Peptid & Experimentelles
Ivermectin
Antiparasitikum (Avermectin) · Scabioral, Ivermectin-ratiopharm
Ivermectin ist eine der großen Erfolgsgeschichten der Medizin: Die Entdeckung der Avermectine wurde 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, weil sie Flussblindheit und lymphatische Filariose weltweit zurückgedrängt hat. In Deutschland ist Ivermectin gegen Krätze und Fadenwürmer zugelassen. Gegen Covid-19 wurde es in drei großen randomisierten Studien gründlich geprüft und brachte keinen relevanten Nutzen. Für Krebs und Langlebigkeit gibt es bisher nur Labordaten.
Was Ivermectin ist
Ivermectin ist ein Abkömmling der Avermectine, die der Mikrobiologe Satoshi Ōmura aus einem Bodenbakterium isolierte und William C. Campbell als Wirkstoff gegen Parasiten entwickelte. Die Nobelversammlung schrieb 2015, Avermectin-Derivate hätten Flussblindheit und lymphatische Filariose „radikal“ zurückgedrängt, Krankheiten, die Hunderte Millionen Menschen betreffen.
Dass ein so bewährtes, billiges Medikament auch gegen andere Krankheiten helfen könnte, ist eine naheliegende Hoffnung. Genau deshalb wurde Ivermectin in der Pandemie in großen Studien geprüft, und deshalb lohnt es sich, die Ergebnisse genau anzusehen.
Wie es wirkt
Ivermectin bindet an glutamatgesteuerte Chloridkanäle in Nerven- und Muskelzellen wirbelloser Tiere. Der verstärkte Chlorideinstrom lähmt die Parasiten, sie sterben ab. Laut Fachinformation kann Ivermectin auch mit anderen Chloridkanälen interagieren, etwa am Rezeptor des Botenstoffs GABA.
Im Labor hemmt Ivermectin auch die Vermehrung von Viren und das Wachstum von Krebszellen. Ob die dafür nötigen Konzentrationen beim Menschen erreicht werden und ob daraus ein klinischer Nutzen folgt, ist eine eigene Frage, und die beantworten nur Studien am Menschen.
Was gut belegt ist
- Es ist ein nobelpreisgekröntes Antiparasitikum. Die Avermectine und ihre Abkömmlinge haben Flussblindheit und lymphatische Filariose weltweit stark zurückgedrängt und wirken gegen eine wachsende Zahl weiterer Parasitenerkrankungen. Dafür erhielten Campbell und Ōmura 2015 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
- Es ist in Deutschland zugelassen. Als Tablette ist Ivermectin zugelassen gegen die gastrointestinale Strongyloidiasis, gegen Mikrofilarämie bei lymphatischer Filariose und gegen Krätze. Empfohlen ist laut Fachinformation in der Regel eine einmalige Gabe von 200 Mikrogramm je kg Körpergewicht.
- Die Covid-Frage wurde gründlich geprüft. Drei große randomisierte Studien mit zusammen über 10.000 Teilnehmenden haben Ivermectin bei Covid-19 untersucht, zwei davon doppelblind und placebokontrolliert.
- In den Studien war es gut verträglich. In TOGETHER und ACTIV-6 traten Nebenwirkungen und schwere Ereignisse unter Ivermectin nicht häufiger auf als unter Placebo; in PRINCIPLE gab es drei schwere Ereignisse unter Ivermectin und fünf unter üblicher Versorgung.
Was die Studien zeigen
TOGETHER 2022: Krankenhausaufnahmen in Brasilien
Die doppelblinde Plattformstudie TOGETHER gab Erwachsenen mit früher, symptomatischer Covid-19 und mindestens einem Risikofaktor 3 Tage lang 400 Mikrogramm je kg Ivermectin oder Placebo. Krankenhausaufnahme oder verlängerte Notaufnahme-Beobachtung traten bei 14,7 gegenüber 16,3 Prozent auf (relatives Risiko 0,90, Glaubwürdigkeitsintervall 0,70 bis 1,16). Auch bei den Teilnehmenden, die alle Tabletten genommen hatten, zeigte sich kein Effekt.
ACTIV-6 2022: Genesungszeit in den USA
1.591 Erwachsene mit leichter bis mittelschwerer Covid-19 erhielten 3 Tage Ivermectin oder Placebo. Die mediane Zeit bis zur anhaltenden Genesung lag bei 12 gegenüber 13 Tagen, statistisch ohne gesicherten Unterschied. Krankenhaus oder Tod: je 1,2 Prozent. Die Autoren folgern, dass die Daten den Einsatz bei leichter bis mittelschwerer Covid-19 nicht stützen.
