Podcast-Folge 138
Follistatin und Myostatin-Hemmer – Muskeln ohne Training, zwanzig Jahre später
15. November 2026
Ein Junge in Berlin mit doppelt abgeschalteter Muskelbremse zeigte, dass die Idee funktioniert. Danach scheiterten 3 Medikamente auf 3 verschiedene Arten — bis ein vierter Anlauf zum ersten Mal einen Hauptendpunkt traf, klein, aber bei der Funktion.
Worum es geht
Myostatin ist die körpereigene Bremse für Muskelwachstum, Follistatin ein Eiweiß, das sie abfängt: Man tritt nicht aufs Gas, man nimmt den Fuß von der Bremse. Dass das beim Menschen funktioniert, zeigte ein Kind, bei dem beide Kopien des Myostatin-Gens verändert waren. Die Folge geht die Medikamente durch, die daraus werden sollten, gescheitert einmal an der Sicherheit, einmal an der Wirkung und einmal daran, dass mehr Masse nicht mehr Funktion bedeutet. Der vierte Anlauf, Apitegromab bei spinaler Muskelatrophie, erreichte als erster einen Hauptendpunkt. Dazu kommt, was im Netz und in Honduras als Follistatin verkauft wird und was Menschen darüber berichten. Am Ende bleibt: Masse und Funktion zusammen steigert bisher nachweislich nur Krafttraining mit genug Eiweiß.
Die Kernaussagen
- Der Junge lag mit 4,5 Jahren beim Querschnitt des Oberschenkelmuskels 7,2 Standardabweichungen über Gleichaltrigen und hielt 2 Hanteln zu je 3 Kilo mit ausgestreckten Armen, bei normaler Entwicklung.
- Der erste Anlauf, ein Köderrezeptor bei Jungen mit Duchenne-Muskeldystrophie, wurde im April 2011 wegen Nasen- und Zahnfleischbluten und erweiterter Hautgefäße gestoppt, alles bildete sich zurück; 2013 war er beendet.
- Ein Antikörper gegen Myostatin verfehlte 2018 bei 121 Jungen zwischen 6 und 15 den Endpunkt, die Zeit für 4 Treppenstufen nach 1 Jahr; aus Sicherheitsgründen endete die Studie ausdrücklich nicht.
- Beim Antikörper Bimagrumab unterschied sich bei Einschlusskörpermyositis die 6-Minuten-Gehstrecke von 251 Menschen nach 52 Wochen in keiner Dosisgruppe von Placebo.
- Dabei baut Bimagrumab nachweislich Muskel auf: Bei 180 Menschen über 70 mit Muskelschwund stieg die Magermasse um 7 Prozent gegenüber 1 Prozent unter Placebo, beim Gehen, Aufstehen und bei der Balance gab es keinen Unterschied.
- In der Studie SAPPHIRE mit 188 Teilnehmenden zwischen 2 und 21 verbesserte Apitegromab die Motorik der 2- bis 12-Jährigen um 1,8 Punkte, Vertrauensbereich 0,3 bis 3,3.
- Ein Labor kaufte 14 im Netz angebotene Produkte: In 2 war überhaupt kein passendes Eiweiß, in den anderen 12 ein verwandtes Molekül statt des Stoffs aus den Studien.
Wo die Daten aufhören
Keine Studie hat einem gesunden Menschen einen Myostatin-Hemmer gegeben und danach über eine relevante Dauer Kraft gemessen. Die großen, sauberen Studien liefen bei schweren Erkrankungen; sie als Beleg für ein Fläschchen aus dem Netz zu lesen, vermischt 3 verschiedene Dinge mit demselben Namen. Auch der Treffer bei spinaler Muskelatrophie ist klein, die höhere Dosisstufe allein verfehlte die Signifikanz. Für die USA war eine Zulassungsentscheidung bis Ende September 2026 angekündigt, die bei der Aufnahme noch ausstand; der europäische Antrag wurde im September 2026 zurückgezogen.
Eine Follistatin-Gentherapie in einer Sonderwirtschaftszone in Honduras kostet berichtete 25000 Dollar, veröffentlichte Studiendaten gibt es nicht. Ein bekannter Anwender meldete einen um 160 Prozent gestiegenen Follistatin-Wert und eher ein Gefühl von mehr Substanz; ein steigender Blutwert zeigt, dass etwas angekommen ist, nicht, dass es wirkt. Dass Erwartung und soziale Medien sich dabei verstärken, passiert jedem, der etwas ausprobiert und auf sich hört. Eine Gentherapie soll bleiben, einen Absetzknopf gibt es nicht.
Anhören
Spotify Apple Podcasts Amazon Music
Veröffentlicht am 15. November 2026.
Das Thema in der Datenbank
- Die „Muskelbremse lösen": Follistatin und verwandte Stoffe blockieren Myostatin – den körpereigenen Begrenzer des Muskelwachstums. Am Menschen ist bisFollistatin / Myostatin-Hemmer
Reine Information, keine medizinische Beratung und keine Anwendungs- oder Dosierempfehlung. Verschreibungspflichtige und nicht zugelassene Wirkstoffe gehören in ärztliche Hände. Stand: 2026-09-23.