Peptid & Experimentelles
Amycretin
GLP-1- und Amylin-Rezeptor-Agonist in einem Molekül · GLP-1/Amylin-Doppelagonist (Novo Nordisk)
Amycretin ist der nächste große Abnehm-Kandidat von Novo Nordisk: ein einziges Molekül, das gleichzeitig den GLP-1- und den Amylin-Rezeptor aktiviert, also zwei Sättigungssysteme auf einmal. Als Spritze und als Tablette entwickelt, lieferte es in frühen Studien die höchsten Gewichtsabnahmen seiner Klasse. Zugelassen ist es nirgends, das Phase-3-Programm beginnt gerade erst.
Kurz gesagt
Amycretin verbindet die Wirkung von GLP-1, dem Prinzip hinter Semaglutid, mit der von Amylin, einem zweiten Sättigungshormon, in 1 Molekül. In einer placebokontrollierten Studie im Lancet mit 125 Teilnehmern nahmen die Menschen in der höchsten Dosisstufe nach 36 Wochen im Mittel 24,3 Prozent ab, unter Placebo 1,1 Prozent. Die Tablette erreichte in einer ersten Studie bis zu 13,1 Prozent nach 12 Wochen. Die Daten sind früh und klein, Magen-Darm-Beschwerden sind häufig, und Langzeitdaten fehlen. Amycretin ist ein Prüfpräparat, was im Netz als Amycretin verkauft wird, ist es nicht.
Was es ist
Amycretin ist ein Wirkstoff von Novo Nordisk, der zwei Rezeptoren gleichzeitig anspricht: den für GLP-1 und den für Amylin. Beides sind Sättigungssignale, das eine aus dem Darm, das andere aus der Bauchspeicheldrüse, die auf zwei verschiedenen Kanälen ins Gehirn melden. Beim Kombipräparat CagriSema sind es noch zwei getrennte Substanzen in einer Spritze. Amycretin packt beide Wirkungen in ein einziges Molekül, wie ein Schlüssel, der in zwei Schlösser passt.
Die Idee hinter Amylin ist nicht neu. Das Amylin-Analogon Pramlintid ist in den USA seit 2005 als Diabetesmittel zugelassen, musste aber mehrmals täglich zu den Mahlzeiten gespritzt werden und setzte sich deshalb kaum durch. Amycretin bringt dieselbe Idee in einer Form zurück, die einmal pro Woche gespritzt oder täglich als Tablette genommen wird.
Wie es wirken soll
Die beiden Kanäle arbeiten unterschiedlich. GLP-1 dämpft den Appetit, verbessert die Insulinantwort und bremst die Magenentleerung, daher kommt auch die typische Übelkeit. Amylin wirkt im Hirnstamm auf das Ende der Mahlzeit, es sagt weniger iss nicht als du bist fertig. Die Hoffnung: zwei sanfte Signale statt eines auf Anschlag.
Im Labor aktiviert Amycretin die menschlichen GLP-1-, Amylin- und Calcitonin-Rezeptoren. Bei übergewichtigen Ratten senkte es in 21 Tagen die Energieaufnahme um 47 Prozent und das Gewicht um 18 Prozent, ohne den Energieverbrauch zu drosseln, und es erreichte die Hirnregionen, die das Essverhalten steuern. Am Menschen ist die Wirkkette über Gewicht und Blutzucker klar sichtbar.
Wo es steht
Novo Nordisk hat im Juni 2025 angekündigt, Spritze und Tablette in die Phase 3 für Menschen mit Übergewicht zu bringen, geplant ab dem ersten Quartal 2026. Im November 2025 meldete die Firma zudem eine Phase-2-Studie bei Typ-2-Diabetes mit 448 Teilnehmern: bis zu 14,5 Prozent Gewichtsabnahme unter der Spritze gegenüber 2,6 Prozent unter Placebo, bis zu 10,1 gegenüber 2,5 Prozent unter der Tablette und eine Senkung des Langzeitzuckers HbA1c um bis zu 1,8 Prozentpunkte. Diese Zahlen stammen aus einer Firmenmitteilung, eine Vollpublikation lag nicht vor. Die Phase 3 für Diabetes ist ebenfalls für 2026 angekündigt.
Einordnung: Pharma statt Biohacking
Amycretin ist klassische Pharmaentwicklung, und das ist ein gutes Zeichen. Die Nebenwirkungen und Studienabbrüche stehen offen im selben Lancet-Papier wie die Erfolgszahl, und auf die frühen Daten folgt das reguläre Zulassungsprogramm. Das Wettrennen ist eng: Lilly entwickelt mit Orforglipron eine eigene Abnehm-Tablette und mit Retatrutide einen Dreifachagonisten, Novo Nordisk setzt neben Amycretin auf CagriSema.
