Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Ostarin (Enobosarm)

Selektiver Androgenrezeptor-Modulator (SARM), nicht zugelassen · Enobosarm, MK-2866, GTx-024, S-22, SARM

Ostarin, in der Forschung Enobosarm genannt, ist der am besten untersuchte SARM überhaupt. Es gibt mehrere placebokontrollierte Studien am Menschen, und sie zeigen übereinstimmend einen Zuwachs an fettfreier Masse. Ob daraus auch mehr Kraft im Alltag wird, ist die Frage, an der die Zulassung bisher gescheitert ist.

Kurz gesagt

Ostarin aktiviert den Androgenrezeptor, also die Andockstelle von Testosteron, und soll dabei vor allem im Muskel wirken. In einer doppelblinden Studie mit 120 gesunden Älteren stieg die fettfreie Masse in 12 Wochen um 1,3 kg gegenüber Placebo, und die Treppenleistung verbesserte sich. In zwei großen Phase-3-Studien bei Krebspatienten verfehlte Ostarin aber seine Hauptziele, vor allem bei der körperlichen Funktion. Dazu kommen gesenktes HDL-Cholesterin, gesenktes Testosteron bei Männern, Leberwert-Anstiege und Fallberichte über schwere Leberschäden. Zugelassen ist es nirgends, und es steht auf der Dopingliste.

Was es ist

Ostarin ist ein kleines, oral wirksames Molekül ohne Steroidgerüst. Die Firma GTx hat es unter dem Code GTx-024 entwickelt, im Handel kursieren auch die Namen MK-2866 und S-22. Der offizielle Wirkstoffname lautet Enobosarm. Gedacht war es gegen Muskelschwund bei Krebs und im Alter, später auch gegen Harninkontinenz bei Frauen und gegen Brustkrebs.

Heute führt die Firma Veru die Entwicklung weiter, mit einem neuen Ziel: Menschen, die mit GLP-1-Spritzen abnehmen, sollen dabei weniger Muskulatur verlieren. In der Kraftsportszene ist Ostarin dagegen seit Jahren als vermeintlich sanftester SARM bekannt, als Einstieg für alle, die Anabolika scheuen.

Wie es wirken soll

SARM steht für selektiver Androgenrezeptor-Modulator. Die Idee: Testosteron wirkt überall, am Muskel, am Knochen, aber auch an Prostata, Haut und Haarwurzeln. Ein SARM soll den Rezeptor im Muskel und Knochen voll anschalten und in den übrigen Geweben kaum. Weil Ostarin kein Steroid ist, wird es nicht zu DHT oder Östrogen umgebaut.

Im Tier sah das überzeugend aus. Ob die Selektivität beim Menschen so sauber ist, wie der Name verspricht, ist offen. Eine kritische Übersicht von 2025 argumentiert, dass ein Teil der scheinbaren Gewebeauswahl schlicht daher kommt, dass der Steroid-Stoffwechsel fehlt, und dass bis heute kein Direktvergleich mit klassischen Androgenen existiert.

Die Studien, die tragen

Die wichtigste Arbeit erschien 2011. 120 gesunde Männer über 60 und Frauen nach der Menopause bekamen 12 Wochen lang Ostarin in vier Dosisstufen oder Placebo. In der höchsten Stufe nahm die fettfreie Masse um 1,3 kg mehr zu als unter Placebo, die Fettmasse sank um etwa 0,6 kg, das Körpergewicht blieb gleich. Die Treppenleistung, eine echte Funktionsmessung, verbesserte sich signifikant, und die Insulinresistenz fiel um 27,5 Prozent.

Bei Krebspatienten mit beginnendem Gewichtsverlust wiederholte sich das Bild. In einer Phase-2-Studie mit 159 Patienten stieg die fettfreie Masse unter beiden Dosisstufen gegenüber dem Ausgangswert, im Median um 1,5 und 1,0 kg, unter Placebo praktisch nicht. Auch in den beiden großen Phase-3-Studien gab es unter Ostarin mehr Patienten, die keine Muskelmasse verloren: 41,9 gegenüber 30,4 Prozent und 46,5 gegenüber 37,9 Prozent.

