Peptid & Experimentelles
Abaloparatid
Synthetisches PTHrP-Analogon, knochenaufbauendes Osteoporose-Medikament (zugelassen, verschreibungspflichtig) · Abaloparatide, Tymlos (USA), Eladynos (EU), PTHrP(1-34)-Analogon
Abaloparatid ist eines der wenigen Peptide aus dem Biohacking-Umfeld, das den ganzen Weg durch die Arzneimittelprüfung gegangen ist. Es baut Knochen auf, statt nur den Abbau zu bremsen, und senkte in einer großen Studie das Risiko neuer Wirbelbrüche deutlich. Zugelassen ist es für Osteoporose mit hohem Bruchrisiko, verschreibungspflichtig und zeitlich begrenzt.
Kurz gesagt
Abaloparatid ist ein künstliches Peptid aus 34 Aminosäuren, nachgebaut nach dem körpereigenen Parathormon-verwandten Peptid PTHrP. In der ACTIVE-Studie mit 2463 Frauen nach den Wechseljahren traten unter täglicher Spritze über 18 Monate neue Wirbelbrüche bei 0,6 Prozent auf, unter Placebo bei 4,2 Prozent. In den USA ist es seit 2017 als Tymlos zugelassen, in der EU seit 12. Dezember 2022 als Eladynos. Der Haken: Die Wirkung auf Brüche außerhalb der Wirbelsäule ist weniger sicher als die auf Wirbelbrüche, die Behandlung ist zeitlich begrenzt, und Ratten entwickelten in hohen Dosen Knochentumoren. Für Gesunde ohne Osteoporose gibt es keine Daten.
Was es ist
Abaloparatid ist ein synthetisches Peptid aus 34 Aminosäuren. Laut europäischer Fachinformation stimmt es zu 41 Prozent mit dem Parathormon-Abschnitt PTH(1-34) überein und zu 76 Prozent mit dem Parathormon-verwandten Peptid PTHrP(1-34). Es gehört damit in dieselbe Familie wie Teriparatid, das seit Jahren gegen Osteoporose gespritzt wird.
Entwickelt wurde es von Radius Health. Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ es 2017 unter dem Namen Tymlos zu. Die europäische Arzneimittelagentur EMA lehnte einen ersten Antrag 2018 ab; nach einem neuen Verfahren ist es seit 12. Dezember 2022 als Eladynos in der ganzen EU zugelassen. Inhaber der EU-Zulassung ist Theramex.
Anders als viele Peptide, über die in der Szene gesprochen wird, ist Abaloparatid also kein Forschungsstoff. Es ist ein geprüftes Medikament mit Fachinformation, Nebenwirkungstabelle und Pharmakovigilanz.
Wie es wirkt
Knochen wird ständig abgebaut und neu gebildet. Die meisten Osteoporose-Mittel wie Bisphosphonate oder Denosumab bremsen den Abbau. Abaloparatid setzt auf der anderen Seite an: Es dockt an den PTH1-Rezeptor der knochenbildenden Zellen an und regt sie zur Bildung neuer Knochensubstanz an, an der Oberfläche der Bälkchen im Inneren wie an der festen Außenschicht.
Entscheidend ist der Rhythmus. Dauerhaft hohes Parathormon baut Knochen ab, kurze tägliche Spitzen bauen ihn auf. Die Halbwertszeit von Abaloparatid liegt bei etwa 1 Stunde. In Zellversuchen band es bevorzugt an eine Rezeptorform, die nur kurze Signale auslöst (Hattersley et al. 2016). Das soll erklären, warum es Knochen aufbaut und dabei den Kalziumspiegel weniger anhebt als Teriparatid, ist aber ein Laborbefund.
Am Menschen ist die Wirkkette messbar. Der Knochenaufbaumarker PINP stieg in der Zulassungsstudie nach 1 Monat um 93 Prozent über den Ausgangswert und lag nach 18 Monaten noch 45 Prozent darüber. Die Knochendichte an der Lendenwirbelsäule nahm in 18 Monaten um 9,2 Prozent zu, unter Placebo um 0,5 Prozent.
