Peptid & Experimentelles
ACTH (Corticotropin)
Peptidhormon der Hypophyse (Melanocortin), zugelassen als Diagnostikum und bei West-Syndrom, verschreibungspflichtig · Adrenocorticotropes Hormon, Corticotropin, Kortikotropin, Tetracosactid, Synacthen, Synacthen Depot, Acthar Gel, Purified Cortrophin Gel
ACTH ist das Hormon der Hirnanhangdrüse, das der Nebenniere sagt, wann sie Cortisol bilden soll. Als Arzneimittel ist es seit Jahrzehnten im Einsatz, für einen Test der Nebenniere und bei einer schweren Epilepsieform im Säuglingsalter. Für Leistung oder Wohlbefinden bei Gesunden gibt es dagegen kaum Daten.
Kurz gesagt
ACTH, auch Corticotropin, ist ein Peptidhormon aus 39 Aminosäuren. Es regt die Nebennierenrinde an, Cortisol und weitere Steroide zu bilden. In Deutschland ist es als Tetracosactid zugelassen, einem synthetischen Abschnitt aus den ersten 24 Aminosäuren, verschreibungspflichtig und vor allem als Diagnostikum im Einsatz. Gut belegt sind der Nutzen im ACTH-Test, bei infantilen Spasmen und bei Schüben der Multiplen Sklerose. Die Hoffnung auf mehr Leistung ist nicht belegt: In der einzigen kontrollierten Studie fuhren Radfahrer unter ACTH nicht schneller. Im Sport ist ACTH jederzeit verboten, und die Nebenwirkungen entsprechen denen einer Kortisontherapie.
Was es ist
ACTH steht für adrenocorticotropes Hormon. Es entsteht in der Hirnanhangdrüse aus einem größeren Vorläufer namens Proopiomelanocortin, kurz POMC. Den Anstoß gibt das Hormon CRH aus dem Hypothalamus, und steigendes Cortisol bremst beide wieder. Die Ausschüttung folgt einem Tagesrhythmus mit einem Gipfel am frühen Morgen, noch vor dem Aufwachen. So entsteht die Stressachse aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere.
Als Medikament gibt es zwei Formen. Tetracosactid, bekannt als Synacthen, ist ein synthetisches Peptid aus den ersten 24 Bausteinen von ACTH und in Deutschland seit 1965 zugelassen. In den USA ist dagegen vor allem Acthar Gel verbreitet, ein aufbereiteter Extrakt aus Schweine-Hypophysen in einem Gel, das den Wirkstoff langsam freisetzt. Acthar ist dort seit 1952 zugelassen.
Warum ACTH im Biohacking auftaucht
ACTH ist kein klassischer Biohacking-Stoff, taucht aber an drei Stellen auf. Erstens im Sport: Eine Arbeitsgruppe schreibt 2008, es gebe anekdotische Hinweise, dass Sportler Synacthen wegen des Cortisolanstiegs nutzen. Zweitens bei der geistigen Leistung: In den 1970ern wurden kurze ACTH-Bruchstücke ohne Hormonwirkung an Gesunden getestet. Daraus ging später unter anderem Semax hervor, das einen eigenen Eintrag hat.
Drittens bei Entzündungen. ACTH gehört zur Familie der Melanocortine, zu der auch die Melanozyten-stimulierenden Hormone zählen. Eine Übersicht von 2015 beschreibt ACTH als vergessene Therapie, die nicht nur über Cortisol, sondern auch direkt über Melanocortin-Rezeptoren auf Immunzellen Entzündungen dämpfen könnte. Das ist eine gut begründete Idee aus der Grundlagenforschung.
Wie es wirkt
ACTH bindet an einen eigenen Rezeptor auf den Zellen der Nebennierenrinde. Über den Botenstoff cAMP startet dort die Umwandlung von Cholesterin in Pregnenolon und weiter in Cortisol, Aldosteron und in geringerem Maß Androgene. Diese Kette ist am Menschen so gut vermessen, dass sie als Test dient: Beim Synacthen-Kurztest wird Cortisol vor und 30 Minuten nach der Spritze gemessen. Bleibt der Anstieg aus, spricht das für eine geschwächte Nebenniere.