Der Biohacking-Anteil an dieser Geschichte liegt im Drumherum. Wer unter solchen Medikamenten seine Muskeln mit Krafttraining und genug Protein verteidigt, gut schläft und seine Ernährung wirklich umstellt, hat die besten Chancen, das Ergebnis zu halten. Wer sich für Amycretin interessiert, bevor es zugelassen ist, findet laufende Studien in den öffentlichen Registern. Das ist der einzige Weg, auf dem experimentell und verantwortungsvoll zusammenpassen.
Was gut belegt ist
Gut belegt ist die kräftige, dosisabhängige Gewichtsabnahme gegenüber Placebo, und zwar in randomisierten, verblindeten Studien, die im Lancet erschienen sind. Unter der Spritze nahmen die Teilnehmer in allen Dosisstufen signifikant mehr ab als unter Placebo, in der höchsten nach 36 Wochen 24,3 Prozent. Die Tablette zeigte in der ersten Studie am Menschen mit 144 Teilnehmern ebenfalls einen deutlichen Effekt, bis zu 13,1 Prozent in 12 Wochen.
Eine Netzwerk-Metaanalyse von 2026 mit 6 Studien und 4642 Teilnehmern stellte die Amylin-basierten Therapien nebeneinander: Hochdosiertes Amycretin als Spritze erzielte den größten Unterschied zu Placebo, 23,95 Prozent, Semaglutid im selben Vergleich 11,45 Prozent. Die Autoren bewerten die Vertrauenswürdigkeit dieser indirekten Vergleiche allerdings meist als niedrig.
Was die Studien zeigen
Amycretin als Spritze (Dahl, Lancet 2025)
In dieser Phase-1b/2a-Studie an einem Zentrum in San Antonio wurden 125 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas auf Amycretin (101) oder Placebo (24) verteilt, in mehreren Dosisstufen über 20 bis 36 Wochen. Primärer Endpunkt war die Sicherheit. Die Gewichtsabnahme lag nach 36 Wochen bei 24,3 Prozent in der höchsten Stufe und 22,0 Prozent in der nächstniedrigeren, unter Placebo bei 1,1 Prozent Abnahme beziehungsweise 1,9 Prozent Zunahme. Selbst die niedrigste Erhaltungsdosis brachte 9,7 Prozent nach 20 Wochen.
Amycretin als Tablette (Gasiorek, Lancet 2025)
Die erste Studie am Menschen prüfte die Tablette randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert an 144 Teilnehmern. Bei 89 von ihnen, also 62 Prozent, traten unerwünschte Ereignisse auf, alle leicht oder mittel und abhängig von der Dosis, vor allem im Magen-Darm-Trakt. Im 12-wöchigen Teil der Studie nahmen die Teilnehmer bis zu 13,1 Prozent ab.
Wo die Daten aufhören
Die vielzitierte Zahl stammt aus einer frühen, kleinen Studie, deren eigentliches Ziel die Sicherheit war. Ein Drittel der Teilnehmer, 33 Prozent, schied vorzeitig aus, wobei 59 Prozent dieser Abbrüche nichts mit Nebenwirkungen zu tun hatten, sondern etwa mit zurückgezogener Einwilligung oder Drogenkonsum. Ein direkter Vergleich mit Semaglutid oder Tirzepatid fehlt, und ob die Kombination aus zwei Kanälen verträglicher ist als GLP-1 allein, ist offen. In der Netzwerk-Metaanalyse von 2026 waren Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Erbrechen bei hohen Dosen der Amylin-basierten Therapien häufiger, gerade auch bei der Amycretin-Tablette. Die Hoffnung auf zwei sanfte Signale hat sich in den Frühstudien also noch nicht eindeutig bestätigt.
Langzeitdaten gibt es bei einem Prüfpräparat per Definition noch nicht, die längste Behandlung dauerte 36 Wochen. Unbekannt sind damit auch der Verlauf nach dem Absetzen und der Anteil an Muskelmasse am Gewichtsverlust, beides zentrale Fragen der ganzen Wirkstoffklasse.
Status, Zulassung und Recht
Amycretin ist nirgends zugelassen und nicht regulär erhältlich. Es wird nur von Novo Nordisk hergestellt und in klinischen Studien eingesetzt, das Phase-3-Programm ist ab 2026 angekündigt. Mit einer Zulassung ist eher gegen Ende des Jahrzehnts zu rechnen. Was in Online-Shops als Amycretin angeboten wird, ist bestenfalls falsch etikettiert und schlimmstenfalls ein unbekanntes Peptidgemisch. Wer heute medikamentöse Hilfe beim Abnehmen sucht, bespricht zugelassene Optionen wie Semaglutid oder Tirzepatid mit der Ärztin oder dem Arzt. Dosierungen nennen wir bei nicht zugelassenen Wirkstoffen nicht.
