Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Dermorphin

Opioid-Peptid aus Froschhaut (Heptapeptid), Agonist am My-Opioid-Rezeptor · Hyp6-Dermorphin

Dermorphin ist ein Opioid-Peptid aus der Haut südamerikanischer Frösche. Am My-Opioid-Rezeptor, dem Angriffspunkt von Morphin und Fentanyl, wirkt es um ein Vielfaches stärker. Es gibt eine verblindete Studie am Menschen aus dem Jahr 1985 – und danach vier Jahrzehnte Stille, in denen der Stoff kein Arzneimittel, sondern ein Dopingfall im Pferderennsport wurde.

Kurz gesagt

Dermorphin ist ein Heptapeptid, 1981 aus Froschhaut isoliert, und ein hochselektiver Agonist am My-Opioid-Rezeptor. Was es kann, ist am Menschen gezählt worden: In einer randomisierten Doppelblindstudie an 150 Patienten nach planbaren Operationen hielt die Schmerzfreiheit im Mittel 43,4 Stunden an, gegenüber 34,5 Stunden unter Morphin. Danach brach die klinische Forschung ab. Was fehlt, ist alles, was ein Arzneimittel ausmacht: moderne Sicherheitsdaten, Pharmakovigilanz, eine Zulassung in irgendeinem Land. Was bleibt, sind die Risiken eines hochpotenten Opioids – Atemdämpfung, Toleranz, Abhängigkeit – und eine klare Rechtslage: kein Betäubungsmittel im Rechtssinn, aber ein Arzneimittel ohne Zulassung, dessen Inverkehrbringen strafbar ist.

Was Dermorphin ist

1981 isolierte die Arbeitsgruppe um Vittorio Erspamer aus der Haut der Frösche Phyllomedusa sauvagei und Phyllomedusa rhodei ein Peptid mit sieben Aminosäuren und bestimmte seine Sequenz: Tyr-D-Ala-Phe-Gly-Tyr-Pro-Ser-NH2. Bemerkenswert daran ist die zweite Position: D-Alanin, eine gespiegelte Aminosäure, wie sie in Tierproteinen praktisch nicht vorkommt. Sie schützt das Peptid vor dem schnellen Abbau durch Enzyme und erklärt mit, warum die Wirkung lange anhält.

Dermorphin bindet sehr selektiv an den My-Opioid-Rezeptor. In der Fachliteratur zur Dopinganalytik wird es als 30- bis 40-mal stärker als Morphin beschrieben. Diese Zahl ist kein Qualitätsmerkmal, sondern der Grund, warum es sich hier um eine Substanz mit engem Sicherheitsspielraum handelt.

In der Biohacking- und Forenwelt läuft der Stoff als Forschungschemikalie und unter dem Begriff, der aus dem Pferderennsport stammt. Mit den Kambo-Ritualen, bei denen Hautsekret eines anderen Froschs verwendet wird, hat die Substanz chemisch wenig zu tun, auch wenn beide aus derselben Froschfamilie kommen.

Wie es wirkt

Der My-Opioid-Rezeptor ist der Rezeptor, über den körpereigene Endorphine, Morphin und Fentanyl wirken. Wird er aktiviert, wird die Schmerzweiterleitung im Rückenmark gedämpft, Hormonachsen werden verstellt, und der Atemantrieb im Hirnstamm sinkt – alles zusammen, nicht nach Wunsch getrennt.

Dass diese Kette auch bei Dermorphin über Opioid-Rezeptoren läuft, ist am Menschen geprüft worden: Der Gegenspieler Naloxon hob die Hormoneffekte vollständig auf. Bei der Hemmung eines Schmerzreflexes wirkte Naloxon nur etwa zur Hälfte, was die Autoren 1986 als Hinweis auf mehrere beteiligte Rezeptor-Populationen deuteten.

Im Tierversuch zeigte sich auch die andere Seite der Opioid-Pharmakologie: Bei Dauergabe ins Gehirn von Ratten entwickelte sich innerhalb von zwei Tagen Toleranz, nach drei Tagen eine körperliche Abhängigkeit, deren Entzugssyndrom mit Naloxon auslösbar war und dem von Morphin entsprach.

