Peptid & Experimentelles
Kanna
Südafrikanische Heilpflanze mit Mesembrin-Alkaloiden (Serotonintransporter- und PDE4-Hemmung); in der EU nicht zugelassenes Novel Food · Sceletium tortuosum, Mesembryanthemum tortuosum, Kougoed, Kauwgoed, Zembrin (standardisierter Extrakt), Mesembrin
Kanna ist eine Sukkulente aus Südafrika, die San und Khoikhoi seit Jahrhunderten kauen, um die Stimmung zu heben und Anspannung zu lösen. Ein standardisierter Extrakt namens Zembrin wurde in mehreren kleinen Placebo-Studien an Gesunden getestet, mit durchaus interessanten Befunden zu Angst und geistiger Flexibilität. Studien an Patienten fehlen, und in der EU ist Kanna als Lebensmittel nicht zugelassen.
Kurz gesagt
Kanna (Sceletium tortuosum) enthält Mesembrin-Alkaloide, die im Labor den Serotonintransporter und das Enzym PDE4 hemmen, also an zwei Stellen ansetzen, die auch in der Behandlung von Angst und Depression eine Rolle spielen. In einer Hirnscan-Studie dämpfte eine Einzeldosis die Reaktion des Angstzentrums auf bedrohliche Gesichter, in kleinen Placebo-Studien verbesserten sich kognitive Flexibilität und das Angstempfinden vor Stress. Der Haken: Alle Studien sind klein, kurz und an Gesunden gemacht, meist mit demselben Markenextrakt. In Deutschland ist Kanna ein nicht zugelassenes Novel Food; ein Zulassungsantrag läuft.
Was es ist
Sceletium tortuosum, heute botanisch auch Mesembryanthemum tortuosum genannt, ist ein Mittagsblumengewächs aus der Karoo. Das Afrikaans-Wort kougoed, Kauzeug, beschreibt die traditionelle Anwendung: Die Blätter wurden zerstoßen, fermentiert, getrocknet und gekaut, später auch als Tee oder Tinktur genutzt. In einer Beschreibung von 1738 heißt Kanna der größte Aufheiterer der Lebensgeister.
Die Pflanze enthält 25 bekannte Alkaloide, die wichtigsten sind Mesembrin, Mesembrenon, Mesembrenol und Mesembranol. Ihr Gehalt schwankt stark zwischen Pflanzen und Herkünften. Deshalb wurde für die Forschung ein standardisierter Extrakt entwickelt, Zembrin, der auf einen festen Alkaloidanteil eingestellt ist. Fast alle Humanstudien wurden mit diesem Extrakt gemacht.
Wie es wirken soll
Im Labor hemmt der Extrakt den Serotonintransporter, also dasselbe Zielprotein wie klassische Antidepressiva vom SSRI-Typ. Mesembrin ist dabei das stärkste Alkaloid. Zusätzlich hemmt der Extrakt gezielt die Phosphodiesterase 4, ein Enzym, das den zellulären Botenstoff cAMP abbaut und mit Stimmung, Entzündung und Gedächtnis in Verbindung gebracht wird. Eine Zellstudie legt nahe, dass mesembrinreiche Extrakte auch die Freisetzung von Monoaminen anstoßen, also nicht nur die Wiederaufnahme bremsen.
Am Menschen gibt es einen direkten Hinweis auf eine Wirkung im Gehirn. In einer Studie mit funktioneller MRT reagierte die Amygdala, das Alarmzentrum des Gehirns, nach einer Einzeldosis schwächer auf ängstliche Gesichter, und ihre Kopplung an den Hypothalamus nahm ab. Zwei EEG-Studien des Herstellerumfelds fanden veränderte Hirnstromrhythmen bei Denk- und Gefühlsaufgaben.
Offen ist, wie die Alkaloide dorthin gelangen. Laut Unterlagen des Herstellers sind die Hauptalkaloide nach dem Schlucken im Blut kaum verfügbar, sie werden in der Leber stark umgebaut. Eine Laborstudie zeigte, dass sie Mund- und Zungenschleimhaut gut durchdringen. Das traditionelle lange Kauen könnte also mehr sein als Folklore.
