Peptid & Experimentelles
Noopept
Dipeptid-Nootropikum (Prodrug von Cyclo-Prolylglycin), in Russland rezeptfreies Arzneimittel · Omberacetam, GVS-111, N-Phenylacetyl-L-Prolylglycin-Ethylester, Ноопепт
Noopept ist eines der bekanntesten Nootropika aus Russland: ein kleines, im Labor entworfenes Dipeptid, das dort seit Jahren rezeptfrei in der Apotheke steht. Es gibt klinische Studien bei Menschen mit leichten Gedächtnisstörungen, und sie fallen durchweg positiv aus. Eine placebokontrollierte Studie ließ sich allerdings nicht finden.
Kurz gesagt
Noopept, internationaler Freiname Omberacetam, ist in Russland ein zugelassenes, rezeptfreies Arzneimittel gegen Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, etwa nach Schlaganfall oder Hirntrauma. Im Körper entsteht daraus ein körpereigenes Gedächtnis-Peptid, und im Tierversuch steigen Wachstumsfaktoren wie BDNF im Hippocampus. Russische Studien mit Patienten zeigen bessere Testwerte als unter Piracetam und eine gute Kurzzeitverträglichkeit. Der Haken: Eine placebokontrollierte Studie ließ sich nicht finden, für Gesunde fehlen Daten, und in Deutschland ist Noopept weder Arzneimittel noch Nahrungsergänzung.
Was es ist
Chemisch ist Noopept der Ethylester von N-Phenylacetyl-L-Prolylglycin, ein Dipeptid aus nur zwei Aminosäuren mit einer kleinen Schutzgruppe. Entwickelt wurde es am Sakussow-Institut für Pharmakologie in Moskau, in der Schule des Pharmakologen S. B. Seredenin. Die Idee: die Struktur des Klassikers Piracetam mit einem kurzen Peptid nachzubauen. Laborname war GVS-111.
Seit 2018 führt die Weltgesundheitsorganisation den Wirkstoff unter dem Freinamen Omberacetam. In Russland wird er als Tablette unter dem Handelsnamen Noopept rezeptfrei abgegeben. Die russische Fachinformation nennt Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen nach Hirntrauma, bei Durchblutungsstörungen des Gehirns und bei Erschöpfungszuständen als Anwendungsgebiete.
Wie es wirken soll
Der interessanteste Befund betrifft den Umbau im Körper. Die Entwicklergruppe fand 1996 im Rattenhirn ein körpereigenes ringförmiges Dipeptid, Cyclo-Prolylglycin, das im Tierversuch das Gedächtnis förderte. Nach Gabe von Noopept stieg genau dieses Molekül im Rattenhirn binnen einer Stunde auf das 2,5-Fache, während Noopept selbst dort nicht mehr nachweisbar war. Noopept gilt deshalb als Vorstufe, die im Körper zu einem natürlichen Botenstoff wird.
Dazu kommen weitere Spuren aus dem Labor. Bei Ratten stieg im Hippocampus die Bildung der Wachstumsfaktoren NGF und BDNF, schon nach einer einzigen Gabe und ohne Gewöhnung über 28 Tage. In Zellkultur aktivierte Noopept gezielt den Sauerstoffmangel-Schalter HIF-1, in Hirnschnitten wirkte es über bestimmte Nikotinrezeptoren auf hemmende Nervenzellen. Wie viel davon beim Menschen passiert, ist nicht gemessen.
Ein praktischer Vorteil gegenüber vielen anderen Peptiden: Noopept wirkt auch geschluckt. Schon 2001 zeigte die Entwicklergruppe an Ratten, dass die gedächtnisschützende Wirkung nach Gabe über den Mund erhalten bleibt. Am Menschen gibt es dazu nur indirekte Hinweise, etwa eine russische EEG-Studie von 2008, in der sich bei Patienten die Hirnstromrhythmen in die für Nootropika typische Richtung verschoben: mehr Alpha- und Beta-, weniger Delta-Aktivität.
