Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Psilocybin

Serotonerges Psychedelikum aus Pilzen der Gattung Psilocybe, Betäubungsmittel nach Anlage 1 BtMG · Psilocin, Magic Mushrooms, Zauberpilze, Psilocybe

Psilocybin ist der Wirkstoff bestimmter Pilze und steht in Deutschland in Anlage 1 des Betäubungsmittelgesetzes. Gleichzeitig erscheinen Studien zur Depression in den großen Journalen, und in den USA läuft ein Zulassungsantrag. Daneben steht ein Trend, der mit einem Bruchteil der Dosis kreativ machen soll.

Kurz gesagt

Bei therapieresistenter Depression ist ein Effekt der hohen Einzeldosis wahrscheinlich echt, aber deutlich kleiner als die Schlagzeilen. Die bekannteste Studie fand 6,6 Punkte Unterschied auf einer Skala von 0 bis 60, die beiden großen Phase-3-Studien nur noch 3,6 und 3,8 Punkte, und die staatlich finanzierte deutsche Studie verfehlte ihren Hauptendpunkt. Microdosing war in jeder verblindeten Studie Placebo. Die Risiken sind nicht harmlos, sie sind in den Studien nur gut abgeschirmt: durch Auswahl der Teilnehmer und durch stundenlange Begleitung, die es zu Hause nicht gibt. In Deutschland ist Psilocybin nicht verkehrsfähig und nicht verschreibbar.

Was Psilocybin ist

Psilocybin ist ein Molekül aus Pilzen der Gattung Psilocybe. Im Körper wird es zu Psilocin umgebaut, das an Serotoninrezeptoren passt, vor allem an einen Typ in der Großhirnrinde. Daher das stundenlang veränderte Erleben.

Die Idee für die Depression baut darauf auf: Das Gehirn werde dabei aus festgefahrenen Mustern herausgeschüttelt und sei danach beweglicher. Ein schönes Bild — bisher allerdings mehr Bild als Beleg. Die Kette vom Rezeptor bis zur anhaltenden Stimmungsänderung ist am Menschen nicht ausgemessen.

Die Studie, die den Hype ausgelöst hat

Im Jahr 2022 erschien im New England Journal of Medicine eine Studie mit 233 Menschen mit therapieresistenter Depression: eine einzige begleitete Dosis, drei Gruppen, Unterschied 6,6 Punkte zugunsten der hohen Dosis. Weniger zitiert wird der Rest. Die mittlere Dosis war nicht signifikant, nach 12 Wochen war der Vorsprung nicht mehr belastbar, und Suizidgedanken oder Selbstverletzung kamen in allen Gruppen vor. Finanziert hat die Studie Compass Pathways, dem die Formulierung gehört; der Erstautor ist dort angestellt.

Das Problem, das man nicht wegbekommt

Wer 25 Milligramm bekommt, merkt das nach einer Stunde. Wer 1 Milligramm bekommt, merkt nichts. Damit weiß jeder, wo er steht, und die Verblindung ist dahin. Compass schreibt selbst, Entblindung sei bei Psychedelika unvermeidbar, deshalb müsse die Dosisabhängigkeit zählen. Ein Argument, kein Beweis.

Die ehrlichsten Gegenversuche arbeiten mit aktivem Placebo: Niacin, also Vitamin B 3, löst eine Hautrötung aus, damit die Kontrollgruppe wenigstens irgendetwas spürt. Besser als eine leere Kapsel — nur unterscheidet auch der aufmerksamste Teilnehmer einen Flush von sechs Stunden verändertem Erleben. Dazu laufen in allen Studien Stunden von Psychotherapie mit. Wie viel vom Effekt die Substanz ist und wie viel die Zuwendung, weiß niemand.