Was gut belegt ist

Belegt ist, dass Dermorphin beim Menschen stark und lange schmerzdämpfend wirkt. Die Grundlage ist eine prospektive, randomisierte Doppelblindstudie an 150 Patienten nach planbaren Operationen: Die Schmerzfreiheit hielt unter Dermorphin im Mittel 43,4 Stunden an, unter Morphin 34,5 Stunden und unter der damals üblichen Vergleichsbehandlung 10,8 Stunden. Der Krankenhausaufenthalt war in beiden Opioid-Gruppen kürzer als in der Kontrollgruppe, und die Nebenwirkungen Harnverhalt, Erbrechen und Kopfschmerz unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht wesentlich.

Belegt ist außerdem die Wirkung auf messbare Körperfunktionen bei Gesunden: Eine Infusion hob die Schwelle eines spinalen Schmerzreflexes deutlich und lang anhaltend an, auch bei einer Person mit vollständiger Querschnittlähmung, was für einen Angriffspunkt im Rückenmark spricht. Mehrere Studien an gesunden Freiwilligen zeigten Anstiege von Prolaktin, Wachstumshormon, Thyreotropin und Reninaktivität sowie ein Absinken von Cortisol, jeweils durch Naloxon verhinderbar.

Gut belegt ist schließlich der Nachweis: Für Pferdeplasma und -urin wie für menschlichen Urin gibt es validierte massenspektrometrische Verfahren mit Nachweisgrenzen im Bereich von Pikogramm bis wenigen Nanogramm pro Milliliter.

Was die Studien zeigen

Die Studie von 1985, die niemand las

Basso und Kollegen verglichen bei 150 aufeinanderfolgenden Patienten drei Verfahren der Schmerzbehandlung nach der Operation, randomisiert und doppelblind. Dermorphin schnitt bei der Dauer der Schmerzfreiheit am besten ab. Eine Übersicht von 2018 stellt fest, dass diese Arbeit in der klinischen Literatur praktisch nie zitiert wurde: Nach 1985 erwähnten sie nur rund 15 pharmakologische Arbeiten und Übersichten, keine einzige klinische. Die Autoren der Übersicht halten das für eine verpasste Gelegenheit der Schmerz- und Palliativmedizin und fordern neue Studien – ein Urteil über die Substanz als Selbstanwendung ist das ausdrücklich nicht.

Schmerzreflex und Hormone bei Gesunden (1983 bis 1986)

Die Gruppe um Degli Uberti in Ferrara untersuchte Dermorphin systematisch an gesunden Freiwilligen, teils gegen Kochsalz-Infusion in zufälliger Reihenfolge. Die Befunde zeichnen ein typisches Opioid-Bild mit Wirkung auf Hypophysenhormone und die Nebennierenachse. Sandrini und Kollegen ergänzten 1986 den neurophysiologischen Teil mit der Hemmung des spinalen Beugereflexes. Alle diese Versuche liefen unter klinischer Überwachung in Kliniken.

Toleranz und Abhängigkeit im Tierversuch (1985)

Broccardo und Kollegen gaben Ratten über implantierte Pumpen Dermorphin ins Gehirn. Toleranz gegenüber Schmerzdämpfung, Katalepsie und Rigidität entwickelte sich dosisabhängig über maximal 48 Stunden; nach drei Tagen war ein Abhängigkeitszustand etabliert, dessen Entzug sich mit Naloxon auslösen ließ und sich in Fluchtverhalten, Zittern, Speichelfluss und Nasenlaufen zeigte.

Der Pferderennsport ab 2011

Ab 2011 ergaben Hinweise von nordamerikanischen Rennbahnen, dass Dermorphin bei Rennpferden eingesetzt wurde, ohne in den Kontrollen aufzufallen. 2013 erschien das erste Nachweisverfahren für Pferdeplasma und -urin. Eine Untersuchung an 10 Pferden beschrieb danach die Pharmakokinetik und die Wirkung: Nach Gabe in die Vene traten Erregung und ein Anstieg der Herzfrequenz auf, der nach wenigen Minuten abklang; die Halbwertszeit lag unter einer Stunde, nachweisbar war der Stoff im Plasma bis 12 Stunden und im Urin 48 bis 72 Stunden. 2020 folgte ein Verfahren für menschlichen Urin, mit dem Hinweis, dass eine Anwendung beim Menschen berichtet wurde.

