Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Dihexa

Angiotensin-IV-abgeleitetes Nootropikum-Peptid (HGF/c-Met-Verstärker) · N-Hexanoic-Tyr-Ile-(6)-Aminohexanoic-Amid, PNB-0408

Dihexa ist ein kleines synthetisches Molekül aus der Angiotensin-4-Forschung. Es soll über den Wachstumsfaktor HGF und dessen Rezeptor c-Met neue Synapsen anstoßen. Die Arbeit, die genau das gezeigt hat, wurde im April 2025 zurückgezogen.

Kurz gesagt

Dihexa setzt an einem realen Signalweg an: HGF und c-Met steuern nachweislich, wie Nervenzellen Verästelungen bilden und wie Synapsen reifen. Ob ausgerechnet Dihexa diesen Weg bedient, steht seit April 2025 offen, denn das Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics hat 3 Arbeiten der Ursprungsgruppe zurückgezogen — darunter die von Benoist und Kollegen aus 2014, die den Mechanismus überhaupt erst gezeigt hatte. Am Menschen gibt es zu Dihexa keine einzige eingetragene klinische Studie. Das Wirkprinzip wurde mit einem anderen Molekül geprüft und ist gescheitert: LIFT-AD verfehlte 2024 den Hauptendpunkt bei einem p-Wert von 0,7. Die Zahl, die überall steht — 7 Zehnerpotenzen stärker als BDNF —, stammt aus einer Pressemitteilung.

Was es ist

In den 1990er Jahren fiel Forschern auf, dass ein Abbauprodukt des Blutdruckhormons Angiotensin bei Ratten das Gedächtnis verbesserte. Niemand wusste, warum. Die Gruppe um Joseph Harding und John Wright an der Washington State University verfolgte die Spur und landete beim Hepatozyten-Wachstumsfaktor HGF und seinem Rezeptor c-Met — einem System aus der Leber- und Krebsforschung, das offenbar auch im Gehirn Synapsen wachsen lässt.

Dihexa war das Designprodukt dieser Arbeit: klein, stabil, oral schluckbar. Es sollte genau diesen Hebel umlegen. Verkauft wird es heute als Forschungschemikalie, meist mit dem Versprechen, es lasse Synapsen sprießen.

Wie es wirken soll

Die Wirkkette war klar formuliert. Dihexa bindet an HGF, verstärkt dessen Signal am Rezeptor c-Met und stößt so die Bildung neuer Kontaktstellen zwischen Nervenzellen an.

Genau diese Kette stand in der Arbeit von Benoist und Kollegen aus 2014. Sie zeigte 4 Dinge: die Bindung an HGF mit hoher Affinität, die Aktivierung von c-Met schon bei Konzentrationen, die für sich allein nicht reichen würden, die Verstärkung der HGF-typischen Zellwanderung — und als Schlussstein, dass die Gedächtniswirkung verschwindet, wenn man einen HGF-Blocker direkt ins Gehirn gibt.

Warum das Fundament fehlt

Im April 2025 hat das Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics 3 Arbeiten dieser Gruppe zurückgezogen, darunter die von Benoist. Grund waren manipulierte Abbildungen. Eine Untersuchung der Washington State University kam zu dem Ergebnis, dass die Koautorin Leen Kawas Abbildungen verändert hat, in ihrer Doktorarbeit von 2011 und in mindestens 4 Publikationen.

Kawas war damals Vorstandsvorsitzende von Athira Pharma, der Firma, die aus dieser Forschung entstand und 2020 an die Börse ging. Im Juni 2021 wurde sie freigestellt, im Oktober trat sie zurück. Im Januar 2025 schloss Athira mit dem amerikanischen Justizministerium einen Vergleich über gut 4 Millionen Dollar — nicht wegen der Manipulation selbst, sondern weil die Firma die Vorwürfe gegenüber den Gesundheitsbehörden verschwieg, während sie Fördergelder beantragte. Ein Schuldeingeständnis gab es nicht.

