Peptid & Experimentelles
Ketamin und Esketamin (Spravato)
NMDA-Rezeptor-Antagonist, Narkosemittel; Esketamin-Nasenspray als Antidepressivum zugelassen, verschreibungspflichtig · Esketamin, Spravato, Ketanest, Ketamin-Infusion, Special K, K
Ketamin ist seit Jahrzehnten ein Narkosemittel. Seit 2019 ist eine Form davon, das Esketamin-Nasenspray Spravato, in der EU gegen therapieresistente Depression zugelassen, und Ketamin-Infusionen werden außerhalb der Zulassung gegen Depression eingesetzt. Gleichzeitig ist Ketamin eine Partydroge, und unter dem Stichwort Microdosing wird es auch in kleinen Mengen genommen. Die Datenlage könnte zwischen diesen Welten kaum unterschiedlicher sein.
Was Ketamin ist und wie es wirkt
Ketamin blockiert den NMDA-Rezeptor, eine Andockstelle des Botenstoffs Glutamat. In hoher Dosis schaltet es das Bewusstsein ab, darunter entsteht ein Gefühl von Abgelöstheit von Körper, Gedanken und Umgebung, die Dissoziation. Esketamin ist eine der beiden Spiegelbildformen des Moleküls und der Wirkstoff im zugelassenen Nasenspray.
Bemerkenswert ist das Tempo: Der antidepressive Effekt setzt innerhalb von Stunden ein, nicht erst nach Wochen wie bei klassischen Antidepressiva. Wie dieser Effekt genau zustande kommt, ist noch nicht geklärt. Die Blockade des Rezeptors ist der Anfang der Kette, nicht ihre Erklärung.
Was gut belegt ist
Belegt ist, dass Ketamin und Esketamin bei therapieresistenter Depression kurzfristig mehr bewirken als Vergleichsbehandlungen. Eine Meta-Analyse von 2023 zählt 49 randomisierte Studien mit 3.299 Teilnehmenden; die Effekte nach der ersten Gabe waren in allen Gruppen messbar, bei der Infusion mit racemischem Ketamin zahlenmäßig größer als beim Nasenspray. Belegt ist auch ein Rückfallschutz unter fortgesetzter Esketamin-Behandlung. Für das Nasenspray hat das zur Zulassung in der EU und den USA gereicht.
Was die Studien zeigen
Murrough 2013: Ketamin gegen ein aktives Placebo
73 Menschen mit therapieresistenter Depression bekamen eine einzelne Infusion, Ketamin oder das Narkosemittel Midazolam, das ebenfalls spürbar wirkt und so die Verblindung stützen soll. Nach 24 Stunden lag die Depressionsskala unter Ketamin um 7,95 Punkte niedriger, das Ansprechen bei 64 gegenüber 28 Prozent. Die Autoren schrieben selbst, dass Daten zur Dauer und Sicherheit fehlen.
TRANSFORM-2, 2019: das Nasenspray in der Zulassungsstudie
227 Patienten wechselten auf ein neues Antidepressivum, dazu Esketamin oder ein Schein-Spray. Nach 4 Wochen lag der Unterschied bei 4,0 Punkten auf einer Skala von 0 bis 60. 7 Prozent brachen unter Esketamin wegen Nebenwirkungen ab, 0,9 Prozent unter Placebo.
SUSTAIN-1, 2019: Rückfallschutz
Wer unter Esketamin stabil gesund geworden war, wurde entweder weiterbehandelt oder auf ein Schein-Spray umgestellt. Rückfälle: 26,7 gegenüber 45,3 Prozent. Rechnerisch muss man 6 Menschen weiterbehandeln, um einen Rückfall zu verhindern. Die Kehrseite: Die Wirkung hält nach dem Absetzen offenbar nicht von selbst.
ESCAPE-TRD, 2023: Esketamin gegen Quetiapin
676 Patienten, Esketamin oder das Zusatzmedikament Quetiapin. Nach 8 Wochen waren 27,1 gegenüber 17,6 Prozent in Remission. Die Studie war offen, nur die Bewertenden kannten die Gruppen nicht, und der Hersteller hat sie finanziert.
ELEKT-D, 2023: Infusion gegen Elektrokrampftherapie
403 Patienten, die für eine Elektrokrampftherapie überwiesen worden waren. Unter Ketamin-Infusionen sprachen 55,4 Prozent an, unter Elektrokrampftherapie 41,2 Prozent; Ketamin war damit nicht schlechter. Auch diese Studie war offen, und 38 Menschen schieden vor Behandlungsbeginn aus, mehr davon in der Elektrokrampfgruppe.