Dass der Androgenrezeptor beim Menschen tatsächlich angesprochen wird, zeigen die Hormonwerte und eine Brustkrebsstudie mit 136 Frauen. Dort hatten nach 24 Wochen 32 und 29 Prozent einen klinischen Nutzen, ein Hinweis auf echte Tumoraktivität bei rezeptorpositivem Brustkrebs.

Der neue Anlauf: Muskelschutz unter GLP-1

In der QUALITY-Studie nahmen 168 Menschen über 60 Semaglutid und dazu Ostarin oder Placebo, 16 Wochen lang. Laut Firmenmitteilung verloren sie unter Placebo 4,1 Prozent ihrer fettfreien Masse, unter Ostarin 1,2 Prozent, also 71 Prozent weniger. Einen Abfall der Treppenleistung um mindestens 10 Prozent hatten 42,6 Prozent unter Placebo und 19,4 Prozent unter Ostarin.

Das ist ein interessanter Befund, gerade weil er Funktion misst. Er stammt aber bisher nur aus einer Pressemitteilung, im Studienregister sind keine Ergebnisse hinterlegt, und eine begutachtete Veröffentlichung war bis September 2026 nicht zu finden. Die Folgestudie PLATEAU mit 239 Teilnehmern hat das Körpergewicht als Hauptziel und soll 2027 abgeschlossen sein.

Was Anwender berichten

Aus der Kraftsportszene wird Ostarin als milder SARM beschrieben, mit langsamem, eher trockenem Zuwachs an Muskulatur und Kraft, oft in Diätphasen eingesetzt, um Muskulatur zu halten. Ebenso häufig berichten Anwender Blutbilder mit gesunkenem Testosteron und HDL. Das sind unkontrollierte Beobachtungen mit Produkten ungeklärter Herkunft, sie decken sich aber in der Richtung mit den Studiendaten.

Was gut belegt ist

Gut belegt ist, dass Ostarin beim Menschen fettfreie Masse aufbaut. Das zeigt eine doppelblinde Studie an 120 gesunden Älteren mit einem Plus von 1,3 kg gegenüber Placebo in 12 Wochen, dazu Studien an Krebspatienten und zwei Phase-3-Studien, in denen unter Ostarin mehr Patienten ihre Muskelmasse hielten. Ebenfalls belegt ist die Wirkung auf den Rezeptor: SHBG, Testosteron bei Männern und HDL sinken dosisabhängig, und bei rezeptorpositivem Brustkrebs zeigt der Wirkstoff Tumoraktivität. Für einen SARM ist das eine ungewöhnlich breite Datenbasis.

Was die Studien zeigen

Dalton et al., Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle 2011

Doppelblinde Phase 2 mit 120 gesunden Männern über 60 und Frauen nach der Menopause, 12 Wochen, vier Dosisstufen gegen Placebo. Primärer Endpunkt war die fettfreie Masse per DXA: In der höchsten Stufe plus 1,3 kg gegenüber Placebo, Endpunkt erreicht. Treppenleistung und Insulinresistenz besserten sich, HDL sank um bis zu 27 Prozent, bei 5 von 24 Teilnehmern der höchsten Stufe stieg der Leberwert ALT.

POWER 1 und POWER 2, Ergebnisse 2013

Zwei Phase-3-Studien mit 321 und 330 Patienten mit Lungenkrebs zu Beginn der Chemotherapie. Hauptziele waren, keine fettfreie Masse zu verlieren und die Treppenleistung um mindestens 10 Prozent zu verbessern. Bei der Masse lag Ostarin vorn, bei der Treppenleistung in keiner Studie signifikant, in POWER 2 sogar numerisch hinter Placebo mit 19,5 gegenüber 24,8 Prozent. Die Gesamtkriterien wurden verfehlt.

QUALITY, Firmenmitteilung 2025

Phase 2b mit 168 Menschen über 60 unter Semaglutid, 16 Wochen. Verlust an fettfreier Masse minus 1,2 Prozent unter Ostarin gegenüber minus 4,1 Prozent unter Placebo, seltener ein deutlicher Abfall der Treppenleistung. Nicht begutachtet veröffentlicht, Sicherheitsdaten zum Zeitpunkt der Mitteilung verblindet.