Oft liest man, Noopept sei tausendmal stärker als Piracetam. Die Zahl stammt aus einer Übersicht der Entwickler und beschreibt die wirksame Dosis im Tierversuch, die 1000-mal niedriger lag. Stärker in der Wirkung heißt das nicht.
Was Anwender beschreiben
In der Nootropika-Szene gehört Noopept zu den am häufigsten diskutierten Stoffen; eine Auswertung von Psychonauten-Foren aus dem Jahr 2020 führt es unter 142 dort besprochenen kognitiven Verstärkern. Die russische Fachinformation beschreibt als erste spürbare Effekte eine leichte Angstlösung und Anregung nach 5 bis 7 Tagen, Wirkungen auf Gedächtnis und Aufmerksamkeit erst nach 14 bis 20 Tagen. Das ist eine Herstellerangabe, keine Messung an Gesunden.
Was gut belegt ist
Am besten belegt ist Noopept dort, wofür es zugelassen wurde: bei leichten kognitiven Störungen infolge von Gefäßerkrankungen, Schlaganfall oder Hirntrauma. Eine Expertenrunde russischer Neurologen und Geriater hat 2026 zwölf klinische Arbeiten mit 20 bis 360 Patienten zusammengestellt. Alle berichten bessere Werte in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests, oft auch weniger Angst, Erschöpfung und Schlafprobleme.
Zwei dieser Arbeiten sind randomisierte Vergleiche. Im Vergleich mit Piracetam schnitt Noopept bei 150 Patienten nach der ärztlichen Gesamteinschätzung besser ab, und unerwünschte Ereignisse traten bei 25 Prozent statt 55 Prozent auf. In einer zweiten Studie mit 150 Patienten stieg der MoCA-Gedächtnistest unter Omberacetam stärker als unter zwei anderen Nootropika. Präklinisch zeigte eine sechsmonatige Toxizitätsprüfung an Kaninchen keine bleibenden Organschäden und keine erbgutschädigende Wirkung.
Was die Studien zeigen
Noopept gegen Piracetam (2008)
Multizentrischer, randomisierter Vergleich bei leichten kognitiven Störungen nach Gefäßerkrankung oder Hirntrauma. Nach der Tabelle der Expertenrunde von 2026 nahmen 150 Patienten teil. In der ärztlichen Gesamteinschätzung besserte sich der Zustand unter Noopept bei 90 Prozent deutlich, signifikant häufiger als unter Piracetam, bei weniger Nebenwirkungen. Die Originalarbeit ist russischsprachig, ein Abstract fehlt in PubMed.
Drei Nootropika im Vergleich (2022)
150 Patienten mit vaskulären kognitiven Störungen ohne Demenz wurden auf drei Gruppen zu je 50 verteilt: Omberacetam, eine Kombination aus Piracetam und Cinnarizin oder Phenibut, jeweils zusätzlich zur Basistherapie, über 45 Tage. Der MoCA-Wert stieg unter Omberacetam von 19,8 auf 23,3 Punkte, in den anderen Gruppen weniger. 4,5 Monate nach Therapieende lag er noch 0,8 Punkte über dem Ausgangswert, statistisch nicht mehr signifikant (p = 0,061). Die Studie wurde vom Hersteller gefördert.
Nach dem Schlaganfall (2011)
Offene Studie mit 60 Patienten nach ischämischem Schlaganfall und leichter kognitiver Störung, Noopept-Gruppe gegen Kontrollgruppe. Nach 2 Monaten waren Gedächtnistest und Wortflüssigkeit in der Noopept-Gruppe signifikant besser, die globale Einschätzung lautete leichte Besserung, in der Kontrollgruppe keine Veränderung.
Wo die Daten aufhören
Die wichtigste Lücke: Eine placebokontrollierte, doppelblinde Studie ließ sich nicht finden. Alle Vergleiche laufen gegen andere Nootropika oder gegen unbehandelte Kontrollen, und wer weiß, was er bekommt, schneidet in Fragebögen oft besser ab. Die Studien stammen ausnahmslos aus Russland, mehrere sind vom Hersteller gefördert, an der Expertenrunde von 2026 wirkten Vertreter der Entwicklerschule mit. Unabhängige Bestätigungen aus anderen Ländern fehlen.
