Podcast-Folge 94
AOD-9604 – gründlich untersucht, und trotzdem ein Nein
2. Oktober 2026
AOD-9604 ist die seltene Ausnahme in dieser Serie: ein Peptid, das nicht an fehlenden Humandaten scheitert, sondern an vorhandenen. 893 Menschen, sechs randomisierte Studien — und trotzdem ein Nein. Der Grund dafür ist der interessanteste Teil.
Worum es geht
Wachstumshormon baut Fett ab und lässt zugleich Gewebe wachsen. AOD-9604 ist der Versuch, nur die erste Wirkung zu behalten: Ein australisches Unternehmen hat 16 Aminosäuren vom hinteren Ende des Moleküls abgetrennt und daraus einen eigenen Wirkstoff gemacht. Zwischen 2001 und 2006 wurde er in sechs randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studien an 893 überwiegend übergewichtigen Erwachsenen geprüft. Die Folge trennt zwei Ergebnisse, die in der Werbung regelmäßig vermischt werden: Die Sicherheitsdaten sind gut, das Abnehmen hat nicht funktioniert. Die große Studie über 24 Wochen verfehlte ihren Hauptendpunkt, 2007 wurde die Entwicklung eingestellt und die Zulassung zum Abnehmen abgelehnt. Heute wird derselbe Stoff als Nahrungsergänzungsmittel verkauft — mit genau diesen Sicherheitsdaten als Argument.
Die Kernaussagen
- Sechs randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studien zwischen 2001 und 2006 haben AOD-9604 an 893 Erwachsenen geprüft — mehr Untersuchung, als 99 Prozent der Substanzen in dieser Datenbank je gesehen haben.
- Die Sicherheit war von Placebo nicht zu unterscheiden: keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, kein Anstieg von IGF-1, keine Antikörperbildung und keine schlechtere Zuckerverwertung über bis zu 24 Wochen.
- Eine mittlere Studie über 12 Wochen sah zunächst brauchbar aus: 2,6 Kilogramm Gewichtsverlust gegenüber 0,8 Kilogramm unter Placebo.
- Die entscheidende große Studie mit 536 Teilnehmern über 24 Wochen verfehlte ihren Hauptendpunkt; 2007 wurde das Programm eingestellt und die Zulassung zum Abnehmen abgelehnt.
- Diese große Studie ist nie in einer begutachteten Fachzeitschrift erschienen — eine Übersichtsarbeit von 2013 nennt 536 Teilnehmer, eine zweite Quelle 534.
- In den USA gilt der Stoff als allgemein sicher anerkannt und darf deshalb in Nahrungsergänzungsmitteln stecken; das ist eine Aussage über Sicherheit und keine über Wirksamkeit.
- Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur steht AOD-9604 mit stabilem Nachweis im Urin; die Folge vergibt Human-Evidenz 5, Sicherheit 4, Anwendung 2 und Hype 1 bei negativer Richtung.
Wo die Daten aufhören
Was hier fehlt, ist nicht die Untersuchung, sondern ihre Nachprüfbarkeit. Die Studie, an der das Programm gescheitert ist, wurde nie in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht. Selbst die Teilnehmerzahl steht nur aus zweiter Hand fest: einmal 536, einmal 534. Am Ergebnis ändert das nichts, denn die Einstellung des Programms und die abgelehnte Zulassung sind unabhängig belegt. Aber eine Studie, die niemand nachlesen kann, zählt nur zur Hälfte — und genau deshalb steht auf der Evidenz-Achse eine 5 und keine höhere Zahl.
Die zweite Grenze ist die Zeit. Gut war das Sicherheitsprofil bis 24 Wochen. Was darüber hinaus passiert, hat niemand gemessen. Und für gesunde Menschen ohne klinisches Übergewicht liegen ohnehin keine Daten vor, weil die Studien an einer anderen Gruppe durchgeführt wurden.
Anhören
Spotify Apple Podcasts Amazon Music
Veröffentlicht am 2. Oktober 2026.
Das Thema in der Datenbank
- Ein Wachstumshormon-Fragment, das gezielt auf Fettabbau ausgelegt wurde – ohne die klassischen GH-Effekte auf Blutzucker und IGF-1, mit gutem KurzzeitAOD-9604
Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-19.