Die Zahl, die überall steht

Auf praktisch jeder Produktseite steht, Dihexa sei 7 Zehnerpotenzen stärker als BDNF. Diese Zahl stammt nicht aus einer wissenschaftlichen Arbeit, sondern aus einer Pressemitteilung der Universität vom Oktober 2012. In der zugehörigen Publikation wurden Dihexa und BDNF gar nicht direkt verglichen; nebeneinandergelegt wurden 2 getrennt gemessene Konzentrationsbereiche.

Selbst richtig gerechnet würde die Zahl das Falsche sagen. Potenz heißt nur: Es wirkt schon bei niedrigerer Konzentration. Sie sagt nichts darüber, ob etwas besser wirkt, länger wirkt oder überhaupt nützt. Nikotin ist auch potenter als Koffein. Das Bekannteste an Dihexa ist damit zugleich das am schlechtesten Belegte.

Was gut belegt ist

Der Signalweg selbst ist echt. HGF und c-Met steuern nachweislich, wie Nervenzellen ihre Verästelungen bilden und wie Synapsen reifen; das haben unabhängige Gruppen über Jahre gezeigt, ohne jede Verbindung zu dieser Affäre. Und von Dihexa ist nicht nichts übrig: 2 Stammzellarbeiten benutzen die Substanz erfolgreich als Ersatz für HGF, wenn Leberzellen herangezüchtet werden. Das ist ein echter Hinweis, dass Dihexa in der Zellkultur etwas HGF-Artiges tut.

Was die Studien zeigen

McCoy 2013 — die Einführung, unter Vorbehalt

Die Arbeit, die Dihexa überhaupt einführt, stammt von McCoy und Kollegen aus 2013, mit Rattenversuchen im Wasserlabyrinth. Sie ist nicht zurückgezogen. Seit September 2021 steht sie aber unter einer Expression of Concern, einem förmlichen Vorbehalt des Journals, seit 5 Jahren ohne Entscheidung. Das ist kein Freispruch, sondern ein Schwebezustand.

4 unabhängige Arbeiten, die sich widersprechen

Eine chinesische Gruppe fand 2021 in einem Alzheimer-Mausmodell verbesserte Kognition und weniger Entzündung. Eine Gruppe an der Pacific University testete 2024 dieselbe Substanz in einem Huntington-Modell an 40 Ratten und schreibt wörtlich, sie habe die Tiere nicht geschützt. Dazu kommen 2 Stammzellarbeiten, in denen Dihexa HGF ersetzt. Ob Dihexa tatsächlich an HGF bindet, hat bis heute niemand unabhängig nachgemessen.

LIFT-AD — das Prinzip am Menschen geprüft

Athira entwickelte mit Fosgonimeton ein anderes Molekül nach derselben Denkschule: den HGF-Weg im Gehirn hochfahren. LIFT-AD war eine placebokontrollierte Studie der Phase 2/3 mit 554 eingeschlossenen Alzheimer-Patienten, davon 312 in der Hauptauswertung, über 26 Wochen. Ergebnis im September 2024: verfehlt, der Hauptendpunkt lag bei einem p-Wert von 0,7. Als Schwelle gilt 0,05, ein Wert von 0,7 heißt praktisch kein Unterschied zu Placebo. 2 kleinere Studien davor waren ebenfalls negativ.

Was am Menschen fehlt

Zu Dihexa selbst gibt es am Menschen nichts: keine Studie, keinen Fallbericht, keine einzige eingetragene klinische Studie, weder laufend noch abgebrochen. Der beworbene Mechanismus hängt seit der Rücknahme in der Luft, denn die Bindung an HGF hat nie eine unabhängige Gruppe nachgemessen.

Ein Rückzug wegen Fehlverhaltens sagt streng genommen nur, dass diese Daten nichts taugen. Er sagt nicht, dass die Idee falsch ist. Die Idee wurde aber geprüft, mit einem anderen Molekül und in einer großen Studie, und sie ist gescheitert. Das Programm wurde eingestellt; im Januar 2026 hat sich Athira Pharma in LeonaBio umbenannt und ist in die Onkologie geschwenkt. Ein oraler Nachfolger für den HGF-Weg läuft noch, für die Nervenkrankheit ALS. Zu trennen ist deshalb zweierlei: Der Signalweg ist real. In der Luft hängt die Behauptung, dass ausgerechnet dieses Peptid ihn bedient.