Wo die Daten aufhören

Es gibt genau eine kontrollierte Humanstudie, sie ist 41 Jahre alt, wurde nie wiederholt und betraf die Behandlung akuter Schmerzen in der Klinik. Danach endete die Entwicklung. Es existiert kein Registereintrag, keine moderne Dosis-Wirkungs-Untersuchung, keine Langzeitbeobachtung und keine Pharmakovigilanz.

Damit fehlt alles, was über die Sicherheit einer Anwendung außerhalb der Klinik etwas aussagen würde: Wie groß der Abstand zwischen schmerzdämpfender und atemdämpfender Wirkung ist, wie sich die Substanz bei wiederholter Gabe verhält, was sie mit Beruhigungsmitteln, Alkohol oder anderen Opioiden zusammen macht. Dass in der Studie von 1985 die Nebenwirkungen nicht häufiger waren als unter Morphin, ist kein Freibrief: Dort wurde unter Narkose- und Überwachungsbedingungen behandelt.

Zur Anwendung bei Gesunden, zur Leistungssteigerung oder zur Stimmungsaufhellung gibt es keine Daten. Was darüber zirkuliert, stammt aus Erfahrungsberichten und aus der Übertragung von Tierbefunden.

Status, Zulassung und Recht

Dermorphin ist in Deutschland, in der EU und in den USA kein zugelassenes Arzneimittel. Es steht nicht in den Anlagen I bis III des Betäubungsmittelgesetzes und wird auch von den Stoffgruppen des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes nicht erfasst, die chemische Grundstrukturen wie Phenethylamine, Tryptamine oder Benzimidazole beschreiben – ein Peptid fällt nicht darunter. Es ist also kein Betäubungsmittel im Rechtssinn.

Frei verkäuflich ist es damit nicht. Ein Stoff, der zur Schmerzbehandlung bestimmt oder entsprechend angeboten wird, ist arzneimittelrechtlich ein Arzneimittel, und das Inverkehrbringen eines Arzneimittels ohne Zulassung ist nach dem Arzneimittelgesetz strafbar. Angeboten wird Dermorphin deshalb als Forschungschemikalie mit dem Hinweis, dass es nicht für die Anwendung am Menschen bestimmt sei.

Im Sport ist es jederzeit verboten. Namentlich steht es nicht auf der Verbotsliste 2026: Die Narkotika-Liste der Gruppe S7 führt Buprenorphin, Fentanyl und seine Derivate, Morphin, Oxycodon, Tramadol und andere, Dermorphin nicht. Es fällt dafür unter die Gruppe S0, die pharmakologisch wirksame Substanzen ohne Zulassung für die therapeutische Anwendung beim Menschen umfasst. Im Pferderennsport gilt es als Dopingmittel mit eigenen Kontrollverfahren.

Sicherheit

Die Risiken sind die eines hochpotenten Opioids, und sie sind nicht theoretisch: Dämpfung der Atmung, Bewusstseinstrübung, Übelkeit, Erbrechen, Harnverhalt, Verstopfung, Juckreiz. Toleranz und körperliche Abhängigkeit entstehen schnell, im Tierversuch innerhalb weniger Tage. Die Gefahr wächst mit jeder Kombination mit anderen dämpfenden Substanzen, also mit Alkohol, Benzodiazepinen, Schlafmitteln und anderen Opioiden.

Dazu kommt die besondere Lage bei einem Stoff, der nur als Laborware existiert: Gehalt, Reinheit und Sterilität sind ungeprüft, und bei einer Substanz, die am Rezeptor um ein Vielfaches stärker als Morphin wirkt, hat eine Abweichung in der Konzentration andere Folgen als bei einem Nahrungsergänzungsmittel.

Starke oder chronische Schmerzen gehören in ärztliche Behandlung. Dort stehen zugelassene Opioide zur Verfügung, deren Wirkung steuerbar ist und deren Gabe überwacht wird, dazu Gegenmittel für den Notfall. Wer von Opioiden abhängig ist oder einen Entzug erlebt, findet über die Suchtberatung und über Hausärztinnen und Hausärzte Hilfe; Opioid-Abhängigkeit ist behandelbar.

