Peptid & Experimentelles
Orlistat (Xenical / alli)
Lipasehemmer zum Einnehmen, 120 mg verschreibungspflichtig, 60 mg rezeptfrei · Xenical, alli, Orlistat 60 mg, Orlistat 120 mg, Lipasehemmer
Orlistat hemmt die Fettverdauung im Darm und ist seit 1998 in der EU zum Abnehmen zugelassen, mit 120 mg verschreibungspflichtig, mit 60 mg rezeptfrei. Der Effekt ist in großen Studien belegt und klein: Nach einem Jahr verloren Behandelte im Mittel 2,6 bis 2,9 kg mehr als unter Placebo. Über vier Jahre gab es bei gestörter Glukosetoleranz weniger neue Diabetesfälle. In einem Vergleich von fünf Abnehmwirkstoffen schnitt Orlistat am schwächsten ab; anders als Semaglutid oder Liraglutid wirkt es nicht über den Appetit.
Was Orlistat ist
Orlistat ist ein Lipasehemmer, der als Kapsel zu den Mahlzeiten eingenommen wird. In der EU gibt es ihn als Xenical mit 120 mg, verschreibungspflichtig und seit 1998 zugelassen, und als alli mit 60 mg, seit 2007 ohne Rezept erhältlich. Daneben gibt es Präparate anderer Hersteller.
Bewertet wird der Wissensstand. Orlistat ist gut untersucht: randomisierte Studien über bis zu vier Jahre, Meta-Analysen mit mehr als 10.000 Teilnehmenden und eine Prüfung der Europäischen Arzneimittel-Agentur zu Leberschäden. Im Vergleich mit den neueren Abnehmspritzen wie Semaglutid und Tirzepatid ist der Effekt klein.
Wie es wirkt
Orlistat hemmt die fettspaltenden Enzyme, die Lipasen, in Magen und Darm. Etwa 30 Prozent des Fetts einer Mahlzeit werden dadurch nicht verdaut und unverändert ausgeschieden. Der Wirkstoff wird kaum ins Blut aufgenommen.
Orlistat setzt damit im Verdauungstrakt an, nicht am Appetit. GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid und Liraglutid wirken dagegen über Sättigung und Magenentleerung. Aus dem Wirkprinzip folgen die typischen Nebenwirkungen, fettige Stühle und Stuhldrang, und eine möglicherweise schlechtere Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K.
Was gut belegt ist
- Ein kleiner, belegter Gewichtseffekt. Über 16 Langzeitstudien mit 10.631 Teilnehmenden verloren Behandelte nach einem Jahr 2,9 kg mehr als unter Placebo (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,5 bis 3,2). Eine Netzwerk-Meta-Analyse kam auf 2,6 kg; mindestens 5 Prozent ihres Gewichts verloren 44 Prozent unter Orlistat und 23 Prozent unter Placebo.
- Weniger Typ-2-Diabetes bei gestörter Glukosetoleranz. In XENDOS erkrankten über vier Jahre 6,2 Prozent unter Orlistat und 9,0 Prozent unter Placebo, eine relative Senkung um 37,3 Prozent. Der Effekt zeigte sich nur in der Gruppe mit gestörter Glukosetoleranz.
- Leicht verbesserte Risikofaktoren. Orlistat senkte Gesamt- und LDL-Cholesterin und verbesserte Blutdruck und, bei Diabetes, den Blutzucker; das HDL-Cholesterin sank leicht.
- Lange Anwendung. Xenical ist seit 1998 zugelassen. Laut EMA hatten bis 2012 über 53 Millionen Menschen weltweit Xenical oder alli angewendet, über 20 Millionen davon in der EU.
Was die Studien zeigen
XENDOS: vier Jahre Diabetes-Vorbeugung
Torgerson 2004 (Diabetes Care) randomisierte 3.305 Menschen mit einem BMI ab 30 auf Lebensstiländerung plus Orlistat 120 mg dreimal täglich oder plus Placebo, über vier Jahre und doppelt verblindet. Neue Fälle von Typ-2-Diabetes traten bei 6,2 gegenüber 9,0 Prozent auf, relative Senkung 37,3 Prozent; nach weiteren Auswertungen ging der Effekt auf die 21 Prozent der Teilnehmenden mit gestörter Glukosetoleranz zurück. Das Gewicht sank um 5,8 gegenüber 3,0 kg. Die vier Jahre durchgehalten haben nur 52 Prozent unter Orlistat und 34 Prozent unter Placebo; rechnet man mit dem Ausgangsgewicht der Ausgeschiedenen, schrumpft der Unterschied auf 3,6 gegenüber 1,4 kg.
Meta-Analyse der Langzeitstudien
Rucker 2007 (BMJ) fasste doppelblinde Studien von mindestens einem Jahr Dauer zusammen, darunter 16 mit Orlistat und 10.631 Teilnehmenden. Orlistat senkte das Gewicht um 2,9 kg stärker als Placebo. In den Studien schieden im Mittel 30 bis 40 Prozent der Teilnehmenden vorzeitig aus. Magen-Darm-Nebenwirkungen waren unter Orlistat häufiger.
