Peptid & Experimentelles
RAD140 (Testolone)
Selektiver Androgen-Rezeptor-Modulator (SARM) · Testolone, SARM
RAD140, in der Szene Testolone genannt, ist der bekannteste Vertreter der SARMs, der selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren. Die Idee dahinter ist kluge Pharmakologie: die Muskelwirkung von Testosteron, aber möglichst ohne dessen Wirkung auf Prostata, Haut und Hormonsystem. Dass RAD140 am menschlichen Androgenrezeptor wirkt, ist gezeigt; für Muskelaufbau beim Menschen gibt es dagegen keine einzige kontrollierte Studie.
Kurz gesagt
RAD140 ist ein oral wirksames, nichtsteroidales Molekül, das den Androgenrezeptor aktiviert und im Tier gewebeselektiv wirkt, stark im Muskel, schonend an der Prostata. Die einzige klinische Studie am Menschen prüfte es bei 22 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs: Die Wirkung am Rezeptor war eindeutig messbar, erhöhte Leberwerte waren aber die häufigste Nebenwirkung, bei 59,1 Prozent stieg die AST. In Trainingsforen wird übereinstimmend von deutlichem Muskel- und Kraftzuwachs berichtet, zusammen mit einer unterdrückten eigenen Testosteronproduktion. RAD140 ist nirgends zugelassen, steht auf der WADA-Verbotsliste, und Produkte aus dem Internet enthalten oft etwas anderes als deklariert.
Was es ist
SARM steht für selektiver Androgenrezeptor-Modulator. Testosteron wirkt stark auf Muskel und Knochen, aber eben auch auf Prostata, Haut, Haarfollikel und den eigenen Hormonregelkreis. Die Pharmaforschung wollte deshalb Moleküle bauen, die denselben Rezeptor ansteuern, aber je nach Gewebe unterschiedlich stark: volle Wirkung im Muskel, möglichst wenig anderswo. Dass selektive Rezeptormodulation grundsätzlich funktioniert, zeigt die Medizin bei den Östrogenrezeptoren, wo Tamoxifen seit Langem Standard ist.
RAD140 wurde von der Biotech-Firma Radius Health entwickelt und 2011 als potenter, oral bioverfügbarer, nichtsteroidaler SARM beschrieben. Gedacht war es zunächst gegen Muskelschwund, später gegen bestimmte Formen von Brustkrebs. Anders als viele Anabolika muss es nicht gespritzt werden.
Wie es wirkt
RAD140 bindet an den Androgenrezeptor und aktiviert ihn. In Versuchen mit kastrierten Ratten wirkte es gewebespezifisch androgen und sparte die Prostata dabei weitgehend aus, genau das Profil, das SARMs verspricht. Beim Menschen ist die Wirkung am Rezeptor inzwischen direkt belegt: In der Phase-1-Studie sank das Bindungsprotein SHBG bei 18 von 18 Patientinnen, der Androgenmarker PSA stieg bei 16 von 20, und Tumorbiopsien zeigten, dass der Rezeptor angesprochen wurde. Die Halbwertszeit lag bei 44,7 Stunden.
Dieselbe Rezeptorwirkung erklärt die Kehrseite. RAD140 meldet dem Hormonregelkreis wie Testosteron, dass genug da ist, die Hirnanhangdrüse drosselt LH und FSH, und die eigene Testosteronproduktion sinkt. Für den verwandten SARM LGD-4033 ist das in einer placebokontrollierten Studie an 76 gesunden Männern gezeigt: Magermasse stieg schon nach 21 Tagen, zugleich sanken Testosteron, SHBG und das schützende HDL-Cholesterin, und alles normalisierte sich nach dem Absetzen.
Was Anwender berichten
In Trainingsforen sind die Berichte bemerkenswert konsistent: mehrere Kilo Magermasse, deutliche Kraftsprünge und schnellere Regeneration innerhalb weniger Wochen, in Größenordnungen, die an milde Steroidzyklen erinnern. Ebenso konsistent berichtet wird die andere Seite, eine im Blutbild messbare Unterdrückung der eigenen Testosteronproduktion mit Müdigkeit, Libidoverlust und Stimmungstiefs nach dem Zyklus. Die Szene fängt das mit sogenannter Post-Cycle-Therapy auf, also mit weiteren Medikamenten, die die Nebenwirkung reparieren sollen. Erfahrene Anwender betonen Blutkontrollen vor und nach dem Zyklus. Das alles sind Erfahrungsberichte, keine Studiendaten.
In den Foren kursiert außerdem, RAD140 sei gut fürs Gehirn. Dahinter steht eine Arbeit von 2014, in der es in Zellkultur so wirksam wie Testosteron gegen den Tod von Nervenzellen war und bei Ratten Nervenzellen vor einem Nervengift schützte. Das ist ein interessantes Laborsignal, zu dem es keine Humandaten gibt.