BK-Score Dünne Humanevidenz

Human-Evidenz4
Mechanismus8
Sicherheits-Datenlage2
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung2

Evidenz 4, weil es am Menschen echte, aber alte und nie wiederholte Daten gibt: eine randomisierte Doppelblindstudie an 150 Patienten nach planbaren Operationen mit 43,4 Stunden Schmerzfreiheit gegenüber 34,5 Stunden unter Morphin (Basso et al. 1985), dazu Versuche an Gesunden zur Hemmung eines spinalen Schmerzreflexes (Sandrini et al. 1986) und zu Hormonwirkungen (Degli Uberti et al. 1985). Danach brach die klinische Forschung ab; eine Übersicht von 2018 stellt fest, dass die Studie von 1985 in der klinischen Literatur praktisch nie zitiert wurde, und es gibt keinen Registereintrag und keine moderne Studie. Richtung positiv, weil die Daten die beworbene Wirkung – starke, lang anhaltende Schmerzdämpfung – stützen; das ist hier keine Entlastung, sondern der Grund für die Risiken. Mechanismus 8, weil die Wirkung als selektiver Agonismus am My-Opioid-Rezeptor sauber beschrieben ist, am Menschen mit Naloxon geprüft wurde und die Sequenz samt D-Aminosäure seit 1981 bekannt ist. Sicherheit 2, weil substanzeigene Sicherheitsdaten fehlen: keine moderne Toxikologie, keine Pharmakovigilanz, keine Daten außerhalb klinischer Überwachung; bekannt sind die Klassenrisiken hochpotenter Opioide bis zur Atemdämpfung, und im Tierversuch entstand nach wenigen Tagen Dauergabe Abhängigkeit mit Entzugssyndrom. Hype 2, weil der Stoff in Foren als überlegenes Schmerzmittel gehandelt wird, obwohl er in keinem Land zugelassen ist und sein Ruf vor allem aus dem Pferderennsport stammt, wo er bis 2011 unbemerkt eingesetzt wurde. Anwendung 2, weil Dermorphin am Menschen nur in Studien der 1980er Jahre angewendet wurde. Zum Vergleich: DSIP (4/3/3/2/3) für zwei kleine alte Doppelblindstudien, Phenibut (4/5/5/2/7) für einen Wirkstoff mit dünner Evidenz und bekanntem Abhängigkeitsrisiko, Cerebrolysin (6/4/5/2/7) für eine alte Peptidtherapie aus einem einzigen Forschungsraum.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Dermorphin

Was ist Dermorphin?

Dermorphin ist ein Opioid-Peptid aus sieben Aminosäuren, 1981 aus der Haut südamerikanischer Frösche isoliert. Es aktiviert sehr selektiv den My-Opioid-Rezeptor, denselben Angriffspunkt wie Morphin und Fentanyl.

Ist Dermorphin stärker als Morphin?

Am Rezeptor ja: In der Fachliteratur zur Dopinganalytik wird es als 30- bis 40-mal stärker als Morphin beschrieben, und in der Studie von 1985 hielt die Schmerzfreiheit länger an. Diese Wirkstärke ist zugleich der Grund für den engen Sicherheitsspielraum.

Gibt es Studien zu Dermorphin am Menschen?

Ja, aber nur aus den Jahren 1983 bis 1986: eine randomisierte Doppelblindstudie an 150 Patienten nach Operationen, dazu Versuche an gesunden Freiwilligen zu Schmerzreflex und Hormonen. Danach endete die klinische Forschung, und es gibt keine moderne Studie und keinen Registereintrag.

Ist Dermorphin in Deutschland verboten?

Es ist kein Betäubungsmittel im Rechtssinn, denn es steht nicht in den Anlagen des Betäubungsmittelgesetzes und wird vom Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz nicht erfasst. Frei verkäuflich ist es aber nicht: Als Arzneimittel ohne Zulassung ist das Inverkehrbringen nach dem Arzneimittelgesetz strafbar.

Warum ist Dermorphin aus dem Pferdesport bekannt?

Ab 2011 zeigten Hinweise von nordamerikanischen Rennbahnen, dass der Stoff bei Rennpferden eingesetzt wurde, ohne in den Kontrollen aufzufallen. 2013 erschien das erste Nachweisverfahren für Pferdeplasma und -urin, später auch eines für menschlichen Urin.

Wie ist der Dopingstatus von Dermorphin?

Auf der Verbotsliste 2026 steht Dermorphin nicht namentlich; die Narkotika der Gruppe S7 sind einzeln aufgeführt und umfassen es nicht. Es fällt als nicht zugelassene Substanz unter die Gruppe S0 und ist damit jederzeit verboten, innerhalb und außerhalb des Wettkampfs.

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Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-05.