Für gesunde Erwachsene, die Konzentration oder Lernen verbessern wollen, gibt es praktisch nichts: eine Klimakammer-Studie an 20- bis 24-Jährigen und eine Studie an älteren Lehrkräften, in der Noopept mit Selbstmassage kombiniert wurde. Der gesamte Mechanismus stammt aus Ratten, Zellkultur und Hirnschnitten. Selbst die Pharmakokinetik beim Menschen ist nur aus der Herstellerinformation bekannt, und die dort genannte hohe Konzentration im Gehirn passt nicht glatt zum Rattenbefund, dass Noopept eine Stunde nach Gabe im Hirn nicht mehr nachweisbar war.
Status, Zulassung und Recht
In Russland ist Noopept ein zugelassenes, rezeptfreies Arzneimittel; die WHO führt den Wirkstoff seit 2018 als Omberacetam. In Deutschland und der EU ist es nicht zugelassen, weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel. Ungarn hat Noopept am 25.08.2020 in seine Liste neuer psychoaktiver Substanzen aufgenommen. In den USA ist es ebenfalls nicht zugelassen, die FDA verwarnte 2019 einen Händler, der Noopept und Phenibut verkaufte. Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur steht Noopept nicht namentlich; eine Analyse von 2025 bewertet den Status als unklar und hält eine Einordnung als Verwandter des verbotenen Stimulans 4-Phenylpiracetam für möglich. Wettkampfsportler sollten deshalb vorsichtig sein.
Sicherheit
In den russischen Studien war Noopept kurzfristig gut verträglich, im Piracetam-Vergleich mit weniger unerwünschten Ereignissen. Die russische Fachinformation nennt allergische Reaktionen und bei schwerem Bluthochdruck einen möglichen Blutdruckanstieg; sie schließt Schwangerschaft, Stillzeit, Minderjährige sowie schwere Leber- und Nierenerkrankungen aus. Langzeitdaten über mehr als einige Monate gibt es nicht. Das größere praktische Risiko liegt im Graumarkt: In einer US-Analyse stimmten 75 Prozent der deklarierten Mengen in Gedächtnis-Supplementen nicht, und einzelne Produkte enthielten bis zu 4 nicht zugelassene Wirkstoffe, darunter Phenibut. Ein Fallbericht beschreibt einen Hitzschlag mit Leberversagen bei einem Marathonläufer nach Modafinil und Noopept, der Zusammenhang ist unklar. Anhaltende Gedächtnisprobleme gehören ärztlich abgeklärt.
BK-Score Dünne Humanevidenz
| Human-Evidenz | 4 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 4 | |
| Sicherheits-Datenlage | 4 | |
| Hype-Abstand | 3 | |
| Anwendungserfahrung | 6 |
Evidenz 4, weil es mehrere klinische Studien an Patienten mit leichten kognitiven Störungen gibt, darunter zwei randomisierte Vergleiche mit je 150 Patienten gegen Piracetam (Neznamov & Teleshova 2008) beziehungsweise gegen Piracetam/Cinnarizin und Phenibut (Dadasheva 2022, MoCA 19,8 auf 23,3 in 45 Tagen), aber keine einzige placebokontrollierte, doppelblinde Studie; alle Arbeiten sind russisch, mehrere herstellernah, und die Endpunkte sind Testskalen statt harter Endpunkte. Mechanismus 4, weil die Wirkkette – Umbau zu Cyclo-Prolylglycin (2,5-fach im Rattenhirn, Gudasheva 1997), mehr NGF und BDNF im Hippocampus (Ostrovskaya 2008), HIF-1-Aktivierung in Zellkultur – plausibel und präklinisch gut beschrieben, am Menschen aber nicht bestätigt ist. Sicherheit 4, weil kontrollierte Verträglichkeitsdaten nur über Wochen bis wenige Monate vorliegen (unerwünschte Ereignisse 25 statt 55 Prozent unter Piracetam), dazu eine sechsmonatige Tierstudie ohne bleibende Organschäden, aber keine veröffentlichte Langzeit- oder Pharmakovigilanzauswertung. Hype 3, weil die Szene Noopept als Gedächtnisverstärker für Gesunde vermarktet, wofür keine Daten existieren, und die Formel tausendmal stärker als Piracetam aus der im Tierversuch 1000-fach niedrigeren wirksamen Dosis stammt (Ostrovskaia 2002). Anwendung 6, weil Noopept in Russland seit Jahren als rezeptfreies Arzneimittel unter Aufsicht verkauft wird, außerhalb davon nur im Graumarkt. Richtung offen, weil die vorhandenen Studien zwar einheitlich positiv ausfallen, ohne Placebovergleich aber nicht zeigen können, wie viel davon Wirkstoff ist.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Noopept
Was ist Noopept?