Was gut belegt ist
Gut belegt ist das pharmakologische Prinzip. RAD140 aktiviert den Androgenrezeptor beim Menschen messbar und wirkt im Tier gewebeselektiv. Die Phase-1-Studie an 22 schwer vorbehandelten Frauen mit metastasiertem Brustkrebs lieferte zudem Pharmakokinetik und erste Hinweise auf Antitumorwirkung: eine Teilremission, eine klinische Nutzenrate von 18,2 Prozent nach 24 Wochen. Die Autoren bewerteten das Sicherheitsprofil für diese Patientengruppe als akzeptabel.
Für die SARM-Klasse insgesamt ist ebenfalls belegt, dass Magermasse beim Menschen zunimmt: Unter LGD-4033 stieg sie schon innerhalb von 21 Tagen dosisabhängig. Dass die Idee lebt, zeigt die weitere Forschung an SARMs gegen Muskelschwund im Alter und bei Krebs, einer der großen ungelösten Baustellen der Altersmedizin.
Was die Studien zeigen
LoRusso et al., Clinical Breast Cancer 2022 — die Phase-1-Studie
Erste Anwendung am Menschen, offene Dosissteigerung bei 22 postmenopausalen Frauen mit ER-positivem, HER2-negativem metastasiertem Brustkrebs. Häufigste Nebenwirkungen waren Anstiege von AST bei 59,1 Prozent, ALT bei 45,5 Prozent und Bilirubin bei 27,3 Prozent. Schwere Ereignisse der Grade 3 und 4 traten bei 72,7 Prozent auf, als behandlungsbezogen eingestuft wurden Ereignisse bei 17 von 22 Patientinnen, keines davon Grad 4. Die Rezeptorwirkung war über SHBG, PSA und Biopsien klar nachweisbar. Muskelmasse wurde nicht gemessen.
Van Wagoner et al., JAMA 2017 — was in SARM-Produkten steckt
44 online als SARM verkaufte Produkte wurden nach Anti-Doping-Standards analysiert. Nur 23, also 52 Prozent, enthielten überhaupt einen SARM, 17 enthielten andere nicht zugelassene Wirkstoffe, 4 gar keinen Wirkstoff, 11 nicht deklarierte Substanzen. Nur bei 18 Produkten, 41 Prozent, stimmte die Menge mit dem Etikett überein.
Ladna et al., Journal of Medical Case Reports 2023 — Leberschaden
Ein 26-jähriger Mann ohne Vorerkrankungen kam mit Übelkeit, starken Oberbauchschmerzen und Gelbsucht in die Klinik, eine andere Ursache als RAD140 fand sich nicht. Nach dem Absetzen normalisierten sich die Leberwerte innerhalb von 2 Monaten. Es ist einer von mehreren publizierten Fällen von Leberschäden, dazu kommen Fallberichte über Herzmuskelentzündung und Herzschwäche.
Wo die Daten aufhören
Die entscheidende Lücke: Für Muskelaufbau mit RAD140 gibt es keine kontrollierte Studie am Menschen. Die einzige klinische Studie betraf Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs und hat Muskelmasse gar nicht gemessen. Weitere Humandaten stammen aus Mikrodosis-Studien für die Dopinganalytik, bei denen es nur um den Nachweis im Urin ging. Alles zur Muskelwirkung ist Tiermodell plus Erfahrungsbericht.
Die Werbung als nebenwirkungsarme Alternative zu Anabolika passt nicht zu den vorhandenen Daten: häufige Leberwert-Anstiege in der Phase 1, mehrere Fallberichte zu Leberschäden und kontrolliert gezeigte Achsensuppression und HDL-Senkung beim verwandten LGD-4033. Wie weit sich die Nebenwirkungen schwerkranker Krebspatientinnen auf gesunde Sportler übertragen lassen, ist offen, Langzeitdaten gibt es keine. Und die Neuroprotektion existiert bisher nur in Zellkultur und Ratte.
Status, Zulassung und Recht
RAD140 ist nirgends als Arzneimittel zugelassen und wird als Research Chemical über den Graumarkt verkauft. Die US-Arzneimittelbehörde FDA stellt klar, dass SARMs keine Nahrungsergänzungsmittel, sondern nicht zugelassene Arzneimittel sind, und warnt vor Herzinfarkt, Schlaganfall, Leberschäden bis zum Leberversagen, Psychosen, Schlafstörungen, Unfruchtbarkeit und Hodenschrumpfung. Im Sport ist die Lage eindeutig: Die WADA-Verbotsliste 2026 nennt RAD140 namentlich in der Gruppe der anabolen Wirkstoffe, verboten jederzeit, und es ist über Abbauprodukte im Urin nachweisbar. Wegen verunreinigter Produkte kann ein positiver Test auch Menschen treffen, die es nicht wissentlich genommen haben. Dosierangaben machen wir nicht.
Sicherheit
Die belegten Risiken betreffen Leber, Hormonachse und Herz. In der Phase-1-Studie waren erhöhte Leberwerte die häufigste Nebenwirkung, und bei Anwendern sind mehrere Leberschäden mit Gelbsucht dokumentiert, außerdem Fälle von Herzmuskelentzündung. Die eigene Testosteronproduktion wird unterdrückt, und beim verwandten LGD-4033 sank das HDL-Cholesterin dosisabhängig. Für Frauen ist RAD140 wegen der Androgenwirkung besonders ungeeignet, in der Schwangerschaft ausgeschlossen. Wer Lebererkrankungen, Herz-Kreislauf-Risiken oder einen Kinderwunsch hat, sollte davon Abstand halten. Wegen der unzuverlässigen Produktqualität weißt du beim Kauf nicht sicher, was du nimmst.
