Biohacking Kompakt

Peptid & Experimentelles

Andarin (S-4)

Selektiver Androgenrezeptor-Modulator (SARM), nicht zugelassen · Andarine, S-4, S4, GTx-007, GTX-007, Acetamidoxolutamide

Andarin, in der Szene meist S-4 genannt, ist einer der ersten selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren, kurz SARMs. Im Tier wirkt es stark im Muskel und schont die Prostata. Beim Menschen ist bisher nur die grundsaetzliche Vertraeglichkeit aus fruehen Studien bekannt, eine Wirksamkeitsstudie fehlt, und der Hersteller hat den Stoff zugunsten eines Nachfolgers aufgegeben.

Kurz gesagt

Andarin ist ein SARM, der den Androgenrezeptor gewebe-selektiv aktiviert und im Tier Muskel und Knochen aufbaut, ohne die Prostata stark zu belasten. Genau darin liegt aber auch die Kehrseite: Wie andere SARMs senkt es die eigene Hormonproduktion. Am Menschen gibt es keine veroeffentlichte Wirksamkeitsstudie, nur Phase-I-Daten zur Vertraeglichkeit aus Firmenmitteilungen. Andarin ist nirgends zugelassen, steht auf der Dopingliste und wird ueber den Graumarkt verkauft, wo oft etwas anderes als deklariert drin ist.

Was es ist

SARM steht fuer selektiver Androgenrezeptor-Modulator. Testosteron wirkt stark auf Muskel und Knochen, aber auch auf Prostata, Haut und den eigenen Hormonregelkreis. Die Idee der SARMs ist, Moleküle zu bauen, die denselben Rezeptor ansteuern, aber je nach Gewebe unterschiedlich stark, mit voller Wirkung im Muskel und wenig anderswo.

Andarin trägt den Laborcode S-4 oder GTx-007 und wurde in den frühen zweitausender Jahren an der University of Tennessee und bei der Firma GTx entwickelt. Es war einer der ersten Vertreter dieser Klasse überhaupt, gedacht als Mittel gegen Muskelschwund, Knochenverlust und die Auszehrung bei Krebs. Anders als klassische Anabolika ist es oral wirksam.

Wie es wirken soll

Andarin bindet an den Androgenrezeptor und aktiviert ihn. In Versuchen mit kastrierten Ratten stellte es Muskelmasse und Kraft wieder her, wirkte an der Prostata dabei nur schwach, während das Vergleichshormon Dihydrotestosteron die Prostata mehr als verdoppelte. Es erhöhte außerdem die Knochendichte und senkte den Körperfettanteil. Das ist das Profil, das SARMs versprechen.

Dieselbe Rezeptorwirkung erklärt die Kehrseite. Andarin meldet dem Hormonregelkreis wie Testosteron, dass genug Androgen vorhanden ist, und die Hirnanhangdrüse drosselt die Steuerhormone LH und FSH. Beim Menschen ist die Rezeptorwirkung von Andarin allerdings nicht in einer Studie genau vermessen worden, bekannt ist nur ein Firmenhinweis auf eine Wachstumsaktivität im Blut.

Chemisch ist Andarin ein Molekül mit einer sogenannten Nitrogruppe. In der Wirkstoffforschung gilt diese Struktur als möglicher Ansatzpunkt für Belastungen der Leber, weil beim Abbau reaktive Zwischenprodukte entstehen können. Belegt ist das für Andarin am Menschen nicht, es ist ein theoretisches Warnsignal aus der Struktur, nicht aus Studien. In Ratten wurde der Stoff rasch und vollständig über den Mund aufgenommen und mit einer kurzen Halbwertszeit von rund drei bis fünf Stunden wieder ausgeschieden.

Wie weit die Entwicklung kam

Andarin durchlief drei, später vier Phase-I-Studien mit insgesamt 86 gesunden Freiwilligen. Getestet wurde nur die Sicherheit und Verträglichkeit von Einzel- und Mehrfachdosen. Nach Angaben der Firma gab es keine schweren Nebenwirkungen, und die Ergebnisse stützten eine einmal tägliche Einnahme.

Danach endete die Entwicklung. Der Hersteller lizenzierte den Stoff 2004 an eine Tochter von Johnson und Johnson, holte die Rechte 2006 zurück und entschied sich, statt Andarin den strukturell verwandten und verbesserten Nachfolger Ostarin weiterzuentwickeln. Eine geplante Studie zur Behandlung der Krebsauszehrung begann nie. In der Trainingsszene kursiert die Erzählung, Andarin sei wegen Sehstörungen gestoppt worden, dafür ließ sich aber keine belastbare Quelle finden.

Übrig blieb ein Molekül ohne Zulassung, das seinen Weg auf den Graumarkt fand. Schon 2008 kamen SARMs auf die Dopingliste, und im selben Jahr wiesen Labore Andarin in Produkten nach, die als grüner Tee-Extrakt oder Feuchtigkeitscreme deklariert waren. Das zeigt zweierlei: Andarin ist real im Umlauf, und was auf dem Etikett steht, hat mit dem Inhalt oft wenig zu tun.

