Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Phenibut

GABA-B-Agonist und Gabapentinoid (α2-δ-Ligand), in Russland verschreibungsfähiges Anxiolytikum · β-Phenyl-GABA, 4-Amino-3-phenylbuttersäure, Aminophenylbuttersäure, Fenibut, Noofen, Anvifen, Фенибут

Phenibut ist ein sowjetisches Beruhigungsmittel aus den 1960er Jahren, das in Russland bis heute gegen Angst, Anspannung und Schlafstörungen verordnet wird. Im Westen wird es online als Nootropikum und Entspannungshilfe verkauft. Die angstlösende Wirkung ist in osteuropäischen Studien beschrieben, das Abhängigkeitsrisiko ebenso deutlich.

Kurz gesagt

Phenibut ist ein Abkömmling des Botenstoffs GABA mit einem Phenylring, der es ins Gehirn bringt. Es wirkt am GABA-B-Rezeptor wie das Medikament Baclofen und bindet zusätzlich an dieselbe Kanal-Untereinheit wie Gabapentin und Pregabalin. In russischen und lettischen Studien linderte es Angst, Erschöpfung und Schlafprobleme bei guter Kurzzeitverträglichkeit, eine placebokontrollierte Studie ließ sich aber nicht finden. Bei täglicher Einnahme können Toleranz, Abhängigkeit und ein teils schwerer Entzug entstehen, und in Deutschland sind Erwerb und Besitz nach dem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz verboten.

Was es ist

Chemisch ist Phenibut Beta-Phenyl-Gamma-Aminobuttersäure, also GABA mit einem angehängten Phenylring. GABA selbst gelangt kaum ins Gehirn, der Ring macht das Molekül fettlöslicher und damit hirngängig. Baclofen, ein zugelassenes Mittel gegen Muskelspastik, ist nahezu dasselbe Molekül mit einem zusätzlichen Chloratom.

Entwickelt wurde Phenibut in der Sowjetunion, erstmals zugelassen 1965. Eine Übersicht beschreibt als Ziel, Angst zu mindern und die Leistungsfähigkeit von Militärpersonal zu erhalten; eine schwedische Fallbeschreibung titelte 2013 entsprechend von Medikamenten für Kosmonauten. In Russland ist es bis heute ein verschreibungsfähiges Arzneimittel, in Lettland unter dem Namen Noofen verschreibungspflichtig registriert.

Wie es wirkt

Phenibut hat zwei gut beschriebene Angriffspunkte. Der erste ist der GABA-B-Rezeptor, über den auch Baclofen dämpft, allerdings bindet Phenibut dort deutlich schwächer. Am GABA-B-Rezeptor wirkt nur die R-Form des Moleküls.

Der zweite Angriffspunkt wurde erst 2015 erkannt: Phenibut bindet wie Gabapentin und Pregabalin an die α2-δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle, dort sogar 4-mal stärker als am GABA-B-Rezeptor. Im Vergleich zu Gabapentin ist diese Bindung schwach, aber sie erklärt, warum Fachleute Phenibut heute zu den Gabapentinoiden zählen. Russische Arbeiten beschreiben zusätzlich eine Wirkung auf das Dopaminsystem. Laut einer Übersicht im Deutschen Ärzteblatt wird Phenibut kaum in der Leber abgebaut und unverändert über die Niere ausgeschieden, mit einer Halbwertszeit von 5 bis 6 Stunden.

Was Anwender berichten

Eine Auswertung von 229 Erfahrungsberichten auf der Plattform Erowid zeigt, warum Phenibut beliebt ist. Die Schreibenden nutzten es zur Entspannung, gegen Schlafprobleme und Angst, als Ersatz für andere Beruhigungsmittel, gegen Entzugsbeschwerden oder zur Leistungssteigerung. Beschrieben werden Angstlösung und Redseligkeit, aber auch Koordinationsstörungen, Müdigkeit und Magen-Darm-Beschwerden. Mehrere berichten, dass es ihnen schwerfiel, den Konsum zu begrenzen. Das sind unkontrollierte Selbstberichte, überwiegend von Männern, ohne Kontrolle, was tatsächlich eingenommen wurde.

Was gut belegt ist

Die angstlösende und beruhigende Wirkung hat eine lange klinische Tradition. In Osteuropa wird Phenibut seit den 1960er Jahren gegen Anspannung, Angst, Schlafstörungen und Erschöpfung eingesetzt. Ein systematischer Review aus Lettland fasste 2020 elf klinische Studien mit 583 Patienten zusammen und fand unerwünschte Ereignisse nur bei 5,66 Prozent, am häufigsten Schläfrigkeit.

Neuere russische Studien stützen das Bild. In einer randomisierten Studie mit drei Nootropika sank die Angst im Phenibut-Arm um 20,0 Punkte auf der Hamilton-Skala. In einer Studie zur Kurdauer hielt die Besserung nach einem 60-tägigen Kurs auch einen Monat nach Therapieende an, nach 21 Tagen dagegen nicht. Gut belegt ist auch der Mechanismus: Die Bindung an GABA-B-Rezeptor und α2-δ-Untereinheit ist an Hirnmembranen gemessen und passt zum Wirkprofil.

