Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Cerebrolysin

Neurotrophes Peptid-Präparat (aus Schweinehirn-Hydrolysat) · FPF-1070, neurotrophes Peptidgemisch

Cerebrolysin ist ein Gemisch kurzer Peptide und Aminosäuren aus Schweinehirn, in Österreich und weiteren Ländern als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen. Es hat randomisierte Studien, jahrzehntelangen Einsatz und ein mehrfach unauffälliges Sicherheitsprofil. Die unabhängigste Auswertung sagt trotzdem etwas anderes als jede Produktseite.

Kurz gesagt

Cerebrolysin ist kein definiertes Molekül, sondern ein Extrakt aus enzymatisch zerlegtem Schweinehirn, der injiziert oder infundiert wird. In Österreich ist es für 3 Anwendungsgebiete zugelassen: Demenz vom Alzheimer-Typ und vaskuläre Demenz, Ausfälle nach Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma; die amerikanische Arzneimittelbehörde hat es nie freigegeben. Der maßgebliche Cochrane-Review zum akuten Schlaganfall findet keinen Unterschied bei der Sterblichkeit, keine auswertbaren Daten dazu, wie es den Menschen hinterher ging, und mehr nicht-tödliche schwerwiegende Nebenwirkungen. Eine andere Auswertung von 12 Studien kommt beim Sicherheitsprofil zum gegenteiligen Eindruck. Für den Einsatz als Gedächtnismittel bei Gesunden gibt es weder Zulassung noch Studienlage.

Was Cerebrolysin ist

Hirngewebe vom Schwein wird enzymatisch behandelt, bis die großen Eiweiße in kleine Bruchstücke zerlegt sind; der Rest wird herausgefiltert. Übrig bleibt eine klare Lösung mit 215,2 Milligramm pro Milliliter. Hergestellt wird sie von EVER Pharma in Unterach am Attersee in Österreich.

Der entscheidende Punkt daran: Cerebrolysin ist kein definiertes Molekül wie Aspirin, bei dem man sagen kann, das ist der Wirkstoff und so viel ist drin. Es ist ein Extrakt, dessen Zusammensetzung über den Herstellungsprozess konstant gehalten wird und nicht über eine Formel. Die Idee dahinter ist, dass darin neurotrophe Wirkung steckt — etwas, das sich verhält wie die körpereigenen Wachstumsfaktoren für Nervenzellen.

Was genau darin wirkt, ist offen. Eine belgische Analyse einer im Internet gekauften Probe fand 2015 638 Peptide, vor allem Bruchstücke von Tubulin, Aktin und Myelin-Basisprotein, aber keine Fragmente bekannter Wachstumsfaktoren. Seit 2025 wurden zudem mindestens sieben Tierversuchsarbeiten zu Cerebrolysin aus zwei Laboren zurückgezogen; die Patientenstudien sind davon nicht betroffen.

Was zugelassen ist

In Österreich ist Cerebrolysin ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit 3 Anwendungsgebieten: unterstützende Behandlung bei Demenz vom Alzheimer-Typ und bei vaskulärer Demenz, Ausfälle nach einem Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma. Gegeben wird es als Injektion oder Infusion, nicht als Tablette.

In den USA ist es nicht zugelassen. Verbreitet ist es vor allem in Osteuropa, Russland, China und Teilen Asiens, dazu in einigen europäischen Ländern. Damit zerfällt die Frage in zwei Teile, die sonst durcheinandergehen: Was ist zugelassen — und was ist gezeigt.

Was die unabhängige Auswertung findet

Die maßgebliche unabhängige Auswertung zum Schlaganfall ist ein Cochrane-Review. Cochrane fasst Studien nach festen Regeln zusammen und achtet dabei besonders streng darauf, wer sie bezahlt hat. Die aktuelle Fassung umfasst 7 randomisierte Studien mit 1773 Patienten mit akutem Schlaganfall.

Drei Befunde, und sie gehören zusammen. Erstens macht Cerebrolysin bei der Sterblichkeit wahrscheinlich keinen Unterschied — mit mittlerer Aussagesicherheit und damit belastbar. Zweitens hat keine einzige der eingeschlossenen Studien auswertbare Daten dazu geliefert, wie es den Menschen hinterher ging: Behinderung, Selbstständigkeit, ob jemand wieder allein zurechtkommt. Bei einem Schlaganfallmedikament ist das der ganze Zweck der Übung. Drittens fand die Auswertung mehr nicht-tödliche schwerwiegende Nebenwirkungen unter Cerebrolysin, etwa Krankenhauseinweisungen.

Zur Finanzierung hält der Review fest, dass der Hersteller 3 der großen Mehrzentren-Studien unterstützt hat: teils vollständig, teils über Wirkstoff und Placebo, Randomisierungscodes, Forschungsgelder oder Statistiker. Das ist nicht per se verwerflich — fast alle Arzneimittelstudien werden vom Hersteller bezahlt. Es ist ein Grund, genauer hinzusehen.

