Biohacking Kompakt

Podcast-Folge 99

Mikronährstoff-Konzentrate – neun von zehn bei der Evidenz, und trotzdem ein Nein

7. Oktober 2026

Ein Saft für 100 Euro den Liter hat im Juli einen Verbraucherpreis gewonnen, den niemand gewinnen will. Der Preis ist aber nicht der interessante Teil — sondern dass diese Produktklasse zu den am besten untersuchten gehört, über die hier je gesprochen wurde.

Worum es geht

Flüssige Mikronährstoff-Konzentrate bestehen aus Fruchtsaftkonzentrat mit Gemüse- und Kräuterauszügen; die Vitaminmengen auf dem Etikett stammen aus isoliert zugesetzten Reinstoffen. Damit lautet die Frage nicht, wie viele Zutaten draufstehen, sondern ob ein Multivitamin einem gesunden Menschen etwas bringt — und die ist beantwortet. Die Folge geht die großen Auswertungen durch, benennt den einen ehrlichen Pluspunkt, der sich in den Daten findet, und sieht sich dann an, woraus die Belege der Hersteller tatsächlich bestehen. Dazu kommt die Trennung, auf die es hier ankommt: Für die Mischung sagen die Daten kein Nutzen, nicht Schaden. Am Ende steht ein Warnhinweis, der selten gesagt wird.

Die Kernaussagen

  • 21 randomisierte Studien mit 91000 Menschen über im Schnitt 3,5 Jahre ergeben für die Gesamtsterblichkeit 0,98, Vertrauensbereich 0,94 bis 1,02 — also nichts.
  • 3 amerikanische Kohorten mit 390000 Erwachsenen und bis zu 27 Jahren Beobachtung finden ebenfalls keinen Vorteil bei der Sterblichkeit.
  • Der einzige belastbare Pluspunkt: In 3 Unterstudien von COSMOS war die Denkleistung um 0,07 Standardabweichungen besser — sekundärer Endpunkt, und bei 14000 Ärzten lag derselbe Befund bei 0.
  • Die Belegbasis des Marktführers besteht aus 1 Studie mit 159 Teilnehmenden, verteilt auf 6 Veröffentlichungen: 48 Laborwerte gemessen, 20 veröffentlicht, 3 sprachen für das Produkt.
  • Belegt schädlich sind Einzelstoffe in Hochdosis: 29000 Raucher mit 18 Prozent mehr Lungenkrebs unter Beta-Carotin, 35000 Männer mit 17 Prozent mehr Prostatakrebs unter Vitamin E.
  • Ein Produkt der Klasse liefert 100 Mikrogramm Vitamin B12 pro Tagesportion, bei einem Bedarf von 4 bis 5,5 Mikrogramm — dem 20-fachen.
  • Die Monatskosten liegen zwischen 21 und über 125 Euro; die teuerste Flasche kostet so viel wie 6 Wochen Obst und Gemüse.

Wo die Daten aufhören

Die Grenze verläuft hier anders als sonst: Nicht die Daten fehlen, sondern der Nutzen. Die amerikanische Präventionskommission hat 84 Studien mit 740000 Menschen ausgewertet und kommt für Multivitamine zu dem vorsichtigsten Satz, den eine Behörde sagen kann — die Evidenz reiche nicht aus, um Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen. Das ist kein Wirknachweis und widerspricht den großen Studien nicht, sondern bewertet sie strenger. Offen bleibt auch die beworbene bessere Aufnahme: Studien zu flüssig gegen fest messen Blutspiegel über 6 Stunden an nüchternen Menschen, eine randomisierte Studie mit einem Gesundheitsergebnis gibt es dazu nicht.

Ein Warnhinweis gilt dagegen sehr konkret. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht ab 150 Mikrogramm Vitamin K1 und ab 45 Mikrogramm K2 eine messbare Wirkung auf die Gerinnung. Wer Marcumar oder Warfarin nimmt, bespricht jedes vitamin-K-haltige Präparat vorher ärztlich; das Problem ist dabei weniger die Menge als der Sprung.

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Veröffentlicht am 7. Oktober 2026.

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-19.