BK-Score Hype weit vor Evidenz
| Human-Evidenz | 2 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 6 | |
| Sicherheits-Datenlage | 3 | |
| Hype-Abstand | 0 | |
| Anwendungserfahrung | 4 |
Beworben wird die Substanz als nebenwirkungsarme Alternative zu Anabolika – kontrollierte Wirksamkeitsstudien zum Muskelaufbau am Menschen gibt es nicht. Die einzige klinische Humanstudie ist eine offene Phase 1 an 22 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs (LoRusso, Clin Breast Cancer 2022): Die Rezeptorwirkung ist über SHBG (gesunken bei 18 von 18), PSA (gestiegen bei 16 von 20) und Tumorbiopsien bestätigt, Muskelmasse wurde nicht gemessen; häufigste Nebenwirkungen waren AST- und ALT-Anstiege (59,1 und 45,5 %), Grad-3/4-Ereignisse traten bei 72,7 % auf. Dazu kommen Mikrodosis-Studien für die Dopinganalytik und mehrere Fallberichte über Leberschäden (u. a. J Med Case Rep 2023) sowie Herzmuskelentzündung. Achsensuppression und HDL-Senkung sind für den verwandten SARM LGD-4033 placebokontrolliert gezeigt. Die FDA warnt für die gesamte SARM-Klasse vor Leberversagen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Unfruchtbarkeit. Nur 52 % online verkaufter SARM-Produkte enthielten überhaupt einen SARM (JAMA 2017). Kein zugelassenes Arzneimittel, WADA-Liste 2026 namentlich.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu RAD140 (Testolone)
Was ist RAD140?
Ein selektiver Androgenrezeptor-Modulator, kurz SARM, der den Androgenrezeptor aktiviert und im Tier stark im Muskel, aber schonend an der Prostata wirkt. Er wurde von Radius Health gegen Muskelschwund und Brustkrebs entwickelt und ist nirgends zugelassen.
Baut RAD140 Muskeln auf?
Im Tiermodell ja, und Anwender berichten übereinstimmend von deutlichem Muskel- und Kraftzuwachs. Eine kontrollierte Studie am Menschen zum Muskelaufbau gibt es nicht. Für den verwandten SARM LGD-4033 ist ein Zuwachs an Magermasse in 21 Tagen gezeigt.
Ist RAD140 schädlich für die Leber?
In der einzigen klinischen Studie stiegen die Leberwerte bei einem großen Teil der Patientinnen, die AST bei 59,1 Prozent. Dazu kommen mehrere publizierte Fälle von Leberschäden mit Gelbsucht bei Anwendern; im ausführlich beschriebenen Fall eines 26-Jährigen normalisierten sich die Werte nach dem Absetzen.
Senkt RAD140 das Testosteron?
Ja, das gilt als sicherster Effekt. SARMs signalisieren dem Hormonregelkreis, dass genug Androgen da ist, und die eigene Produktion sinkt. Beim verwandten LGD-4033 ist die Senkung von Testosteron und HDL in einer placebokontrollierten Studie belegt.
Ist RAD140 in Deutschland legal?
RAD140 ist nicht als Arzneimittel zugelassen und wird als Research Chemical verkauft. Im Sport ist es nach der WADA-Liste jederzeit verboten. Die US-Behörde FDA stuft SARMs als nicht zugelassene Arzneimittel ein, nicht als Nahrungsergänzung.
Enthalten SARM-Produkte, was draufsteht?
Oft nicht. In einer Analyse von 44 online gekauften SARM-Produkten enthielten nur 52 Prozent überhaupt einen SARM, und nur bei 41 Prozent stimmte die Menge mit dem Etikett überein. Ein Viertel enthielt nicht deklarierte Substanzen.
Die Podcast-Folge dazu
Folge 66
RAD140 (Testolone): Das SARM im Faktencheck
Der Podcast von Paul Höser (Folge 66) · mit Paul & Paula. Die brillante SARM-Idee und die ernüchternde Realität: eine einzige Humanstudie (Leberwerte dosislimitierend), Achsen-Suppression, HDL-Absturz, JAMA-Etiketten-Analyse, Ostarine & Co., Neuroprotektions-Mythos, WADA – Wissen statt Werbung. Reine Information, keine Dosier- oder Anwendungsempfehlung.
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Quellen
- LoRusso et al., Clinical Breast Cancer 2022
- Miller et al., ACS Medicinal Chemistry Letters 2011
- Jayaraman et al., Endocrinology 2014
- Van Wagoner et al., JAMA 2017
- Basaria et al., Journals of Gerontology A 2013
- Ladna et al., Journal of Medical Case Reports 2023
- Wagener et al., Metabolites 2022
- FDA: Certain bodybuilding products put consumers at risk
- WADA, Prohibited List 2026
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-26.