Fünf Abnehmmittel im Vergleich
Khera 2016 (JAMA) verglich in einer Netzwerk-Meta-Analyse aus 28 randomisierten Studien mit 29.018 Teilnehmenden fünf in den USA zugelassene Abnehmwirkstoffe über ein Jahr. Gegenüber Placebo verloren Behandelte mit Orlistat 2,6 kg mehr, mit Liraglutid 5,3 kg und mit Phentermin-Topiramat 8,8 kg. Mindestens 5 Prozent Gewichtsverlust erreichten 44 Prozent unter Orlistat, 63 Prozent unter Liraglutid und 23 Prozent unter Placebo. In der Rangfolge lag Orlistat auf dem letzten Platz.
Die rezeptfreie Dosis
Anderson 2006 (Ann Pharmacother) untersuchte Orlistat 60 mg dreimal täglich bei 391 leicht bis mäßig Übergewichtigen über 16 Wochen, zusammen mit einer kalorienreduzierten Kost. Das Gewicht sank um 3,05 gegenüber 1,90 kg. Gesamtcholesterin sank um 4,4 gegenüber 0,0 Prozent, LDL-Cholesterin um 7,2 gegenüber 0,6 Prozent. Magen-Darm-Beschwerden waren unter Orlistat häufiger.
Wo die Daten aufhören
- Harte Endpunkte. Eine Studie, die Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Sterblichkeit unter Orlistat misst, liegt in den hier ausgewerteten Quellen nicht vor. Die Diabetes-Vorbeugung zeigte sich nur bei gestörter Glukosetoleranz.
- Durchhalten. In den Langzeitstudien schieden 30 bis 40 Prozent der Teilnehmenden aus, in XENDOS beendete knapp die Hälfte der Orlistat-Gruppe die vier Jahre nicht. Die Ergebnisse gelten für die, die dabeiblieben, nur eingeschränkt für alle.
- Der Abstand zu neueren Mitteln. Einen direkten Vergleich mit Semaglutid oder Tirzepatid gibt es in den hier ausgewerteten Quellen nicht. Im Netzwerkvergleich lag schon Liraglutid mit 5,3 kg deutlich vor Orlistat.
- Die Zeit danach. Die rezeptfreie Dosis ist auf sechs Monate begrenzt, die längsten Studien laufen über vier Jahre. Was nach dem Absetzen mit dem Gewicht geschieht, beantworten die hier ausgewerteten Studien nicht.
Status, Zulassung und Recht
Xenical mit 120 mg ist seit dem 29.07.1998 in der EU zugelassen und verschreibungspflichtig. Anwendungsgebiet: Erwachsene mit einem BMI ab 30 oder über 28 mit Risikofaktoren, zusammen mit einer leicht kalorienreduzierten Kost. Die zugelassene Dosis beträgt 120 mg zu jeder Hauptmahlzeit. Wer nach 12 Wochen nicht mindestens 5 Prozent abgenommen hat, soll die Behandlung laut Fachinformation beenden.
alli mit 60 mg ist seit dem 22.07.2007 ohne Rezept zugelassen, für Erwachsene mit einem BMI ab 28 zusammen mit einer leicht kalorienreduzierten, fettärmeren Kost. Die zugelassene Dosis beträgt 60 mg dreimal täglich, höchstens drei Kapseln in 24 Stunden und höchstens sechs Monate. In Deutschland ist Orlistat verschreibungspflichtig, ausgenommen sind Präparate mit höchstens 60 mg je Einheit und höchstens 180 mg pro Tag.
Zum Abnehmen zahlt die gesetzliche Krankenkasse nicht: § 34 SGB V schließt Arzneimittel zur Abmagerung und zur Regulierung des Körpergewichts aus.
Sicherheit
Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Darm: öliger Ausfluss, Bauchbeschwerden, Stuhldrang, Fettstühle und Blähungen, meist zu Beginn der Behandlung. Die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K kann sinken; die Fachinformation von alli sieht deshalb ein Multivitaminpräparat zur Nacht vor.
Gegenanzeigen sind unter anderem die gleichzeitige Behandlung mit Ciclosporin oder mit Warfarin und anderen Gerinnungshemmern zum Einnehmen, chronische Malabsorption, Cholestase, Schwangerschaft und Stillzeit. Bei Levothyroxin, Antiepileptika und Amiodaron ist ärztlicher Rat nötig, bei starkem Durchfall kann die Pille unsicher werden.
Zu Leberschäden hat die EMA 2012 21 Berichte über schwere Leberschäden unter Xenical und 9 über Leberversagen unter alli geprüft. Sie fand keinen guten Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang, die Zahl lag unter der in dieser Bevölkerung erwarteten. Seither weist die Produktinformation auf sehr seltene Lebernebenwirkungen hin.