Was in den großen Studien übrig bleibt

Aus 6,6 Punkten sind in Phase 3 noch 3,6 und 3,8 geworden. Gut die Hälfte des Effekts verschwindet, sobald die Studie größer wird — ein Muster, das aus der Antidepressiva-Forschung bekannt ist. Und 3,6 Punkte auf einer 60-Punkte-Skala sind eine Größenordnung, über die man bei jedem anderen Antidepressivum streiten würde. Beide Ergebnisse liegen bislang nur als Pressemitteilung des Herstellers vor. Der Zulassungsantrag in den USA läuft trotzdem.

Microdosing

Der Trend verspricht die vernünftige Version: kleine Dosis, kein Trip, kleiner Effekt. Er ist nicht die vernünftige Version, er ist die unbelegte. Drei verblindete Studien, drei Nullbefunde — in der größten besserten sich Wohlbefinden, Kreativität und Stimmung in der Placebogruppe genauso stark. Wer eine leere Kapsel nimmt und sich kreativer fühlt, hat etwas Reales erlebt, nur nicht die Wirkung eines Pilzes.

Das Setting, an dem die Zahlen hängen

Berichtete Anwendung, keine Empfehlung: In den Studien wird synthetisches Psilocybin ein- oder zweimal gegeben, in einem geschützten Raum, mit geschulter Begleitung über Stunden. Antidepressiva werden abgesetzt, eine Psychose in der Vorgeschichte ist ein Ausschlussgrund. An diesem Rahmen hängen die Zahlen. Ein getrockneter Pilz aus dem Netz hat davon nichts, nicht einmal die Dosis, weil der Gehalt schwankt.

Was gut belegt ist

Belegt ist, dass eine hohe Einzeldosis bei therapieresistenter Depression kurzfristig mehr bewirkt als ein Scheinvergleich. Das zeigen mehrere randomisierte Studien, darunter zwei Phase-3-Studien mit 258 und 581 Teilnehmern, dazu die gemeinnützig finanzierte Usona-Studie von 2023. Belegt ist auch die Dosisabhängigkeit: 25 Milligramm schneiden besser ab als 10 oder 1 Milligramm. Der Effekt ist damit wahrscheinlich echt. Er ist nur kleiner als der Ruf, der ihm vorauseilt.

Was die Studien zeigen

Compass Pathways, New England Journal of Medicine 2022

233 Menschen mit therapieresistenter Depression, eine begleitete Dosis in drei Gruppen: 25, 10 oder 1 Milligramm. Messung nach 3 Wochen auf einer Skala von 0 bis 60, Start bei 32: hohe Dosis minus 12 Punkte, Scheinvergleich minus 5, Unterschied 6,6 Punkte. 77 Prozent hatten Nebenwirkungen, meist Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindel.

Johns Hopkins 2021

24 ausgewertete Menschen, 2 Sitzungen, 71 Prozent Ansprechen nach 4 Wochen. Die Kontrollgruppe war allerdings eine Warteliste und wusste, dass sie nichts bekommen hatte. Für eine Wirksamkeitsaussage reicht das Design nicht.

Imperial College London 2021, Psilocybin gegen Escitalopram

Direktvergleich mit 59 Menschen gegen ein Standardantidepressivum. Der Hauptendpunkt nach 6 Wochen war nicht signifikant — der Vergleich, der für die Praxis am meisten hergäbe, fiel unentschieden aus.

Usona-Institut 2023

104 Menschen mit gewöhnlicher Depression, Psilocybin gegen Niacin als aktives Placebo: minus 12 Punkte nach 6 Wochen. Gemeinnützig finanziert und der sauberste Versuch, das Verblindungsproblem zu entschärfen.

Phase 3, Sommer 2025 und Februar 2026

Erst 258 Menschen, 25 Milligramm gegen Placebo über 6 Wochen, Unterschied 3,6 Punkte. Dann 581 Menschen mit 2 Dosen, 3,8 Punkte gegenüber 1 Milligramm. Beide statistisch klar, beide bisher nur Pressemitteilung.