Zwei Auswertungen, zwei Eindrücke

2021 ist eine Sicherheitsauswertung von 12 randomisierten Studien mit 2202 Patienten erschienen. Ihr Ergebnis klingt anders: schwerwiegende Nebenwirkungen bei 7,9 Prozent in beiden Gruppen, Nebenwirkungen insgesamt bei rund 43 Prozent in beiden Gruppen. Bei den Todesfällen 4,1 Prozent unter Cerebrolysin gegenüber 5 Prozent unter Placebo — rechnerisch 17 Prozent weniger, statistisch nicht abgesichert.

Dieselbe Substanz, gegenteiliger Eindruck. Der Unterschied liegt nicht daran, dass jemand lügt, sondern daran, welche Studien man einschließt und wie man ein Ereignis zählt. Cochrane hat 7 Studien streng nach festem Protokoll gefiltert, die andere Gruppe 12 eingeschlossen. Wer mehr Studien einschließt, verwässert einen Effekt, der nur in einigen sichtbar ist. Die Autoren der Sicherheitsauswertung erklären keinen Interessenkonflikt, forschen aber seit Jahren zu genau dieser Substanz — kein Vorwurf, aber nicht dasselbe wie ein Team, das sie zum ersten Mal ansieht.

Was gut belegt ist

Cerebrolysin ist nicht das übliche Graumarkt-Peptid ohne jede Prüfung. Es ist seit Jahrzehnten im Einsatz, in mehreren Ländern ein reguläres Arzneimittel mit 3 definierten Anwendungsgebieten, und es hat randomisierte, placebokontrollierte Studien — 7 in der Cochrane-Auswertung, 12 in der Sicherheitsauswertung von 2021. Belastbar gezeigt ist, dass es die Sterblichkeit nach akutem Schlaganfall nicht verschlechtert; dieser Befund hat mittlere Aussagesicherheit. In mehr als 50 Jahren ist die Substanz nie widerlegt worden.

Was die Studien zeigen

Cochrane-Review zum akuten ischämischen Schlaganfall

7 randomisierte Studien mit 1773 Patienten. Keine Unterschiede bei der Sterblichkeit mit mittlerer Aussagesicherheit; keine auswertbaren Daten zu Behinderung und Selbstständigkeit; mehr nicht-tödliche schwerwiegende Nebenwirkungen unter Cerebrolysin. Der Hersteller hatte 3 der großen Mehrzentren-Studien unterstützt.

Sicherheitsauswertung von 2021

12 randomisierte Studien mit 2202 Patienten. Schwerwiegende Nebenwirkungen bei 7,9 Prozent in beiden Gruppen, Nebenwirkungen insgesamt bei rund 43 Prozent in beiden Gruppen. Todesfälle 4,1 Prozent unter Cerebrolysin gegenüber 5 Prozent unter Placebo, rechnerisch 17 Prozent weniger, statistisch nicht abgesichert.

Warum sich die Auswertungen widersprechen

Der Unterschied liegt in den Einschlusskriterien und der Zählweise: 7 streng gefilterte Studien bei Cochrane, 12 in der Sicherheitsauswertung. Wer mehr einschließt, verwässert einen Effekt, der nur in einigen sichtbar ist; wer strenger filtert, findet ihn eher.

Was die Studien nicht hergeben

Was fehlt, ist der Nachweis, dass Cerebrolysin Menschen wieder auf die Beine bringt. Behinderung und Selbstständigkeit sind die Endpunkte, um die es nach einem Schlaganfall geht, und genau dazu lag im geprüften Studienbestand nichts Auswertbares vor. Belegt ist, dass die Sterblichkeit sich nicht unterscheidet. Der Rest ist offen — eine andere Lücke als bei einer nie untersuchten Substanz, aber eine Lücke, die seit Jahrzehnten offensteht.

Ohne jede Datenlage ist der Einsatz, für den Cerebrolysin in der Nootropika-Szene gekauft wird. Als Gedächtnismittel für Gesunde gibt es weder Zulassung noch Studie. Alle Daten stammen von kranken Menschen: akuter Schlaganfall, Demenz, Schädel-Hirn-Trauma. Dazu kommt die Lehre, die über diese Substanz hinausgeht: Zugelassen heißt nicht bewiesen. Eine Zulassung sagt, dass eine Behörde Nutzen und Risiko zu einem bestimmten Zeitpunkt für vertretbar hielt — nicht, dass die Frage für alle Zeiten geklärt ist.

