Peptid & Experimentelles
Semax
Synthetisches ACTH-Fragment-Analogon (Heptapeptid), Nootropikum · ACTH(4-7)-Pro-Gly-Pro
Semax ist ein Peptid aus sieben Aminosäuren, das in Russland entwickelt und dort 1994 als Arzneimittel registriert wurde. Der Mechanismus — ein Anstieg der Nervenwachstumsfaktoren BDNF und NGF — ist vorklinisch ordentlich untersucht. Die Zulassung selbst ruht auf Studien ohne Kontrollgruppe, und was im Handel angeboten wird, ist ein chemisch verändertes Molekül.
Kurz gesagt
Semax ist ein synthetisches Fragment des Hormons ACTH, bei dem der hormonell wirksame Teil weggelassen wurde und das über die Nase aufgenommen wird. Es soll BDNF und NGF im Gehirn anheben; dieser Teil ist in vorklinischen Arbeiten mehrerer Einrichtungen belegt und gehört zu den besser untersuchten Mechanismen in diesem Feld. In Russland ist Semax seit 1994 für Durchblutungsstörungen des Gehirns registriert und seither in breiter Anwendung. Die Studien, auf denen diese Registrierung ruht, waren jedoch weder randomisiert noch placebokontrolliert — und gerade beim Schlaganfall, wo die natürliche Erholung erheblich ist, lässt sich ohne Vergleichsgruppe nicht sagen, was die Substanz beigetragen hat. Angeboten wird zudem meist NA-Semax Amidat, eine veränderte Fassung, zu der keine Humanstudien auffindbar sind.
Was Semax ist
Semax ist ein Heptapeptid, eine Kette aus sieben Aminosäuren. Es ist einem Ausschnitt des körpereigenen Hormons ACTH nachempfunden, das im Körper die Nebenniere steuert. Für Semax hat man genau den Teil übernommen, der im Gehirn wirkt, und den weggelassen, der die Hormonachse anschaltet.
Hinten sind drei zusätzliche Aminosäuren angehängt: Prolin, Glycin, Prolin. Sie machen das Molekül stabiler, sodass es lange genug hält, um über die Nasenschleimhaut aufgenommen zu werden und über die Riechbahn ins Gehirn zu gelangen. Semax wird deshalb nicht gespritzt, sondern in die Nase gesprüht.
Wie es wirken soll
Die Kernbehauptung lautet, dass Semax BDNF hochfährt, den Nervenwachstumsfaktor im Gehirn. Dieser Teil ist ordentlich untermauert: Vorklinische Arbeiten aus mehreren Einrichtungen zeigen, dass BDNF und NGF ansteigen und dass der zugehörige Rezeptor aktiviert wird.
Daraus folgt die Anwendungsidee: Ein Mittel, das körpereigene Wachstumsfaktoren anhebt, soll nach einer Durchblutungsstörung den Umbau des Gehirns unterstützen. Der Schritt von diesem Gedanken zum belegten Nutzen am Menschen ist offen geblieben.
Die russische Zulassung — und worauf sie beruht
1994 hat das russische Gesundheitsministerium Semax registriert, und zwar für Durchblutungsstörungen des Gehirns: Schlaganfall, chronische Minderdurchblutung, kognitive Einbußen und Erkrankungen des Sehnervs. Dort ist es seit Jahrzehnten ein normales Medikament — mehr, als die meisten Substanzen in diesem Bereich vorweisen können.
Die maßgeblichen Studien kommen allerdings aus derselben Forschungsrichtung, und keine davon war randomisiert und placebokontrolliert. 1997 eine Vergleichsstudie mit 30 Schlaganfallpatienten gegen 80 Kontrollen, ohne Zufallszuteilung und ohne p-Werte. 2005 eine Arbeit mit 187 Patienten, ohne berichtete Effektstärken. Und die methodisch beste, von 2018, mit 110 Patienten nach Schlaganfall: bessere Werte auf zwei Funktionsskalen und erhöhtes BDNF im Blut — aber wieder ohne Zufallszuteilung und ohne Placebo.