Palmieri et al., Lancet Oncology 2024

Phase 2 mit 136 Frauen mit fortgeschrittenem rezeptorpositivem Brustkrebs, zwei Dosisstufen. Klinischer Nutzen nach 24 Wochen bei 32 und 29 Prozent. Wirkstoffbedingte schwere Nebenwirkungen bei 8 und 16 Prozent, am häufigsten erhöhte Leberwerte.

Wo die Daten aufhören

Masse ist nicht Funktion. Genau an dieser Stelle ist Ostarin 2013 gescheitert: In beiden Phase-3-Studien besserte sich die Treppenleistung nicht signifikant. Später verfehlte auch eine Studie zur Harninkontinenz bei Frauen ihr Hauptziel. Gemessen wurde fast immer per DXA, und DXA zählt Wasser und Organgewebe mit. Alle Wirksamkeitsstudien betreffen Ältere, Kranke oder Menschen unter GLP-1-Therapie, die nicht gezielt trainierten. Für junge, trainierende Menschen, also die Gruppe, die Ostarin tatsächlich nimmt, gibt es keine kontrollierte Studie. Die positivsten neuen Daten aus QUALITY sind nicht begutachtet. Und ein Direktvergleich mit klassischen Androgenen fehlt; eine andere Studie mit dem alten Steroid Oxandrolon kam in 12 Wochen auf 3,0 kg fettfreie Masse, was die Überlegenheit des SARM-Konzepts zumindest nicht belegt.

Status, Zulassung und Recht

Ostarin ist weltweit nicht als Arzneimittel zugelassen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA stellt klar, dass SARMs keine Nahrungsergänzungsmittel sind, sondern nicht zugelassene Arzneimittel, auch wenn sie als Supplement vermarktet werden. In Deutschland steht Ostarin namentlich in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes; Herstellung und Handel zum Zweck des Dopings im Sport sind verboten, ebenso Erwerb und Besitz in nicht geringer Menge zu diesem Zweck. Die Welt-Anti-Doping-Agentur führt Enobosarm in der Liste 2026 unter S1.2, andere anabole Wirkstoffe, und verbietet es jederzeit, im Training wie im Wettkampf. Die Dopinganalytik weist Ostarin im Urin, in Haaren und in Nägeln nach.

Sicherheit

In den Studien sank HDL-Cholesterin dosisabhängig um bis zu 27 Prozent, bei Männern sank das Gesamttestosteron, bei Frauen LH und FSH. Leberwert-Anstiege traten wiederholt auf, in der Studie an Gesunden bei 5 von 24 Teilnehmern der höchsten Dosisstufe, einer schied deshalb aus. Eine systematische Übersicht fand ALT-Anstiege im Mittel bei 7,1 Prozent der SARM-Exponierten in Studien. Außerhalb von Studien gibt es mehrere Fallberichte schwerer cholestatischer Leberschäden unter Ostarin, darunter ein 24-Jähriger, der eine Albumindialyse brauchte und dessen Bilirubin erst nach 6 Monaten normal war. Die FDA nennt für SARMs zudem Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten. Hinzu kommt das Produktrisiko: In einer JAMA-Analyse enthielten nur 52 Prozent der als SARM verkauften Produkte überhaupt einen SARM und nur 41 Prozent die angegebene Menge. Nicht für Schwangere, nicht bei Lebererkrankungen, nicht für Wettkampfsportler.