Was die Studien zeigen

Sicherheit in Studien und Fallberichten (2020)

Systematischer Review aus Lettland: 11 klinische Studien mit 583 Patienten und 14 Fallberichte mit 16 Betroffenen. In den Studien traten bei 5,66 Prozent unerwünschte Ereignisse auf, Schläfrigkeit bei 1,89 Prozent. In den Fallberichten dagegen Herzrasen, Schlaflosigkeit, Halluzinationen und Bewusstseinstrübung, jeweils nach Mengen weit über der in Russland üblichen Tagesdosis und meist mit Online-Ware.

Drei Nootropika im Vergleich (2022)

150 Patienten mit vaskulären kognitiven Störungen, randomisiert auf je 50 für Omberacetam, Piracetam mit Cinnarizin oder Aminophenylbuttersäure, also Phenibut, über 45 Tage. Die Angst sank in allen Gruppen, im Phenibut-Arm um 20,0 Punkte auf der Hamilton-Skala, unter Omberacetam um 16,9. Kein Placebo, vom Hersteller eines der Präparate gefördert.

US-Giftnotrufe (2020)

Auswertung aller Meldungen an US-Giftnotrufzentralen von 2009 bis 2019: 1.320 Expositionen, meist junge Männer, 85,0 Prozent der Anrufe aus Kliniken und Praxen. Schwere Verläufe gab es in 12,6 Prozent, Koma in 80 Fällen, 3 Menschen starben. War Phenibut die einzige Substanz, lag der Anteil schwerer Verläufe bei 10,2 Prozent, mit einem Todesfall.

Entzug im systematischen Review (2023)

Auswertung von 25 Fallberichten zum Phenibut-Entzug. Beschwerden begannen teils schon 2 Stunden nach der letzten Einnahme und traten bereits nach 1 Woche täglicher Einnahme auf. Krampfanfälle kamen in 8 Prozent vor, 24 Prozent wurden intubiert, 44 Prozent auf der Intensivstation behandelt. Der Verlauf war mit und ohne Mischkonsum ähnlich.

Wo die Daten aufhören

Eine placebokontrollierte Studie ließ sich nicht finden. Die Übersicht im Deutschen Ärzteblatt fand 2024 keine einzige prospektive randomisierte kontrollierte Studie; die vorhandenen Wirksamkeitsdaten stammen aus Russland und Lettland, laufen gegen andere Medikamente oder ohne Vergleichsgruppe und sind teils vom Hersteller finanziert. Eine nootropische Wirkung bei Gesunden ist nicht untersucht, obwohl Phenibut online genau so verkauft wird.

Offen ist auch, wie häufig Abhängigkeit bei bestimmungsgemäßer Anwendung entsteht. Studien berichten niedrige Nebenwirkungsraten, Giftnotrufe und Fallberichte schwere Verläufe. Beides schließt sich nicht aus: Die dramatischen Fälle betreffen überwiegend tägliche Einnahme hoher Mengen, Online-Ware mit unklarem Gehalt und Mischkonsum, und 73 Prozent der Betroffenen in einer Übersicht hatten bereits Probleme mit Alkohol oder Drogen. Eine Häufigkeit für Menschen ohne diese Vorgeschichte lässt sich daraus nicht ableiten.

Status, Zulassung und Recht

In Deutschland ist Phenibut nicht zugelassen. Nach der Übersicht im Deutschen Ärzteblatt von 2024 fällt es unter das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz; verboten sind Handel, Herstellung, Einfuhr, Erwerb, Besitz und Weitergabe. Dieselbe Übersicht nennt Australien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Ungarn und Litauen als Länder, in denen der Umgang ebenfalls nicht legal ist; in Australien sollte Phenibut nach einer Zwischenentscheidung der Arzneimittelbehörde ab Februar 2018 als verbotener Stoff gelten. In Russland ist es verschreibungsfähig, in Lettland als Noofen verschreibungspflichtig registriert. In den USA ist Phenibut nicht zugelassen und laut FDA kein zulässiger Bestandteil von Nahrungsergänzungsmitteln. Im Sport steht es nicht auf der WADA-Liste; die US-Antidopingagentur führt es unter den nicht verbotenen Zutaten.

Sicherheit

Das zentrale Risiko ist die Gewöhnung. Wer Phenibut täglich nimmt, kann Toleranz und körperliche Abhängigkeit entwickeln, ähnlich wie bei Benzodiazepinen oder Pregabalin. Der Entzug reicht von Angst, Reizbarkeit und Schlaflosigkeit bis zu Psychose, Delir und Krampfanfällen und wird meist stationär mit Benzodiazepinen, Baclofen oder langsamem Ausschleichen behandelt; abruptes Absetzen nach regelmäßiger Einnahme gehört deshalb in ärztliche Begleitung. Vergiftungen zeigen sich als Schläfrigkeit bis Koma, Verwirrtheit oder Unruhe. Beim Giftinformationszentrum Nord in Göttingen verliefen alle 17 gemeldeten Fälle leicht bis mittelschwer, ohne Atemdepression. Gefährlich ist die Kombination mit Opioiden, Alkohol, Benzodiazepinen oder Gabapentinoiden, die die Atmung zusätzlich dämpfen. Ein Gegenmittel gibt es nicht, und Routine-Drogentests erfassen Phenibut nicht. Online-Ware weicht im Gehalt stark ab: In einer lettischen Analyse enthielten 3 von 6 Produkten deutlich weniger, 1 deutlich mehr Wirkstoff als angegeben. Für Menschen mit Suchterkrankung in der Vorgeschichte, Schwangere, Stillende und Minderjährige gibt es keine Datengrundlage.