Noopept ist ein in Russland entwickeltes Dipeptid mit dem Freinamen Omberacetam. Dort ist es ein rezeptfreies Arzneimittel gegen leichte Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, etwa nach Schlaganfall oder Hirntrauma. Im Körper wird es zu einem körpereigenen Gedächtnis-Peptid umgebaut.
Ist Noopept ein Racetam?
Nur im weiteren Sinn. Die Entwickler wollten die Struktur von Piracetam mit einem kurzen Peptid nachbilden, deshalb wird Noopept oft zu den Racetamen gezählt. Chemisch ist es aber ein Dipeptid und kein Pyrrolidon-Abkömmling wie Piracetam.
Ist Noopept wirklich tausendmal stärker als Piracetam?
Nein, so sagt es die Quelle nicht. Die Entwickler fanden im Tierversuch eine tausendfach niedrigere wirksame Dosis. Über die Stärke der Wirkung beim Menschen sagt das nichts.
Wirkt Noopept bei Gesunden?
Dafür gibt es keine belastbaren Daten. Die Studien betreffen Patienten mit leichten kognitiven Störungen nach Gefäßerkrankungen oder Hirnverletzungen. Bei Gesunden liegen nur zwei kleine Sonderstudien vor.
Macht Noopept abhängig?
Die russische Fachinformation verneint Abhängigkeit und Absetzeffekte, eine systematische Untersuchung dazu wurde aber nicht gefunden. Fallberichte über Abhängigkeit, wie es sie bei Phenibut gibt, wurden für Noopept bei der Recherche nicht gefunden.
Ist Noopept in Deutschland legal?
Noopept ist in Deutschland weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen; im Handel ist es nur über den Graumarkt. In Ungarn steht es seit 2020 auf der Liste neuer psychoaktiver Substanzen.
Quellen
- Gudasheva et al., European Journal of Drug Metabolism and Pharmacokinetics 1997 – Noopept als Vorstufe von Cyclo-Prolylglycin
- Ostrovskaya et al., Bulletin of Experimental Biology and Medicine 2008 – NGF und BDNF im Hippocampus der Ratte
- Neznamov und Teleshova, Neuroscience and Behavioral Physiology 2009 – Noopept gegen Piracetam
- Dadasheva et al., Nevrologiya, neiropsikhiatriya, psikhosomatika 2022 – Omberacetam, Piracetam/Cinnarizin und Phenibut im Vergleich
- Amelin et al., Zhurnal Nevrologii i Psikhiatrii 2011 – Noopept nach Schlaganfall
- Tkacheva et al., Russian Journal of Geriatric Medicine 2026 – Expertenresolution zu Omberacetam
- Kovalenko et al., Eksperimentalnaya i Klinicheskaya Farmakologiya 2002 – präklinische Toxizität
- Cohen et al., Neurology Clinical Practice 2021 – nicht zugelassene Wirkstoffe in Gedächtnis-Supplementen
- WHO Drug Information 2018 – Recommended INN List 79 (Omberacetam)
- Pokrywka et al., Biology of Sport 2025 – Brain-Doping-Substanzen und die WADA-Liste
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.