Was gut belegt ist
Am besten belegt ist der Schutz vor neuen Wirbelbrüchen bei Frauen nach den Wechseljahren mit Osteoporose. In der doppelblinden ACTIVE-Studie senkte Abaloparatid das Risiko neuer Wirbelbrüche relativ um 86 Prozent, absolut um 3,6 Prozentpunkte. Die europäische Auswertung kommt mit strengerer Datenbasis auf dasselbe Bild: 3 von 583 Frauen mit neuem Wirbelbruch gegenüber 25 von 600 unter Placebo.
Gut belegt ist auch, dass der Vorsprung hält, wenn man danach auf ein Bisphosphonat wechselt. Nach insgesamt 43 Monaten, davon 24 Monate Alendronat, hatten 0,9 Prozent der früheren Abaloparatid-Gruppe einen neuen Wirbelbruch, in der früheren Placebo-Gruppe 5,6 Prozent. Die Knochendichte stieg bei Männern mit Osteoporose ähnlich wie bei Frauen, und eine japanische Studie bestätigte den Dichtezuwachs in einer zweiten Bevölkerung. Eine Meta-Analyse von 2026 fasst zusammen: starker Schutz der Wirbel, deutlicher Zuwachs an Knochendichte, weniger Hyperkalzämie als unter Teriparatid.
Was die Studien zeigen
ACTIVE, JAMA 2016
Phase-3-Studie an 28 Zentren in 10 Ländern mit 2463 Frauen nach den Wechseljahren, im Mittel 69 Jahre alt. Sie spritzten 18 Monate täglich Abaloparatid, Placebo oder offen Teriparatid. Der primäre Endpunkt, neue Wirbelbrüche unter Abaloparatid gegenüber Placebo, wurde erreicht: laut US-Fachinformation 0,6 gegenüber 4,2 Prozent. Brüche außerhalb der Wirbelsäule traten in der US-Auswertung bei 2,7 gegenüber 4,7 Prozent auf, eine relative Senkung um 43 Prozent mit p = 0,049. Hyperkalzämie war seltener als unter Teriparatid, 3,4 gegenüber 6,4 Prozent.
ACTIVExtend, J Clin Endocrinol Metab 2018
Anschlussstudie mit 558 Frauen aus der Abaloparatid-Gruppe und 581 aus der Placebo-Gruppe, die alle bis zu 24 Monate Alendronat erhielten. Über die gesamten 43 Monate lag die Rate neuer Wirbelbrüche bei 0,9 gegenüber 5,6 Prozent, eine relative Senkung um 84 Prozent. In einer Zusatzauswertung für die Behörden gab es in der Abaloparatid-Folgegruppe keinen Hüftbruch, in der Placebo-Folgegruppe 5.
ATOM bei Männern, J Bone Miner Res 2022
228 Männer mit Osteoporose zwischen 40 und 85 Jahren, im Verhältnis 2 zu 1 auf Abaloparatid oder Placebo verteilt, 12 Monate. Primärer Endpunkt war die Knochendichte der Lendenwirbelsäule: plus 8,48 gegenüber plus 1,17 Prozent. Brüche waren kein Endpunkt, die Studie war dafür zu klein und zu kurz.
ACTIVE-J, J Clin Endocrinol Metab 2022
Randomisierte, doppelblinde Studie in Japan mit Frauen und Männern über 78 Wochen. Die Knochendichte der Lendenwirbelsäule stieg gegenüber Placebo um 12,5 Prozent. Neue Wirbelbrüche traten nur in der Placebo-Gruppe auf, 4 Wirbel bei 3 Teilnehmenden.
Wo die Daten aufhören
Der stärkste Einwand betrifft die Brüche außerhalb der Wirbelsäule. Die EMA schloss 2018 die Daten von 2 Studienzentren aus, weil dort nicht nach den Regeln guter klinischer Praxis gearbeitet worden war. In der europäischen Auswertung mit 2070 Frauen lag die Rate solcher Brüche nach 19 Monaten bei 2,7 Prozent unter Abaloparatid und 3,6 Prozent unter Placebo, statistisch nicht verschieden. Auch in der Verlängerung bis Monat 43 war der Unterschied, 4,2 gegenüber 6,7 Prozent, laut EU-Fachinformation nicht signifikant. Die US-Auswertung fand dagegen eine knapp signifikante Senkung. Die Meta-Analyse von 2026 spricht von mäßiger Sicherheit für diesen Effekt.