Im Blut hält sich der Wirkstoff nur kurz. Die Fachinformation von Synacthen nennt Halbwertszeiten von rund 7 Minuten, dann etwa 37 Minuten und am Ende ungefähr 3 Stunden, weil sich Tetracosactid rasch in Nebenniere und Niere anreichert. Depotformen sind deshalb so gebaut, dass sie den Wirkstoff langsam abgeben.
Was gut belegt ist
Am besten belegt ist ACTH als Diagnostikum. Eine Meta-Analyse von 2016 mit 30 Studien und 1.209 Erwachsenen zeigt, dass der ACTH-Test eine sekundäre Nebenniereninsuffizienz gut bestätigen, aber nicht sicher ausschließen kann. Bei der primären Form erkannte der Test in 5 Studien mit 100 Patienten 92 Prozent der Fälle.
Therapeutisch trägt vor allem das West-Syndrom, eine schwere Epilepsie im Säuglingsalter. In der großen britischen UKISS-Studie hörten die Anfälle unter Hormontherapie bei 73 Prozent der Säuglinge auf, unter dem Vergleichsmittel Vigabatrin bei 54 Prozent; im Tetracosactid-Arm waren es 76 Prozent. Beim akuten Schub der Multiplen Sklerose beschleunigen ACTH und Methylprednisolon laut Cochrane die Erholung in den ersten 5 Wochen, den Langzeitverlauf verändern sie nach heutigem Wissen nicht.
Was die Studien zeigen
UKISS, Lancet 2004
In 150 britischen Kliniken wurden 107 Säuglinge mit infantilen Spasmen auf Vigabatrin oder eine Hormontherapie mit Prednisolon oder Tetracosactid verteilt. Ohne Anfälle an Tag 13 und 14 waren 73 Prozent unter Hormonen und 54 Prozent unter Vigabatrin. Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen ähnlich häufig, Todesfälle gab es keine.
ACTH gegen Prednison, 1996
In einer randomisierten Studie mit 29 Säuglingen sprachen 13 von 15 Kindern auf hochdosiertes ACTH an, aber nur 4 von 14 auf Prednison. Die FDA-Fachinformation von Acthar stützt die Wirksamkeit bei infantilen Spasmen auf diese Studie. Eine spätere Meta-Analyse mit 5 Studien und 239 Kindern fand allerdings keinen Unterschied zu hochdosiertem Prednisolon.
Cochrane-Review zum MS-Schub, 2000
Sechs doppelblinde Studien mit 377 Teilnehmern verglichen Methylprednisolon oder ACTH mit Placebo. Beide senkten das Risiko, in den ersten 5 Wochen schlechter oder gleich zu bleiben, deutlich. Unter ACTH traten Gewichtszunahme und Wassereinlagerungen häufiger auf.
Synacthen bei Radfahrern, 2008
Acht trainierte Radfahrer bekamen in einer placebokontrollierten Studie einmal Synacthen und einmal ein Scheinmittel. Die Hormonwerte änderten sich deutlich, die Zeit im 20-Kilometer-Zeitfahren und die empfundene Anstrengung aber nicht, weder am selben Tag noch am Folgetag.
Wo die Daten aufhören
Für die Gründe, aus denen Gesunde ACTH nehmen könnten, fehlen die Daten. Die einzige kontrollierte Leistungsstudie umfasste 8 Radfahrer und fand keinen Effekt. Die ACTH-Bruchstücke der 1970er verbesserten bei 18 Probanden kurzfristig Reaktionszeiten, der Effekt war im Nachtest verschwunden, und diese Bruchstücke wirken ohnehin nicht über die Nebenniere. Die steroidunabhängige Entzündungshemmung ist eine plausible Idee, ein eigener klinischer Nutzen daraus ist am Menschen nicht gezeigt.
