Peptid & Experimentelles
Colchicin (niedrig dosiert, Herz-Kreislauf-Vorbeugung)
Entzündungshemmer (Mikrotubuli-Hemmer) · Lodoco, Colchicin AGEPHA Pharma
Colchicin ist ein altes Gichtmittel aus der Herbstzeitlose, und es hat eine bemerkenswerte zweite Karriere gemacht: In niedriger Dosis dämpft es die Entzündung in den Gefäßwänden und senkte in zwei großen Studien schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um 23 bis 31 Prozent. Die USA haben es 2023 dafür zugelassen, die EU im Juli 2026. Direkt nach einem Herzinfarkt und nach einem Schlaganfall fanden neuere Studien allerdings keinen klaren Nutzen.
Was Colchicin ist
Colchicin ist ein Alkaloid der Herbstzeitlose und wird seit Langem gegen Gicht und Herzbeutelentzündung eingesetzt. Neu ist der Einsatz in niedriger Dosis zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall, nicht als Ersatz für Cholesterinsenker wie Statine, sondern zusätzlich.
Die Idee dahinter: Atherosklerose ist nicht nur eine Frage des Cholesterins, sondern auch der Entzündung. Auch wer sein LDL gut eingestellt hat, behält ein Restrisiko, und an dieser Stelle setzt Colchicin an. Im Biohacking-Kontext liegt es damit nah an Fragen wie der Aspirin-Prävention.
Wie es wirkt
Colchicin hemmt den Aufbau der Mikrotubuli, des inneren Gerüsts der Zellen. In Entzündungszellen bremst das die Wanderung der Granulozyten in entzündetes Gewebe und die Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms, eines molekularen Schalters, der in Gefäßablagerungen Entzündung antreibt. Messbar ist das am Entzündungswert CRP, der unter Colchicin sinkt.
Die EU-Produktinformation formuliert vorsichtig: Der genaue Mechanismus der Herzschutzwirkung ist nicht geklärt. Angenommen wird, dass die gedämpfte Gefäßentzündung das Restrisiko senkt, das trotz optimaler Standardtherapie bleibt.
Was gut belegt ist
- Zwei große Studien erreichten einen harten Endpunkt. In COLCOT senkte 0,5 mg Colchicin täglich bei 4.745 Patienten nach Herzinfarkt den kombinierten Endpunkt von 7,1 auf 5,5 Prozent (HR 0,77). In LoDoCo2 sank er bei 5.522 Patienten mit chronischer koronarer Herzkrankheit von 9,6 auf 6,8 Prozent (HR 0,69), der engere Endpunkt aus Herztod, Herzinfarkt und ischämischem Schlaganfall von 5,7 auf 4,2 Prozent (HR 0,72).
- Zwei Zulassungsbehörden haben die Daten geprüft. Die US-Behörde FDA ließ Colchicin 0,5 mg als Lodoco im Juni 2023 zur Senkung von Herzinfarkt, Schlaganfall, Revaskularisation und Herztod zu. In der EU ist Colchicin AGEPHA Pharma seit dem 24.07.2026 zugelassen, bei seit mindestens 6 Monaten stabiler koronarer Herzkrankheit.
- Über viele Studien zeigt sich ein konsistenter Effekt auf Herzinfarkte. Eine Meta-Analyse über 39 randomisierte Studien mit 37.812 Teilnehmenden fand weniger Herzinfarkte (RR 0,81), weniger Vorhofflimmern (RR 0,74) und weniger Herzbeutelentzündungen (RR 0,48), ohne Zunahme schwerer Nebenwirkungen. Die Gesamtsterblichkeit sank nicht (Cueva-Cañola 2026).
- Die Entzündung lässt sich messen. In CLEAR lag das CRP nach 3 Monaten um 1,28 mg/l niedriger als unter Placebo, in CONVINCE war es nach 28 Tagen und nach 1, 2 und 3 Jahren niedriger. Der Wirkstoff tut also, was er soll; die Frage ist, bei wem das klinisch zählt.
Was die Studien zeigen
COLCOT 2019: nach dem Herzinfarkt
Patienten wurden innerhalb von 30 Tagen nach einem Herzinfarkt auf 0,5 mg Colchicin täglich oder Placebo randomisiert, median 22,6 Monate beobachtet. Der kombinierte Endpunkt sank von 7,1 auf 5,5 Prozent (HR 0,77). Getrieben wurde das vor allem von Schlaganfällen (HR 0,26) und dringlichen Krankenhausaufnahmen wegen Angina mit Revaskularisation (HR 0,50); Herztod und Herzinfarkt allein unterschieden sich nicht signifikant. Lungenentzündung als schwere Nebenwirkung war unter Colchicin häufiger (0,9 gegenüber 0,4 Prozent).
LoDoCo2 2020: chronische koronare Herzkrankheit
5.522 Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit erhielten 0,5 mg Colchicin oder Placebo, median 28,6 Monate. Der primäre Endpunkt trat bei 6,8 gegenüber 9,6 Prozent auf (HR 0,69), entsprechend 2,5 gegenüber 3,6 Ereignissen je 100 Personenjahre. Todesfälle aus nicht kardiovaskulären Ursachen waren unter Colchicin tendenziell häufiger (HR 1,51; 0,99 bis 2,31). Auf diese Studie bezieht sich die EU-Produktinformation.