Sicherheit
Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt, vor allem Übelkeit und Erbrechen, abhängig von der Dosis und besonders während der Aufdosierung, meist leicht bis mittel. In der Spritzenstudie trat ein Fall einer wiederkehrenden Bauchspeicheldrüsenentzündung durch Gallensteine auf, außerdem stieg die Herzfrequenz. Wie bei der ganzen Wirkstoffklasse gilt: Schnelles Abnehmen kostet auch Muskulatur, ausreichend Protein, Krafttraining und ärztliche Begleitung gehören dazu. Langzeitdaten fehlen.
BK-Score Dünne Humanevidenz
| Human-Evidenz | 5 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 8 | |
| Sicherheits-Datenlage | 4 | |
| Hype-Abstand | 3 | |
| Anwendungserfahrung | 2 |
Die vielzitierten 24,3 Prozent Gewichtsreduktion stammen aus einer placebokontrollierten Phase-1b/2a-Studie mit 125 Teilnehmern über bis zu 36 Wochen (Lancet 2025), deren primärer Endpunkt die Sicherheit war – eine frühe, kleine Studie, keine Zulassungsevidenz. Alle Dosisstufen senkten das Gewicht signifikant stärker als Placebo; die Tablette erreichte in der ersten Studie am Menschen bis zu 13,1 Prozent nach 12 Wochen. Magen-Darm-Beschwerden waren häufig und dosisabhängig, 33 Prozent schieden aus der Studie aus (59 Prozent davon aus Gründen ohne Bezug zu Nebenwirkungen), es gab einen Fall einer Gallenstein-Pankreatitis. Die Phase-2-Daten bei Typ-2-Diabetes (448 Teilnehmer) liegen nur als Firmenmitteilung vor. Der Mechanismus als kombinierter GLP-1- und Amylin-Rezeptoragonist ist am Menschen bestätigt. Die Zahl wird in der Vermarktung regelmäßig ohne diesen Kontext zitiert, und Graumarkt-Angebote können das Originalmolekül nicht enthalten.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Amycretin
Was ist Amycretin?
Ein Prüfpräparat von Novo Nordisk, das in einem Molekül den GLP-1- und den Amylin-Rezeptor aktiviert. Es wird als Wochenspritze und als Tablette gegen Übergewicht und Typ-2-Diabetes entwickelt.
Wie viel nimmt man mit Amycretin ab?
In einer frühen Studie mit 125 Teilnehmern nahmen die Menschen in der höchsten Dosisstufe nach 36 Wochen im Mittel 24,3 Prozent ab, unter Placebo 1,1 Prozent. Die Tablette erreichte bis zu 13,1 Prozent in 12 Wochen. Größere Studien stehen noch aus.
Ist Amycretin besser als Semaglutid oder Tirzepatid?
Einen direkten Vergleich gibt es nicht. Indirekte Vergleiche deuten auf eine stärkere Gewichtsabnahme hin, sind aber wenig belastbar.
Wann kommt Amycretin auf den Markt?
Das Phase-3-Programm ist ab 2026 angekündigt. Mit einer Zulassung ist eher gegen Ende des Jahrzehnts zu rechnen.
Kann man Amycretin kaufen?
Nein. Amycretin ist nicht zugelassen und wird nur für klinische Studien hergestellt. Was online als Amycretin verkauft wird, ist nicht das Originalmolekül und nicht geprüft.
Welche Nebenwirkungen hat Amycretin?
Am häufigsten sind Übelkeit, Erbrechen und andere Magen-Darm-Beschwerden, vor allem während der Aufdosierung. In einer Studie trat ein Fall einer Bauchspeicheldrüsenentzündung durch Gallensteine auf. Langzeitdaten fehlen.
Passt dazu
- Gleiche WirkstoffklasseSemaglutide (Ozempic / Wegovy)
- Gleiche WirkstoffklasseTirzepatide (Mounjaro / Zepbound)
- Gleiche WirkstoffklasseRetatrutide
- Gleiche WirkstoffklasseSurvodutide
- Gleiche WirkstoffklasseMazdutide
Quellen
- Dahl K et al., Lancet 2025
- Gasiorek A et al., Lancet 2025
- Kamrul-Hasan ABM et al., Endocrinol Diabetes Metab 2026
- Kuhre RE et al., EBioMedicine 2025
- Fu L et al., Metabolism 2026
- Bassatne A, Rizo I, Adv Ther 2026
- Walker CS et al., Nat Rev Endocrinol 2025
- Novo Nordisk, Unternehmensmitteilung Phase 2 Typ-2-Diabetes, 25.11.2025
- Novo Nordisk, Unternehmensmitteilung Phase 3 Adipositas, 12.06.2025
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-26.