Wie es weitergeht
Der Entwickler des Zembrin-Extrakts hat bei der EU einen Antrag auf Zulassung als neuartiges Lebensmittel gestellt, gedacht für Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene. Die Antragsunterlagen nennen mehrere Erbgut-Tests ohne Befund und zwei Fütterungsstudien an Ratten über 90 Tage, bei denen auch die höchste Dosis keine Schäden zeigte. Über den Antrag ist noch nicht entschieden. Parallel sind weitere Humanstudien registriert, darunter eine Studie über 8 Wochen zu psychischen Effekten des Extrakts.
Was Anwender beschreiben
In der traditionellen Anwendung gilt Kanna als Stimmungsaufheller, als Mittel gegen Anspannung, Hunger und Durst und in höheren Mengen als leicht berauschend und euphorisierend. In der Studie über 3 Monate notierten einige Teilnehmer ungefragt in ihren Tagebüchern, dass sie besser mit Stress umgehen und besser schlafen. Das sind Berichte, keine Messungen, aber sie passen zu dem, was die kleinen Studien andeuten.
Was gut belegt ist
Belegt ist, dass der standardisierte Extrakt an Gesunden messbare Effekte hat und in den untersuchten Zeiträumen gut verträglich ist. Die Hirnscan-Studie zeigt eine Dämpfung der Bedrohungsverarbeitung nach nur einer Dosis. In einer Crossover-Studie über 3 Wochen verbesserten sich kognitive Flexibilität und Exekutivfunktion gegenüber Placebo, in einer Laborstudie war die Angst vor einer simulierten Rede geringer, und bei Sportlern verbesserten sich komplexe Reaktionsaufgaben unter Denklast.
Zur Sicherheit gibt es eine eigene placebokontrollierte Studie über 3 Monate mit 37 Erwachsenen: Blutbild, Leber- und Nierenwerte, EKG und Vitalzeichen blieben unauffällig, Nebenwirkungen traten unter Placebo sogar etwas häufiger auf. Eine Toxizitätsprüfung an Ratten über 90 Tage fand bis zur höchsten geprüften Dosis keine Schäden.
Was die Studien zeigen
Angstzentrum im Hirnscan (2013)
Doppelblinde, placebokontrollierte Crossover-Studie mit 16 gesunden Teilnehmenden. Nach einer Einzeldosis von 25 mg Zembrin reagierte die Amygdala schwächer auf ängstliche Gesichter, und ihre funktionelle Kopplung an den Hypothalamus war verringert. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf angstlösendes Potenzial. Gemessen wurde ein Hirnsignal, kein Angstempfinden.
Kognition bei Gesunden (2014)
Randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit 21 kognitiv gesunden Personen, im Durchschnitt 54,6 Jahre alt, jeweils 3 Wochen Extrakt und Placebo. Unter Zembrin verbesserten sich kognitive Flexibilität (p < 0,032) und Exekutivfunktion (p < 0,022), Stimmung und Schlaf veränderten sich positiv. Die Studie war klein und entstand unter Beteiligung des Entwicklers.
Reaktion unter Last (2020)
60 trainierte Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren erhielten 8 Tage lang Kanna-Extrakt oder Placebo. In komplexen Reaktionsaufgaben mit kognitiver Last schnitt die Kanna-Gruppe besser ab. Bei einfachen Reaktionstests und bei der Stimmung zeigte sich kein Unterschied.
Wo die Daten aufhören
Die größte Lücke: Es gibt keine einzige veröffentlichte Studie an Menschen mit Angststörung oder Depression. Alle Humanstudien wurden an Gesunden gemacht, mit 16 bis 60 Teilnehmenden und über eine Einzeldosis bis höchstens 3 Monate. Viele Endpunkte sind Hirnsignale aus MRT und EEG, nicht das, was Betroffene im Alltag spüren. Und nicht alles war positiv: In einer der beiden Laborstudien zur Angst zeigte sich kein Effekt, in der Sportlerstudie keine Wirkung auf die Stimmung. Ein Review von 2026 spricht deshalb von gemischter Evidenz.