Hüftbrüche waren in keiner der hier ausgewerteten Studien ein eigener Endpunkt; die Zahlen aus ACTIVExtend stammen aus einer Zusatzauswertung. Bei Männern ist nur die Knochendichte belegt, nicht der Bruchschutz. Der einzige Vergleich mit einem anderen Medikament, Teriparatid in ACTIVE, lief offen und nicht verblindet. Und für die Anwendung ohne Osteoporose, etwa zur Vorbeugung oder zur Heilung von Verletzungen, gibt es keine Humandaten.
Status, Zulassung und Recht
In den USA seit 2017 als Tymlos zugelassen, für Frauen nach den Wechseljahren mit hohem Bruchrisiko und inzwischen auch zur Erhöhung der Knochendichte bei Männern mit Osteoporose. In der EU seit 12. Dezember 2022 als Eladynos zugelassen, nur für Frauen nach den Wechseljahren mit erhöhtem Bruchrisiko. Das Mittel ist verschreibungspflichtig und steht in der EU unter zusätzlicher Überwachung. Laut Fachinformation beträgt die Zulassungsdosis 80 Mikrogramm einmal täglich unter die Haut; die Gesamtdauer ist in der EU auf höchstens 18 Monate begrenzt, in den USA wird eine Anwendung über mehr als 2 Jahre im Leben nicht empfohlen. Nach Abschluss kann laut EU-Fachinformation auf andere Osteoporosemittel wie Bisphosphonate gewechselt werden. Diese Angaben stammen aus der Fachinformation und sind keine Anwendungsempfehlung. In der deutschen Übersetzung der WADA-Verbotsliste 2026 ist Abaloparatid nicht namentlich aufgeführt; wer Wettkampfsport treibt, klärt das vor einer Verordnung mit der NADA.
Sicherheit
Häufigste Beschwerden in ACTIVE waren laut US-Fachinformation vermehrtes Kalzium im Urin, Schwindel (10 gegenüber 6 Prozent), Übelkeit (8 gegenüber 3 Prozent), Kopfschmerz und Herzklopfen (5 gegenüber 0,4 Prozent). Rötungen an der Einstichstelle traten im ersten Monat bei 58 Prozent auf, unter Placebo bei 28 Prozent. Wegen Nebenwirkungen brachen 10 Prozent die Behandlung ab, unter Placebo 6 Prozent. Nach der ersten Spritze stieg der Puls im Mittel um 7,9 Schläge pro Minute, unter Placebo um 1,2; schwere Herzereignisse waren in allen Gruppen gleich selten. Weil die EMA gerade die Herzwirkung kritisch sah, verlangt die EU-Fachinformation vor Beginn Blutdruck, Herzstatus und EKG. Nicht angewendet wird es unter anderem bei vorbestehender Hyperkalzämie, schwerer Nierenschwäche, Knochentumoren oder früherer Bestrahlung des Skeletts, in Schwangerschaft und Stillzeit. In einer 2-jährigen Rattenstudie traten dosisabhängig Osteosarkome auf, bei 4- bis 28-facher Menschen-Exposition; ob das für Menschen gilt, ist unbekannt.
BK-Score Gut belegt
| Human-Evidenz | 9 | |
|---|---|---|
| Mechanismus | 9 | |
| Sicherheits-Datenlage | 8 | |
| Hype-Abstand | 8 | |
| Anwendungserfahrung | 7 |
Evidenz 9: Der primäre Endpunkt der doppelblinden ACTIVE-Studie mit 2463 Frauen wurde klar erreicht, neue Wirbelbrüche 0,6 gegenüber 4,2 Prozent über 18 Monate, und ACTIVExtend zeigte über 43 Monate 0,9 gegenüber 5,6 Prozent; das Mittel ist in den USA und der EU für genau diese Indikation zugelassen. Die volle 10 gibt es nicht, weil der Bruchschutz auf einer einzigen Zulassungsstudie ruht und der Effekt außerhalb der Wirbelsäule wackelt: In der EU-Auswertung ohne 2 wegen GCP-Mängeln ausgeschlossene Zentren lag er bei 2,7 gegenüber 3,6 Prozent, nicht signifikant; bei Männern (ATOM, 228 Teilnehmer) ist nur die Knochendichte belegt. Mechanismus 9, weil Zielrezeptor, Knochenaufbaumarker (PINP plus 93 Prozent nach 1 Monat), Knochendichte, Histologie und Bruchrate am Menschen gemessen sind; nur die Erklärung über die RG-Rezeptorform stammt aus Zellversuchen. Sicherheit 8: kontrollierte Daten über 18 Monate plus 24 Monate Verlängerung und Marktbeobachtung seit 2017; offen bleiben das Osteosarkom-Signal aus Ratten, Daten jenseits von 2 Jahren und die Herzwirkung, die 2018 zur ersten Ablehnung in der EU beitrug. Hype 8, weil das Mittel fast nur über seine Zulassungsdaten kommuniziert wird; vereinzelte Erwartungen jenseits der Osteoporose sind nicht gedeckt. Anwendung 7: seit 2017 in den USA und seit 2022 in der EU unter ärztlicher Aufsicht, aber noch keine Jahrzehnte.
