Peptid & Experimentelles
DMG (N,N-Dimethylglycin)
Körpereigenes Glycin-Derivat aus dem Betain-Stoffwechsel; als Nahrungsergänzung angeboten, Novel-Food-Status in der EU ungeklärt · N,N-Dimethylglycin, Dimethylglycine, DMG-HCl, DMG-Natriumsalz, DMG-Na, Pangamsäure, Vitamin B15 (historisch, kein Vitamin)
DMG, kurz für N,N-Dimethylglycin, ist ein kleiner Baustein aus dem eigenen Stoffwechsel, der seit den 1970er-Jahren als Nahrungsergänzung für mehr Ausdauer, ein stärkeres Immunsystem und sogar bei Autismus verkauft wird. Der Stoff selbst ist gut verstanden und gut verträglich. Die großen Versprechen haben sich in kontrollierten Studien bisher nicht bestätigt.
Kurz gesagt
DMG entsteht im Körper, wenn Betain eine Methylgruppe an Homocystein abgibt, und wird dann über Sarkosin zu Glycin abgebaut. Als Kapsel soll es die Sauerstoffnutzung verbessern, Leistung steigern und das Immunsystem anregen. Eine doppelblinde Studie mit 20 Freiwilligen fand 1981 eine vierfach stärkere Antwort auf eine Pneumokokken-Impfung, wiederholt wurde das nie. Placebokontrollierte Studien zu Autismus, Epilepsie, Multipler Sklerose, sportlicher Leistung und einer mitochondrialen Erkrankung fanden dagegen keinen Effekt, sie waren allerdings klein. Wo über Verträglichkeit berichtet wurde, war DMG gut verträglich, auch über 12 Monate.
Was es ist
Dimethylglycin ist die Aminosäure Glycin mit zwei zusätzlichen Methylgruppen. Es ist die kleine Schwester von Betain, das drei Methylgruppen trägt und als TMG bekannt ist. Im Körper entsteht DMG laufend: Die Leber nutzt Betain, um Homocystein wieder zu Methionin zu machen, und übrig bleibt DMG. Ein Enzym in den Mitochondrien, die Dimethylglycin-Dehydrogenase, baut es weiter zu Sarkosin und schließlich zu Glycin ab.
Wie wichtig dieser Abbau ist, zeigt eine seltene Erbkrankheit. 2001 wurde bei einem 38-jährigen Mann mit lebenslanger Muskelmüdigkeit und fischartigem Körpergeruch ein Defekt genau dieses Enzyms gefunden, sein DMG-Spiegel war stark erhöht. DMG ist also kein fremder Wirkstoff, sondern ein normales Zwischenprodukt, dessen Menge der Körper regelt.
Als Nahrungsergänzung hat DMG eine bewegte Vorgeschichte. In den 1950er-Jahren berichteten russische Studien an Athleten von besserer Sauerstoffnutzung und weniger Ermüdung. Im Westen kam danach die sogenannte Pangamsäure als Vitamin B15 auf den Markt. Ein Vitamin war das nie, die Präparate waren oft Gemische aus Calciumgluconat und DMG, und die US-Arzneimittelbehörde FDA stellte 1978 fest, dass die Belege fehlten. DMG blieb als eigenständiges Produkt und wird seit 1974 als Nahrungsergänzung verkauft.
Wie es wirken soll
Die klassische Erklärung lautet, DMG verbessere die Sauerstoffnutzung im Gewebe und fange freie Radikale ab. Im Reagenzglas und bei Mäusen wirkt das Natriumsalz tatsächlich antioxidativ. Neuere Tierversuche zeigen außerdem, dass DMG an der Glycin-Bindungsstelle des NMDA-Rezeptors im Gehirn andockt und bei Mäusen antidepressiva-ähnlich wirkt. Daraus leiten sich Hoffnungen für Stimmung, Konzentration und Verhalten ab.