BK-Score Dünne Humanevidenz

Human-Evidenz4
Mechanismus5
Sicherheits-Datenlage5
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung7

Evidenz 4, weil zur angstlösenden Wirkung mehrere klinische Studien aus Russland und Lettland vorliegen (systematischer Review: 11 Studien, 583 Patienten, Kupats 2020; randomisiert, aber ohne Placebo: Dadasheva 2022 mit Angstrückgang um 20,0 Punkte, Esin 2022 mit 120 Patienten), jedoch keine placebokontrollierte Studie gefunden wurde, die Übersicht im Deutschen Ärzteblatt keine prospektive randomisierte kontrollierte Studie fand und die nootropische Wirkung bei Gesunden nicht untersucht ist. Mechanismus 5, weil beide Zielstrukturen an Hirnmembranen quantifiziert sind – GABA-B deutlich schwächer als Baclofen, α2-δ mit 4-mal höherer Affinität als GABA-B (Zvejniece 2015) – und das klinische Bild mit benzodiazepinähnlichem Entzug, der auf Baclofen anspricht, dazu passt, eine Messung der Zielbindung am Menschen aber fehlt. Sicherheit 5, weil die Risiken ungewöhnlich breit dokumentiert sind – 1.320 US-Giftnotrufe mit 12,6 Prozent schweren Verläufen und 3 Todesfällen (Graves 2020), systematische Reviews zu Vergiftung und Entzug (Weleff 2023, Feldman 2023), GIZ-Nord-Daten (Bonnet 2024) –, kontrollierte Langzeitdaten zur Abhängigkeitshäufigkeit bei bestimmungsgemäßer Anwendung aber fehlen; die Zahl heißt gut untersucht, nicht harmlos. Hype 2, weil Phenibut online als Nahrungsergänzung und Nootropikum für Gesunde verkauft wird, ohne Daten dazu und ohne Hinweis auf Abhängigkeit, und die Ware nach FDA-Warnungen in 3 von 4 Marken sogar mehr Wirkstoff enthielt (Cohen 2022). Anwendung 7, weil Phenibut seit 1965 in der Sowjetunion und Russland ärztlich verordnet wird und in Lettland verschreibungspflichtig registriert ist, im Westen aber ohne Rahmen im Graumarkt kursiert. Richtung gemischt, weil die angstlösende Wirkung in Studien einheitlich beschrieben ist, Abhängigkeit und Entzug bei täglicher Einnahme aber ebenso klar belegt sind.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Phenibut

Was ist Phenibut?

Phenibut ist Beta-Phenyl-GABA, ein in der Sowjetunion entwickeltes Beruhigungs- und Angstmittel. In Russland wird es bis heute verordnet, in Lettland heißt es Noofen. Im Westen wird es online als Nootropikum und Entspannungshilfe verkauft.

Wie wirkt Phenibut?

Es aktiviert den GABA-B-Rezeptor ähnlich wie Baclofen, nur schwächer, und bindet an dieselbe Kanal-Untereinheit wie Gabapentin und Pregabalin. Daraus ergeben sich die angstlösende, beruhigende und schlaffördernde Wirkung.

Macht Phenibut abhängig?

Ja, bei regelmäßiger Einnahme sind Toleranz, körperliche Abhängigkeit und Entzug gut dokumentiert. Entzugsbeschwerden können schon nach einer Woche täglicher Einnahme auftreten und reichen bis zu Krampfanfällen und Delir. Wie häufig das bei ärztlich verordneter Anwendung vorkommt, ist nicht untersucht.

Ist Phenibut ein Nootropikum?

In Russland wird es als Beruhigungsmittel mit nootroper Komponente eingeordnet. Eine Verbesserung von Gedächtnis oder Konzentration bei Gesunden ist aber nicht untersucht; die Studien betreffen Angst, Erschöpfung und Schlaf bei Patienten.

Ist Phenibut in Deutschland legal?

Nein. Nach dem Deutschen Ärzteblatt fällt Phenibut unter das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz, womit Handel, Erwerb und Besitz verboten sind. Als Arzneimittel ist es in Deutschland nicht zugelassen.

Was tun bei Entzugserscheinungen nach Phenibut?

Nach regelmäßiger Einnahme sollte Phenibut nicht abrupt abgesetzt werden, das Absetzen gehört in ärztliche Begleitung. Bei Verwirrtheit, starker Unruhe oder Krampfanfällen ist der Notruf die richtige Adresse. Kliniken behandeln den Entzug meist mit Benzodiazepinen oder Baclofen.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.