CLEAR 2025: direkt nach dem Herzinfarkt kein Nutzen
Die bislang größte Studie, CLEAR, auch als CLEAR SYNERGY bekannt, randomisierte 7.062 Patienten bald nach einem Herzinfarkt auf Colchicin oder Placebo, median 3 Jahre. Der Endpunkt aus Herztod, erneutem Infarkt, Schlaganfall und ungeplanter Revaskularisation trat bei 9,1 gegenüber 9,3 Prozent auf (HR 0,99). Das CRP sank, die Ereignisse nicht; Durchfall war häufiger (10,2 gegenüber 6,6 Prozent), schwere Infektionen nicht.
CONVINCE 2024: nach Schlaganfall knapp verfehlt
3.154 Patienten nach nicht kardioembolischem Schlaganfall oder Hochrisiko-TIA erhielten zusätzlich Colchicin oder nur die übliche Behandlung, offen und mit verblindeter Endpunktbewertung. Ereignisse traten bei 9,8 gegenüber 11,7 Prozent auf (HR 0,84; p = 0,12). Die Studie wurde wegen Budgetproblemen in der Pandemie vor Erreichen der geplanten Ereigniszahl beendet; die Autoren sehen die Entzündungshypothese dennoch gestützt.
Wo die Daten aufhören
- Ein Nutzen direkt nach dem Herzinfarkt. COLCOT war positiv, die größere Studie CLEAR nicht. In welcher Phase nach einem Infarkt Colchicin hilft, ist damit offen; die EU-Zulassung gilt erst ab 6 Monaten stabiler Erkrankung.
- Ein Nutzen nach Schlaganfall. CONVINCE verfehlte das Ziel knapp und wurde vorzeitig beendet. Eine Zulassung für diese Gruppe gibt es nicht.
- Längeres Leben. Weder die Einzelstudien noch die Meta-Analyse zeigen eine geringere Gesamtsterblichkeit; in LoDoCo2 gab es sogar ein Signal für mehr nicht kardiovaskuläre Todesfälle.
- Ein Nutzen für Gesunde. Alle Endpunktdaten stammen von Menschen mit Herz- oder Gefäßerkrankung. Für Menschen ohne diese Vorgeschichte gibt es keine Studie, die einen Vorteil zeigt.
Status, Zulassung und Recht
In der EU ist Colchicin AGEPHA Pharma 0,5 mg seit dem 24.07.2026 zugelassen, zur Sekundärprävention atherothrombotischer Ereignisse bei Erwachsenen mit seit mindestens 6 Monaten stabiler koronarer Herzkrankheit. Die zugelassene Dosis ist 0,5 mg einmal täglich, das ist zugleich die Höchstdosis. Die Zulassung gilt auch in Deutschland; Colchicin ist verschreibungspflichtig.
In den USA ist Lodoco seit Juni 2023 zugelassen, um Herzinfarkt, Schlaganfall, Revaskularisation und Herztod bei Erwachsenen mit bestehender Atherosklerose oder mehreren Risikofaktoren zu senken. Eine Anwendung bei Gesunden ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung ist in keiner der beiden Zulassungen vorgesehen.
Sicherheit
In der niedrigen Dosis war Colchicin in den großen Studien meist gut verträglich; Durchfall war etwas häufiger als unter Placebo. In COLCOT traten schwere Lungenentzündungen häufiger auf (0,9 gegenüber 0,4 Prozent), in LoDoCo2 tendenziell mehr nicht kardiovaskuläre Todesfälle.
Wichtig ist die geringe therapeutische Breite. Laut EU-Produktinformation kann eine Überdosierung zu Multiorganversagen führen, erste Zeichen sind Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. Colchicin darf nicht mit starken CYP3A4- oder P-Glykoprotein-Hemmern kombiniert werden, und es ist bei einer eGFR unter 50 ml/min, schwerer Leberfunktionsstörung und vorbestehenden Blutbildveränderungen kontraindiziert. Zusammen mit Statinen und Fibraten steigt das Risiko für Muskelschäden bis zur Rhabdomyolyse. Frauen im gebärfähigen Alter müssen zuverlässig verhüten, Männer dürfen während und bis 3 Monate nach der Behandlung kein Kind zeugen.