Beim Immunsystem zeigten Kaninchen, die DMG bekamen, mehr als vierfach höhere Antikörpertiter nach einer Grippeimpfung. Am Menschen wurde der Sauerstoffverbrauch bisher nur bei 5 Kindern mit einer Mitochondrienkrankheit gemessen: Er änderte sich nicht. Die Wirkkette von der Kapsel bis zum besseren Sauerstoffumsatz ist beim Menschen damit nicht gezeigt.
Was Anwender suchen
Genommen wird DMG vor allem von Ausdauersportlern, von Menschen, die ihr Immunsystem stärken wollen, und von Eltern autistischer Kinder, in deren Szene DMG seit Jahrzehnten empfohlen wird. Erfahrungsberichte schildern mehr Energie, bessere Sprache oder ruhigeres Verhalten. In der größten Autismus-Studie schienen einige Kinder tatsächlich anzusprechen, im Mittel unterschied sich die DMG-Gruppe aber nicht von Placebo, und beide Gruppen besserten sich. Solche Berichte sind ernst zu nehmen, lassen sich aber schwer vom Placebo-Effekt trennen.
Was gut belegt ist
Gut belegt ist die Rolle von DMG im Stoffwechsel. Die Kette von Cholin über Betain und DMG zu Sarkosin und Glycin ist bis auf die beteiligten Enzyme beschrieben, und DMG bremst als Rückkopplung die Umwandlung von Betain. Ebenfalls gut belegt ist die Verträglichkeit: In einer einjährigen Studie mit 30 MS-Patienten und 125 mg pro Tag glichen die Nebenwirkungen denen unter Placebo, bei Epilepsie-Patienten mit bis zu 600 mg pro Tag über 28 Tage trat keine Toxizität auf, und 5 Kinder mit einer Mitochondrienkrankheit vertrugen DMG gut.
Der interessanteste Einzelbefund betrifft das Immunsystem. In einer doppelblinden Studie von 1981 bekamen 20 Freiwillige DMG oder eine Kontrolle und dann eine Pneumokokken-Impfung. Unter DMG war die Antikörperantwort vierfach stärker, auch zelluläre Immunreaktionen fielen höher aus. Dazu passen Tierdaten. Äußerlich angewendet, als Natriumsalz im Shampoo mit Koffein, verringerte DMG in einer herstellerfinanzierten Studie mit 154 Männern über 24 Wochen den Haarausfall im Zupftest, das betrifft aber nicht die Einnahme.
Was die Studien zeigen
Die Autismus-Studie
37 Kinder zwischen 3 und 11 Jahren mit Autismus oder einer verwandten Entwicklungsstörung bekamen 4 Wochen lang DMG oder Placebo, doppelblind. Beide Gruppen verbesserten sich in den Verhaltensskalen, unter DMG nicht stärker als unter Placebo. Eine kleinere Crossover-Studie mit 8 Teilnehmenden fand ebenfalls keinen Unterschied, verwendete aber eine niedrige Dosis.
Die Epilepsie-Studie
19 Menschen mit schwer behandelbarer Epilepsie und im Mittel zwei bis drei Anfällen pro Tag bekamen 28 Tage lang DMG oder Placebo, zunächst 300 mg, dann 600 mg pro Tag. Die Anfallshäufigkeit änderte sich nicht. Toxische Wirkungen wurden nicht beobachtet.
Die MS-Studie
30 Patienten mit fortschreitender Multipler Sklerose nahmen 12 Monate lang 125 mg DMG pro Tag oder Placebo, im Verhältnis 2 zu 1 verteilt. Behinderung, Erschöpfung, Denkleistung und Gangbild entwickelten sich in beiden Gruppen gleich. Sie ist die längste kontrollierte DMG-Studie, die wir gefunden haben, aber klein.