Was gut belegt ist

Gut belegt ist das pharmakologische Prinzip im Tier. In kastrierten und in ovariektomierten Ratten wirkte Andarin als voller anaboler Agonist in Muskel und Knochen, während es die Prostata weitgehend aussparte, und es erhöhte die Knochendichte teils stärker als Dihydrotestosteron. Damit gehört Andarin zu den Molekülen, die das SARM-Konzept überhaupt erst begründet haben.

Beim Menschen ist dagegen nur die grundsätzliche Verträglichkeit dokumentiert, und auch das nur über Firmenmitteilungen: In den Phase-I-Studien an 86 Freiwilligen traten keine schweren Nebenwirkungen auf, und eine einmal tägliche Gabe war möglich. Dass das SARM-Prinzip lebt, zeigt die weitere Forschung an Muskelschwund und Knochenverlust, wichtigen ungelösten Feldern der Altersmedizin. Andarin selbst wurde dabei aber nicht weiterverfolgt.

Was die Studien zeigen

Gao et al., Endocrinology 2005 - die Tierstudie zur Selektivität

Kastrierte männliche Ratten erhielten Andarin oder Dihydrotestosteron über acht Wochen. Andarin stellte Masse und Kraft des Soleus-Muskels und die Masse des Levator-ani-Muskels auf das Niveau intakter Tiere wieder her, wirkte an Prostata und Samenblase aber nur schwach, mit 16 bis 17 Prozent der Kontrollwerte, während Dihydrotestosteron diese Organe mehr als verdoppelte. Die Steuerhormone LH und FSH sanken dosisabhängig, die Knochendichte stieg.

GTx-Phase-I-Programm - was am Menschen bekannt ist

Drei, später vier Phase-I-Studien mit insgesamt 86 gesunden Männern und Frauen prüften nur Sicherheit und Verträglichkeit. Nach Firmenangaben gab es keine schweren Nebenwirkungen, und die Ergebnisse stützten eine einmal tägliche orale Gabe. Eine Wirksamkeitsstudie war nicht Teil dieser Phase. Veröffentlichte Ergebnisse dieser Studien gibt es nicht, die Angaben stammen aus Unterlagen an die US-Börsenaufsicht.

Van Wagoner et al., JAMA 2017 - was in SARM-Produkten steckt

44 online als SARM verkaufte Produkte wurden nach Anti-Doping-Standards analysiert. Nur 52 Prozent enthielten überhaupt einen SARM, darunter Andarin, und nur bei 41 Prozent stimmte die Menge mit dem Etikett überein. Andarin war zuvor auch in als grüner Tee-Extrakt getarnten Schwarzmarktprodukten nachgewiesen worden.

Wo die Daten aufhören

Die entscheidende Lücke: Für Andarin gibt es keine veröffentlichte Wirksamkeitsstudie am Menschen, weder zum Muskelaufbau noch zum Fettabbau. Alles, was über die Wirkung gesagt wird, stammt aus Rattenversuchen oder aus Erfahrungsberichten. Selbst die Verträglichkeit aus Phase I ist nur über Firmenmitteilungen bekannt und nicht als wissenschaftliche Arbeit nachlesbar, belastbare Zahlen zu Nebenwirkungen am Menschen fehlen.

Auch die oft gehörte Behauptung, Andarin färbe das Sehen gelb oder störe das Nachtsehen und sei deshalb aufgegeben worden, ließ sich in keiner Primärquelle bestätigen. Die Firmenunterlagen nennen ausdrücklich keine schweren Nebenwirkungen und geben als Grund für das Ende an, dass der verbesserte Nachfolger Ostarin bevorzugt wurde. Die Sehstörung bleibt damit eine unbelegte Erzählung. Belastbare Sicherheitshinweise am Menschen kommen bislang nur aus Fallberichten zur gesamten SARM-Klasse.

Status, Zulassung und Recht

Andarin ist nirgends als Arzneimittel zugelassen und kein Nahrungsergänzungsmittel, es wurde nie über Phase I hinaus entwickelt. Im Sport ist es nach der WADA-Verbotsliste 2026 jederzeit verboten, dort unter den anderen anabolen Wirkstoffen namentlich als andarine genannt. In Deutschland steht es namentlich in der Anlage zum Anti-Doping-Gesetz, als Andarin (S-4) unter den selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren. Damit sind Erwerb, Besitz und Verbringen in nicht geringer Menge zum Zweck des Dopings sowie Handel und Abgabe strafbar. Die US-Behörde FDA stuft SARMs als nicht zugelassene Arzneimittel ein, nicht als Nahrungsergänzung. Dosierangaben machen wir nicht.

