein Nachweis, dass Niacin aus Nahrung oder Präparaten Herzereignisse verursacht.
Wo die Daten aufhören
- Herzschutz unter heutiger Therapie. Zusätzlich zu Statinen fanden AIM-HIGH und HPS2-THRIVE keinen Vorteil; der Befund aus der Zeit vor den Statinen lässt sich nicht übertragen.
- Lipoprotein(a)-Senkung als Nutzen. Die Senkung um gut ein Fünftel ist gemessen, ein daraus folgender Schutz vor Infarkten nicht.
- Flush als Entgiftung. Der Flush ist eine bekannte Nebenwirkung der Nicotinsäure und Grundlage ihrer Obergrenze; für eine entgiftende Wirkung gibt es in den ausgewerteten Quellen keinen Beleg.
- Hautkrebsschutz für alle. ONTRAC untersuchte Menschen mit mehreren hellen Hautkrebsen in der Vorgeschichte; der Effekt hielt nur während der Einnahme an.
- Was 2PY und 4PY bedeuten. Der Zusammenhang mit Herzereignissen ist beobachtet, nicht bewiesen; ob Präparate die Spiegel relevant erhöhen, war nicht Gegenstand der Studie. Mehr dazu auf der Seite zu NMN.
Status, Zulassung und Recht
Nicotinsäure und Nicotinamid dürfen Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln als Niacinquelle zugesetzt werden, in Nahrungsergänzungsmitteln zusätzlich Inosithexanicotinat. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel Höchstmengen von 4 mg Nicotinsäure und 160 mg Nicotinamid pro Tagesverzehrempfehlung; bei mehr als 16 mg Nicotinamid soll ein Hinweis für Schwangere auf dem Produkt stehen. Die Werte des BfR sind Empfehlungen, keine Rechtsvorschrift.
Als Arzneimittel wurde Nicotinsäure gegen erhöhte Blutfette eingesetzt. Die Kombination mit Laropiprant (Tredaptive, Pelzont, Trevaclyn) ist seit 2013 in der EU nicht mehr verfügbar: Nach HPS2-THRIVE kam die EMA zu dem Schluss, dass der Nutzen die Risiken nicht mehr überwiegt, die EU-Kommission setzte die Zulassungen am 22. März 2013 aus.
Für Niacin als Vitamin hat die EU gesundheitsbezogene Angaben zugelassen, unter anderem zum Energiestoffwechsel, zum Nervensystem und zur Verringerung von Müdigkeit.
Sicherheit
Die belegten Risiken betreffen arzneiliche Mengen Nicotinsäure. Neben dem Flush zählen dazu Leberschäden: In einer randomisierten Studie mit stufenweise steigenden Dosen bis 3.000 mg täglich entwickelten 12 von 23 Patienten unter retardierter Nicotinsäure Leberschäden, unter schnell freisetzender keiner; dort brachen 9 von 23 ab, am häufigsten wegen Gefäßbeschwerden wie dem Flush, Müdigkeit und Hautveränderungen. In HPS2-THRIVE traten mehr Diabetes-Entgleisungen, Infektionen und Blutungen auf.
Bei Nicotinamid gab es in ONTRAC mit 1.000 mg täglich über 12 Monate keine nennenswerten Unterschiede bei den Nebenwirkungen. Für Produkte mit mehr als 16 mg Nicotinamid empfiehlt das BfR einen Hinweis, dass Schwangere sie nicht einnehmen sollten. Im BK-Score steht die Sicherheit bei 8 von 10 Punkten; diese Achse misst, wie gut die Sicherheit untersucht ist, nicht wie sicher die Substanz ist. Dieser Text ist Information und ersetzt keine medizinische Beratung.
BK-Score Gut belegt, stark überhöht beworben
| Human-Evidenz | 8 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 8 | |
| Sicherheits-Datenlage | 8 | |
| Hype-Abstand | 5 | |
| Anwendungserfahrung | 10 |
Evidenz 8, weil große randomisierte Endpunktstudien vorliegen: Nicotinsäure senkte im Coronary Drug Project nicht tödliche Reinfarkte, 15 Jahre nach Beginn lag die Sterblichkeit 11 Prozent niedriger (Canner 1986), zusätzlich zu Statinen brachte sie aber keinen Vorteil (AIM-HIGH 2011, 3.414 Patienten; HPS2-THRIVE 2014, 25.673 Patienten); Nicotinamid senkte neue helle Hautkrebse um 23 Prozent (ONTRAC 2015, 386 Patienten). Mechanismus 8, weil die Rolle als NAD-Vorstufe und die Wirkung auf Blutfette am Menschen gut gemessen sind; offen ist, warum bessere Blutfettwerte unter Statinen keine Ereignisse verhindern. Sicherheit 8, weil Nebenwirkungen in sehr großen Studien systematisch erfasst wurden: mehr Diabetes-Entgleisungen, Infektionen und Blutungen (HPS2-THRIVE), Leberschäden bei der retardierten Form (McKenney 1994); die EU setzte 2013 die Zulassung von Nicotinsäure mit Laropiprant aus. Hype 5, weil Niacin als Herzschutz, Flush-Entgiftung und Longevity-Baustein beworben wird, während die Herzdaten unter heutiger Therapie negativ sind und die Abbauprodukte 2PY und 4PY in Beobachtungsdaten mit mehr Herzereignissen zusammenhängen (Ferrell 2024). Anwendung 10, weil Niacin als Vitamin, Lebensmittelzusatz und Arzneimittel seit Jahrzehnten breit verwendet wird. Richtung gemischt: belegter Nutzen bei hellem Hautkrebs und bei Blutfettwerten neben fehlendem Herzschutz unter Statinen.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Niacin
Was ist der Unterschied zwischen Nicotinsäure und Nicotinamid?