Wo die Daten aufhören
Die Studien zeigen einen schnellen Effekt, aber keinen von selbst anhaltenden. In der Meta-Analyse war der Vorteil von Esketamin während wiederholter Gaben und bei der Nachbeobachtung nicht mehr signifikant, bei racemischem Ketamin schon. Für wiederholte Infusionen über Monate, wie sie außerhalb der Zulassung angeboten werden, gibt es weit weniger kontrollierte Daten als für das Nasenspray. Die Verblindung ist schwierig, weil die Dissoziation verrät, wer den Wirkstoff bekommt.
Für Freizeitkonsum und Microdosing hört die Datenlage ganz auf: Kontrollierte Studien am Menschen zu Ketamin-Microdosing haben wir nicht gefunden, nur Tierversuche. Die Erfahrungen aus der Depressionsbehandlung lassen sich nicht übertragen, weil dort ausgewählte Patienten unter Aufsicht behandelt werden.
Status, Zulassung und Recht
In der EU ist Esketamin-Nasenspray (Spravato) seit dem 18. Dezember 2019 zugelassen: zusammen mit einem SSRI oder SNRI für Erwachsene mit therapieresistenter Depression, die auf mindestens zwei Antidepressiva nicht angesprochen haben, außerdem als Kurzzeitbehandlung bei einem psychiatrischen Notfall. Das Spray wird nur in der Praxis oder Klinik unter Aufsicht angewendet, Blutdruck wird vorher und danach kontrolliert. In den USA ist es auch als alleinige Behandlung zugelassen, als Betäubungsmittel der Schedule III und nur über ein Sicherheitsprogramm erhältlich.
In Deutschland sind Ketamin und Esketamin verschreibungspflichtig und stehen in Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung, nicht im Betäubungsmittelgesetz (Stand Oktober 2026). Ketamin-Infusionen gegen Depression sind eine nicht zugelassene Anwendung, die Ärztinnen und Ärzte im Einzelfall verantworten. Freizeitkonsum ist eine missbräuchliche Verwendung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels.
Sicherheit
Unter Esketamin tritt bei 27 Prozent der Behandelten eine Dissoziation auf, schwer bei weniger als 4 Prozent, meist nach etwa anderthalb Stunden vorbei. Dazu kommen Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerz, Benommenheit und ein vorübergehender Blutdruckanstieg. Bei Psychose, Manie oder bipolarer Störung in der Vorgeschichte ist besondere Vorsicht geboten.
Die Fachinformation nennt Abhängigkeit und Toleranz bei längerem Ketamin-Gebrauch, beim Absetzen Verlangen, Angst, Zittern, Schwitzen und Herzklopfen. Am deutlichsten ist der Schaden an der Blase: Eine Meta-Analyse über 45 Studien mit 4.921 meist freizeitkonsumierenden Patienten fand häufigen Harndrang bei 77,1 Prozent, Blasenschmerz bei 60,4 Prozent und Harnstau in den Nieren bei 30,2 Prozent; die Blase fasste im Mittel nur noch rund 95 Milliliter. Besserung gab es nur mit Abstinenz. In den Esketamin-Studien trat keine interstitielle Zystitis auf, wohl aber mehr Beschwerden beim Wasserlassen als unter Placebo.
BK-Score Gut belegt, stark überhöht beworben
| Human-Evidenz | 8 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 7 | |
| Hype-Abstand | 5 | |
| Anwendungserfahrung | 9 |
Evidenz 8, weil die Wirkung bei therapieresistenter Depression in vielen randomisierten Studien gezeigt ist – eine Meta-Analyse zählt 49 RCTs mit 3.299 Teilnehmenden, Esketamin-Nasenspray ist in der EU und den USA zugelassen, und Ketamin-Infusionen hielten in ELEKT-D mit 403 Patienten gegen die Elektrokrampftherapie mit –, während es für Freizeitkonsum und Microdosing keine Nutzenstudie am Menschen gibt. Mechanismus 6, weil die Blockade des NMDA-Rezeptors gut beschrieben ist, die Kette von dort zur schnellen Stimmungsbesserung aber noch umstritten ist. Sicherheit 7, weil Zulassungsstudien, eine Langzeitstudie über bis zu 79 Monate und eine Meta-Analyse zu Blasenschäden mit 4.921 Patienten vorliegen, die Daten zu wiederholten Infusionen außerhalb der Zulassung aber dünner sind; das heißt gut untersucht, nicht harmlos. Hype 5, weil der schnelle Effekt real ist, als „Durchbruch“ beworben aber oft nicht dazugesagt wird, dass der Zusatznutzen von Esketamin in TRANSFORM-2 bei 4,0 Punkten lag und Infusionen außerhalb der Zulassung eingesetzt werden. Anwendung 9, weil Ketamin seit Jahrzehnten als Narkosemittel und Esketamin seit 2019 als Antidepressivum eingesetzt wird. Richtung gemischt: belegter Nutzen unter ärztlicher Aufsicht, kein Beleg für Freizeit- und Microdosing-Nutzung, dazu dokumentierte Abhängigkeits- und Blasenrisiken.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Ketamin
Wirkt Ketamin gegen Depression?
