Podcast-Folge 86
Resveratrol – Aufstieg und Fall eines Longevity-Stars
24. September 2026
720 Millionen Dollar hat ein Pharmakonzern 2008 für die Firma hinter Resveratrol bezahlt. Wenige Jahre später waren die Programme beerdigt, das Molekül steht bis heute im Regal. Die Folge erzählt, woran es gescheitert ist.
Worum es geht
Der Aufstieg verlief in drei Akten: das französische Paradox der Neunziger, die Entdeckung der Sirtuine am MIT und der Befund von 2003, dass Resveratrol diese Enzyme aktiviert. 2006 folgte die Nature-Arbeit, nach der Resveratrol das Leben fett gefütterter Mäuse verlängert, 2008 der Kauf von Sirtris durch GlaxoSmithKline für 720 Millionen Dollar. Der Fall kam Stück für Stück: kein Effekt bei normal ernährten Mäusen, ein Messartefakt in den ursprünglichen Sirtuin-Tests, eingestellte Programme und Dutzende Humanstudien ohne konsistentes Ergebnis. Die Folge nutzt diesen Verlauf als Muster, an dem sich heutige Longevity-Kandidaten prüfen lassen — und trennt sauber, was daran gescheitert ist.
Die Kernaussagen
- 2003 zeigte Sinclairs Arbeit, dass Resveratrol Sirtuine aktiviert; 2006 verlängerte es in Nature das Leben fett gefütterter Mäuse, bei normal ernährten Tieren blieb der Effekt aus.
- 2008 kaufte GlaxoSmithKline die Firma Sirtris für 720 Millionen Dollar; wenige Jahre später wurden die Programme wegen Wirksamkeit und Nebenwirkungen eingestellt.
- Das unabhängige Mausprogramm, das Rapamycin groß gemacht hat, ließ Resveratrol durchfallen — dieselbe Instanz hatte in derselben Woche bereits Fisetin und Ca-AKG abgewiesen.
- Mehrere Arbeitsgruppen zeigten, dass die ursprünglich gemessene Sirtuin-Aktivierung zum Teil ein Artefakt des Fluoreszenz-Messverfahrens war; ob sie im lebenden Gewebe stattfindet, ist bis heute umstritten.
- Dutzende randomisierte Studien und mehrere Metaanalysen zu Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten, Entzündung und Kognition ergeben zusammen kein konsistentes Bild.
- Die Bioverfügbarkeit ist das zentrale Problem: Leber und Darm bauen die Substanz so schnell um, dass nach 1 Stunde vom freien Wirkstoff fast nichts mehr im Blut ist.
- Die Folge vergibt Human-Evidenz 2 bei negativer Richtung, dazu Sicherheit 7, Anwendung 7 und Hype 1 — viel Kleines ist eben nicht viel.
Wo die Daten aufhören
Was hier fehlt, ist nicht die Zahl der Studien, sondern ihr Gewicht. Die vorhandenen Humanstudien sind klein, kurz und arbeiten mit weichen Endpunkten wie Blutwerten und Fragebögen. Eine große Studie mit hartem Endpunkt gab es nie, und das französische Paradox gilt heute als Statistikartefakt. Für die Mengen aus den Mausversuchen müsste man ohnehin hunderte Gläser Rotwein am Tag trinken.
Einzelne Nischen werden weiter ernsthaft untersucht, etwa Knochendichte und Gefäßfunktion nach der Menopause, bisher mit vereinzelten Signalen. Der besser verfügbare Nachfolger Pterostilben hat nur kleine Studien ohne harte Endpunkte hinter sich, und als Nebenbefund ist ein Anstieg des LDL-Cholesterins bekannt. Wechselwirkungen mit Blutverdünnern sind dokumentiert und gehören ärztlich abgeklärt. Die Sirtuine als Forschungsfeld bleiben davon unberührt — gescheitert ist die Abkürzung, nicht die Biologie.
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Veröffentlicht am 24. September 2026.
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-19.