Wo die Daten aufhören
Die Hauptversprechen sind am Menschen nicht bestätigt. Bei sportlicher Leistung gibt es nur eine kontrollierte Studie mit 16 Leichtathleten, die drei Wochen lang Pangamsäure nahmen, eine Mischung mit DMG: Laufzeit, Herzfrequenz und Laktat unterschieden sich nicht von Placebo. Eine Übersicht fasst zusammen, dass Studien mit 100 bis 200 mg täglich bei Gesunden keine eindeutigen Vorteile für die Ausdauer fanden. Bei Kindern mit einer Mitochondrienkrankheit änderte DMG den Sauerstoffverbrauch nicht. Alle diese Studien waren klein, mit 5 bis 37 Teilnehmenden, und meist nur wenige Wochen lang. Eine große, moderne Studie zu Leistung oder Immunsystem fehlt, der positive Immunbefund von 1981 steht allein.
Eine offene Frage betrifft das Herz. In zwei großen Kohorten mit 4150 und 3733 Herzpatienten hatten Menschen mit den höchsten körpereigenen DMG-Spiegeln ein höheres Herzinfarktrisiko, mit einer Hazard Ratio von 1,95, und eine höhere Sterblichkeit. Das ist eine Beobachtung über den eigenen Stoffwechsel, keine Aussage über Kapseln, und niemand hat untersucht, ob eingenommenes DMG daran etwas ändert.
Status, Zulassung und Recht
Im Novel-Food-Katalog der EU hat DMG keinen Eintrag, es ist also weder als nicht neuartig eingestuft noch als neuartiges Lebensmittel zugelassen, und eine Verwendung als Lebensmittel in der EU vor 1997 haben wir nicht belegt gefunden. Deshalb führen wir DMG unter den experimentellen Stoffen. Über deutsche Versandapotheken wird es trotzdem als Nahrungsergänzung angeboten, Warnmeldungen im europäischen Schnellwarnsystem gibt es keine. DMG ist kein Arzneimittel, nicht verschreibungspflichtig und nicht verboten. Als Natriumsalz ist es in der EU als Futtermittelzusatz für Masthühner zugelassen. Auf der Dopingliste der WADA 2026 steht DMG nicht.
Sicherheit
Wo Studien über die Verträglichkeit berichten, war DMG gut verträglich, in der längsten über 12 Monate mit einem Nebenwirkungsprofil wie Placebo. Eine frühe Sorge, DMG könne zusammen mit Nitrit erbgutschädigend wirken, hat sich nicht bestätigt, verantwortlich war im Test das Nitrit selbst. Theoretisch interessant ist, dass DMG ein Enzym bremst, das Homocystein abbaut. Ob die Einnahme den Homocysteinwert erhöht, wurde nie gemessen. Systematische Langzeitdaten, Daten zu Schwangerschaft, Stillzeit und Wechselwirkungen mit Medikamenten fehlen, Höchstmengen von EFSA, BfR oder DGE gibt es nicht. Wer ein Kind mit Autismus oder Epilepsie behandelt, sollte DMG nur in Absprache mit den behandelnden Ärzten und nie anstelle einer wirksamen Therapie einsetzen.