Bewertet wird der Wissensstand, nicht die Substanz. „Sicherheits-Datenlage 9“ heißt: gut untersucht – nicht: harmlos.
Subjektive Einschätzung von Biohacking Kompakt auf Basis offengelegter Vergaberegeln – keine wissenschaftliche Bewertung und keine medizinische Empfehlung. Regeln und alle Bewertungen
Häufige Fragen zu Abaloparatid
Was ist Abaloparatid?
Abaloparatid ist ein künstliches Peptid, das dem körpereigenen Parathormon-verwandten Peptid nachgebaut ist. Es regt die knochenbildenden Zellen an und wird gegen Osteoporose mit hohem Bruchrisiko eingesetzt. In den USA heißt es Tymlos, in der EU Eladynos.
Wie gut wirkt Abaloparatid gegen Wirbelbrüche?
In der ACTIVE-Studie traten neue Wirbelbrüche über 18 Monate bei 0,6 Prozent der behandelten Frauen auf und bei 4,2 Prozent unter Placebo. Das entspricht einer relativen Senkung um 86 Prozent. Der Vorteil blieb erhalten, wenn danach Alendronat folgte.
Was ist der Unterschied zwischen Abaloparatid und Teriparatid?
Beide aktivieren denselben Rezeptor und bauen Knochen auf. Teriparatid ist ein Stück des Parathormons, Abaloparatid ein Abkömmling des verwandten Peptids PTHrP. In ACTIVE war eine Hyperkalzämie unter Abaloparatid seltener, 3,4 gegenüber 6,4 Prozent. Teriparatid lief in der Studie allerdings offen, nicht verblindet.
Ist Abaloparatid in Deutschland erhältlich?
Abaloparatid ist seit Dezember 2022 als Eladynos in der ganzen EU zugelassen und damit grundsätzlich auch in Deutschland verordnungsfähig. Es ist verschreibungspflichtig und nur für Frauen nach den Wechseljahren mit erhöhtem Bruchrisiko zugelassen.
Warum darf man Abaloparatid nur begrenzt lange nehmen?
Ratten entwickelten in einer 2-jährigen Studie dosisabhängig Knochentumoren. Ob das für Menschen gilt, ist unbekannt, aber Daten über längere Zeiträume fehlen. Deshalb begrenzt die EU die Gesamtdauer auf 18 Monate, die USA raten von mehr als 2 Jahren im Leben ab.
Welche Nebenwirkungen hat Abaloparatid?
Häufig sind Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerz, Herzklopfen, Rötungen an der Einstichstelle und vermehrtes Kalzium im Urin. Der Puls steigt nach der Spritze vorübergehend an, und der Blutdruck kann beim Aufstehen absinken. Die ersten Spritzen sollen deshalb im Sitzen oder Liegen gegeben werden.
Quellen
- Miller et al., JAMA 2016 – ACTIVE-Studie
- Bone et al., J Clin Endocrinol Metab 2018 – ACTIVExtend
- Czerwinski et al., J Bone Miner Res 2022 – ATOM bei Männern
- Matsumoto et al., J Clin Endocrinol Metab 2022 – ACTIVE-J
- Cosman et al., J Clin Endocrinol Metab 2020 – Herz-Kreislauf-Sicherheit in ACTIVE
- Hattersley et al., Endocrinology 2016 – Bindung an PTH1-Rezeptor-Formen
- Bonifacio et al., J Clin Med 2026 – Meta-Analyse
- EMA – Eladynos, Fachinformation (deutsch)
- EMA 2018 – Ablehnung des ersten Zulassungsantrags
- DailyMed – Tymlos, US-Fachinformation
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Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-27.