PRINCIPLE 2024: die größte Studie
Die britische Studie PRINCIPLE randomisierte 8.811 Menschen in der Hausarztversorgung, 2.157 davon auf Ivermectin. Die selbst berichtete Genesung kam im Mittel etwa 2 Tage früher, die Wahrscheinlichkeit eines vorab als relevant definierten Effekts lag aber nur bei 0,19. Krankenhausaufnahmen und Todesfälle unterschieden sich nicht, ebenso wenig die Genesung nach 3, 6 und 12 Monaten. Die Autoren halten weitere Studien bei geimpften Menschen für nicht gerechtfertigt.
Cochrane 2022: was nach strenger Prüfung übrig bleibt
Die Cochrane-Übersicht schloss nur prospektiv registrierte randomisierte Studien ein und strich dabei 7 der 14 Studien der Vorversion. In den verbleibenden 11 Studien mit 3.409 Teilnehmenden hatte Ivermectin bei leichter Covid-19 wahrscheinlich kaum oder keinen Effekt auf die Sterblichkeit (RR 0,77; 0,47 bis 1,25) und keinen auf die Lebensqualität.
Krebs: Laborbefunde, eine zurückgezogene Kohorte, laufende Frühstudien
In Zelllinien hemmt Ivermectin das Wachstum verschiedener Krebsarten. Eine Übersicht zu gynäkologischen Tumoren hält fest, dass die Daten auf Zelllinien beschränkt sind (Mujumdar 2025). Eine Beobachtungskohorte mit 197 Krebspatienten, die über eine US-Telemedizin-Plattform Ivermectin und Mebendazol erhielten und selbst über ihren Verlauf berichteten, wurde 2026 zurückgezogen. Eine kontrollierte Phase-1/2-Studie kombiniert Ivermectin mit Immuntherapie bei metastasiertem triple-negativem Brustkrebs und rekrutiert derzeit.
Wo die Daten aufhören
- Ein Nutzen gegen Covid-19. Drei große randomisierte Studien und eine Cochrane-Übersicht fanden keinen relevanten Effekt auf Krankenhausaufnahmen, Tod oder Langzeitgenesung.
- Ein Nutzen gegen Krebs. Es gibt keine abgeschlossene kontrollierte Studie am Menschen. Laborbefunde zeigen, dass ein Wirkstoff Zellen beeinflusst, nicht, dass er Menschen mit Krebs hilft.
- Ein Effekt auf Langlebigkeit. Für eine lebensverlängernde Wirkung beim Menschen gibt es keine Daten.
- Die Sicherheit hoher Dauerdosen. Zugelassen und gut dokumentiert ist die Einmalgabe gegen Parasiten. Für wiederholte oder hohe Dosen über Wochen und Monate fehlen Sicherheitsdaten.
Status, Zulassung und Recht
Ivermectin ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Als Tablette ist es zugelassen gegen die gastrointestinale Strongyloidiasis, gegen eine Mikrofilarämie bei lymphatischer Filariose durch Wuchereria bancrofti und gegen Krätze, wenn die Diagnose klinisch oder parasitologisch gesichert ist. Die zugelassene Dosis ist in der Regel eine einmalige Gabe von 200 Mikrogramm je kg Körpergewicht.
Eine Anwendung gegen Covid-19, Krebs oder zur Lebensverlängerung ist nicht zugelassen. Tierarzneimittel mit Ivermectin sind nicht für Menschen bestimmt; die Fachinformation beschreibt Vergiftungen nach versehentlicher Einnahme solcher Präparate.
Sicherheit
In der zugelassenen Einmalgabe gilt Ivermectin als gut verträglich, und in den großen Covid-Studien traten Nebenwirkungen nicht häufiger auf als unter Placebo. Wichtig ist laut Fachinformation der Befall mit dem Fadenwurm Loa loa: Bei sehr vielen Mikrofilarien im Blut kam es selten zu schweren Hirnreaktionen (Enzephalopathie). Beim Absterben der Parasiten sind Juckreiz, Ausschlag, Gelenk- und Muskelschmerzen möglich.
Bei Überdosierung beschreibt die Fachinformation Bewusstseinsstörungen und Koma, nach versehentlicher Einnahme von Tierarzneimitteln auch Krampfanfälle, Gleichgewichtsstörungen und Atemnot. Für die hohen und wiederholten Dosen, die in Krebs- und Longevity-Kreisen kursieren, gibt es keine Sicherheitsdaten.