Auch bei den zugelassenen Anwendungen ist der Vorteil gegenüber billigen Kortisonpräparaten oft unklar. Bei infantilen Spasmen schnitt hochdosiertes Prednisolon gleich gut ab. In den USA stiegen die Verordnungen von Acthar trotz, so eine Analyse von 2018, wenig Belegen für einen Vorteil gegenüber Kortikosteroiden; 88 Prozent der Vielverordner hatten Zahlungen des Herstellers erhalten. Neuere Studien jenseits der Kernindikationen, etwa bei rheumatoider Arthritis, sind teils vom Hersteller finanziert, und in einer unabhängigen Studie gegen Kopfschmerz nach Spinalanästhesie wirkte Tetracosactid nicht.
Status, Zulassung und Recht
In Deutschland ist Tetracosactid als Synacthen seit 1965 zugelassen und verschreibungspflichtig, für die Diagnostik einer Nebennierenrinden-Unterfunktion und für das West-Syndrom; daneben gibt es Synacthen Depot. In den USA sind Acthar Gel und Purified Cortrophin Gel zugelassen, Acthar unter anderem bei infantilen Spasmen und MS-Schüben. Eine Anwendung zur Leistungssteigerung oder als Anti-Aging-Mittel ist Off-Label und nicht belegt. Im Sport stehen Corticotropine auf der WADA-Liste 2026 unter S2.2.2 und sind jederzeit verboten. Nach dem Anti-Doping-Gesetz sind Herstellung, Handel und Weitergabe zu Dopingzwecken im Sport verboten; Corticotropin und Tetracosactid stehen zudem in der Anlage des Gesetzes, für deren Stoffe auch Erwerb und Besitz in nicht geringer Menge zu Dopingzwecken verboten sind.
Sicherheit
Weil ACTH die körpereigene Cortisolbildung hochfährt, gleichen die Nebenwirkungen denen einer Kortisontherapie: mehr Infekte, erhöhter Blutzucker, Bluthochdruck, Wassereinlagerungen, Kaliummangel, Knochenschwund, Muskelschwäche, Stimmungsschwankungen bis zur Psychose, Grauer und Grüner Star, Magengeschwüre, bei Kindern Wachstumsstörungen. Dazu kommen Überempfindlichkeitsreaktionen bis zum anaphylaktischen Schock, vor allem bei Allergikern und Asthmatikern, meist in den ersten 30 Minuten; deshalb wird ACTH nur unter ärztlicher Aufsicht gegeben. Nach längerer Gabe kann die eigene Stressachse gedrosselt sein, mit Nebennierenschwäche nach dem Absetzen. Gegenanzeigen sind unter anderem akute Psychosen, Infektionen, Magen-Darm-Geschwüre, schwere Osteoporose, Cushing-Syndrom, Schwangerschaft und Stillzeit; Lebendimpfungen sind während der Behandlung tabu.
BK-Score Belegt, mit Einschränkungen
| Human-Evidenz | 7 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 9 | |
| Sicherheits-Datenlage | 9 | |
| Hype-Abstand | 5 | |
| Anwendungserfahrung | 9 |
Evidenz 7, weil ACTH für seine Kernanwendungen in RCTs und Meta-Analysen belegt ist – infantile Spasmen mit 73 % gegenüber 54 % Anfallsfreiheit unter Hormontherapie (UKISS, 107 Säuglinge, 2004), MS-Schub mit OR 0,37 (Cochrane 2000, 6 RCTs, 377 Teilnehmer), ACTH-Test mit 30 Studien und 1.209 Erwachsenen (Ospina 2016) –, die Studien aber klein und methodisch oft schwach sind (Cochrane 2013) und hochdosiertes Prednisolon gleich gut abschneidet (5 RCTs, 239 Kinder, 2019); für die im Biohacking denkbare Nutzung bei Gesunden gibt es nur eine Studie mit 8 Radfahrern ohne Effekt (Baume 2008). Mechanismus 9, weil die Wirkkette vom Rezeptor der Nebennierenrinde über cAMP bis zum Cortisolanstieg am Menschen so genau vermessen ist, dass sie 30 Minuten nach Injektion als Diagnostikum dient; nicht quantifiziert ist die steroidunabhängige Melanocortin-Wirkung. Sicherheit 9, weil Pharmakovigilanz seit 1952 (USA) und 1965 (Deutschland) vorliegt und die Fachinformationen das Risikoprofil einer Kortisontherapie plus Anaphylaxie klar beschreiben; hohe Zahl heißt gut untersucht, nicht harmlos. Hype 5, weil die zugelassenen Anwendungen sachlich kommuniziert werden, Acthar in den USA aber trotz wenig Belegen für einen Vorteil gegenüber Kortikosteroiden breit verordnet wurde, bei 88 % der Vielverordner mit Herstellerzahlungen (Hartung 2018), und der Ruf als Leistungsmittel im Sport auf Anekdoten beruht. Anwendung 9, weil ACTH seit Jahrzehnten unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt wird. Richtung gemischt: klar positiv für Diagnostik, infantile Spasmen und MS-Schub, ohne Beleg und mit einem Nullbefund für Leistungssteigerung bei Gesunden.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu ACTH (Corticotropin)
Was ist ACTH?