Warum das gerade beim Schlaganfall wiegt
Menschen erholen sich nach einem Schlaganfall von selbst, und zwar erheblich. Das Gehirn baut um, Funktionen kommen zurück, oft über Monate. Wer einer Gruppe ein Mittel gibt und nach 10 Tagen misst, wie viel besser es ihr geht, misst zu einem großen Teil diese natürliche Erholung. Genau dafür gibt es Kontrollgruppen — und genau die fehlen hier.
Der Einwand, russische Studien würden pauschal abgewertet, trifft nicht. Es geht nicht um die Herkunft, sondern um die Methode: Eine nicht randomisierte, nicht verblindete Studie ist überall eine schwache Studie, in Moskau wie in München. Das Problem ist der fehlende Vergleichsarm, nicht der Absender.
Was verkauft wird, ist nicht das Zugelassene
Angeboten wird in der Regel nicht Semax, sondern NA-Semax Amidat — eine chemisch veränderte Fassung. Vorne ist eine Acetylgruppe angesetzt, hinten ist das Ende amidiert. Beides soll die Substanz stabiler und stärker machen.
Zu dieser Fassung sind keine Studien am Menschen auffindbar. Nicht wenige, nicht schwache — keine. Chemisch verändern heißt aber nicht automatisch verbessern: Bei einem Peptid, das auf Rezeptoren wirkt, kann eine kleine Änderung Bindung, Abbau und Verteilung verschieben. Wer liest, die Substanz sei in Russland als Medikament registriert, liest etwas Richtiges — über ein anderes Molekül als das im Fläschchen.
Was gut belegt ist
Belastbar ist der Mechanismus. Dass Semax BDNF und NGF anhebt und den zugehörigen Rezeptor aktiviert, ist in vorklinischen Arbeiten mehrerer Einrichtungen gezeigt worden — mehr, als die meisten Substanzen dieser Klasse vorweisen können. Belastbar ist außerdem die Registrierung: Seit 1994 ist Semax in Russland ein zugelassenes Arzneimittel für Durchblutungsstörungen des Gehirns, mit Jahrzehnten an Anwendung dahinter. Und der Aufnahmeweg über die Nase ist durch die angehängte Prolin-Glycin-Prolin-Sequenz plausibel gemacht.
Was die Studien zeigen
Vergleichsstudie nach ischämischem Schlaganfall, 1997
30 Patienten nach ischämischem Schlaganfall gegen 80 Kontrollen. Keine Zufallszuteilung, keine Verblindung, keine berichteten p-Werte. Das Ergebnis fiel zugunsten der behandelten Gruppe aus, lässt sich aber von der spontanen Erholung nicht trennen.
Anwendungsarbeit mit 187 Patienten, 2005
Die größere der frühen Arbeiten umfasst 187 Patienten. Auch hier fehlen Zufallszuteilung und Placebo, Effektstärken werden nicht berichtet. Sie dokumentiert Anwendung, nicht einen abgesicherten Effekt.
Methodisch beste Arbeit, 2018
110 Patienten nach Schlaganfall, bessere Werte auf zwei Funktionsskalen und ein erhöhter BDNF-Spiegel im Blut. Der bislang sauberste Befund — und auch diese Studie war weder randomisiert noch placebokontrolliert.
Bildgebung an Gesunden
Die einzige gefundene placebokontrollierte Arbeit am Menschen ist eine Bildgebungsstudie an 24 gesunden Freiwilligen, 14 mit Semax und 10 mit Placebo, gemessen 5 und 20 Minuten nach einer einzigen Gabe: Ein Teil des Ruhezustandsnetzwerks im Stirnhirn fiel unter Semax größer aus. Das ist ein Befund im Bild, kein Leistungsmaß, und einer der Autoren hat Semax mitentwickelt. Eine randomisierte Studie nach westlichen Zulassungsstandards existiert nicht.