BK-Score Gut belegt
| Human-Evidenz | 8 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 8 | |
| Hype-Abstand | 6 | |
| Anwendungserfahrung | 9 |
Evidenz 8, weil zwei große randomisierte Studien einen harten Endpunkt erreichten – nach Herzinfarkt HR 0,77 (COLCOT, 4.745 Patienten), bei chronischer koronarer Herzkrankheit HR 0,69 (LoDoCo2, 5.522 Patienten) –, die bisher größte Studie direkt nach Herzinfarkt mit 7.062 Patienten aber keinen Nutzen fand (CLEAR 2025) und die Schlaganfallstudie CONVINCE ihr Ziel verfehlte. Mechanismus 6, weil die Hemmung der Mikrotubuli und des NLRP3-Inflammasoms beschrieben ist, die EU-Produktinformation den Mechanismus der Herzschutzwirkung aber ausdrücklich als nicht geklärt bezeichnet. Sicherheit 8, weil Nebenwirkungen in mehreren Endpunktstudien mit zusammen über 20.000 Teilnehmenden erfasst sind und die geringe therapeutische Breite aus der langen Anwendung bei Gicht bekannt ist; offen bleibt das Signal für nicht kardiovaskuläre Todesfälle in LoDoCo2. Hype 6, weil kaum überzogen geworben wird; ein Abstand entsteht, wo Colchicin als allgemeiner Entzündungshemmer für Gesunde gilt, obwohl alle Daten von Herzpatienten stammen. Anwendung 9, weil Colchicin seit Langem bei Gicht und Herzbeutelentzündung eingesetzt wird. Richtung gemischt: belegter Nutzen bei stabiler koronarer Herzkrankheit, kein Nutzen direkt nach Infarkt und nach Schlaganfall.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Colchicin (niedrig dosiert, Herz-Kreislauf-Vorbeugung)
Schützt Colchicin vor Herzinfarkt?
Bei bestimmten Herzpatienten ja. In LoDoCo2 senkte 0,5 mg täglich bei chronischer koronarer Herzkrankheit schwere Ereignisse von 9,6 auf 6,8 Prozent, in COLCOT nach Herzinfarkt von 7,1 auf 5,5 Prozent. Die größte Studie direkt nach Herzinfarkt, CLEAR, fand dagegen keinen Unterschied zu Placebo.
Ist Colchicin zur Herz-Kreislauf-Vorbeugung zugelassen?
Ja. In den USA seit Juni 2023 als Lodoco, in der EU seit dem 24.07.2026 als Colchicin AGEPHA Pharma, bei Erwachsenen mit seit mindestens 6 Monaten stabiler koronarer Herzkrankheit. Die zugelassene Dosis ist 0,5 mg einmal täglich. Colchicin ist verschreibungspflichtig.
Wie wirkt Colchicin auf das Herz?
Colchicin hemmt den Aufbau der Mikrotubuli in Entzündungszellen und dämpft so unter anderem das NLRP3-Inflammasom, einen Entzündungsschalter in Gefäßablagerungen. Der genaue Mechanismus der Herzschutzwirkung ist laut EU-Produktinformation nicht geklärt.
Warum war die CLEAR-Studie negativ?
Das ist nicht abschließend geklärt. CLEAR untersuchte 7.062 Patienten direkt nach einem Herzinfarkt über 3 Jahre; das CRP sank, die Ereignisse nicht. COLCOT hatte in einer ähnlichen Gruppe einen Nutzen gezeigt. Die EU-Zulassung bezieht sich auf Patienten mit seit mindestens 6 Monaten stabiler Erkrankung.
Welche Risiken hat Colchicin?
Colchicin hat eine geringe therapeutische Breite; eine Überdosierung kann lebensgefährlich sein. Es darf nicht mit starken CYP3A4- oder P-Glykoprotein-Hemmern kombiniert werden und ist bei deutlich eingeschränkter Nieren- oder schwerer Leberfunktion kontraindiziert. Zusammen mit Statinen steigt das Risiko für Muskelschäden, in den Studien war Durchfall häufiger.
Ist Colchicin ein Longevity-Mittel?
Dafür gibt es keinen Beleg. Weder die großen Einzelstudien noch eine Meta-Analyse über 39 Studien zeigen eine geringere Gesamtsterblichkeit, und alle Daten stammen von Menschen mit Herz- oder Gefäßerkrankung.
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Quellen
- Tardif JC et al., N Engl J Med 2019 – COLCOT, 0,5 mg Colchicin nach Herzinfarkt, 4.745 Patienten
- Nidorf SM et al., N Engl J Med 2020 – LoDoCo2, 0,5 mg Colchicin bei chronischer koronarer Herzkrankheit, 5.522 Patienten
- Jolly SS et al., N Engl J Med 2025 – CLEAR (CLEAR SYNERGY), Colchicin direkt nach Herzinfarkt, 7.062 Patienten, kein Nutzen
- Kelly P et al., Lancet 2024 – CONVINCE, Colchicin nach Schlaganfall oder TIA, 3.154 Patienten
- Cueva-Cañola LE et al., Med Clin (Barc) 2026 – Meta-Analyse, 39 RCTs mit 37.812 Teilnehmenden zu Colchicin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- FDA, Zulassungsschreiben NDA 215727 – Lodoco (Colchicin 0,5 mg), Juni 2023
- EMA – Colchicine AGEPHA Pharma, europäischer Bewertungsbericht, EU-Zulassung 24.07.2026
- EMA – Colchicin AGEPHA Pharma 0,5 mg Tabletten, Produktinformation (deutsch)
- Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), Anlage 1 – Colchicumalkaloide verschreibungspflichtig
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-07.