EPIsoDE, JAMA Psychiatry 2026

Deutsche Studie aus Mannheim und Berlin, finanziert vom Bundesforschungsministerium. 144 Menschen mit therapieresistenter Depression, 25 gegen 5 Milligramm gegen Nicotinamid, Ansprechen nach 6 Wochen: 17 Prozent gegen 12,5 gegen 10,6 Prozent. Nicht signifikant; die Autoren nennen das Ergebnis selbst nicht schlüssig.

Drei verblindete Microdosing-Studien

Imperial College London 2021: 191 Menschen, Selbstverblindung über 4 Wochen, Besserung in beiden Gruppen gleich. Argentinien 2022: 34 Menschen, doppelblind, eher kleine Verschlechterungen von Kreativität und Kognition. Dazu eine niederländische Studie ohne Effekt auf Angst oder Depression.

Wo die Daten aufhören — und wo sie dagegen sprechen

Für Microdosing sprechen die Daten nicht nur nicht, sie sprechen dagegen: drei verblindete Studien, drei Nullbefunde, darunter die größte mit 191 Teilnehmern. Das Erlebnis ist real, die Ursache ist die Erwartung. Bei der hohen Dosis ist die Lage anders, aber auch dort hört die Sicherheit früher auf, als die Berichterstattung nahelegt: Die Verblindung hält nicht, die Studie ohne Hersteller verfehlte ihren Hauptendpunkt, und niemand weiß, wie viel vom Effekt auf die Begleitung entfällt.

Status, Zulassung und Recht

In Deutschland steht Psilocybin in Anlage 1 des Betäubungsmittelgesetzes: nicht verkehrsfähig und nicht verschreibbar. Ein zugelassenes Präparat gibt es weder in der EU noch in den USA; der amerikanische Zulassungsantrag ist in Teilen eingereicht, Abschluss geplant für Ende 2026. Die Ausnahmen sind eng: Australien erlaubt seit Juli 2023 eigens zugelassenen Psychiatern die Verschreibung bei therapieresistenter Depression, Oregon hat seit 2023 lizenzierte Zentren, Colorado seit 2025 — auf Bundesebene bleibt es in den USA verboten.

Sicherheit

Eine Metaanalyse von 2024 über mehr als 3500 Studienteilnehmer fand bei Gesunden keine schwerwiegenden Ereignisse, bei psychiatrischer Vorgeschichte dagegen rund 4 Prozent: Verschlechterung der Depression, suizidales Verhalten, Psychose, Krampfanfälle. Entscheidend ist die Auswahl — Studien schließen Psychose oder Manie in der Vorgeschichte meist aus, außerhalb tut das niemand. Dazu die anhaltende Wahrnehmungsstörung HPPD: selten, aber real, in EPIsoDE 1 Fall, und an Dosierungstagen mehr Suizidgedanken. Bei regelmäßiger Einnahme über Monate kommt eine eigene Frage hinzu: Psilocin bindet auch an den Serotoninrezeptor vom Typ 2 B am Herzen, über den Fenfluramin und Pergolid Herzklappen geschädigt haben. Eine Übersicht von 2024 nennt das eine offene Frage. Kein Beleg, dass es passiert — aber keine Studie, die es ausschließt.

BK-Score Belegt, mit Einschränkungen

Human-Evidenz6
Mechanismus5
Sicherheits-Datenlage5
Hype-Abstand3
Anwendungserfahrung4