Status, Zulassung und Recht

Cerebrolysin ist in Österreich ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit 3 zugelassenen Anwendungsgebieten und wird dort von EVER Pharma hergestellt. In den USA ist es nicht zugelassen; verbreitet ist es vor allem in Osteuropa, Russland, China und Teilen Asiens sowie in einigen europäischen Ländern. Es wird injiziert oder infundiert, nicht geschluckt. Wenn es in Frage kommt, dann in einer der zugelassenen Situationen und über eine Ärztin oder einen Arzt.

Sicherheit

Das Sicherheitsprofil sieht in der Auswertung von 2021 unauffällig aus: 7,9 Prozent schwerwiegende Nebenwirkungen in beiden Gruppen, rund 43 Prozent Nebenwirkungen insgesamt in beiden Gruppen. Der Cochrane-Review dagegen fand mehr nicht-tödliche schwerwiegende Ereignisse unter Cerebrolysin, darunter Krankenhauseinweisungen. Bei der Sicherheit widersprechen sich die Auswertungen also. Laut österreichischer Fachinformation ist Cerebrolysin bei Status epilepticus und schweren Nierenfunktionsstörungen nicht anzuwenden, bei Epilepsie ist Vorsicht geboten; selten treten Unruhe und Schlaflosigkeit auf. Ein eigener Punkt ist die Beschaffung außerhalb ärztlicher Behandlung: ein biologisches Präparat aus tierischem Gewebe, das gespritzt wird. Auf einem Graumarkt garantiert niemand den Inhalt der Ampulle, und bei einem Vielstoffgemisch ist das deutlich schwerer zu prüfen als bei einem einzelnen Molekül.

BK-Score Gut untersucht – Wirkung nicht bestätigt

Human-Evidenz6
Mechanismus4
Sicherheits-Datenlage5
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung7

Anders als bei den meisten Peptiden gibt es hier eine Cochrane-Bewertung – und sie fällt ungünstig aus: Für den akuten ischämischen Schlaganfall findet der Review 2023 keinen klaren Nutzen und zusätzlich eine höhere Rate schwerwiegender unerwünschter Ereignisse mit Krankenhausaufnahme. Für vaskuläre Demenz sehen die Cochrane-Autoren eine mögliche kognitive Verbesserung, fordern aber wegen niedriger Evidenzqualität ausdrücklich bessere Studien. In Russland, Osteuropa und China ist das Präparat im Markt, in den USA nicht zugelassen; für Deutschland wurde keine Zulassung ermittelt.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Cerebrolysin

Woraus besteht Cerebrolysin?

Aus kurzen Peptiden und Aminosäuren, die aus enzymatisch zerlegtem Schweinehirn gewonnen werden. Übrig bleibt eine klare Lösung mit 215,2 Milligramm pro Milliliter. Es ist kein definiertes Einzelmolekül, sondern ein Extrakt, dessen Zusammensetzung über den Herstellungsprozess konstant gehalten wird.

Ist Cerebrolysin zugelassen?

In Österreich ja, als verschreibungspflichtiges Arzneimittel für 3 Anwendungsgebiete: Demenz vom Alzheimer-Typ und vaskuläre Demenz, Ausfälle nach Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma. In den USA nicht. Verbreitet ist es außerdem in Osteuropa, Russland, China und Teilen Asiens.

Was sagt der Cochrane-Review?

Er fasst 7 randomisierte Studien mit 1773 Patienten mit akutem Schlaganfall zusammen. Bei der Sterblichkeit findet er wahrscheinlich keinen Unterschied. Zu Behinderung und Selbstständigkeit lagen keine auswertbaren Daten vor. Und er fand mehr nicht-tödliche schwerwiegende Nebenwirkungen unter Cerebrolysin.

Warum kommt die andere Auswertung zu einem anderen Ergebnis?

Weil sie 12 statt 7 Studien einschließt und Ereignisse anders zählt. Wer mehr Studien einschließt, verwässert einen Effekt, der nur in einigen sichtbar ist. Beide Auswertungen sind methodisch nachvollziehbar, sie beantworten nur nicht exakt dieselbe Frage.

Hilft Cerebrolysin gesunden Menschen beim Gedächtnis?

Dafür gibt es keine Studienlage und keine Zulassung. Sämtliche Daten stammen von Patienten mit akutem Schlaganfall, Demenz oder Schädel-Hirn-Trauma. Von einem gesunden Gehirn, das noch besser werden soll, handelt keine der Studien.

Warum ist die Herkunft aus Schweinehirn ein Thema?

Weil es sich um ein biologisches Vielstoffgemisch handelt und nicht um ein einzelnes Molekül. Bei einem definierten Wirkstoff kann ein Labor nachmessen, wie viel in der Ampulle ist. Bei einem Extrakt ist die entsprechende Prüfung deutlich komplizierter, was besonders auf dem Graumarkt ins Gewicht fällt.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.