BK-Score Dünne Humanevidenz
| Human-Evidenz | 5 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 4 | |
| Sicherheits-Datenlage | 4 | |
| Hype-Abstand | 3 | |
| Anwendungserfahrung | 5 |
Evidenz 5, weil es sechs kleine placebokontrollierte Studien mit klinischen Endpunkten gibt (5 bis 37 Teilnehmende), die bei Autismus (Kern 2001, Bolman 1999), Epilepsie (Gascon 1989), progredienter MS über 12 Monate (Wolfsegger 2021), Laufbandleistung (Gray 1982, Pangamsäure) und Mitochondrienkrankheit (Liet 2003) übereinstimmend keinen Effekt fanden; dem steht nur ein nie wiederholter Immunbefund mit 20 Freiwilligen gegenüber (Graber 1981). Mechanismus 4, weil die Rolle von DMG im Betain-Stoffwechsel am Menschen gut beschrieben ist (McGregor 2001, Binzak 2001), die beworbene bessere Sauerstoffnutzung aber nur aus Zellkultur und Tier stammt und am Menschen nicht messbar war (Liet 2003). Sicherheit 4, weil kontrollierte Daten bis 12 Monate mit 125 mg pro Tag bei 20 Behandelten keine Auffälligkeiten zeigten, systematische Langzeitdaten aber fehlen und hohe körpereigene DMG-Spiegel mit Herzinfarkten assoziiert sind (Svingen 2013). Hype 3, weil DMG seit der Pangamsäure-Zeit als Leistungs-, Immun- und Autismusmittel beworben wird, gestützt auf Einzelbefunde. Anwendung 5, weil es seit 1974 breit als Nahrungsergänzung verkauft wird, ohne regulatorischen Rahmen in der EU. Richtung negativ: Alle placebokontrollierten Studien zu den beworbenen Hauptwirkungen fanden keinen Effekt, wenn auch in kleinen Gruppen.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu DMG (N,N-Dimethylglycin)
Was ist DMG?
N,N-Dimethylglycin ist ein körpereigenes Zwischenprodukt, das entsteht, wenn Betain eine Methylgruppe abgibt. Es wird über Sarkosin zu Glycin abgebaut. Als Nahrungsergänzung wird es seit den 1970er-Jahren verkauft.
Ist DMG dasselbe wie Vitamin B15?
Nein. Vitamin B15 oder Pangamsäure war nie ein echtes Vitamin, sondern eine uneinheitliche Mischung, oft aus Calciumgluconat und DMG. Die US-Behörde FDA sah 1978 keine Belege für die beworbenen Wirkungen.
Hilft DMG bei Autismus?
In zwei placebokontrollierten Studien mit 37 und 8 Teilnehmenden war DMG nicht besser als Placebo. Einzelne Kinder schienen anzusprechen, im Mittel gab es keinen Unterschied. DMG ersetzt keine Therapie.
Verbessert DMG die Ausdauer?
Belegt ist das nicht. Eine kontrollierte Studie mit 16 Leichtathleten fand keinen Effekt auf Laufzeit, Herzfrequenz oder Laktat. Große moderne Sportstudien fehlen.
Stärkt DMG das Immunsystem?
Eine Studie von 1981 mit 20 Freiwilligen fand eine vierfach stärkere Antikörperantwort auf eine Impfung. Das ist ein interessanter Befund, der aber nie wiederholt wurde.
Ist DMG in Deutschland erlaubt?
DMG ist kein Arzneimittel und nicht verboten und wird über Versandapotheken angeboten. Im EU-Katalog für neuartige Lebensmittel hat es aber keinen Eintrag, sein Status als Lebensmittel ist damit ungeklärt. Auf der Dopingliste steht es nicht.
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Quellen
- Graber et al., J Infect Dis 1981 – DMG und Immunantwort beim Menschen
- Kern et al., J Child Neurol 2001 – DMG bei Autismus
- Bolman und Richmond, J Autism Dev Disord 1999 – Crossover-Pilotstudie bei Autismus
- Gascon et al., Epilepsia 1989 – DMG bei Epilepsie
- Wolfsegger et al., Neurol Res Pract 2021 – DMG bei progredienter MS
- Gray und Titlow, Med Sci Sports Exerc 1982 – Pangamsäure und Laufbandleistung
- Liet et al., J Pediatr 2003 – DMG und Sauerstoffverbrauch bei COX-Mangel
- McGregor et al., Kidney Int 2001 – DMG, BHMT und Homocystein
- Svingen et al., Arterioscler Thromb Vasc Biol 2013 – Plasma-DMG und Herzinfarktrisiko
- Hoorn, Mutat Res 1989 – DMG und Mutagenität unter Nitrosierungsbedingungen
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