Beide zählen als Niacin und sind Vorstufen von NAD+. Nicotinsäure verursacht in höheren Mengen einen Flush und verändert die Blutfette; ihre EU-Obergrenze liegt deshalb bei 10 mg pro Tag. Für Nicotinamid liegt die Obergrenze bei 900 mg pro Tag. Untersucht wurde Nicotinamid vor allem zum Schutz UV-geschädigter Haut.
Schützt Niacin vor Herzinfarkt?
Vor der Statin-Zeit senkte Nicotinsäure erneute Infarkte, und 15 Jahre später lag die Sterblichkeit 11 Prozent niedriger. Zusätzlich zu Statinen fanden zwei große Studien mit zusammen mehr als 29.000 Patienten keinen Vorteil. In HPS2-THRIVE traten dafür mehr schwere Nebenwirkungen auf, die EU setzte 2013 die Zulassung eines Kombinationspräparats aus.
Senkt Niacin Lipoprotein(a)?
Retardierte Nicotinsäure senkte Lipoprotein(a) über 14 placebokontrollierte Studien im Mittel um 22,9 Prozent. Ob das Herzinfarkte verhindert, ist nicht gezeigt. Die beiden großen Endpunktstudien mit Nicotinsäure unter Statinen fanden insgesamt keinen Vorteil.
Was ist der Niacin-Flush?
Der Flush ist ein Hitzegefühl mit Hautrötung nach Nicotinsäure. Er ist so typisch, dass die EU-Obergrenze von 10 mg Nicotinsäure pro Tag auf ihm beruht. In einer Studie mit steigenden Dosen brachen 9 von 23 Teilnehmern unter schnell freisetzender Nicotinsäure ab, am häufigsten wegen Gefäßbeschwerden, Müdigkeit und Hautveränderungen.
Hilft Nicotinamid gegen hellen Hautkrebs?
In der ONTRAC-Studie mit 386 Hochrisikopatienten senkte Nicotinamid neue Basalzell- und Plattenepithelkarzinome über 12 Monate um 23 Prozent. Auch aktinische Keratosen wurden seltener. Nach dem Absetzen verschwand der Vorteil. Untersucht wurden Menschen mit mindestens zwei hellen Hautkrebsen in den vorangegangenen 5 Jahren.
Wie viel Niacin darf in Nahrungsergänzungsmitteln stecken?
Das BfR empfiehlt höchstens 4 mg Nicotinsäure und 160 mg Nicotinamid pro Tagesverzehrempfehlung eines Produkts. Ab mehr als 16 mg Nicotinamid soll ein Hinweis für Schwangere auf der Packung stehen. Das sind Empfehlungen an Hersteller, keine Verzehrempfehlung.
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Quellen
- Canner PL et al., J Am Coll Cardiol 1986 – Coronary Drug Project, 8.341 Männer nach Herzinfarkt, Sterblichkeit nach 15 Jahren
- AIM-HIGH Investigators, N Engl J Med 2011 – 3.414 Patienten, retardierte Nicotinsäure zusätzlich zu Simvastatin
- HPS2-THRIVE Collaborative Group, N Engl J Med 2014 – 25.673 Patienten, Nicotinsäure mit Laropiprant zusätzlich zu Statinen
- Sahebkar A et al., Metabolism 2016 – Meta-Analyse, 14 placebokontrollierte Studien, Lipoprotein(a)
- Chen AC et al., N Engl J Med 2015 – ONTRAC, Phase 3, 386 Patienten, Nicotinamid und heller Hautkrebs
- McKenney JM et al., JAMA 1994 – randomisierte Studie, 46 Patienten, retardierte gegenüber schnell freisetzender Nicotinsäure
- Ferrell M et al., Nat Med 2024 – Niacin-Abbauprodukte 2PY und 4PY und Herz-Kreislauf-Risiko
- EMA 2013 – Tredaptive, Pelzont und Trevaclyn EU-weit ausgesetzt (EMA/402540/2013)
- BfR – Höchstmengenvorschläge für Niacin in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln (2021)
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 – Liste der zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben über Lebensmittel
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-07.