BK-Score Gut belegt
| Human-Evidenz | 8 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 9 | |
| Sicherheits-Datenlage | 9 | |
| Hype-Abstand | 6 | |
| Anwendungserfahrung | 10 |
Evidenz 8, weil der Gewichtseffekt in einer Meta-Analyse über 16 Langzeitstudien mit 10.631 Teilnehmenden belegt ist – 2,9 kg mehr als unter Placebo (Rucker 2007) – und XENDOS über vier Jahre weniger neue Diabetesfälle zeigte, 6,2 gegenüber 9,0 Prozent (Torgerson 2004); eine Studie zu Herz-Kreislauf-Endpunkten fehlt, und 30 bis 40 Prozent der Teilnehmenden schieden aus. Mechanismus 9, weil die Hemmung der Lipasen im Darm einfach und gut beschrieben ist: Etwa 30 Prozent des Nahrungsfetts werden nicht verdaut. Sicherheit 9, weil Studien über bis zu vier Jahre, eine EMA-Prüfung zu Leberschäden von 2012 und eine Anwendung bei über 53 Millionen Menschen vorliegen; das heißt gut untersucht, nicht nebenwirkungsfrei. Hype 6, weil der Effekt klein ist und das Etikett „Fettblocker“ mehr verspricht, als 2,6 bis 2,9 kg nach einem Jahr halten; unter fünf Abnehmwirkstoffen schnitt Orlistat am schwächsten ab (Khera 2016). Anwendung 10, weil Orlistat seit 1998 in der EU zugelassen und als 60-mg-Präparat rezeptfrei erhältlich ist. Richtung positiv: Die Daten stützen eine moderate Gewichtsabnahme und eine Diabetes-Vorbeugung bei gestörter Glukosetoleranz.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos. „Anwendungserfahrung 9“ heißt: lange und breit angewendet – das ist kein Wirksamkeitsbeleg.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Orlistat (Xenical / alli)
Wie viel nimmt man mit Orlistat ab?
Wenig: Nach einem Jahr im Mittel 2,6 bis 2,9 kg mehr als unter Placebo. Mindestens 5 Prozent des Gewichts verloren in einer Netzwerk-Meta-Analyse 44 Prozent der Behandelten gegenüber 23 Prozent unter Placebo. In der vierjährigen XENDOS-Studie waren es 5,8 gegenüber 3,0 kg.
Was ist der Unterschied zwischen Xenical und alli?
Beide enthalten Orlistat. Xenical hat 120 mg je Kapsel, ist verschreibungspflichtig und für einen BMI ab 30 oder über 28 mit Risikofaktoren zugelassen. alli hat 60 mg, ist rezeptfrei, für einen BMI ab 28 zugelassen und auf sechs Monate begrenzt.
Ist Orlistat rezeptfrei?
Mit 60 mg je Kapsel und höchstens 180 mg pro Tag ja, etwa als alli. Orlistat mit 120 mg, also Xenical, ist verschreibungspflichtig. Eine Kassenleistung ist Orlistat zum Abnehmen in keiner Form.
Welche Nebenwirkungen hat Orlistat?
Vor allem Darmbeschwerden: öliger Ausfluss, Stuhldrang, Fettstühle, Blähungen und Bauchbeschwerden. Fettlösliche Vitamine werden möglicherweise schlechter aufgenommen. Mit Ciclosporin und Gerinnungshemmern wie Warfarin darf Orlistat nicht kombiniert werden.
Wie unterscheidet sich Orlistat von Semaglutid?
Orlistat blockiert die Fettverdauung im Darm, Semaglutid wirkt über den GLP-1-Rezeptor auf Sättigung und Magenentleerung. Einen direkten Vergleich gibt es in den hier ausgewerteten Quellen nicht. In einer Netzwerk-Meta-Analyse lag schon das ältere Liraglutid mit 5,3 kg deutlich vor Orlistat mit 2,6 kg.
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Quellen
- Torgerson JS et al., Diabetes Care 2004 – XENDOS, Orlistat zur Diabetes-Vorbeugung, RCT mit 3.305 Teilnehmenden über 4 Jahre
- Rucker D et al., BMJ 2007 – Meta-Analyse zur Langzeit-Pharmakotherapie bei Adipositas, 16 Orlistat-Studien mit 10.631 Teilnehmenden
- Khera R et al., JAMA 2016 – Netzwerk-Meta-Analyse von fünf Abnehmwirkstoffen, 28 RCTs mit 29.018 Teilnehmenden
- Anderson JW et al., Ann Pharmacother 2006 – Orlistat 60 mg, RCT mit 391 Übergewichtigen über 16 Wochen
- EMA – Xenical, europäischer Bewertungsbericht (EPAR)
- EMA – alli, europäischer Bewertungsbericht (EPAR)
- EMA – alli, Produktinformation (Fachinformation)
- EMA, 16.02.2012 – positives Nutzen-Risiko-Verhältnis orlistathaltiger Arzneimittel nach Prüfung von Leberschäden bestätigt
- Arzneimittelverschreibungsverordnung, Anlage 1 (verschreibungspflichtige Stoffe)
- Sozialgesetzbuch V, § 34 – von der Versorgung ausgeschlossene Arzneimittel
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-10-05.