Status, Zulassung und Recht

Dihexa ist nirgendwo als Arzneimittel zugelassen. Wer es zur Wirkung im Körper anbietet, bringt ein nicht zugelassenes Arzneimittel in Verkehr; Forschungschemikalie ist kein Rechtsstatus, sondern ein Etikett. Für Sportler kommt hinzu: Namentlich steht Dihexa nicht auf der Verbotsliste, es fällt aber unter die Kategorie der nicht zugelassenen Substanzen, und die sind jederzeit verboten. Das Argument, es stehe ja nicht drauf, greift nicht.

Sicherheit

Die Sicherheit ist nicht untersucht. Die ehrliche Formulierung lautet nicht gefährlich, sondern ungeprüft — bei einem Stoff, der einen Rezeptor anschalten soll, den die Onkologie gezielt blockiert. c-Met ist ein etabliertes Krebsgen, und es gibt zugelassene Medikamente, die genau diesen Rezeptor ausschalten. Zu Dihexa existiert keine einzige Langzeit- oder Krebsstudie. Dazu kommt eine Halbwertszeit von fast 13 Tagen im Rattenversuch: Bei wiederholter Gabe reichert sich die Substanz an. Gedächtnisprobleme und neurologische Beschwerden gehören in ärztliche Hand.

BK-Score Nicht am Menschen untersucht

Human-Evidenz1
Mechanismus4
Sicherheits-Datenlage1
Hype-Abstand1
Anwendungserfahrung2

Die mechanistische Schlüsselarbeit ist zurückgezogen, das darauf aufgebaute Medikament in Phase 2/3 gescheitert, registrierte klinische Studien zur Substanz selbst gibt es nicht. Sicherheit völlig unerforscht. Siehe Änderungsprotokoll.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Dihexa

Was genau wurde bei Dihexa zurückgezogen?

Im April 2025 hat das Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics 3 Arbeiten der Ursprungsgruppe zurückgezogen. Darunter ist die Arbeit von Benoist und Kollegen aus 2014, die den Wirkmechanismus über HGF und c-Met gezeigt hatte. Grund waren manipulierte Abbildungen, festgestellt in einer Untersuchung der Washington State University.

Ist Dihexa wirklich 7 Zehnerpotenzen stärker als BDNF?

Diese Zahl stammt aus einer Pressemitteilung der Universität vom Oktober 2012, nicht aus einer Fachpublikation. In der zugehörigen Arbeit wurden beide Stoffe gar nicht direkt verglichen. Und selbst eine korrekt gemessene Potenz sagt nur, ab welcher Konzentration etwas wirkt, nicht ob es nützt.

Gibt es Studien an Menschen?

Nein. Zu Dihexa existiert keine eingetragene klinische Studie, weder laufend noch abgebrochen, und auch kein veröffentlichter Fallbericht. Alles Vorhandene stammt aus Zellkultur und Tierversuch.

Ist der HGF-Weg damit widerlegt?

Nein, und das ist die wichtige Trennung. HGF und c-Met sind ein gut belegtes System für das Wachstum von Nervenzellfortsätzen und die Reifung von Synapsen. Offen ist, ob Dihexa diesen Weg bedient, und gescheitert ist am Menschen die Erwartung, dass man über diesen Weg messbar besser denkt.

Was ist mit dem Krebsrisiko?

c-Met ist ein etabliertes Krebsgen, gegen das die Onkologie zugelassene Hemmstoffe einsetzt. Dihexa soll denselben Rezeptor anschalten. Langzeit- oder Krebsstudien dazu gibt es nicht, und die Halbwertszeit von fast 13 Tagen im Rattenversuch bedeutet Anreicherung bei wiederholter Gabe.

Ist Dihexa im Sport erlaubt?

Nein. Dihexa steht zwar nicht namentlich auf der Verbotsliste, fällt aber unter die Kategorie der nicht zugelassenen Substanzen. Die sind jederzeit verboten, im Wettkampf wie außerhalb.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-13.