Fast alle Studien nutzten denselben Markenextrakt, und an den meisten war der Entwickler beteiligt. Unabhängige Wiederholungen fehlen weitgehend. Ungeklärt ist auch die Pharmakokinetik beim Menschen, samt der Frage, welche Stoffe die Wirkung nach dem Schlucken tragen. Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf Rohpflanze, fermentiertes Kraut oder andere Extrakte übertragen, deren Alkaloidprofil anders ist. Weitere Studien sind registriert, Ergebnisse stehen aus.
Status, Zulassung und Recht
In der EU ist Kanna ein nicht zugelassenes Novel Food. Der Novel-Food-Katalog der EU-Kommission führt die Pflanze nicht, und in der Unionsliste der zugelassenen neuartigen Lebensmittel steht sie nicht. Deutsche Behörden haben Kanna in Nahrungsergänzungsmitteln 2020, 2025 und 2026 im europäischen Schnellwarnsystem RASFF als nicht zugelassene neuartige Zutat gemeldet, Österreich zuletzt 2026. Der Hersteller des Zembrin-Extrakts hat einen Novel-Food-Antrag für Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene gestellt, über den noch nicht entschieden ist. Als Arzneimittel ist Kanna nicht zugelassen, im Betäubungsmittelgesetz steht es nicht. In den USA wird ein bestimmter Extrakt seit 2011 auf Grundlage einer GRAS-Selbstbestätigung vermarktet. Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur 2026 ist Kanna nicht genannt.
Sicherheit
In den kontrollierten Studien war der standardisierte Extrakt gut verträglich; über 3 Monate zeigten sich keine Auffälligkeiten in Labor, EKG oder Vitalzeichen. Wegen der Wirkung am Serotonintransporter sollte Kanna nicht mit SSRI, SNRI oder anderen serotonergen Psychopharmaka kombiniert werden, auch mit PDE4-Hemmern wie Roflumilast ist Vorsicht geboten. Für Schwangerschaft und Stillzeit gibt es keine Daten, der Zulassungsantrag schließt diese Gruppen ausdrücklich aus. Ein praktisches Risiko liegt in der Ware: Der Alkaloidgehalt schwankt stark, und in einem handelsüblichen Kanna-Produkt wurde das verbotene Ephedrin gefunden. Wer unter anhaltender Angst oder gedrückter Stimmung leidet, sollte das ärztlich abklären lassen und laufende Medikamente nicht eigenmächtig ersetzen.
BK-Score Dünne Humanevidenz
| Human-Evidenz | 4 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 5 | |
| Sicherheits-Datenlage | 5 | |
| Hype-Abstand | 4 | |
| Anwendungserfahrung | 5 |
Evidenz 4, weil es mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien gibt, diese aber durchweg klein und kurz sind, nur Gesunde untersuchen und oft Surrogatmarker messen: Terburg et al. 2013 (16 Gesunde, fMRT nach Einzeldosis), Chiu et al. 2014 (21 Gesunde, 3 Wochen, bessere kognitive Flexibilität p < 0,032 und Exekutivfunktion p < 0,022), Reay et al. 2020 (eine von zwei Laborstudien positiv) und Hoffman et al. 2020 (60 Sportler, 8 Tage, komplexe Reaktion besser, Stimmung unverändert); Studien an Patienten mit Angst oder Depression fehlen, und de Jong et al. 2026 sprechen von gemischter Evidenz. Mechanismus 5, weil Serotonintransporter- und PDE4-Hemmung in vitro quantifiziert sind (Harvey 2011: IC50 4,3 und 8,5 µg/ml, Mesembrin Ki 1,4 nM) und eine Hirnwirkung am Menschen per fMRT gezeigt ist, die Zielstruktur-Besetzung beim Menschen aber nie gemessen wurde und laut Novel-Food-Antrag die Hauptalkaloide nach dem Schlucken systemisch nicht verfügbar sind. Sicherheit 5, weil eine kontrollierte Studie über 3 Monate (Nell 2013, 37 Personen) und eine 90-Tage-Rattenstudie ohne Befund vorliegen (Murbach 2014, NOAEL 600 mg/kg), längere Daten und Daten zu Wechselwirkungen aber fehlen. Hype 4, weil kleine Befunde an Gesunden als natürliches Antidepressivum vermarktet werden. Anwendung 5, weil Kanna traditionell seit Jahrhunderten genutzt und weltweit als Supplement verkauft wird, in der EU aber ohne Zulassung. Richtung gemischt, weil positive Einzelbefunde neben Nullbefunden stehen und klinische Studien fehlen.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Kanna
Was ist Kanna?