BK-Score Belegt, mit Einschränkungen

Human-Evidenz6
Mechanismus7
Sicherheits-Datenlage6
Hype-Abstand3
Anwendungserfahrung4

Evidenz 6, weil es für einen SARM ungewöhnlich viele kontrollierte Humandaten gibt, die aber bei der entscheidenden Frage uneinheitlich sind: Bei 120 gesunden Älteren stieg die fettfreie Masse in 12 Wochen um 1,3 kg gegenüber Placebo und die Treppenleistung besserte sich (Dalton 2011), in den beiden Phase-3-Studien POWER mit 321 und 330 Krebspatienten hielten mehr Patienten ihre Muskelmasse, die Treppenleistung besserte sich aber in keiner signifikant, und die Gesamtkriterien wurden 2013 verfehlt. Mechanismus 7, weil die Rezeptorwirkung am Menschen mehrfach bestätigt ist – SHBG, Gesamttestosteron bei Männern und HDL sinken dosisabhängig, bei rezeptorpositivem Brustkrebs zeigte sich Tumoraktivität (Palmieri 2024, 136 Frauen) –, die behauptete Gewebeselektivität aber ohne Direktvergleich mit klassischen Androgenen nicht belegt ist. Sicherheit 6, weil kontrollierte Daten über Monate vorliegen, mit HDL-Senkung um bis zu 27 Prozent und ALT-Anstiegen, dazu Fallberichte schwerer cholestatischer Leberschäden; Langzeit- und Pharmakovigilanzdaten fehlen. Hype 3, weil der Ruf als sanfter, nebenwirkungsarmer Einstiegs-SARM für Trainierende auf Studien an Älteren und Kranken ohne Training beruht und die Testosteron- und HDL-Senkung ausblendet; die jüngsten Muskelschutzdaten unter Semaglutid (QUALITY, 168 Teilnehmer) stammen bisher nur aus einer Firmenmitteilung. Anwendung 4, weil Ostarin in der Kraftsportszene seit Jahren ohne regulatorischen Rahmen verbreitet ist, als Arzneimittel aber nirgends zugelassen. Richtung gemischt: Masse ja, Funktion bisher nicht gesichert.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Ostarin (Enobosarm)

Ist Ostarin legal in Deutschland?

Ostarin ist kein zugelassenes Arzneimittel und kein Nahrungsergänzungsmittel. Es steht namentlich in der Anlage des Anti-Doping-Gesetzes, Handel zum Zweck des Dopings ist verboten, ebenso Besitz größerer Mengen zu diesem Zweck. Im Sport ist es nach der WADA-Liste jederzeit verboten.

Baut Ostarin wirklich Muskeln auf?

Es erhöht die fettfreie Masse, das ist in mehreren placebokontrollierten Studien gezeigt, bei gesunden Älteren um 1,3 kg in 12 Wochen. Ob daraus mehr Kraft wird, ist weniger klar: In zwei Phase-3-Studien besserte sich die Treppenleistung nicht signifikant. Studien an jungen Trainierenden gibt es nicht.

Unterdrückt Ostarin das eigene Testosteron?

Ja, in der Studie an gesunden Älteren sank das Gesamttestosteron bei Männern in den beiden höchsten Dosisstufen deutlich, dazu SHBG. Freies Testosteron, LH und FSH unterschieden sich bei Männern dort nicht signifikant von Placebo. Die Aussage, Ostarin lasse die Hormonachse unberührt, deckt sich damit nicht.

Ist Ostarin schädlich für die Leber?

In Studien stiegen die Leberwerte wiederholt an, und es gibt mehrere Fallberichte schwerer Gallestauung unter Ostarin, teils mit Klinikaufenthalt. In den beschriebenen Verläufen besserten sich die Werte nach dem Absetzen, in einem Fall waren sie erst nach 6 Monaten wieder normal.

Was ist der Unterschied zwischen Ostarin und Enobosarm?

Es ist derselbe Wirkstoff. Enobosarm ist der offizielle Name aus der klinischen Forschung, Ostarin, MK-2866 und S-22 sind Namen aus der Entwicklung und dem Handel. Das Studienpräparat ist aber nicht dasselbe wie Ware aus dem Internet, deren Inhalt oft nicht dem Etikett entspricht.

Hilft Ostarin gegen Muskelverlust unter Abnehmspritzen?

Das wird gerade untersucht. Laut Firmenmitteilung verloren Menschen über 60 unter Semaglutid mit Ostarin weniger fettfreie Masse und seltener Treppenleistung als mit Placebo. Die Daten sind nicht begutachtet veröffentlicht, eine größere Folgestudie läuft bis 2027.

Quellen

In der Datenbank öffnen – mit Suche, Filtern und Vergleich

Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.