Wo die Kontrollgruppe fehlt
Nicht belegt ist der klinische Nutzen. Alle maßgeblichen Arbeiten stammen im Wesentlichen aus derselben Forschungsrichtung, keine ist randomisiert und placebokontrolliert, eine unabhängige Replikation von außerhalb ist nicht auffindbar. Dass eine Substanz seit über 30 Jahren im selben Zustand steht — viel Anwendung, viel Erfahrung, kaum belastbarer Beweis — ist für sich genommen eine Auskunft.
Vollständig unbelegt ist die im Handel angebotene Variante. Zu NA-Semax Amidat gibt es keine Humanstudien, und die russische Zulassung deckt sie ausdrücklich nicht ab. Für die Wirkung bei Gesunden, die sich besser konzentrieren wollen, gilt ohnehin: Davon handelt keine der klinischen Arbeiten.
Status, Zulassung und Recht
In Russland ist Semax seit 1994 ein registriertes Arzneimittel für Durchblutungsstörungen des Gehirns und dort seit Jahrzehnten in regulärer Anwendung. In Deutschland und im übrigen Westen ist es nicht zugelassen; eine Studie nach westlichen Zulassungsstandards liegt nicht vor. Was hier angeboten wird, läuft über den Graumarkt und ist meist NA-Semax Amidat, für das auch die russische Registrierung nicht gilt.
In den USA stimmte das Beratergremium der Arzneimittelbehörde FDA für Rezepturarzneimittel am 24.07.2026 laut Presseberichten mit 8 zu 5 bei einer Enthaltung dafür, Semax in die Liste der Wirkstoffe für die Apothekenherstellung aufzunehmen, gegen die Empfehlung der FDA-Fachleute. Das Votum ist nicht bindend und keine Zulassung; eine Entscheidung der FDA stand bis zum 24.09.2026 aus.
Sicherheit
Für Semax selbst gibt es Jahrzehnte an Anwendungserfahrung in einem Land, und die klingt unauffällig. Eine systematische Nebenwirkungserfassung nach westlichem Muster liegt allerdings nicht vor — Erfahrung ist nicht dasselbe wie ein geprüftes Sicherheitsprofil. Die FDA hält 2026 bei unklaren Verunreinigungen und Aggregaten eine Immunreaktion für nicht ausgeschlossen; in ihrer Meldedatenbank fand sie einen Bericht über Augenschmerzen und Brennen nach den Nasentropfen. Für die veränderte Fassung NA-Semax Amidat gibt es keine Humandaten; im Zellversuch hob die Acetylierung sogar den Schutz vor Kupferschäden auf, den Semax dort zeigte. Immerhin wird die Substanz über die Nase gegeben und nicht gespritzt, was die Risiken der Selbstinjektion entfallen lässt. Diagnose und Behandlung von Durchblutungsstörungen des Gehirns gehören in ärztliche Hände.
BK-Score Hype weit vor Evidenz
| Human-Evidenz | 3 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 4 | |
| Sicherheits-Datenlage | 2 | |
| Hype-Abstand | 2 | |
| Anwendungserfahrung | 5 |
In Russland als Arzneimittel registriert, im Westen nicht – und die Evidenz erklärt, warum: Die auffindbaren Studien, etwa Gusev et al. 1997 mit 30 Patienten nach ischämischem Schlaganfall gegen 80 Kontrollen und 2005 mit 187 Patienten, sind ausnahmslos russischsprachig und stammen im Wesentlichen aus denselben zwei Arbeitsgruppen. Eine unabhängige Doppelblind-Replikation in einem internationalen Journal wurde nicht gefunden. Die BDNF-Erhöhung als Wirkmechanismus ist tierexperimentell gezeigt, der klinische Nutzen daraus nicht. Keine westliche Pharmakovigilanz. Und die Studienlage gilt für Semax, nicht für das im Handel übliche NA-Semax Amidat. Einzige gefundene placebokontrollierte Humanarbeit: Lebedeva 2018 (24 Gesunde, 14 Semax/10 Placebo, fMRT nach 5 und 20 min, Veränderung im Default-Mode-Netzwerk; Surrogat, Entwickler als Koautor). FDA-Briefing 2026: ischämiebezogene Literatur nur auf Russisch, unkontrollierte Migränestudie, „insufficient evidence of effectiveness“, keine Akut- oder Wiederholungstoxizitätsstudien vorgelegt.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Semax
Ist Semax wirklich ein zugelassenes Medikament?