Bei therapieresistenter Depression ja, und zwar schnell. Eine einzelne Infusion senkte die Depressionsskala nach 24 Stunden um knapp 8 Punkte stärker als ein aktives Placebo, eine Meta-Analyse zählt 49 randomisierte Studien. Der Effekt hält aber nicht von selbst an, ohne Weiterbehandlung kommen Rückfälle häufiger.
Was ist der Unterschied zwischen Esketamin und Ketamin-Infusionen?
Esketamin ist eine Spiegelbildform von Ketamin und als Nasenspray Spravato bei therapieresistenter Depression zugelassen. Ketamin-Infusionen enthalten das Gemisch beider Formen und sind gegen Depression nicht zugelassen. In der Meta-Analyse von 2023 waren die Effekte der Infusionen zahlenmäßig größer.
Ist Ketamin in Deutschland ein Betäubungsmittel?
Nein. Ketamin und Esketamin stehen nicht im Betäubungsmittelgesetz, sondern sind verschreibungspflichtig nach der Arzneimittelverschreibungsverordnung. In den USA dagegen ist Ketamin ein Betäubungsmittel der Schedule III.
Bringt Ketamin-Microdosing etwas?
Dafür gibt es keinen Beleg. Kontrollierte Studien am Menschen zu Ketamin-Microdosing haben wir nicht gefunden, nur Tierversuche. Die Studien zur Depression liefen unter ärztlicher Aufsicht mit ausgewählten Patienten und lassen sich nicht auf Selbstversuche übertragen.
Wie schädlich ist Ketamin für die Blase?
Bei häufigem Freizeitkonsum deutlich: In einer Meta-Analyse über 4.921 Patienten hatten 77,1 Prozent häufigen Harndrang und 30,2 Prozent einen Harnstau in den Nieren. Besserung gab es nur mit Abstinenz. Unter ärztlich kontrolliertem Esketamin traten in den Studien mehr Beschwerden beim Wasserlassen auf, aber keine interstitielle Zystitis.
Kann man von Ketamin abhängig werden?
Ja. Die Fachinformation zu Esketamin nennt Abhängigkeit und Toleranz bei längerem Ketamin-Gebrauch und beschreibt Entzugszeichen wie Verlangen, Angst, Zittern und Herzklopfen. Deshalb wird das Spray nur unter Aufsicht in der Praxis angewendet.
Ähnliche Themen
- Verwandtes ThemaPsilocybin
- Verwandtes ThemaTRH (Protirelin)
- Verwandtes ThemaSAM-e (S-Adenosylmethionin)
- Verwandtes ThemaLSD-Microdosing
- Gleiche RubrikArmodafinil
- Gleiche RubrikDermorphin
Quellen
- EMA, Spravato: Produktinformation (EPAR), zuletzt aktualisiert 23.01.2025
- US-Fachinformation Spravato (DailyMed, Fassung September 2026)
- Arzneimittelverschreibungsverordnung, Anlage 1 (Ketamin, Esketamin)
- Popova V et al., Am J Psychiatry 2019 – TRANSFORM-2, Esketamin-Nasenspray plus Antidepressivum, 227 Patienten
- Daly EJ et al., JAMA Psychiatry 2019 – SUSTAIN-1, Rückfallschutz mit Esketamin
- Reif A et al., N Engl J Med 2023 – ESCAPE-TRD, Esketamin gegen Quetiapin, 676 Patienten
- Murrough JW et al., Am J Psychiatry 2013 – Ketamin-Infusion gegen Midazolam, 73 Patienten
- Anand A et al., N Engl J Med 2023 – ELEKT-D, Ketamin gegen Elektrokrampftherapie, 403 Patienten
- Nikolin S et al., EClinicalMedicine 2023 – Meta-Analyse, 49 RCTs zu Ketamin und Esketamin bei Depression
- Chan EOT et al., Hong Kong Med J 2022 – systematische Übersicht und Meta-Analyse zur Ketamin-Uropathie
Diese Studien mit Studientyp und Jahr in der Studien-Datenbank ansehen
In der Datenbank öffnen – mit Suche, Filtern und Vergleich
Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-05.