BK-Score Gut untersucht – Wirkung nicht bestätigt
| Human-Evidenz | 8 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 8 | |
| Hype-Abstand | 2 | |
| Anwendungserfahrung | 10 |
Evidenz 8, weil die beworbene Covid-Wirkung in drei großen randomisierten Studien geprüft wurde – TOGETHER mit 1.358 Patienten im Vergleich Ivermectin gegen Placebo, ACTIV-6 mit 1.591 und PRINCIPLE mit 8.811 Teilnehmenden – und keine davon einen relevanten Effekt auf Krankenhausaufnahmen oder Genesung fand, während es für Krebs und Langlebigkeit nur Labordaten gibt. Mechanismus 6, weil die antiparasitäre Wirkung über Chloridkanäle wirbelloser Tiere gut verstanden ist, die antivirale und krebshemmende Wirkung aber nur in Zellkulturen gezeigt ist. Sicherheit 8, weil die zugelassene Einmalgabe seit Jahrzehnten und in Massenbehandlungen dokumentiert und in den Covid-Studien placebokontrolliert erfasst ist; für hohe Dauerdosen, wie sie für Krebs kursieren, fehlen Sicherheitsdaten. Hype 2, weil Ivermectin als Mittel gegen Covid-19, Krebs und das Altern beworben wird, ohne dass eine kontrollierte Studie einen klinischen Nutzen zeigt. Anwendung 10, weil Avermectine seit Jahrzehnten weltweit gegen Parasiten eingesetzt werden. Richtung negativ: Für die beworbene Covid-Wirkung ist gut untersucht, dass sie nicht eintritt; der Nutzen in der Zulassung bleibt davon unberührt.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Ivermectin
Wofür ist Ivermectin zugelassen?
In Deutschland gegen die gastrointestinale Strongyloidiasis, gegen Mikrofilarämie bei lymphatischer Filariose und gegen Krätze. Die zugelassene Dosis ist in der Regel eine einmalige Gabe von 200 Mikrogramm je kg Körpergewicht. Ivermectin ist verschreibungspflichtig.
Wofür gab es den Nobelpreis?
William C. Campbell und Satoshi Ōmura erhielten 2015 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung der Avermectine. Deren Abkömmlinge, darunter Ivermectin, haben Flussblindheit und lymphatische Filariose weltweit stark zurückgedrängt.
Hilft Ivermectin gegen Covid-19?
Nein, nach heutiger Datenlage nicht in relevantem Ausmaß. Drei große randomisierte Studien, TOGETHER, ACTIV-6 und PRINCIPLE, fanden keinen Effekt auf Krankenhausaufnahmen oder Tod. In PRINCIPLE kam die selbst berichtete Genesung etwa 2 Tage früher, das lag unter der vorab festgelegten Schwelle für einen relevanten Effekt.
Wirkt Ivermectin gegen Krebs?
Das ist nicht belegt. Ivermectin hemmt im Labor das Wachstum von Krebszellen, eine abgeschlossene kontrollierte Studie am Menschen gibt es nicht. Eine vielzitierte Anwender-Kohorte wurde 2026 zurückgezogen, eine kontrollierte Frühstudie bei Brustkrebs läuft.
Warum zeigten frühe Studien einen Nutzen bei Covid-19?
Die Cochrane-Übersicht von 2022 schloss 7 von 14 früher berücksichtigten Studien aus, weil sie nicht vorab registriert oder nicht randomisiert waren. In den verbleibenden, methodisch belastbareren Studien zeigte sich kaum oder kein Effekt auf die Sterblichkeit.
Ist Ivermectin gefährlich?
In der zugelassenen Einmalgabe ist es gut verträglich. Bei Überdosierung beschreibt die Fachinformation Bewusstseinsstörungen und Koma, nach Tierarzneimitteln auch Krampfanfälle. Für hohe Dauerdosen, wie sie für Krebs kursieren, fehlen Sicherheitsdaten.
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Quellen
- Nobelversammlung am Karolinska-Institut, Pressemitteilung 05.10.2015 – Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Campbell und Ōmura (Avermectin) sowie Tu Youyou
- Fachinformation Ivermectin-ratiopharm 3 mg Tabletten (Stand Juli 2026) – Anwendungsgebiete, Dosierung, Warnhinweise
- Reis G et al., N Engl J Med 2022 – TOGETHER, Ivermectin bei früher Covid-19, 1.358 Patienten in Ivermectin- und Placeboarm
- Naggie S et al., JAMA 2022 – ACTIV-6, Ivermectin gegen Placebo bei leichter bis mittelschwerer Covid-19, 1.591 Teilnehmende
- Hayward G et al., J Infect 2024 – PRINCIPLE, Ivermectin bei Covid-19 in der Hausarztversorgung, 8.811 Teilnehmende
- Popp M et al., Cochrane Database Syst Rev 2022 – Ivermectin zur Vorbeugung und Behandlung von Covid-19, 11 Studien mit 3.409 Teilnehmenden
- Mujumdar V et al., Gynecol Oncol Rep 2025 – Ivermectin und gynäkologische Krebserkrankungen: Daten nur aus Zelllinien
- Hulscher N et al., Anticancer Res 2026 – Beobachtungskohorte Ivermectin plus Mebendazol bei Krebs, zurückgezogen (RETRACTED)
- ClinicalTrials.gov NCT05318469 – Ivermectin mit Balstilimab oder Pembrolizumab bei metastasiertem triple-negativem Brustkrebs, Phase 1/2, rekrutierend
- Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), Anlage 1 – Ivermectin verschreibungspflichtig
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-07.