Evidenz 6: Mehrere randomisierte Studien bis hin zu zwei Phase-3-Studien mit 258 und 581 Teilnehmern zeigen einen Effekt, aber das Bild ist uneinheitlich — der Vergleich gegen Escitalopram verfehlte den Hauptendpunkt, EPIsoDE mit 144 Menschen ebenfalls, und die Phase-3-Zahlen liegen bisher nur als Pressemitteilung vor. Mechanismus 5: Die Umwandlung zu Psilocin und die Bindung an Serotoninrezeptoren sind bekannt, die Kette von dort bis zur anhaltenden Stimmungsänderung ist am Menschen aber nicht ausgemessen und bleibt ein Bild. Sicherheit 5: Systematisch erfasst sind Kurzzeitdaten, unter anderem eine Metaanalyse von 2024 über mehr als 3500 Studienteilnehmer; für monatelange Einnahme fehlen Daten, und die Frage zum Serotoninrezeptor Typ 2 B am Herzen ist ausdrücklich offen. Hype 3: Ein realer Einzelbefund von 6,6 Punkten wurde zum Durchbruch erklärt, obwohl in Phase 3 nur 3,6 Punkte übrig blieben, und Microdosing wird beworben, obwohl drei verblindete Studien Nullbefunde lieferten. Anwendung 4: außerhalb von Studien verbreitet, aber ohne regulatorischen Rahmen, mit eng begrenzten Ausnahmen in Australien, Oregon und Colorado.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Psilocybin

Wirkt Psilocybin gegen Depression?

Bei therapieresistenter Depression ist ein Effekt der hohen Einzeldosis wahrscheinlich echt, aber kleiner als der Ruf. In der bekanntesten Studie lag der Unterschied bei 6,6 Punkten auf einer 60-Punkte-Skala, in den beiden großen Phase-3-Studien nur noch bei 3,6 und 3,8 Punkten. Die staatlich finanzierte deutsche EPIsoDE-Studie verfehlte ihren Hauptendpunkt.

Bringt Microdosing Kreativität oder bessere Stimmung?

In keiner verblindeten Studie. Die größte Untersuchung mit 191 selbstverblindeten Teilnehmern fand in der Placebogruppe genau dieselbe Besserung. Eine doppelblinde Studie mit 34 Menschen fand eher kleine Verschlechterungen von Kreativität und Kognition. Die Verbesserung, die viele erleben, ist real, geht aber auf die Erwartung zurück.

Warum ist das Verblindungsproblem so wichtig?

Wer eine hohe Dosis bekommt, merkt das nach einer Stunde, wer den Scheinvergleich bekommt, merkt nichts. Damit weiß jeder, in welcher Gruppe er ist, und die Erwartung fließt ins Ergebnis ein. Aktives Placebo wie Niacin oder Nicotinamid mildert das, löst es aber nicht. Der Hersteller argumentiert deshalb mit der Dosisabhängigkeit, und das ist ein Argument, kein Beweis.

Ist Psilocybin in Deutschland legal?

Nein. Psilocybin steht in Anlage 1 des Betäubungsmittelgesetzes und ist damit weder verkehrsfähig noch verschreibbar. Zugelassen ist kein Präparat, weder in der EU noch in den USA. Ausnahmen gibt es in Australien seit Juli 2023 sowie in Oregon seit 2023 und Colorado seit 2025, jeweils in engen lizenzierten Rahmen.

Wie riskant ist die Substanz?

Bei Gesunden fand eine Metaanalyse von 2024 über mehr als 3500 Studienteilnehmer keine schwerwiegenden Ereignisse, bei psychiatrischer Vorgeschichte etwa 4 Prozent, darunter Psychose, Krampfanfälle und suizidales Verhalten. Studien schließen solche Vorgeschichten aus, außerhalb von Studien tut das niemand. Dazu kommen seltene, aber anhaltende Wahrnehmungsstörungen.

Gibt es ein Langzeitrisiko bei regelmäßiger Einnahme kleiner Mengen?

Das ist offen. Psilocin bindet auch an den Serotoninrezeptor vom Typ 2 B am Herzen, über den Fenfluramin und Pergolid bei dauerhafter Einnahme Herzklappen geschädigt haben. Eine Übersicht von 2024 bezeichnet das für monatelanges Microdosing ausdrücklich als offene Frage. Es gibt keinen Beleg dafür, dass es passiert, aber auch keine Studie, die es ausschließt.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-19.