Podcast-Folge 147
Cerebrolysin – 70 Jahre Schweinehirn-Extrakt und eine offene Frage
24. November 2026
Seit über 70 Jahren wird ein Extrakt aus Schweinehirn bei Demenz und nach Schlaganfall eingesetzt, von Österreich bis Russland und China. Kliniken berichten Gutes, eine saubere Reha-Studie auch — und doch hat die wichtigste Frage bis heute niemand beantwortet.
Worum es geht
Cerebrolysin ist kein einzelner Wirkstoff, sondern ein Gemisch: Hirngewebe vom Schwein, mit Enzymen in kurze Eiweißketten und Aminosäuren zerlegt, entwickelt ab 1949 in Innsbruck und bis heute am Attersee hergestellt. In Österreich ist es verschreibungspflichtig, in den USA nicht zugelassen, für Deutschland fand die Recherche keine Zulassung. Die Folge geht durch, was Kliniken, eine große Registersammlung und eine gut gebaute Reha-Studie zeigen, und stellt dem die unabhängige Cochrane-Auswertung gegenüber. Dazu kommt, was Menschen aus der Nootropika-Szene in Umfragen berichten, als Bericht und nicht als Wirkungsbeleg, was in einer Ampulle aus dem Netz gefunden wurde und warum Tierversuche zurückgezogen wurden. Am Ende steht eine Frage vor dem Bestellen: Wurde das an Menschen wie dir geprüft oder an Menschen nach einem Schlaganfall?
Die Kernaussagen
- Eine Reha-Studie mit 208 Menschen nach Schlaganfall, doppelblind gegen Kochsalz, fand nach 90 Tagen bei der Armfunktion einen laut Autoren großen Vorsprung; sie war erkundend angelegt und vom Hersteller bezahlt.
- Eine 2025 erschienene Sammlung aus 16 Ländern mit 1769 Menschen nach mittelschwerem Schlaganfall, rund 1000 davon mit Cerebrolysin, zeigte nach 90 Tagen mehr Selbstständigkeit; ausgewählt hatten die Ärzte, bezahlt der Hersteller.
- Cochrane fand 2023 in 7 ausgelosten Studien mit 1773 Menschen beim Überleben wahrscheinlich keinen Unterschied; ob die Menschen danach wieder allein zurechtkamen, hat keine der 7 Studien berichtet.
- Nicht tödliche schwerwiegende Ereignisse kamen bei Cochrane mehr als doppelt so oft vor; eine Auswertung von 2021 mit 12 Studien und 2202 Menschen fand dagegen 7,9 Prozent in beiden Gruppen.
- In einer Umfrage aus Nootropika-Foren von 2016 mit 850 Antworten hatten 22 Menschen Cerebrolysin probiert; fast jeder Vierte gab 10 von 10, im Schnitt waren es 5,6, also Mittelfeld.
- Ein belgisches Labor fand 2015 in einer Probe aus dem Internet 638 Eiweißbruchstücke, vor allem aus dem Gerüst der Nervenzellen, aber keine Bruchstücke der bekannten Wachstumsfaktoren.
- Seit Anfang 2025 wurden mindestens 7 Tierversuche zu Cerebrolysin aus 2 Laboren zurückgezogen, in Schweden stellte eine staatliche Stelle gefälschte Daten fest; die Patientenstudien sind davon nicht betroffen.
Wo die Daten aufhören
Für Gesunde gibt es keine einzige kontrollierte Studie. Manche Anwender spüren etwas Deutliches, andere wenig, und ob das Gedächtnis ist oder Wachheit, weiß niemand. Eine Befragung von 402 Medizinstudierenden in Rumänien, die Piracetam und Cerebrolysin gemeinsam abfragte, fand bei Nutzern häufiger Schlafprobleme; die österreichische Fachinformation nennt selbst eine antriebssteigernde Wirkung und selten Unruhe und Schlaflosigkeit. Was als Ampulle im Netz verkauft wird, prüft niemand.
Auch nach Schlaganfall bleibt die Hauptfrage offen. Eine europäische Leitlinie von 2021 empfiehlt das Mittel für die frühe Reha, unter ihren Autoren sind mehrere, die selbst an Cerebrolysin-Studien mitgearbeitet haben, und sie fragt nach früher Erholung, Cochrane nach Überleben und Selbstständigkeit. Klären könnte das eine große, unabhängige Studie, die misst, ob Menschen wieder allein die Treppe hochkommen. Bei Krampfanfällen oder schwerer Nierenerkrankung schließt die Fachinformation das Mittel aus oder mahnt zur Vorsicht; nach einem Schlaganfall entscheidet das Behandlungsteam.
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Veröffentlicht am 24. November 2026.
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- Ein Gemisch neurotropher Peptide mit randomisierten Mehrzentren-Studien zu Alzheimer und Schlaganfall, in mehreren Ländern als Medikament zugelassen –Cerebrolysin
Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-25.