Sicherheit

Für Andarin selbst gibt es kaum veröffentlichte Sicherheitsdaten am Menschen über die grundsätzliche Verträglichkeit hinaus. Für die SARM-Klasse insgesamt sind dagegen mehrere arzneimittelbedingte Leberschäden, ein beidseitiger Achillessehnenriss und in einem Fall eine Diabetes-Erstmanifestation unter einer Kombination aus mehreren Wirkstoffen dokumentiert. Wie andere SARMs unterdrückt Andarin im Tier die eigene Hormonachse. Für Frauen ist die Androgenwirkung problematisch, in der Schwangerschaft ausgeschlossen. Wer Lebererkrankungen oder Herz-Kreislauf-Risiken hat, sollte davon Abstand halten. Und wegen der unzuverlässigen Graumarkt-Qualität weißt du beim Kauf nicht, was tatsächlich in der Flasche ist.

BK-Score Hype weit vor Evidenz

Human-Evidenz2
Mechanismus5
Sicherheits-Datenlage3
Hype-Abstand2
Anwendungserfahrung3

Evidenz 2, weil es keine einzige veroeffentlichte Wirksamkeitsstudie am Menschen gibt: Alle Wirksamkeitsdaten stammen aus Nagern (Gao 2005; Yin 2003; Kearbey 2007), und die drei bis vier abgeschlossenen Phase-I-Studien an 86 Freiwilligen sind nur ueber Firmenmitteilungen bekannt, nicht peer-reviewed publiziert (GTx SEC-Filings 2003 bis 2007). Mechanismus 5, weil der Androgenrezeptor eine gut belegte Zielstruktur ist und die Gewebeselektivitaet im Tier klar gezeigt wurde, die Wirkkette von Andarin am Menschen aber nicht quantifiziert ist - bekannt ist nur ein Firmenhinweis auf eine Wachstumsaktivitaet. Sicherheit 3, weil kontrollierte Sicherheitsdaten am Menschen fehlen; es liegen nur eine unpublizierte Phase-I-Vertraeglichkeit sowie Fallberichte zur SARM-Klasse vor (Leberschaeden, Achillessehnenriss, ein Diabetes-Fall unter Dreier-Kombination), Langzeitdaten fehlen (Vignali 2023; Gould 2021; Sotornik 2022). Hype 2, weil Andarin in der Szene fuer Definition und Fettabbau beworben wird, ohne dass es dazu Humandaten gibt, und weil die verbreitete Erzaehlung vom Abbruch wegen Sehstoerungen sich in keiner Primaerquelle belegen liess - die Firmenangaben nennen ausdruecklich keine schweren Nebenwirkungen und als Grund die Bevorzugung des Nachfolgers Ostarin. Anwendung 3, weil Andarin am Menschen praktisch nur in Studien und auf dem Graumarkt vorkommt, keinen regulatorischen Rahmen hat und im Sport verboten ist. Richtung offen, weil es am Menschen keine Wirksamkeitsdaten gibt, die fuer oder gegen die beworbene Wirkung sprechen; die Tierdaten stuetzen einen anabolen Effekt, die Uebertragung auf den Menschen ist ungeklaert.

Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen

Häufige Fragen zu Andarin (S-4)

Was ist Andarin?

Andarin, auch S-4 oder GTx-007 genannt, ist einer der ersten selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren. Es aktiviert den Androgenrezeptor und wirkt im Tier stark im Muskel, aber schwach an der Prostata. Entwickelt wurde es gegen Muskelschwund und Knochenverlust, es ist aber nirgends zugelassen.

Baut Andarin Muskeln auf?

Im Rattenversuch ja, dort stellte es Muskelmasse und Kraft wieder her. Für den Menschen gibt es keine veröffentlichte Wirksamkeitsstudie, nur Erfahrungsberichte aus der Trainingsszene. Was Andarin beim Menschen wirklich am Muskel bewirkt, ist wissenschaftlich offen.

Wurde Andarin wegen Sehstörungen gestoppt?

Das ist eine verbreitete Erzählung, für die sich keine belastbare Quelle finden ließ. Die Unterlagen des Herstellers nennen ausdrücklich keine schweren Nebenwirkungen und geben als Grund für das Ende an, dass der verbesserte Nachfolger Ostarin bevorzugt wurde. Der Sehstörungs-Grund bleibt unbelegt.

Senkt Andarin das Testosteron?

Im Tier ja, es senkte die Steuerhormone LH und FSH dosisabhängig, was auf eine gedrosselte eigene Produktion hindeutet. Das gilt als typischer SARM-Effekt. Genaue Zahlen dazu am Menschen sind nicht veröffentlicht.

Ist Andarin in Deutschland legal?

Andarin ist nicht als Arzneimittel zugelassen und kein Nahrungsergänzungsmittel. Es steht namentlich in der Anlage zum Anti-Doping-Gesetz, weshalb Erwerb und Besitz in nicht geringer Menge zum Zweck des Dopings strafbar sind. Im Sport ist es nach der WADA-Liste jederzeit verboten.

Enthalten Andarin-Produkte, was draufsteht?

Oft nicht. In einer Analyse von 44 online gekauften SARM-Produkten enthielten nur 52 Prozent überhaupt einen SARM, und nur bei 41 Prozent stimmte die Menge mit dem Etikett überein. Andarin wurde außerdem in als Tee-Extrakt getarnten Schwarzmarktprodukten gefunden.

Quellen

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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.