ACTH ist ein Hormon der Hirnanhangdrüse aus 39 Aminosäuren. Es steuert die Nebennierenrinde und sorgt dafür, dass sie Cortisol und weitere Steroidhormone bildet.
Wofür wird ACTH als Medikament eingesetzt?
In Deutschland vor allem für den ACTH-Test, der eine Schwäche der Nebenniere aufdeckt, und für das West-Syndrom, eine schwere Epilepsie bei Säuglingen. In den USA wird es zusätzlich bei Schüben der Multiplen Sklerose und weiteren entzündlichen Erkrankungen verordnet.
Was ist der Unterschied zwischen ACTH und Tetracosactid?
Natürliches ACTH hat 39 Aminosäuren. Tetracosactid, bekannt als Synacthen, ist ein synthetischer Abschnitt aus den ersten 24 Aminosäuren, der die Nebenniere genauso anregt und in Deutschland zugelassen ist.
Steigert ACTH die sportliche Leistung?
Belegt ist das nicht. In einer placebokontrollierten Studie mit acht trainierten Radfahrern änderten sich zwar die Hormonwerte, Zeitfahrleistung und empfundene Anstrengung blieben aber gleich. Im Sport ist ACTH jederzeit verboten.
Ist ACTH besser als Kortison?
Bei den meisten Anwendungen ist ein Vorteil nicht belegt. Bei infantilen Spasmen schnitt hochdosiertes Prednisolon in einer Meta-Analyse gleich gut ab, und die Nebenwirkungen beider Wege ähneln sich, weil ACTH über die körpereigene Cortisolbildung wirkt.
Wie gefährlich ist ACTH?
Die Risiken entsprechen im Wesentlichen einer Kortisontherapie, dazu kommen allergische Reaktionen bis zum Schock. Deshalb wird es nur ärztlich verordnet und unter Aufsicht gespritzt, und nach längerer Anwendung kann die eigene Nebenniere geschwächt sein.
Quellen
- Fachinformation Synacthen, Stand 02.2021 (Rote Liste)
- FDA-Fachinformation Acthar Gel (DailyMed)
- Lux et al., Lancet 2004 – UKISS, Hormone gegen Vigabatrin bei infantilen Spasmen
- Baram et al., Pediatrics 1996 – ACTH gegen Prednison bei infantilen Spasmen
- Chang et al., Ann Clin Transl Neurol 2019 – Meta-Analyse Kortikosteroide gegen ACTH
- Filippini et al., Cochrane 2000 – Kortikosteroide oder ACTH beim MS-Schub
- Ospina et al., J Clin Endocrinol Metab 2016 – Meta-Analyse ACTH-Stimulationstest
- Baume et al., Eur J Appl Physiol 2008 – Synacthen und Radsportleistung
- Hartung et al., JAMA Netw Open 2018 – Herstellerzahlungen und Acthar-Verordnungen
- NADA, WADA-Verbotsliste 2026 (informatorische Übersetzung)
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.