Kanna ist die südafrikanische Sukkulente Sceletium tortuosum, traditionell als Kougoed gekaut. Sie enthält Mesembrin-Alkaloide, die im Labor am Serotonintransporter und am Enzym PDE4 ansetzen. Zembrin ist ein standardisierter Extrakt daraus.
Wirkt Kanna gegen Angst?
Es gibt erste Hinweise: Eine Einzeldosis dämpfte im Hirnscan die Reaktion des Angstzentrums, und in einer Laborstudie war die Angst vor einer Rede geringer. Alle Studien sind aber klein und an Gesunden gemacht. Bei Angststörungen ist Kanna nicht untersucht.
Ist Kanna ein natürliches Antidepressivum?
Der Wirkmechanismus ähnelt teilweise dem von SSRI, deshalb wird es oft so beworben. Studien an Menschen mit Depression gibt es aber nicht. Ein Ersatz für eine ärztliche Behandlung ist Kanna nicht.
Ist Kanna in Deutschland legal?
Kanna ist in der EU ein nicht zugelassenes Novel Food und darf nicht als Lebensmittel oder Nahrungsergänzung verkauft werden. Deutsche Behörden haben entsprechende Produkte mehrfach beanstandet. Ein Betäubungsmittel ist Kanna nicht, ein Zulassungsantrag läuft.
Kann man Kanna mit Antidepressiva kombinieren?
Davon wird abgeraten. Kanna wirkt am Serotonintransporter wie SSRI, eine Kombination mit SSRI, SNRI oder anderen serotonergen Mitteln sollte unterbleiben. Das gilt auch für den PDE4-Hemmer Roflumilast.
Wie schnell wirkt Kanna?
In Studien zeigten sich einzelne Effekte schon nach einer Einzeldosis, etwa im Hirnscan oder in der Stressreaktion. Andere Studien liefen über mehrere Wochen. Wie lange ein Effekt anhält und ob er bei Dauereinnahme bleibt, ist nicht untersucht.
Quellen
- Terburg et al., Neuropsychopharmacology 2013 – Amygdala-Reaktion nach Einzeldosis Zembrin
- Chiu et al., Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2014 – Kognition bei Gesunden
- Nell et al., Journal of Alternative and Complementary Medicine 2013 – Sicherheitsstudie über 3 Monate
- Reay et al., Human Psychopharmacology 2020 – experimentell ausgelöste Angst bei Gesunden
- Hoffman et al., Journal of Strength and Conditioning Research 2020 – Reaktion und Stimmung bei Sportlern
- Harvey et al., Journal of Ethnopharmacology 2011 – Serotonintransporter und PDE4
- Brendler et al., Current Neuropharmacology 2021 – Sceletium zwischen Tradition und Regulierung
- de Jong et al., Planta Medica 2026 – gemischte Evidenz aus Tier- und Humanstudien
- EU-Kommission – Zusammenfassung des Novel-Food-Antrags zu Sceletium-Extrakt
- RASFF 2025.7263 – Kanna als nicht zugelassene neuartige Zutat
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.