Ja, in Russland. Das Gesundheitsministerium hat Semax 1994 für Durchblutungsstörungen des Gehirns registriert, darunter Schlaganfall und chronische Minderdurchblutung. Im Westen gibt es keine Zulassung. Wichtig ist außerdem, dass diese Registrierung für Semax gilt und nicht für die im Handel verbreitete Abwandlung.
Was ist der Unterschied zwischen Semax und NA-Semax Amidat?
NA-Semax Amidat ist eine chemisch veränderte Fassung: vorne eine Acetylgruppe, hinten ein amidiertes Ende. Beides soll das Molekül stabiler und stärker machen. Humanstudien dazu sind nicht auffindbar, und die russische Zulassung deckt diese Variante nicht ab.
Warum zählen die russischen Studien nicht als Beweis?
Nicht wegen ihrer Herkunft, sondern wegen ihrer Methode. Keine der maßgeblichen Arbeiten war randomisiert und placebokontrolliert. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich beim Schlaganfall nicht trennen, was das Mittel bewirkt hat und was die natürliche Erholung war.
Ist der BDNF-Effekt gesichert?
Vorklinisch ist er gut untersucht. Mehrere Einrichtungen haben gezeigt, dass BDNF und NGF ansteigen und der zugehörige Rezeptor aktiviert wird. In einer Arbeit von 2018 war auch der BDNF-Spiegel im Blut von Patienten erhöht. Was dieser Anstieg klinisch bedeutet, ist damit noch nicht beantwortet.
Hilft Semax gesunden Menschen beim Denken?
Dazu gibt es keine belastbaren Daten. Die klinischen Arbeiten stammen von Patienten nach Schlaganfall oder mit chronischer Minderdurchblutung. Die einzige Arbeit an Gesunden ist eine Bildgebungsstudie an 24 Freiwilligen mit einer einzigen Gabe gegen Placebo, und sie misst keine Leistungsverbesserung.
Wie wird Semax angewendet?
Es wird nicht gespritzt, sondern über die Nase aufgenommen und gelangt über die Riechbahn ins Gehirn. Möglich macht das die angehängte Prolin-Glycin-Prolin-Sequenz, die das Peptid stabiler macht. Angaben zur Anwendung findest du hier nicht, weil es sich um einen hierzulande nicht zugelassenen Wirkstoff handelt.
Die Podcast-Folge dazu
Folge 11
Semax: Russisches Nootropikum im Faktencheck
Der Podcast von Paul Höser (Folge 11) · mit Paul & Paula. Frische, positive KI-Dialogfolge über Semax, das russische Nootropikum-Peptid: ein ACTH-Fragment ohne Hormonwirkung, das BDNF und NGF – den „Dünger fürs Gehirn" – anhebt und so Fokus, Stimmung und Neuroplastizität fördert. In Russland zugelassen (u. a. beim Schlaganfall, Gusev et al. 2011), schnell über die Nase, sehr gut verträglich, gern mit Selank kombiniert. Ehrlicher Rahmen: Evidenz überwiegend russisch, bei uns Graumarkt. Reine Information, keine Dosier- oder Anwendungsempfehlung.
Quellen
- Gusev et al., Zh Nevrol Psikhiatr Im S S Korsakova 2018 (Semax nach ischämischem Schlaganfall, 110 Patienten)
- Dmitrieva et al., Cell Mol Neurobiol 2010 (Semax und die Transkription von Neurotrophinen, vorklinisch)
- Semax als ACTH-Fragment-Analogon
- Lebedeva et al., Bull Exp Biol Med 2018 (Bildgebung nach einmaliger Gabe, 14 Semax gegen 10 Placebo)
- FDA, Briefing zum Pharmacy Compounding Advisory Committee 2026 (Bewertung von Semax)
- Magrì et al., J Inorg Biochem 2016 (Acetylierung und Zellschutz, Zellversuch)
- NA-Semax Amidat — Suche nach Humanstudien
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.